Digital/Pausen

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Hans Ulrich Gumbrecht lehrt Literatur in Stanford und bedauert es, zu alt für eine Karriere-Chance als Trainer im American Football zu sein.

„Herrlich volklicher Wille.“ Was zeigt sich in Heideggers „Schwarzen Heften“?

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Offenbar nur wenige Tage nach dem vom Nationalsozialismus zum Tag der “Machtergreifung” erhobenen 30. Januar 1933 notierte Martin Heidegger, seinerseits ergriffen: “Ein herrlich volklicher Wille steht hinein in ein großes Weltdunkel.” Kritische Reaktionen, die noch an die deutsche Öffentlichkeit gelangen konnten, identifizierte Heidegger als Teil einer Vergangenheit, deren Gegenwart ihn an eine Kloake erinnerte: “Die ganze Verkommenheit des abfließenden Zeitalters zeigt sich darin, dass es nichts weiter als Gegenbewegung noch auszulösen vermag als das dilettantische Gerede und Getöse der ‘politischen Wissenschaft.’” Ganz selbstverständlich ging er davon aus, dass dieser “unvergleichbare” Moment auch der deutschen Philosophie – und also ihm selbst – eine historische Rolle zuweisen musste: “Die Unvergleichbarkeit der Weltstunde, deren Schlagraum die deutsche Philosophie zum Erklingen bringen soll” (“Schlagraum” steht im Allemannischen für ein zum Abholzen durch einen Haushalt abgegrenztes Stück Wald).

Heidegger jedenfalls sah in den Ereignissen vom Beginn des Jahres 1933 erste Antworten auf eine von ihm mit rhetorischem Pomp beschriebene Frage. Das war nicht wirklich die Frage, ob “wir es vermögen, zu erfahren und zu erfragen, welcher Vorrang unserem Volk vom Schicksal zugemessen ist,” für die er — in einer komprimierten Beschreibungsformel seiner eigenen philosophischen Position — die Antwort parat hatte: es sei die dem deutschen Volk vom Schicksal zugewiesene Aufgabe, die “Ausgesetztheit in das Seiende (Geworfenheit) anfänglich aufzunehmen und in ihre harte Vereinzelung und fragende Klarheit umzugestalten!!” Heideggers eigentliche, weil auch für ihn offene Frage richtete sich auf die “Schicksalsbereitschaft” (ein Wort, das er damals gerne gebrauchte) dieses Volkes und seiner Philosophen, darauf also, ob sie “die Kraft” fänden, “zurückzutreten in die Bereitschaft und Bereitung der bildenden Würdigung dieser Würde des Volkes und des Ausbaus seines Ranges, in den es einrücken soll.” Mit anderen, etwas schlankeren und weniger verwirrenden Worten, die Heideggers Überheblichkeit in der Vordergrund rücken: das ganze Schicksal der Nation sollte von ihrer Bereitschaft und Fähigkeit abhängen, seine eigenen Denk-Impulse aufzunehmen und zu der für sie angeblich bestimmten Größe auszuarbeiten.

Eine kurze Reflexion über “Die Deutschen” aus jenen Wochen zeigt, dass Heidegger Grund zum Zweifel an der Schicksalsbereitschaft seiner Nation sah angesichts einer “bodenlosen Ungeduld gegenüber allem Zurückfinden in ein wesentliches Wachstum.” Deshalb setzte er – nach dem Eindruck seiner Notizen tatsächlich bloß für wenige Wochen – alle Hoffnung auf Adolf Hitler: “Die große Erfahrung und Beglückung, dass der Führer eine neue Wirklichkeit erweckt hat, die unserem Denken die rechte Bahn und Stoßkraft gibt. Sonst wäre es bei aller Gründlichkeit doch in sich verloren geblieben und hätte nur schwer zur Wirkung hingefunden.” Wenige Tage bevor Heidegger am 1. Mai 1933 der NSDAP beitrat, hatte er das Rektoren-Amt der Universität Freiburg übernommen, gegen ein inneres Widerstreben, das wohl nicht gespielt war – und wahrscheinlich durch den Eindruck von Hitlers Charisma überwunden wurde: “Bedrängt zur Übernahme des Rektorats handle ich das erste Mal gegen die innerste Stimme. Ich werde in diesem Amt, wenn es hoch kommt, allenfalls dieses oder jenes verhüten können. Für den Aufbau – gesetzt, dass er überhaupt noch möglich ist – fehlen die Menschen.”

