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“Aus dem verregneten Offenbach” — zur Metereologisierung elektronischer Kommunikation

14.06.2013, 10:00 Uhr  ·  Seit Jahren -- und mit wachsender Tendenz -- durchziehen Anmerkungen zum Wetter die e-Mails in Deutschland. Kein Adressat kann sie brauchen. Sagen sie etwas über die Absender aus?

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“Aus dem verregneten Offenbach, herzlich grüßend, Ihr Hermann Nuber,” so endete die Mail eines mir persönlich noch unbekannten Kollegen, die heute morgen einging [nur den Namen habe ich verändert], und sie hätte natürlich [je nach offzieller Tagesschau-Wetterlage] auch “aus dem regnerischen Hof,” “Mönchengladbach” oder “Hamburg” kommen können. Denn nichts Außergewöhnliches liegt in dem Wortlaut vom “regnerischen Offenbach” – sehen wir man einmal von einem kleinen Bestätigungs-Effekt ab, weil ich mir schon seit Wochen vorgenommen hatte, über Mail-Metereologisierung zu schreiben. Niemand, der im Ausland regelmäßig elektronische Korrespondenz aus Deutschland liest, wird drei Beobachtungen abstreiten: solche Mini-Wetterberichte sind dort seit einigen Jahren zum festen rhetorischen Bestand der e-Mail-Rhetorik geworden; als Trend markieren sie ein deutsches Sonderphänomen [das natürlich nicht durch gelegentliche Wetteranmerkungen von Brasilianerinnen oder Ugandern in Frage gestellt wird]; und die Tendenz ist steigend [man spricht ja längst darüber, und ich weiß von mindestens einer deutschen Vorgesetzten, die aus ästhetischen Gründen ihren Mitarbeitern “Wetterberichte” in der Dienstkorrespondenz untersagt hat].

Was hinter diesen so schnell beliebt gewordenen Formulierungen steckt, frage ich mich nun schon seit einiger Zeit. In den allerwenigsten Fällen [zumal bei transkontinentaler Kommunikation] sind sie ja von irgendwelchem praktischen Wert für den Empfänger. Tatsächlich sagen sie nur etwas über die Absender aus, etwas, das die Absender nicht unbedingt zu sagen beabsichtigen, aber wohl auch nicht bestreiten oder ableugnen würden, wenn es ihnen bewusst wäre. Um eine Antwort zu finden, verlasse ich mich auf eines der wenigen Verfahren, welches [bis vor kurzem jedenfalls] zum Ausbildungsrepertoire von Literatur- oder Sprachwissenschaftlern gehörte, das heisst: ich konzentriere mich auf die zur Formel gewordene Form dieser Formulierungen. Zunächst fällt auf, dass zu ihr eine Partizipial-Konstruktion gehört [“verregnet”], während Relativsätze [“aus Offenbach, wo es heute regnet”] kaum vorkommen, und ein ganzer Absatz über das momentane Wetter [“wenn ich durch mein Fenster in Offenbach blicke, denn sehe ich dichte Regentropfen…”] zu einer anderen Gattung gehört, die mich eher an ein poetisches Talent des Geschäftspartners [oder natürlich an eine unglückliche Berufung in dieser Hinsicht] denken lässt — vielleicht aber auch an eine individuelle Stimmung, die man mit der Gattung der klassischen Tangos assoziieren könnte Doch zum elektronischen Wetterbericht gehört fest die Partizipialkonstruktion [“verregnet”], deren Wirkung sich nur verstärkt, wenn an der Stelle des Partizips ein Adjektiv steht [“aus dem regnerischen Offenbach”]. Anders gesagt: der elektronische Wetterbericht vollzieht sich auf einer stilistischen Ebene, die den Deutsch-Lehrern meiner Generation überhaupt nicht gefiel. Sie heisst [oder hieß] “Nominalstil,” und ich habe traumatische Erinnerungen an mittelmäßig oder schlecht benotete Klassenarbeiten, wo dieses Wort in roter Tinte und mit Ausrufungszeichen [“Nominalstil!”] mehrfach vorwurfsvoll am Rand aufschien.

