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Hoeneß vergessen?

10.05.2013, 10:00 Uhr  ·  Über Uli Hoeneß sei zuviel geschrieben worden, meinen die Feuilletonleser, ganz unabhängig von der Meinung über seinen "Fall." Sollte in ihm eine noch nicht zur Sprache gekommene Faszination stecken?

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Dass sich Politiker beeilen, Abstand zu nehmen von einem zu hoher nationaler Bewunderung und Beliebtheit aufgestiegenen Prominenten, der sich selbst der Steuerhinterziehung angeklagt hat, kann niemanden überraschen, denn sie haben ja – glücklicherweise — keine wirkliche Alternative. Dass andererseits Bürger mit besonders hohen Einkommen immer wieder versuchen, den ihnen abgeforderten, aggressiven Steuersätzen zu entgehen, ist zu verurteilen – und zugleich sehr plausibel. Auch dass der (Selbst)Angeklagte mit Erklärungen aufwartet, die eher der Begrenzung des schon entstandenen Schadens dienen sollen als der bedingungslosen Wahrheitsfindung, darf man wohl als normal abbuchen, so wenig überzeugend der etwas wehleidige Verweis auf eine angebliche Spielleidenschaft und das von ihr ausgelöste Syndrom von Reue und Schlaflosigkeit gerade im Fall des eher ausgebufft wirkenden Uli Hoeneß erscheint. Wenn schließlich Wolfgang Schäuble das ohnehin Offensichtliche explizit macht, indem er sagt, wie allein der ruhige Schlaf des reinen Gewissens eine moralisch bedenkliche Reaktion wäre, scheint ein Moment öffentlicher Turbulenz zuende gebracht.

Nichts ist außergewöhnlich, strittig und also interessant geblieben am “Fall Hoeneß” als steuerrechtlich-politischem Fall, weshalb jene Feuilletonleser recht haben mögen, die sich mittlerweile sehr deutlich über die fortgesetzte Intensität der Berichterstattung beklagen. Oder kommen in ihr doch bemerkenswerte Dimensionen zum Vorschein — zum Vorschein noch ohne hinreichende Fokussierung auf ihren Symptomwert für gegenwärtig sich vollziehende Veränderungen in Gesellschaft und Kultur? Eine solche Frage lenkt unseren Blick von der potentiellen Straftat und ihren institutionell deutlich festgelegten Folgen auf die Gefühle, welche sie in der deutschen Öffentlichkeit geweckt hat. Eines von diesen Gefühlen kam wohl nicht ganz unerwartet auf, doch es verdient, meine ich, Erwähnung, weil es nicht so ausschließlich “bajuwarisch” ist, wie es der selbsternannt aufgeklärte Norden und Westen des Landes wahrhaben wollen. “Liaba Uli, mia sog’n vergelt’s Gott für ois!” war auf einem Fan-Plakat beim Halbfinal-Heimspiel des FC Bayern gegen Barcelona zu lesen – und vollkommen zufällig ist der Zusammenhang zwischen dem lauwarm-monarchischen Gefühl und den südlichen Dialekt-Wörtern natürlich nicht, die es zur Sprache brachten. Aber steht hinter der Sehnsucht nach Eltern-Gestalten, denen wir großzügig vergeben können, weil sie so gut für uns gesorgt haben, steht hinter dem Wunsch nach persönlichen Ausnahmen von der Gleichheit des Rechts, nicht doch ein durchaus überregionaler Traum von Hierarchie und familiärer Nähe? Ein Traum, der intensiviert wird von einer elektronischen Welt, wo Gleichheit ebenso kalt und unnahbar wird wie die wirtschaftliche Ungleichheit, welche gerade in dieser Welt ungeahnte Höchstwerte erreicht hat? Uli Hoeneß, das habe ich bei aller Fußball-Distanz zum FC Bayern selbst einmal erfahren, als ich um Allianz Arena-Karten für eine Verwandte im Rollstuhl bat, Uli Hoeneß verfügte über einen Apparat der Wohltätigkeitsproduktion, dessen historische Vorgänger die aufgeklärten Monarchien des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts waren. Und lieber nehmen die meisten von uns ja immer doch Freikarten aus der symbolischen Hand einer Vaterfigur entgegen als per Zuweisung seitens der Sozialfürsorge.

