Home
Digital/Pausen

Digital/Pausen

Hans Ulrich Gumbrecht lehrt Literatur in Stanford und bedauert es, zu alt für eine Karriere-Chance als Trainer im American Football zu sein.

Philosophie des Übergewichts?

Übergewicht ist im vergangenen Vierteljahrhundert zu einem "statistisch normalen" Phänomen geworden. Ist es da nicht ein Widerspruch, dass sich zugleich seine stigmatisierende Wirkung verschärft hat?

An welche der einschlägigen, Statistiken man sich auch halten will, die wie fette Pilze bei regnerischem Wetter aus dem Boden schießen, die Zahlen sind immer eindrucksvoll und offenbar sogar besorgniserregend, jedenfalls machen sie Übergewicht zu einem der markanten Phänomene, die unserer Gegenwart seit dem Ende des zwanzigsten Jahrhunderts eine Identität in der Menschheitsgeschichte geben – und wohl noch deutlicher geben werden. Kaum Fachleute gibt es, welche die Zahl der sichtbar übergewichtigen Erwachsenen weltweit nicht auf mindestens eine Milliarde schätzen; manche gehen von 1,4 Milliarden aus, das heißt von fünfundreißig Prozent der volljährigen Weltbevölkerung, bei einer sechzig Prozent-Mehrheit von Frauen [die sich übrigens in der Jugend durchschnittlich mehr und im Alter durchschnittlich weniger Sorgen um ihr Gewicht machen als Männer]. Geradezu sensationell ist vor allem die Tatsache, dass sich der Anteil der Übergewichtigen an der Weltbevölkerung seit Mitte der achtziger Jahre verdoppelt hat.

Weniger überraschend, aber immer noch interessant wirken [erstens] die auch hier unangefochtene Führungsposition der Vereinigten Staaten, wo sich die Schätzungen der übergewichtigen erwachsenen Bevölkerung bei fünfundsechzig Prozent einpendeln, und [zweitens] die Beobachtung, dass die osteuropäischen Gesellschaften erst seit der Implosion staatssozialistischer Wirtschaft nach 1989 zu den im internationalen Vergleich flachen, aber absolut gesehen immer noch massiven Übergewichts-Werten der mitteleuropäischen Länder aufgeschlossen haben. Eher banal sind die Gründe für diese Entwicklung: es konvergieren immer deutlicher dominierende Lebens- und Berufsformen, welche körperliche Anforderungen minimieren, mit einer vorher nie gekannten Breite des materiellen Wohlstands in den meisten Regionen der Welt und mit Ernährungsprodukten [vor allem dem sogenanten “fast food”], die in vieler Hinsicht eher auf die Maximierung von industriellen Profit-Margen ausgerichtet sind als auf die Gesundheit der Kunden. Erstaunlich unscharf – und ebenfalls erstaunlich undramatisch — fällt dann die Beschreibung der negativen Gesundheits-Konsequenzen aller Formen von Übergewicht für Erwachsene aus [das heißt jener Formen von Übergewicht, die weder schon in der Kindheit beginnen noch mit einem erhöhten Anteil von Fett in der körperlichen Konstitution zu tun haben]: eher pessimistische Schätzungen liegen bei einem Verlust von dreißig bis fünfzig Monaten Lebenszeit nach dem vierzigsten Lebensjahr, was angesichts eines derzeit explosiven Anwachsens der normalen Lebenserwartung fast insignifikant aussieht. Einschneidend jedoch sind am Ende wieder die Folgen von Übergewicht für das psychische Befinden: Übergewicht gehört intenational zu den am häufigsten genannten Gründen für klinische Depressionen, also für die sich heute global wahrscheinlich am deutlichsten epidemisch verbreitende Krankheit.

Hier zeichnet sich endlich jener erstaunlich selten genannte Befund ab, um den es mir geht, ein Befund der möglicherweise historisch singulär ist – und mich persönlich so beeindruckt, weil ich es erst jüngst, in der ersten Hälfte meines siebten Lebensjahrzehnts, mit viel Mühe geschafft habe, das eigene Körpergewicht einem “Normalgewicht” anzunähern, welches seinerseits nicht wenige Kilos vom medizinisch ermittelten “Idealgewicht” entfernt bleibt. Besonders bemerkenswert finde ich jedenfalls die Beobachtung, dass [erstens] in einer Zeit, zu deren unbestreitbaren globalen Errungenschaften ein Zuwachs an Toleranz in verschiedenen Dimensionen gehört [denken wir an die deutliche verbesserte Akzeptanz homosexueller Formen von Interaktion und Zusammenleben], und in der [zweitens] Übergewicht vielerorts zu einer Erscheinung statistischer Normalität geworden ist, dass sich in einer solchen Zeit das mit Übergewicht sozial verbundene und individuell erlebte Stigma deutlich verschärft hat. Hier liegt gewiss der Haupt-Grund für den Zusammenhang zwischen Übergewicht und Depression – man muss sich nur vorstellen, dass fünfundachtzig Prozent der Amerikanerinnen im Teenage-Alter darauf hoffen, bald durch eine Diät Gewicht zu verlieren. Während also zunächst die Erwartung plausibel erscheinen muss, dass mit der Ausbreitung eines Phänomens wachsende soziale Akzeptanz einhergeht, zeichnet sich in solchen Zahlen die gegenläufige Tatsache ab, dass nämlich – vor allem für Frauen – mit der historischen Entwicklung hin zur Gegenwart des Übergewichts eine ganz andere Entwicklung einhergegangen ist, innerhalb derer das dominierende Körper-Ideal deutliche, früher für pathologisch angesehen Züge von Untergewicht hat [das israelische Rechtssystem hat auf dieses Syndrom mit dem Verbot reagiert, Photographien untergewichtiger Frauen für Werbezwecke einzusetzen].

