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Digital/Pausen

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Hans Ulrich Gumbrecht lehrt Literatur in Stanford und bedauert es, zu alt für eine Karriere-Chance als Trainer im American Football zu sein.

Welche Gleichheit wir brauchen

Nie in der Geschichte sind Gesellschaften der Verwirklichung von Gleichheitsidealen so nahe gekommen wie im Europa der Gegenwart. Warum hat diese Errungenschaft zu einer Gleichheits-Wut geführt -- statt zu mehr Glück?

Wenn ich mir die Sozialhistoriker einer hundert Jahre vor uns liegenden Zukunft vorstelle und frage, was sie wohl besonders bemerkenswert finden werden am Europa unserer Gegenwart, dann steht im Vordergrund eine potentielle Beobachtung zur Vorgeschichte dieser Gegenwart, die so offensichtlich ist, dass man sie leicht übersieht. Der kleine und intern hochdifferenzierte Kontinent, von dem innerhalb von dreißig Jahren zwei Weltkriege ausgegangen waren, ist heute – über die Grenzen der Europäischen Union hinaus — in friedlichem und weitestgehend produktivem Zusammenleben vereint. Man übertriebe wohl nicht mit der These, dass ein praktischer [eher als begrifflich und ideologisch formierter] Pazifismus die vor allem in den mitteleuropäischen Gesellschaften dominierende existentielle Einstellung zur Welt geworden ist. Die so zu beschreibende Situation gehört zu den Konsequenzen einer sozial spezifischeren, aber ebenso erstaunlichen Entwicklung: viele jener Meinungen, Positionen und Werte, die seit dem späten achtzehnten Jahrhundert zum Profil der die Gesellschaft durch ihre Exzentrik sprovozierenden Intellektuellen und ihrer Vorgänger gehört hatten, sind mittlerweile im soliden Mehrheits-Weltbild einer immer breiter werdenden Mittelschicht aufgegangen. Speziell auf Deutschland bezogen: der sich als politischer Linksaußen verstehende, ökologisch bewegte Studienreferendar der späten siebziger Jahre ist zum grünen Studiendirektor und Tugendwächter mutiert, der mehr als irgendein anderer Typus das moralische Deutschland der Gegenwart wie eine Allegorie verkörpert.

Dieser breite nationale und kontinentale Konsensus, der ja in vieler [wenn auch wohl nicht in jeder] Hinsicht als Fortschritt, als objektive Verbesserung des kollektiven Lebens zu bewerten ist, bleibt keinesfalls auf ökologische Einstellungen und Verhaltensweisen beschränkt. In wenigen Jahrzehnten zum Beispiel ist nicht allein Homophobie durch gesetzliche Regelungen aus dem institutionellen Alltag verbannt worden; vielmehr gehört es mittlerweile zum guten Ton jeder Konversation unter halbwegs Gebildeten, von den besonderen Talenten, dem außergewöhnlichen Charme und auch immer noch “dem Mut” seiner schwulen Freunde zu schwärmen. In einer Gesellschaft, die sich jegliche Diskriminierung verbieten möchte, wird so ganz natürlich die Gleichheit zum abstrakten Flucht- und Konvergenzpunkt vielfacher Einzelentwicklungen. Das zeigt sich etwa an der steilen Karriere des Begriffs von “Professionalität,” der berufsübergreifend Verhaltensformen entlang etablierter Normen hervorhebt und durchsetzt. Möglicher- und paradoxalerweise hat wohl auch der stigmatisierende Effekt des Mehrheitsphänomens Übergewicht mit diesem Gleichheitsehrgeiz zu tun. Ganz gewiß die engagierten, nie enden wollenden – und immer sehr ressentimentgeladen wirkenden – Debatten über Höchstgehälter oder “Steuergerechtigkeit,” deren Teilnehmern durchaus klar ist, dass niedrigere Spitzengehälter nie auf leicht ansteigende Einkünfte bei der Mittelschicht umgelegt würden. Gleichheitsleidenschaft sehe ich auch – zumindest als Spurenelement — in der seit einigen Monaten permanent sich verschärfenden Kritik, welche Silicon Valley zum kulturellen und insgeheim politischen Krebsgeschwulst unserer Zeit machen will. Eingeklammert wird dabei die eigene Begeisterung und wachsende Abhängigkeit von Suchmaschinen, IPhones und Navigatoren zugunsten einer Dämonisierung der angeblichen Machtwillens derer, die sie erfunden haben – gewiss nicht, meine ich, um den Rest der Menschheit zu versklaven. Könnte sich hinter solcher Kritik ein kollektiver Wille verbergen, gerade diejenigen Zeitgenossen gleich-zu-machen, in denen andere – auch andere Deutsche – die kreativen Genies unserer Zeit sehen?