Auf der anderen Seite dieser Großzügigkeit des Vergebens, welche vergangene Gunsterweise [gemeinsam mit Gott] “vergilt,” stellt sich bei den entschiedenen Hoeneß-Feinden ein disproportional scharfes Gefühl der Empörung ein. Es ist disproportional und auch dysfunktional, weil man angesichts der längst bewährten staatlichen Institutionen in Deutschland ja davon ausgehen kann, dass Recht auch ohne das Lautwerden und den Druck kollektiv moralischer Urteile geschieht. Die Psychoanalytikerin Julia Kristeva sieht im Hang zur Empörung einen neuen europäischen Trend, den sie als “negativen Narzissmus” interpretiert. Wer glaubt, dass er wirtschaftlich und im sozialen Status zu kurz kommt, der kann sich stolz auf die Brust klopfen, solange er überzeugt ist, frei von jenen Lastern zu sein, die er bei den Schwer-Reichen und Hoch-Prominenten entdeckt. Nichts könnte in Tonalität und Stimmung verschiedener von der befriedigten Sehnsucht nach Elternfiguren sein als solch scharfe moralische Entrüstung, doch zugleich bewähren sich die beiden Verhaltensmuster als Formen der Kompensation: als Kompensation gegenüber einer schalen Kälte der Gleichheit und als Kompensation gegenüber dem von Ungleichheit entfachten Feuer des Neids.

Das Bedürfnis nach Wärme und das Bedürfnis nach Empörungsanlässen können erklären, warum der sonst so banale “Fall Hoeneß” eine erstaunlich intensive und nachhaltige Resonanz hervorgebracht hat. Aber eine wirkliche Entdeckung sind auch diese beiden Einstellungen nicht. Überraschend war allein die Einsicht, dass sich Uli Hoeneß, ohne den es den eisig strahlenden FC Bayern von heute nicht gäbe, in seiner persönlichen Krise als Auslaufmodell erweist. Auf dem Präsidentensessel ist er jedenfalls nur – bis auf weiteres – sitzengeblieben, weil sein Unternehmen stark genug ist, um sich auf Distanz von dem Unglück zu halten, das ihm widerfahren ist (oder das er herausgefordert hat). Karl Heinz Rummenigge mag rotbäckig-freundlich an die Nibelungentreue glauben, welche er seinem Präsidenten schwört – aber unter den großen Fußball-Figuren der Vergangenheit hat Franz Beckenbauer bereits erkannt, dass er mit seinen Weggefährten im Museum der Erinnerungen gelandet ist. Denn Beckenbaüue antwortete auf die Frage, ob er für die potentielle Rolle des Interimspräsidenten bereitstünde, ja nicht mit einem sonoren “nein,” sondern stellte nur trocken fest, dass er nicht bereitstehen könne, solange die Frage nach einem Hoeneß-Ersatz gar nicht auftauche.

Am Tag der errungenen Bundesliga-Meisterschaft sagte Sportchef Matthias Sammer im “Sportstudio,” es sei seine Aufgabe, die Mannschaft und ihre Leistung gegenüber allen Interferenzen und aller Unruhe abzuschotten — zu inhaltlich weniger minimalistischen Stellungnahmen lässt er sich kaum je verleiten, das gehört zur Logik einer Rolle, die er mit einer gewissen Eleganz kreiert, indem er sie spielt. Der unterkühlte Sammer, ob er nun die Gallionsfigur für eine Riege unsichtbarer Funktionsäquivalente ist oder jener Mann, der temporär das Keyboard der Macht bedient, repräsentiert die neue Gegenwart und Zukunft des FC Bayern – und vielleicht die Zukunft des Berufssports als Interhaltungsindustrie überhaupt. Seine Erfolgsformel ist eine Konfiguration aus Sachkompetenz, verwalteter wirtschaftlicher Stärke und emotionsneutralisierender Distanz – und diese Kombination bekommt dem “Produkt,” bekommt der Leistung der Mannschaft, ihrer Aura und den Spieler- wie Funktionärsgehältern sehr gut.

Es passt zu diesem allerneuesten FC Bayern, dass durch Unabhängigkeit und Erfolg ermöglichte Ruhe für die Fortsetzung der Erfolge wichtiger geworden ist als öffentlich zur Schau gestellte Freundlichkeit — aber auch als altertümliches Machtgebaren. Lakonisch teilte man einem der erfolgreichsten Trainer der Vereinsgeschichte mit, dass ihn ein noch mehr Erfolg vesprechender Nachfolger ablöst; der Transfer von Mario Götze nach München wurde – in emotionsfreiem Stil — gerade zu jenem Moment angekündigt, als dies dem einzigen nationalen Konkurrenten international hätte schaden können. Wer möchte sich vorstellen, dass ein solches Unternehmen dem gefallenen Monarchen aus der Vergangenheit die Treue halten wird – einmal ganz abgesehen davon, wie problematisch das aus vielen Gründen wäre? Dass dieser Monarch den neuen Stil seines ehemaligen Unternehmens nicht mehr versteht, zeigte er – selbst nach der Selbstanzeige noch — einmal mehr mit der polternden Geste, sich während des Bundesliga-Spiels gegen Dortmund bei einem Basketball-Match in München sehen zu lassen.

