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Digital/Pausen

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Hans Ulrich Gumbrecht lehrt Literatur in Stanford und bedauert es, zu alt für eine Karriere-Chance als Trainer im American Football zu sein.

Am Ende der Ideologien steht Politikmüdigkeit

Über nichts regt sich der anspruchsvolle Bürger mehr auf als über Politikmüdigkeit. Aber zeigt sie nicht nur, dass wir endlich vom Zeitalter der Ideologien erlöst sind?

Wenn die Themen ausgehen in einer halb-privaten Konversation, kann man heute immer auf die Klage über Politikmüdigkeit zurückkommen — und das Gespräch wenigstens bis zum Schweigen nach dem dann schnell sich einstellenden Konsens weiterbewegen. Denn ganz ohne Problem bezieht ja der aufgeklärte Mittel-Bürger des einundzwanzigsten Jahrhunderts (und wer gehörte nicht zu dieser Mehrheit?) eine kritische Beobachterposition außerhalb der Gesellschaft, schreibt sich selbst all die zivilen Tugenden zu, die er leider den anderen absprechen muss – und zeigt sich besorgt. Bezugspunkt der Sorge sind vor allem die international seit langem zurückgehenden Prozentzahlen der Beteiligung bei transnationalen, nationalen und regionalen Wahlen, aber man kann auch die alltäglichen Gespräche über Poliitk ins Visier nehmen, die tatsächlich eigenartig müde und sehr selten geworden sind – und (warum nicht?) auch gleich noch die eigene Unterhaltung, in der, wie sie so dahinplätschert, nichts so sehr fehlt wie eine Leidenschaft, an die man sich fast wehmütig erinnert. Vielleicht ist es aber gar nicht so, wie oft unterstellt wird, dass nämlich den Politikern der Gegenwart, die in Deutschand zum Beispiel Merkel, Westerwelle oder Schäuble heißen, eine Aura abgeht, über die ihre Vorgänger vor einigen Jahrzehnten, Brandt und Schmidt, Adenauer und Strauß, ganz natürlich zu verfügen schienen; vielleicht sind die Nachfolger “objektiv,” wenn man das Wort noch benutzen will, gar nicht so schlecht, sondern sehen nur in unseren Augen langweilig aus, in den matten Augen von denen, als deren Vertreter sie im Bundestag sitzen.

Politik reisst uns eigentlich nur noch mit, wenn wir solche Beobachtungen moralisch wenden, um uns über die zu entrüsten, denen es in Wirklichkeit genauso geht wie uns – und irgendwann stellt sich die Erkenntis ein, dass Politikverdrossenheit vor allem ein unvorhergesehener Nebeneffekt des Endes der Ideologien ist, von dem wir doch vor gar nicht so langer Zeit alle geträumt hatten. Das große Zeitalter der Ideologien, der politischen Ideen, welche Gemüter erhitzten und Berge versetzen wollten, war die frühe Mitte der vorigen Jahrhunderts, von der Vorphase der Sowjetrevolution bis hin zu jener Studentenrevolte von 1968, die sich so jugendlich ernst nahm. Davor war die Zeit seit den bürgerlichen Revolutionen bis zum Jahr 1917 gefüllt gewesen von vielen einzelnen, sich oft mittelfristig einander neutralisierenden Fort- und Rückschritten auf dem Weg jener Befreiung von gesellschaftlichen und politischen Hierarchien, zu der die Aufklärung mit Donnerhall geblasen hatte. Erst nach dem ersten Weltkrieg hatte sich endlich der Status des vor dem Gesetz gleichen und sozial unabhängigen Bürgers zum Normalfall in den europäischen und amerikanischen Nationen entwickelt. Und sobald also “Freiheit” und “Befreiung,” die damals schon seit über einem Jahrhundert vom allerintensivsten Pathos aufgeladenen Begriffe, ihrer konkreten Bezüge und ihrer Programmatik entleert waren, wurden sie aufgeladen mit imaginären Feinden und Unterdrückern, die sich im Alltag keinesfalls entdecken und konfrontieren ließen: mit Kapitalismus und Klassenfeinden, mit unterlegenen, aber gefährlichen Rassen, denen das Recht aufs bloße Leben abgesprochen wurde, aber auch mit kommunistischen Verrätern als Bedrohung der eigenen Freiheit – und am Ende sogar mit einer ganzen Elterngeneration, die wir in der Vergangenheit ihrer Jugend verstrickt sehen wollten. Die italienischen “Brigate Rosse” und die “Rote Armee Fraktion” des deutschen Herbsts gaben jener Epoche ihrer groteske und weiterhin bedingungslos gefährliche Leichenstarre, deren Gesicht noch heute – wie ein Spuk und schwacher Nachhall – über Kuba, Venezuela oder Nordkorea aufflackert.