All diese Heidegger-Zitate stammen aus den vierunddreißig sogenannten “Schwarzen Heften,” welche in drei Bänden der Gesamtausgabe während des vergangenen Jahres zum ersten Mal publiziert wurden und sowohl unter Spezialisten als auch in der gebildeten Öffentlichkeit mehrerer Länder erhebliche Unruhe hervorgerufen haben. Sie enthalten um 1930 einsetzende, aber im einzelnen nicht datierte Notizen aus gut vierzig Jahren, die Heidegger offenbar im Blick auf eine Buch-Erscheinung bearbeitet und Mitte der siebziger Jahre als Teil seines Vorlasses an das Deutsche Literaturarchiv in Marbach hatte übergeben lassen. Mit den für ihn so typischen Tönen des Raunens hat er die Aufzeichnungen mehrfach beschrieben, etwa als “Versuche des einfachen Nennens” und vor allem als Veranschaulichung der Art und Weise, wie er ins philosophische Fragen gekommen sei. Es kann jedenfalls keinen Zweifel an der Einschätzung geben, dass Heidegger diese Hefte für intellektuell bedeutsam hielt – was mich angesichts ihrer durchgängigen Banalität nicht bloß überrascht, sondern wirklich erschrocken hat.

Und doch sind jene Reaktionen ihrerseits erstaunlich, die nach einer mittlerweile fast rhythmisch wirkenden Reihe von Heidegger-Skandalen nun erneut die Faszination des Philosophen für den Nationalsozialismus entdecken. Denn verändert hat sich die Lage ja nur insofern, als sich auf Grund der “Schwarzen Hefte” die Geschichte dieser Faszination jetzt geradezu mikroskopisch nachvollziehen lässt. Doch Heideggers Nähe zur nationalsozialistischen Bewegung stand seit 1933 nie in Frage, weshalb auch davon auszugehen war, dass er ihre Ideologie und deren Motive teilte. Auf diese historische Faktenlage konnte man schon immer und kann man noch heute – durchaus plausibel – entweder mit dem Entschluss reagieren, Heideggers philosophisches Werk zu ignorieren, oder mit der Bereitschaft, offen zu sein für eine Revision der Einschätzung seiner Bedeutung.

Die “Schwarzen Hefte” bestätigen so ziemlich alles, was über jene Dimension in Martin Heideggers intellektueller Biographie schon immer anzunehmen und auch zu befürchten war. Überraschend ist allein die wie gesagt verheerende denkerische Qualität dieser Notizen. Im Lauf der Nazi-Jahre zeigt sich nach einer kurzen Phase der Begeisterung und der Hoffnung, bei der “Erneuerung Deutschlands” eine entscheidende Rolle spielen zu dürfen, die wachsende Enttäuschung Heideggers über einen vom Pfad seiner Erwartungen abkommenden Nationalsozialismus, welche sich auf der persönlichen Ebene, wie es ein amerikanischer Kommentar treffend beschrieb, zu einer “rhapsody in resentment” und zu den schrillsten Tönen akademischen Standesdünkels steigert. Zunächst steht ein erwartbares Repertoire von positiven Begriffen und Motiven im Vordergrund: die hierarchische Komplementarität von “Führen und Folgen,” “Schicksalsbereitschaft,” “Entschlossenheit,” “Härte,” “Arbeitsfreude,” die Dynamik eines “Nach vorne” und vor allem immer wieder das Bestehen auf eine vielversprechende “Stimmung.” Aber bald schon dominieren ein Crescendo der Herablassung gegenüber Kollegen, denen die NSDAP mehr Aufmerksamkeit schenkte als Heidegger, und — unter dem allgegenwärtigen Wort der “Machenschaften” – das laute Lamentieren über eine Reihe von Tendenzen und Phänomenen, die Heidegger als Symptome eines allgemeinen Niedergangs ansah. Zu ihnen gehörten “Amerikanismus,” “Pazifismus” und natürlich “Liberalismus,” aber auch das “Boxen,” das “Kino” und das “Radio,” das er “idiotisch” nannte, um ihm eine seiner sprachwissenschaftlich fast immer dubiosen etymologischen Spielereien zu widmen.