Scheitern kann dieses auf maximale Stabilität und natürlich maximalen Erfolg ausgerichtete Unternehmen nur noch an dem “Produkt” der Mannschaft, die in einer Sphäre operiert, wo die Möglichkeiten der Risiko-Minimierung spezifisch begrenzt sind. Ein eben nicht nicht ganz auszuschließender Schlimmst-Fall war ja schon die Niederlage des FC Bayern gegen Chelsea im Champions-League Endspiel des vergangenen Jahres, und 2013 ist die Spannung aus zwei Gründen noch viel höher: einmal weil das Bayern-Modell derart erfolgreich weiterentwickelt wurde, und darüber hinaus weil Borussia Dortmund ein gefährlicherer Gegner zu sein scheint. In dieser Konfrontation steckt die Frage, ob auch das Dortmund der Gegenwart ein Auslaufmodell aus der Hoeneß-Ära ist oder eine alternative Zukunft der Sport-Unterhaltung. Das auf allen Websites und Souvenir-Produkten der Borussia sichtbare Motto “Echte Liebe” klingt zunächst nach Auslaufmodell. Andererseits verweist es auf eine vielleicht entscheidende Differenz. Die Dortmunder Mannschaft ist gegenüber ihren Fans – programmatisch – gerade nicht abgeschottet, und sie spielt in einem Stil, der Risiko in Kauf nimmt, um die Partizipation des Publikums zu maximieren. Um noch eine andere altmodisch klingende Metapher ins Spiel zu bringen: aus dieser Nähe der Mannschaft zu ihren Anhängern, aus dieser Form des Unternehmens können Funken der Inspiration entstehen, wie sie zu den Möglichkeiten des FC Bayern nicht gehören. Dazu bedarf es eines Ausnahme-Trainers, der Publikums-Inspiration nicht allein in Energie umsetzt, sondern in immer neue sportliche Varianten einer grundsätzlich erfolgreichen und vor allem mitreißenden Spielweise.

Dass die Bayern dieses andere System immer wieder durch ihre Operationen auf dem Transfermarkt zu schwächen versuchen, ist ihr gutes Recht, hat aber in den vergangenen Jahren Dortmund eher gestärkt. Diese Mannschaft scheint weniger von einzelnen Starspielern abhängig als ihr Konkurrent, aber deutlicher von der singulären Trainergestalt. Sollte sich Jürgen Klopp entscheiden, langfristig auf das Dortmunder Modell und Unternehmen zu setzen, dann könnte sich die Zukunft der Borussia ähnlich der großen Vergangenheit von Manchester United entwickeln. Sie begann mit der dramatischen Dezimierung dieser Mannschaft durch einen Flugzeugunfall im Jahr 1958, bei dem acht Spieler ums Leben kamen. Der jenem Unglück gewidmete Erinnerungs-Kult begründet noch heute eine spezifische Nähe zwischen der Mannschaft von Manchester United und ihren Fans, welche Matt Busby, ein der Innovation fähiger, geduldiger Trainer über Jahrzehnte in eine Permanenz sportlichen (und lange Zeit auch wirtschaftlichen) Erfolgs umsetzte. Durch Busbys Nachfolger, Alex Ferguson, wurde die Tradition – wiederum über Jahrzehnte – bis in die Gegenwart verlängert, und es ist gewiss kein Zufall, dass nun ausgerechnet Jürgen Klopp als möglicher Nachfolger von Ferguson im Gespräch war. Die Störanfälligkeit des Manchester/Dortmund-Modells liegt höher als bei der Isolierungs-Strategie von Bayern München, was durch ein intensiveres Potential der Fan-Aktivierung wenigstens zum Teil ausgeglichen wird.

Eher als der Vergangenheit (Borussia) oder der Zukunft (Bayern) zu gehören, repräsentieren wohl beide Formen neue Möglichkeiten des Kapitalismus in der Unterhaltungsindustrie. Keine von ihnen hat Platz für einen kraftvollen Patriarchen wie Uli Hoeneß. Indem sein “Fall” eben dies sichtbar gemacht hat, allein im Blick auf die Geschichte und Zukunft des Fußballs also, ist er interessant – und gibt uns gute Gründe, Uli Hoeneß zu vergessen.

 

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geboren 1948 in Würzburg, Professor für Literatur an der Stanford University und amerikanischer Staatsbürger

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