Wirkliche, individuell und kollektiv verkörperte Feinde können mehr konkrete Befürchtungen, aber nie ähnliche Feuer der aggressiven Leidenschaft und der Angst entfachen wie jene imaginären Feinde, welche die Ideologien ausmachten — und von Ideologen über Mikrophone und Radios ins Grenzenlose gesteigert wurden. Ihr singuläres Vernichtungspotential entluden sie, wenn immer es einem ihrer Propheten einfiel und gelang, einen Schatten der imaginären Feindbilder über eine Gruppe von Menschen in der eigenen Gesellschaft zu werfen. Solche Momente waren der Ursprung jener Genozide, mit denen als Narben das zwanzigste Jahrhundert vergangen ist. In der Welt, die wir “Westen” nennen, sind sie spätestens seit 1989 nicht mehr vorgekommen, und damit hat sich eine historisch einmalige – einmalig aggressive und reaktive – Intensität in der politischen Partizpation abgekühlt.

Unter parlamentarisch-demokratischen Bedingungen sind ideologische Positionen mittlerweile zu Splitterparteien an den Rändern verkümmert. Das Spektrum unserer unvergleichkich breiten “Mitte” hingegen ist besetzt von “politischen” Institutionen, die sich um generalisierte Individual-Probleme kümmern: um Krankenversicherung, Kosten und Inhalte der Ausbildung, Steuern. Für Außen- oder gar Militärpolitik gibt es nur noch über die Vermittlung von wirtschaftlichen Belangen Interesse, und zum einzigen Anliegen von kollektiver Relevanz ist der Schutz der Umwelt geworden. Im Verhältnis zu dem aber lässt sich in den Gegenwart kaum ein imaginärer Feind ausmachen, weil fast alle Verantwortlichen für einschneidend-irrversible Umweltschäden längst das Zeitliche gesegnet haben. So geht es in der Politik jetzt nur um Steuern, Ausblidung und Versorgung, Versorgung, Ausbildung und Steuern — und keiner käme mehr auf den Gedanken, selbst Opfer einer Verschwörung zu sein. Allenfalls die “Gier der Reichen” hat man als kollektive Bedrohung angepeilt und ereifert sich nun in Debatten über eine Diätetik von Einkommensgrenzen, die allzu starken Appetit zähmen sollen. Im großen Ganzen aber sind wir schon zufrieden mit den Politikern, die wir wählen, und werfen ihnen nie vor, die Feinde bestimmter sozialer Gruppen oder gar der ganzen Gesellschaft zu sein. Der jeweils nächsten Politiker-Riege trauen wir sogar zu, dass sie bessere Lösungen und Strategien für schon lang anstehende Probleme findet. Mehr denn je sind aus der Politikerklasse “Menschen wie du und ich” geworden.

Niemand kann diese Entwicklung im Ernst bedauern, Etwas optimistisch lässt sie sich ja sogar als Endpunkt einer kollektiven Befreiungsbewegung deuten, die in Wellen seit der frühen Neuzeit fortgewirkt hat. Aber es liegt, aus historischer Perspektive gesehen, eine beinahe paradoxale Logik im Erreichen von großen Zielen. Alexandre Kojève hat sie in seiner berühmten Interpretation von Hegels Geschichtsphilosophie entfaltet. Wenn ein lange hochgehaltenes Ziel endlich erreicht ist (wenn zum Beispiel der Geist und die Materie sich wieder vereingt haben), setzt ein Motivationsverlust ein, der Kojève im Blick auf Hegel fragen ließ, ob die Menschen am Ende der “Geschichte” — und Beginn einer großen Müdigkeit — nicht wieder in einen Naturzustand zurückfallen müssten, weil sie sich aus der Natur nur durch beständige Anstrengung erhoben haben. Politikmüdigkeit ist ein Symptom dafür, dass wir nun schon einige Zeit aus der Epoche der Ideologien herausgetreten sind und — im sozialdemokratistischen Europa vielleicht sogar aus der Epoche der “Politik” — weil es kollektive Ziele und imaginäre Feinde gar nicht mehr gibt, und fast alle damit zufrieden sind.

Das muss uns nicht berunruhigen. Angesichts der fortlaufenden Zunahme von Politikmüdigkeit wird bloß eines Tages die Frage aufkommen, ob sich Politiker bei zehn Prozent Wahlbeteiligung noch “Volksvertreter” nennen sollten.

ü

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