Wie kann man nun diese fortschreitende Entwicklung erklären, in der offensichtlich mehrere paradoxal wirkende Versatzstücke zu einem in seiner Komplexität nur schwer fassbaren Rhizom zusammengewachsen sind? Vor allen [nicht sehr weit führenden] Deutungsversuchen möchte ich noch einmal betonen, wie erstaunlich diese machtvolle Tendenz einfach ist, die sich mittlerweile auch einschlägige medizinische Diskurse unterworfen hat [nur so ist zu erklären, wie sehr die zwar existierenden, aber vergleichsweise wenig signifikanten negativen Gesundheits-Folgen des Übergewichts für Erwachsene dramatisiert werden] — während auf der anderen Seite angesichts der demographische Situation durchaus plausible Initiativen zur Ästhetisierung von Übergewicht [“BIG is beautiful!”] selbst in Texas nur wenig Resionanz gefunden haben. Sozialstrukturell gesehen steht der Expansion des Übergewichts in der global mehr denn je dominierenden Mittelschicht [und vielerorts vor allem in den Unterschichten], das Idealgewicht [vielleicht mit einem Hang zum Untergewicht] als Disktionktionsmerkmal der neuesten Eliten gegenüber. In drastischem historischen Gegensatz vor allem zum siebzehnten und frühen achtzehnten Jahrhundert, als Prestigegewinn denen zukam, die Übergewicht innerhalb einer weitgehend unterernährten Gesellschaft entwickeln konnten, muss heute zum Beispiel die Wahlvorbereitung eines übergewichtigen Kandidaten für ein hohes politisches Amt mit zielstrebigem Gewichtsverlust einsetzen; muskelgestählte Oligarchen schmücken vor allem in Russland ihre Existenz mit eher untergewichtigen Models; Künstler und Spitzen-Akademiker haben längst den antiken Wert vom “gesunden Geist im gesunden Körper” als Lebensmaxime wiederentdeckt.

Schon sich gesunderes Essen und Trinken überhaupt leisten zu können [“reines Quellwasser” und Gemüse vom “Farmers’ Market” statt Soft Drinks und Hot Dogs] — und leisten zu wollen, ist an Einkommens- und Bildungsvorteile gebunden. Das gilt umso mehr für die Reitstunden der Kinder, die Mitgliedschaft im Tennis- oder Golfclub, und den Ski- oder Skydiving-Urlaub mit täglicher Massage im Spa eines Fünf Sterne-Hotels. Dabei, so mein Eindruck, ist die höchste Stufe der Distinktion solange nicht erreicht, wie die Arbeit am eigenen Körper als Vorbereitung auf besondere Leistungen oder gar als eine Strategie des sozialen Aufstiegs konzipiert wird. Diese manchmal ostentative Tendenz zur Dysfunktionalitaet im Hinblick auf Leistung konvergiert mit einer Vielzahl mittlerweile gut funktionierender rechtlicher Regularien, durch die ausgeschlossen werden soll, dass Übergewicht zu einem Kriterium der Diskrimierung werden kann. Ihre höchste Strahlkraft, glaube ich, entfalten wohl proportionierte Körper [und das heißt auch immer: die Absenz von Übergewicht] heute in jenen Fällen, wo sie [wo die Absenz von Übergewicht] als Produkte einer Konvergenz von gutem Geschmack [im ästhetischen Sinn] mit individueller Autonomie [im Sinn einer möglichst vollständigen Kontrolle über sich selbst] wahrgenommen werden.

Gegenüber den Entwicklungen der vergangenen Jahrhunderte historisch einschneidend weil gegenläufig ist vor allem die – akademisch-philosophisch formuliert – aristotelische [das heißt: die physische Substanz einschließende und betonende] Qualität der Arbeit am Körper als Figur von Selbstreferenz und individueller Autonomie. Es geht um die durchgehaltene Unabhängigkeit der Arbeit am eigenen Körper gegenüber den von den übergewichtigen Mittel- und Unterschichten beherrschten Räumen der Gegenwart; es geht um die Verfügung über den eigenen Körper als Lebensform, welche natürlich nicht auf die Ausnahmesituationen von Body Building- oder Bräunungs-Studios beschränkt sein darf. Wer sich diese Lebensform heute leisten kann und kultiviert, der kann sich auch Domestiken leisten, von denen er denken läßt. Ist es also an der Zeit für die allerneusten Eliten, etwa für die jungen Milliardäre von Silicon Valley, die noch soviel Leben vor sich haben, Friedrich Nietzsche [in Auszügen und Florilegien wenigstens] zu lesen, um mit – starken – Antworten auf die Frage brillieren zu können, was denn so schlimm sein soll an Übergewicht und allgemeiner an einem Verlust der Körper-Selbstkontrolle? Nietzsche lesen wäre auch ein Umweg, auf dem intellektuelle Praxis [zumindestens als Spurenelement] wieder Teil höchster sozialer Distinktionsrepertoires werden könnte.

Die Depressionen der Übergewichtigen aber blieben davon – so oder so – unberührt. Vielleicht ist ja die Depressions-Epidemie der geheime Preis, welcher für die Verwirklichung ausufernder Träume von sozialer Gleichheit zu entrichten ist. Anders [und im Ton einer Frage] formuliert: sollte sich eine Mittelklasse, welche global gerade über die Eliminierung aller sozialen Unterschiede wachen möchte, sich plötzlich mit ganz unerwarteten – und deshalb besonders schmerzlichen – Unterschieden konfrontiert sehen?

53

Kommentare sind deaktiviert.