Für den Historiker der fernen Zukunft wird genau aus dieser Perspektive zum Plusquamperfekt werden, was in unseren Augen noch die Geschichte der Gleichheitsbewegungen als Teil der Geschichte der Moderne ist. Die französische Revolution etwa setzte 1789 ein mit der Durchsetzung der Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz, gegen die Privilegienhierarchie einer Ständegesellschaft. Doch erstaunlich früh wurde in der heißen jakobinischen Phase des revolutionären Prozesses, also schon zwischen 1792 und 1794, die Gleichheit vor dem Gesetz – in fragilen Diskursen noch – zur Forderung einer Gleichheit des Besitzes gesteigert. Über das gesamte neunzehnte Jahrhundert dann entwickelten sich die beiden Gleichheits-Paradigmen in verschiedenen gesellschaftlichen Dimensionen. Bis hin zum Ersten Weltkrieg vollzog sich für die meisten westlichen Gesellschaften in vielfachen kleinen Fort-Schritten und gelegentlichen Rück-Schritten die Eroberung und Realisierung der Gleichheit vor dem Recht als politische Geschichte, während die Umsetzung des Impulses wirtschaftlicher Gleichheit hin zu den verschiedenen Formen des Sozialismus und Kommunismus die Ideologiegeschichte derselben historischen Spanne beherrschte. Genau in diesem Sinn verlief dann das kurze zwanzigste Jahhrundert zwischen der Oktoberrevolution von 1917 und der Implosion des Staatssozialismus nach 1989 als immer wieder scheiternder Versuch, politische Institutionen durchzusetzen, welche wirtschaftliche Gleichheit als Dauerzustand garantieren sollten. Doch nicht der Kapitalismus als ideologisch vage formierter Antagonist ging als Sieger aus der Implosion des Sozialismus hervor, sondern – das ist sozusagen die europäisch-ironische Pointe dieser Geschichte – eine Form von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft [man kann sie “sozialdemokratisch” nennen], welche eine moderate Norm wirtschaftlicher Gleichheit mit einer vom Staat zugleich geschützten und begrenzten Freiheit der Kapitalakkumulation verbindet. Obwohl diese Konfiguration als das hell scheinende Erfolgsmodell unserer Gegenwart gelten könnte, wird erstaunlich selten erwähnt, dass – Zeiten relativer ökonomischer Krisen eingeschlossen – wohl noch nie zuvor Gesellschaften existiert haben, wo eine ähnlich breite Mehrheit der Bevölkerung – die sogenannte “Mittelschicht” – umgeben von so behaglichem Wohlstand lebt wie im heutigen Europa.