Bemerkungen derselben Tonlage über “das Judentum” sind eher selten in den “Schwarzen Heften” und entsprechen dem antisemitischen Standard proto-faschistischer intellektueller Kreise im ersten Drittel des zwanzigsten Jahrhundert, wie ihn am bündigsten wohl Oswald Spengler in seiner Geschichtsspekulation über den “Untergang des Abendlandes” artikulierte. Für Spengler wie Heidegger hatte die “zeitweilige Machtsteigerung des Judentums darin ihren Grund, dass die Metaphysik des Abendlandes, zumal in ihrer neuzeitlichen Entfaltung, die Ansatzstelle bot für das Sichbreitmachen einer sonst leeren Rationalität und Rechenfähigkeit, die sich auf solchem Weg eine Unterkunft im ‘Geist’ verschaffte.” Einmal in Schwung subsumierte Heidegger auch die “phänomenologische Betrachtung” seines Lehrers Edmund Husserl unter jenem Gemeinplatz von der “leeren Rationalität” und sprach Husserls Philosophie deshalb das Potential ab, je “in die Bezirke wesentlicher Entscheidungen zu reichen.” Inmitten dieses Ozeans aus vielfach Ressentiment-geladener Banalität ohne Argumente, Intuitionen oder Variationen ist man als Leser beinahe überrascht, dass Heidegger das Wort “Rasse” meist mit Anführungszeichen verwendet. Deutlich auf die vom deutschen Staat und seiner Partei damals verbreitete “Rassen-Theorie” anspielend kritisierte er tatsächlich ihre Absolut-Setzung (was freilich bei einem Eintrag in ein privates Notizbuch keinen besonderen Mut forderte) – und beeilte sich zugleich doch, die grundsätzliche Bedeutung dieses ideologischen Horizonts zu unterstreichen: “Rasse – was eine notwendige und sich unmittelbar aussprechende Bedingung des geschichtlichen Daseins ist (Geworfenheit), das wird zur einzigen und hinreichenden nicht nur verfälscht – sondern zugleich als das, worüber gesprochen wird (sic!). Der ‘Intellektualismus’ dieser Haltung, das Unvermögen zu scheiden zwischen rassischer Erziehung und Theoretisieren über Rasse. Eine Bedingung wird zum Unbedingten aufgesteigert.”

Wir Leser Heideggers haben längst die bittere Realisierung hinter uns, dass all seine kritischen Bemerkungen über die “Nationale Bewegung” und ihre Ideologie-politischen Entscheidungen zusammen mit dem immer nur wachsenden Ressentiment ihn nie zu einer dezidierter Distanznahme oder gar zu einem Ansatz der Selbstkritik gelangen ließen – nicht einmal in den einunddreißig Jahren zwischen dem Ende des Zweiten Weltkriegs und seinem Tod. Heideggers Selbst- und Sendungs-Bewusstsein blieb trotz aller internen Niederlagen und gefühlten “Erniedrigungen” in den Jahren zwischen 1933 und 1945 ungebrochen: “Seit Jahren weiss ich mich in der Arbeit der Wissenserziehung auf dem rechten Wege und muss es ablehnen, durch das alberne Gerede vom ‘neuen’ Wissenschaftsbegriff von seiten grüner Jungen mich belehren zu lassen.” Wo dieses nachhaltige Selbstbewusstsein ab und an in hyperbolische Amplituden schnellt, sorgt es innerhalb einer Lektüre, die nie den Eindruck von Peinlichkeit überwindet, für Höhepunkte jenseits der Grenze zum unfreiwillig Komischen. So etwa in einem Gedanken, der ebenso feierlich wie vielversprechend als “Spiel und Unheimlichkeit historischer Zeitrechnungszahlen im Vordergrund der abgründigen deutschen Geschichte” überschrieben ist. Dort will Heidegger die aus seiner Sicht einschneidenden Momente in der deutschen Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts markieren. Er setzt ein mit dem Beginn von Hölderlins Wahnsinn (“Hölderlin geht weg”) und dem Einsetzen einer nationalen Romantik (“deutsche Sammlung”) im Jahr 1806, fährt fort mit dem Jahr 1813 (“Der deutsche Anlauf erreicht seine Höhe und Richard Wagner wird geboren”), Hölderlins Tod und Nietzsches Geburt (1843/1844), mehreren Werken Nietzsches, dem Tod von Richard Wagner (1883), “Nietzsches Euphorie” vor dem Zusammenbruch” (1883) – um am Ende, nach zwei Gedankenstrichen und in Klammern, zielsicher beim Datum seiner eigenen Geburt zu landen: ”(26.9.1889).”

