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Digital/Pausen

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Hans Ulrich Gumbrecht lehrt Literatur in Stanford und bedauert es, zu alt für eine Karriere-Chance als Trainer im American Football zu sein.

Menschen essen als Möglichkeit?

An das Wort "Menschenfresser" ist eine nur schwer fassbare Peinlichkeit gebunden. Verbirgt sich in ihr eine Ahnung von Möglichkeiten des menschlichen Verhaltens, vor denen wir uns -- zurecht -- fürchten?

Das Wort “Menschenfresser” hat mehr als bloß einen Anflug von Peinlichkeit. Es gehört zum Lexikon von forciert lustigen Bilderbüchern für Kinder im schulnahen Vorschul-Alter; bedenklicher ist seine Verbindung mit jener Obsession des frühneuzeitlichen Kolonialismus, welche eine Bedrohung durch den Appetit von “Wilden” auf Menschenfleisch für allgegenwärtig hielt; schließlich grenzt das sonst im Hochdeutschen für Tiere reservierte Verb “fressen” eine Form des Verhaltens aus dem menschlichen Leben aus, von der wir ahnen (ohne es ahnen zu wollen), dass sie als Möglichkeit nie ganz unterdrückt werden kann. Sollten wir also von “Menschen-Essern” reden?

Im Gegensatz zu anderen Tabus – etwa zum Inzestverbot, das ein Äquivalent und eine Basis in der Inzestvermeidung bei eigentlich allen Tieren hat – existiert hier offenbar keine natürliche Hemmschwelle. Viele Tierarten machen Jagd auf Artgenossen – vor allem auf ihre Jungen. Bären sind dafür besonders bekannt. Wir können das Anthropophagie-Tabu deshalb als ein ausschließlich kulturelles Produkt ansehen. In der Verhaltensforschung wird seit langem die These ernst genommen, dass am Ursprung der menschlichen Kultur eine Ausgrenzung des Menschen-Essens (und mithin seine implizite Umwertung zum Menschen-Fressen) gelegen haben könnte. So selbstverständlich, so im wörtlichen Sinn Grund-legend und wirksam scheint diese kulturelle Schwelle zu sein, dass nur wenige Rechtssysteme es für notwendig erachten, sie explizit zu markieren. Denn Menschenfresser schließen sich jedenfalls und unumkehrbar, dies genau zeigt das Wort ja an, aus der Kultur als Gemeinschaft der Menschen aus.

Auf der anderen Seite gehört zu kulturell konstituierten Schwellen immer eine nicht ganz geheim zu haltende Attraktivität und das implizite Versprechen, sich durch ihre Überschreitung von der Kultur als einem Geflecht normierender Verhaltensmuster zu befreien. Angesichts von Not- und Überlebenssituationen gilt das Essen von Körpern schon gestorbener Menschen ohnehin als prinzipiell akzeptabel, wie bei Beschreibungen der deutschen Stalingrad-Niederlage im Zweiten Weltkrieg oft erwähnt und wohl immer impliziert ist. Auf dem zeitgenössischen pazifischen Kriegsschauplatz hingegen sollen japanische Soldaten nach ihren Siegen mit politischer und ideologischer Billigung der militärischen Hierarchie die Körper gefallener Gegener gegessen haben, um ihren angstauslösenden – und daher strategisch durchaus relevanten — Ruf bedingungsloser Aggressivität sichtbar zu machen und zu unterstreichen. Interessanter noch ist ein einschlägiges Gerücht im Rückblick auf die Kulturrevolution Mao Zedongs – ganz unabhängig von der Möglichkeit, es dokumentarisch in historische Gewissheit zu überführen, und abgesehen von dem Verdacht, dass sich hinter ihm sich ein westliches Vorurteil gegenüber den asiatischen Kulturen verbergen könnte. Das Zentralkommittee der kommunistischen Partei soll den Anspruch seines Programms radikaler Veränderung dadurch unterstrichen haben, dass bestimmte Körperteile von ermordeten Feinden des angestrebten Umschwungs – vor allem ihre Leber – als kulinarische Delikatessen geschätzt wurden.

Mit derselben Faszination und Ambivalenz einer menschlichen Möglichkeit jenseits der etablierten Kulturen spielten die Hannibal Lecter Filme, welche Anthony Hopkins berühmt gemacht haben. Der Impuls, jene Körper zu Tode zu beißen, die seinen Appetit geweckt hatten, ließ den Titelprotagonisten einerseits als gefährlichen Kriminellen erscheinen. Die berühmte Schlussszene jedoch, wo er auf dem erste Klasse-Sitz eines Linienflugs in die Freiheit das köstlich zubereitete Gehirn eines Opfers genießt, gab ihm die Aura eines durch seinen Mut zu unüberbietbarer Exzentrizität exquisiten Geschmacks. So konnte eigentlich die Frage kaum ausbleiben, ob Hannibal Lecter aufgrund der Konsequenz und der unbesiegbar wirkenden Intelligenz, mit der er seinem Trieb Befriedigung verschaffte, zum Emblem eines Übermenschen im Sinne von Nietzsches Philosophie geworden war.