Und gerade in diesen Gesellschaften nun, welche das Ideal rechtlicher Gleichheit [maximal wohl] verwirklicht haben und dem Ideal wirtschaftlicher Gleichheit denkbar nahe gekommen sind [ohne es je ganz erreichen zu können], macht sich immer spürbarer jener Furor, jene gnadenlose Vigilanz der Gleichheit breit, die den Mitgliedern der Mittelschichten-Mehrheit ihren tendenziell wachsenden Wohlstand und ihre tendenziell wachsende Freiheit immer mehr vergällt. Was [und wem] liegt eigentlich an der Durchsetzung vollkommener Gleichheit? Warum ist der Furor der Gleichheit dabei, die so deutlichen Errungenschaften der Gleichheit wie eine sich ausbreitende Tuberkulose zu durchsetzen? Der französisch-amerikanische Philosoph und Anthropologe René Girard [von seiner Ausbildung her und institutionell gesehen ist er übrigens Literaturwissenschaftler] hat eine Theorie entworfen, nach der das “mimetische Begehren” — als ein Furor der Gleichheit — am Ursprung der Evolution hin zum Homo sapiens und danach am Ursprung aller geschichtlichen Veränderungen steht. Aus dem Begehren eines Gegenstands wird nach Girard immer und sehr schnell die Missgunst gegenüber dem, der diesen Gegenstand besitzt; solche Missgunst ist ansteckend und schlägt um in kollektives Ressentiment oder einem kollektiven Impuls von Gewalt, der sich am Ende immer in der Ermordung von Opfergestalten entlädt. Girard betont – und dies ist bedeutsam im Blick auf die gegenwärtige europäische Situation, dass selbst Positionen und Werte wie die vollkommene Toleranz gegenüber Minderheiten [als ein Neid-erregender Besitz] die Mechanik des mimetischen Begehrens und auch der Gewalt in Bewegung setzen können.

Dass sich ausgerechnet unter nie dagewesenen Bedingungen von Gleichheit ein unerhörter Gleichheitsfuror entwickelt hat, stärkt gewiss den Universalitätsanspruch von Girards Theorie. Interessanter aber ist es zu fragen, ob man unter den besonderen Bedingungen des – typologisch, nicht parteipolitisch gesehen – sozialdemokratisierten Europa besondere Phänomene und Strukturen im mimetischen Begehren und seinen Folgen beobachten kann. Verstöße gegen die Gleichheit vor dem Recht werden in Europa heute [mit wenigen Ausnahmen] ebenso schnell wie hartnäckig geahndet – und wer würde das nicht begrüßen? Die Sensibilität gegenüber Situationen wirtschaftlicher Ungleichheit hingegen hat sich zu erstaunlicher – man könnte auch sagen: zu hysterischer, gewaltnaher – Schärfe gesteigert, doch ihre nivellierende Kraft stößt innerhalb sozialdemokratischer Gesellschaften auf eine systematische Grenze, welche in der Notwendigkeit liegt, die Dynamik kapitalistischer Impulse in stets moderiertem Rahmen zu erhalten [Höchstgehälter sollen reduziert, aber Gehaltsunterschiede überhaupt können nicht aufgehoben werden]. Angesichts des so in differenzierter Weise eingeschränkten Raums zur rechtlichen, politischen und wirtschaftlichen Gleichheitserzwingung, hat sich deren Wirkung, glaube ich, in wachsende Mißgunst – man könnte auch sagen: in generalisierte Pampigkeit — gegenüber Exzellenz jeder Art verwandelt. Gibt es nicht eine wachsende Vigilanz in Deutschland, Personen und Institutionen zurückzuschneiden, die mit ihrer Exzentrik und mit ihren Talenten allzu sichtbar und langfristig in den Vordergrund zu treten drohen? Werden nicht umgekehrt am schnellsten und am nachhaltigsten Institutionen und Personen gefördert, welche am genauesten die ihnen auferlegten Normen erfüllen?

Es mag bezeichnend sein, dass ich solche Eindrücke in der Form von rhetorischen Fragen umschreibe. Denn in die Gewissheit von Fakten lassen sie sich kaum umsetzen. Doch wenigstens ein soziologisches Faktum gibt es, das in die von mir anvisierte Richtung weist. Kaum eine wirtschaftlich und kulturell vergleichbare Gesellschaft schränkt soziale Mobilität so deutlich ein wie die deutsche. Anders gesagt: dass die Kinder von Chefärzten im symbolischen System selbst wieder hohe Positionen einnehmen und die Kinder von Lastwagenfahrern auch selbst nicht auf die Universität gehen werden, ist in Deutschland besonders wahrscheinlich. Vielleicht also wäre weniger Gleichheitsdruck eine Voraussetzung für größere Chancengleichheit. Oder: die Obsession, Zustaende der Gleicheit zu perfektionieren und zu zementieren, neutralisiert das Veräenderungspotential des Träumens von Gleichheit.

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