Was aber, will ich im Blick auf die elektronischen Wetterberichte [und vielleicht sogar mit der Chance auf späte Selbstheilung eines Gymnsialtraumas] fragen, was soll denn so verurteilenswert sein am “Nominalstil”? Eine erste Antwort [an die ich mich noch gut erinnere] heisst, dass man eben auch Verben [“Zeitwörter,” sagten jene älteren Deutschlehrer, die noch den nationalsozialistischen Druck zur Vermeidung un-deutschen Wortguts verinnerlicht hatten], dass man eben auch Verben benutzen sollte – als ob sich aus aus der prozentual ausgewogenen Verteilung von verschiedenen Wortklassen besondere textuelle Schönheit ergäbe. Eher war wohl etwas falsch am Nominalstil selbst, an der Kombination von Substantiven [“Sommer”] oder Namen [“Offenbach”] mit Adjektiven [“regnerisch”] oder Partizipien [“verregnet”], statt mit Relativsätzen und Verben [“wo es gerade regnet”], und die zu vermeidende Wirkung des Nominalstils kam als seine “Schwerfälligkeit” zur Sprache. Dies [“schwerfällig”] ist nun allerdings ein unklarer metaphorischer Bezug, so dass ich unnachgiebig weiterfragen muss, was denn meine Lehrer mit diesem Bild meinten – und warum ich [wird mir gerade deutlich] ja tatsächlich ihr Urteil teile: “aus dem verregneten Offenbach” klingt wirklich schwerfällig [nicht schwerfälliger freilich als “aus dem sonnigen Augsburg,” während man sich “aus dem schwülen Sao Paulo” oder auch “aus dem sommerlich hellen Cherbourg” kaum vorstellen kann].

Noch einmal also: was ist denn nun “schwerfällig” am “Nominalstil”? Ich denke [aber dazu hatten weder meine Deutschlehrer am Gymnasium eine Meinung noch der schwerkriegsbehinderte Akademische Rat vom Germanistischen Seminar der Universität München, aus dessen “Einführung in die literaturwissenschaftliche Stil-Analyse” ich noch einen Proseminarschein habe], ich denke, die berühmte “Schwerfälligkeit” des “Nominalstils” ist dem Umstand geschuldet [dies ist nun wieder eine sehr modern-germanistische Lieblings-Formulierung, welche jüngere Kollegen gerne zum Ausdruck der Bewunderung mit den Namen von “unter tragischen Umständen” verstorbenen Kollegen verbinden wie: “Walter Benjamin geschuldet”], um also endlich meiner heute überhand nehmenden Tendenz zu stilistischen Selbstkommentaren zu widerstehen: die “Schwerfälligkeit des Nominalstils” ergibt sich wohl aus dem Eindruck – um bei unserem Beispiel zu bleiben — dass eine statistisch überdurchschnittliche Wahrscheinlichkeit von Dauerregen-Tagen substantiell [und das heisst: bis auf weiteres alternativenlos] zu Offenbach gehört. Natürlich würde die Kollegin mit einem Hang zu elektronischen Wetterberichten sofort ripostieren [auch dieses Fechter-Verb steht hoch im deutschen Kurs], dass sie es so überhaupt nicht gemeint hat, oder [etwas aggressiver im Ton und mit dem Hauch einer Kompetenz in analytischer Philosophie], dass mit Partizipien oder Adjektiven vollzogene Prädizierungen nicht notwendig eine permanente Verbindung zwischen den von ihnen aktualisierten Eigenschaften [“Tendenz zum Dauerregen”] und dem Gegenstand der Beschreibung [schon wieder: Offenbach] unterstellen. Aber dieser Eindruck, behaupte ich, stellt sich unabhänging von den Absichten des Schreibers oder Sprechers ausnahmslos ein: “aus dem verregneten Offenbach” klingt entschiedener – und deswegen auch viel vorwurfsvoller, eigenartig vorwurfsvoll – als “aus Offenbach, wo es heute regnet” – vielleicht ja nur, weil der berühmte Nominalstil das Einschieben von adverbialen Formulierungen wie “heute” schwer bis unmöglich macht [“Offenbach, wo es heute regnet,” klänge durchaus anders].