Als alternative Gedanken-Option zu dieser Frage lässt sich eine Typologie menschlicher Kommunikation und Interaktion entwerfen, wo Anthropophagie die Position nicht überbietbar ekstatischer Nähe einnimmt. Sie setzt auf der anderen Seite, der Seite maximaler Distanz und Unverbindlichkeit mit sprachlicher Kommunikation ein, welche ihre Teilnehmer in der Dimension des Bewusstseins vereinigt, aber zugleich auf körperlicher Distanz hält. Jene Kommunikation unter Menschen – und mit Gott – die wir “mystisch” nennen, behält diese körperliche Distanz bei, während sie die psychische Beziehung zu einer Ebene der Intensität steigert, welche körperliche Symptome der Resonanz produziert. In einer ihrer ersten Visionen zum Beispiel fühlt sich die heilige Teresa von Avila durch die Liebe Gottes wie von einem Schwert durchdrungen, während zugleich ein engelsgleich körperlich-geistiges Wesen aus ihrem Körper hervordringt. Als Gläubiger der polytheistischen brasilianischen Macumba-Religion wird man zum “Vater eines Gottes / Heiligen,” wenn dieser Gott oder Geist den eigenen Körper als Medium und Chance seiner Verkörperung nutzt und in ekstatische Tanzbewegungen versetzt. Solche gleichsam virtuellen Penetrationen werden dann wirklich auf beiden Seiten der sexuellen Umarmung, die – ganz entgegen einem heute leider gängig gewordenen Verständnis als Allegorie einer geistigen Beziehung – eigentlich keinen zwanglos anzunehmenden Ort für Sprache und Kommunikation mehr übrig lässt.

Wer mit der volksprachlichen Literatur des späten Mittelalters vertraut ist, der ahnt, dass hinter der anscheinend so harmlosen Redeweise vom “sich zum Fressen Lieb-Haben” ein in seiner vorbewußten Vertrautheit unheimliches Maximum physischer Nähe verborgen liegt. Genau dieses Potential konkretisierte sich und explodierte gleichsam in den Raum der deutschen Öffentlichkeit, als vor wenigen Jahren eine erotische Beziehung zwischen zwei Männern bekannt wurde, die sich über das Internet in ihrer komplementären Begierde gefunden hatten, die Genitalien des je anderen in seiner Gegenwart vom Körper abzutrennen, zu braten und dann zu essen. Es versteht sich, dass diese beiden Liebenden strafrechtlich verfolgt und auch verurteilt wurden (an das Strafmaß kann ich mich allerdings nicht mehr erinnern). Doch in Abwesenheit eines Klägers, der sich durch diese Interaktion beeinträchtigt fühlte, war es nicht ganz selbstverständlich für die Staatsanwaltschaft, überzeugende Gründe zur Sanktionieriung solchen Verhaltens zu benennen und geltend zu machen.

Es gibt freilich eine Steigerung gegenüber dieser aus erotischer Begierde getriebenen Anthropophagie – und sie vollzieht sich täglich millionenmal im Inneren unserer Gesellschaften, ohne dass irgendjemand Anstoß an ihr nimmt. Ich meine natürlich die Kommunion nach kathologisch-theologischem Verständnis, wo Brot und Wein nicht als Zeichen von Christi Körper und Blut aufgefasst werden, sondern als reale Präsenz eines Gottessohns, der menschliche Gestalt angenommen hatte, um durch seinen Opfertod die Menschen von ihrer Erbsünde zu erlösen. Die katholische Kommunion ist Theophagie (oder will Theophagie sein), weil der Gläubige den Körper seines Gottes isst und gelegentlich auch sein Blut trinkt. Moderne Theologen und politisch-progressive Gläubige werden an diese Kern-Realität der Kommunion nicht gerne erinnert — das versteht sich, ohne den Befund wirklich in Frage zu stellen.

Wenn die katholische Theophagie andererseits so ganz problemlos und wie selbstverständlich im Innersten unserer Gesellschaften angenommen wird, so bestätigt dies die Prämisse und Meinung, dass es wert ist, über die Frage nachzudenken, ob Menschen zu essen eine menschliche Möglichkeit sein kann.

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