Aber was zeigt sich – neben solch leider unvergesslichen Stellen – auf den vielen hundert Seiten von Heideggers “Schwarzen Heften”? Im Hinblick auf die Inhalte, “Werte” und Vorurteile, meine ich, genau das, was ausgehend vom biographischen Vorwissen anzunehmen war. Sollte es also noch jemanden gegeben haben, der sich Illusionen über einen nicht wirklich vom Nationalsozialismus verführten und durchdrungenen Heidegger machte, so muss er jetzt verstummen. Überraschend und schmerzvoll ist hingegen seit der Veröffentlichung der “Schwarzen Hefte” — für alle, die Heidegger mit philosophischem Gewinn gelesen zu haben glauben — die durch nichts zu rettende Banalität seiner Notizen (zumal wir – wie schon erwähnt — wissen, dass ihm an ihrer Veröffentlichung so sehr lag). Muss diese Enttäuschung nun zum Beginn einer Abwertung aller anderen Heidegger-Texte werden? In ihrer Struktur, denke ich, bleibt diese Frage der früheren Frage nach den Konsequenzen ähnlich, die man angesichts der Fakten in Heideggers Leben zwischen 1933 und 1945 ziehen sollte. Eine Distanznahme ist plausibel — doch die Banalität der “Schwarzen Hefte” löscht nicht grundsätzlich die Bedeutung von Texten wie “Sein und Zeit, “Grundbegriffe der Metaphysik,” oder dem “Humanismusbrief.” Ihre inspirierende Kraft hat sich längst bewährt – und ist grundsätzlich ja sogar unabhängig von der Qualität der Gedanken in Heideggers Bewusstsein, die ihrer Entstehung vorausgegangen sein und sie begleitet haben müssen.

Bleibt die Frage, wie man den eklatanten Qualitätsunterschied zwischen den “Schwarzen Heften” und Heideggers anders ausgearbeiteten Schriften aus der Zeit von 1930 (dem Beginn der “Hefte”) bis zu seinem Tod (1976) erklären soll. Den meisten der bedeutenden Texte liegen Vorlesungen oder Vorträge zugrunde, die Heidegger – stets thematisch gut vorbereitet und konzentriert, aber auch in einem besonderen und fast immer berechtigten Vertrauen auf momentane Intuitionen – gehalten hat. Zu diesem Vortragsstil gehörte ein spezifisch dramatisierender Gestus, der beim Philosophieren unablässig auf die Möglichkeit eines anstehenden Durchbruchs im Denken und auf die damit verbundenen “Gefahren” verwies. Manchmal habe ich bei der Lektüre von Heidegger-Texten aus der Zeit nach 1930 den Eindruck, dass genau dieser Gestus des Vortragens und der Selbst-Inszenierung eine Vorläufer-Struktur für das Motiv vom “Wahrheits-Ereignis” als “Selbst-Entbergung des Seins” war (demzufolge es unmöglich sein sollte, den — potentiell das Dasein der Menschen bedrohenden — Augenblick der Selbstentbergung zu kontrollieren).

Der auf ein Publikum angewiesene Gestus seiner Selbstinszienierung jedenfalls scheint Heidegger inspiriert und sein Denken agil gemacht zu haben. Beim Schreiben persönlicher Notizen fiel diese für ihn anscheinend so wichtige Rahmenbedingung des Denkens aus, um seine Intuitionen in der Banalität von unendlich wiederholten, reaktionären Kalendersprüchen ersticken zu lassen. Und ein Autor von geschliffenen Sentenzen und Aphorismen, wie sie nur in der Einsamkeit des Schreibtisches entstehen, ist Martin Heidegger nie gewesen.

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