Wer also “aus dem verregneten Offenbach” schreibt, der wirkt, als ginge es um ein schwer erziehbares Kind oder einen unverbesserlichen Erwachsenen, über die man sich mit Recht beklagen und über die man ein moralisches Urteil haben mag. Und hier liegt der stilistische Hase wohl endlich begraben: die Metereologisierung elektronischer Korrespondenz bringt – nicht zuletzt aufgrund des für sie typischen Nominalstils – einen Eindruck von Moralisierung hervor, der umso vorwurfsvoller klingt, je jahreszeitlich instabiler das Wetter ist. Wenn sich Briten über den Regen in London beklagen, klingt das eher angenehm ironisch [und etwas obsessiv], weil sich die Unterstellung heraushören lässt, dass es auf den Britischen Inseln – schicksalshaft sozusagen – ohnehin immer regnet, während etwa die Klage über ausbleibende Regenfälle im kalifornischen Winter wegen der permanent prekären Wasserversorgung etwas durchaus Plausibles hat.

Einen in der deutsche Sprache aufgewachsenen E-Mail-Benutzer aber kann die Moralisierung des Wetters von Offenbach [Husum oder Magdeburg] nerven, weil sie Teil einer umgreifenden Moralisierung des Alltags zu sein scheint. Und diese allgemeine Moralisierung mag ihrerseits zu tun haben mit einer über die Jahre allenthalben erfolgten Höher-Legung von Erwartungen. Der Versorgungsstaat nimmt für sich in Anspruch, dem Bürger die Erfüllung all seiner Wünsche zu schulden, und deshalb reagiert dieser Bürger moralistisch, wenn das Wetter in Offenbach nicht seinen Wünschen entspricht.

Zur impliziten, nicht intendierten, aber doch wohl symptomatischen Moralisierung des Meterologischen gesellt sich – erschwerend, befürchte ich – die Konnotation eines bestimmten sozialen Milieus. Wer vom “verregneten Offenbach” [Würzburg oder Dortmund] schreibt, klingt unvermeidlich so, als ob er klage, weil er sich nach einem Biergarten oder nach einem Weinfest an der Mosel sehnt. Wenn Offenbach verregnet ist, dann lässt sich aus dem Biergarten zwar immer noch ins Bierzelt ausweichen, aber es ist uns ja allen klar, dass das Bier am allerbesten im feierabendlichen Freien schmeckt, das würden “der Grieche” oder “der Italiener,” die unsere Biergarten längst gepachtet haben, jederzeit bestätigen.

Mittlerweile glauben die Enkel jener Deutschen, die in der Adenauerzeit mit dem Volkswagen die Adria und wenig später mit dem Opel Kadett die Costa Brava und dann [unter Brandt schon] den Peleponnes erschlossen, das Beste von Adria, Costa Brava und Peleponnes in Offenbach, Kiel und auch in Suhl heimisch gemacht zu haben. Der vom Italiener gepachtete Biergarten ist das Mittelklassen-Biedermeier unserer Zeit — und sein Pommes-Geruch durchzieht die Metereologisierung der Korrespondenz. Etwas bedrohlich ist diese sich ausdehnende Stimmung, weil an ihren sozialen Rändern kaum mehr Platz bleibt [nicht einmal “im heute endlich wieder sonnigen Berlin”].

 

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geboren 1948 in Würzburg, Professor für Literatur an der Stanford University und amerikanischer Staatsbürger

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