Digital/Pausen

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Hans Ulrich Gumbrecht lehrt Literatur in Stanford und bedauert es, zu alt für eine Karriere-Chance als Trainer im American Football zu sein.

Aller Gebildeten Lieblings-Patient: das Buch und seine Zukunft

In den achtziger Jahren (oder war es schon eher?) konnte man zwischen den Bremslichtern oder auf der Rückscheibe eines von zwei deutschen Autos ein dralles rotes Herzchen sehen mit dem spezifizierenden Kommentar “Ein Herz für Kinder.” Schon damals lag in der Luft, dass die Besitzer solcher Wagen Vorläufer eines kommenden sozialen Typs waren (wir nennen ihn heute “Gutmenschen”) – und nach einem die Geste begleitenden Gerücht sollen kinderlose Paare die Mehrheit jener Gruppe gewesen sein (denn Kinderlosigkeit ließ es nur natürlich erscheinen, ein “Herz für Kinder” zu haben — solange ein Leben mit Kindern die normative Lebensform war).

In Kalifornien entdecke ich jetzt eine neue Sticker-Gattung, die mich an das inzwischen wohl verschrumpelte Symbol-Herz für Kinder erinnert. Es sind Aufkleber mit Liebeserklärungen an lokale, tendenziell kleine Buchläden, manchmal angeschärft durch Verwünschungen (in vier Buchstaben) von “Amazon.” Die offensichtliche Parallele zur Kinderlosigkeit der Gutmenschen von 1980 liegt darin, dass – wie ich in einigen individuellen Fällen mit Sicherheit weiß – die Buchläden-Lovers unbeirrt Kunden bei “Amazon” bleiben und so mit jeder Bestellung einen Nagel in den Sarg ihrer Lieblinge treiben. Für die Gebildeten unserer Gegenwart ist das Buch nämlich zu jenem Gegenstand geworden, der den Flor einer Träne über jedes Auge legt – und den sie zu Geburts- und anderen Festtagen verschenken, um sich selbst und den Beschenkten guten Geschmack zu bestätigen (was immerhin einige Verlage bis auf Weiteres am Leben halten wird). Zum Lesen von Buch-Geschenken fühlt sich aber niemand mehr verpflichtet.

So ist das Buch, vor allem das “literarische” Buch (was immer man damit genau meint), längst zu unserem Lieblings-Patienten avanciert, besonders deutlich und intensiv, sobald die einschlägig geistreiche Lieblings-Konversation über “die Zukunft des Buchs im elektronischen Zeitalter” ausbricht. Dann hagelt es ebenso starke (wie eigentlich kaum je begründe) Meinungen, die entweder mit gallig-kulturkritischem Pessimismus die Gegenwart verdammen oder in sattem Optimismus ihrem Glauben an den Endsieg des Guten frönen. Ob freudig oder dunkel gestimmt, diese Meinungen nehmen oder geben sich nicht viel, weil es ja allemal nur darum geht, die eigene Zugehörigkeit zur Widerstands-Kaste der “Bildungsbürger in dürftiger Zeit” zu genießen.

Nimmt man die Frage nach der Zukunft des Buchs einen Grad ernster, dann wird bald deutlich, dass “Buchgeschichte” und “Mediengeschichte” (als vergleichsweise neue akademische “Sonderwege” — vor allem in Frankreich und in Deutschland) zu jenen Wissensfeldern gehören, denen kein Detail zu gering und keine These zu steil ist, ohne dass auf der anderen Seite ihre Prognosen außerhalb der Wissenschaft je ernst genommen werden. Außer Zweifel steht allein, dass etwas in Bewegung gekommen ist im Hinblick auf den kulturellen Status des literarischen Buchs. Ich erinnere mich noch lebhaft, wie schockiert ich vor nur zehn Jahren war, in der “Titanic”-Kolumne des damals allseits beliebten Max Gold zu lesen, dass er einige seiner Bücher per Müllabfuhr hatte loswerden wollen – um sie von derselben Müllabfuhr säuberlich ausgesondert zurückerstattet zu bekommen. Im vergangenen Frühjahr kam dann auch mir der Gedanke, dass unser Wohnzimmer mit einem Buch-Regal weniger besser aussehen müsste – und nachdem mehrere Wochen lang nicht ein einziger meiner Studenten Interesse an den vor meinem Büro angebotenen Büchern zeigte, habe ich sie in Mülleimern versenkt. Ohne die von Max Gold erfahrenen Rückerstattungsprobleme — und, das macht mir bis heute am meisten zu schaffen, ganz ohne schlechtes Gewissen.

Aber woher kam jenes einst so geradezu weihnachtlich strahlende Prestige des literarischen Buchs, das nun vor unseren Augen und in unserem Verhalten zu verlöschen beginnt? Ich wage ein paar erste Thesen – in der Hoffnung, dass sie etwas konkreter als bloß “geistreich” sind. Zum Beispiel halte ich es für plausibel, die Geschichte des literarischen Buchs mit dem mittelalterlichen Codex beginnen zu lassen, noch vor der Herausbildung eines Begriffs von “Literatur,” der in einer Kontinuität mit unserem Literatur-Begriff steht. Dafür gibt es einen medial-mechanischen Grund: erst mit dem Codex wurden die “umzublätternden Seiten” als quantitative Einheiten des bewahrten Wissens Teil der Buchgeschichte. Vor allem aber galt dem Codex – aus einer Reihe von konvergierenden Gründen – die denkbare höchste Wertschätzung. Eine dieser Gründe waren die enormen Produktionskosten von Büchern, die auf Pergament, also auf spezifisch zubereitete Kalbs-Haut als Schreibgrundlage angewiesen waren; hinzu kam die Schreib- und auch Lesekompetenz der Kleriker als einer schmalen sozialen Gruppe. Unter solchen Voraussetzungen ergab es sich, dass allein Texte des höchsten Bedeutungsgrads (und das hieß beinahe ausschließlich: Texte in der lateinischen Sprache) bewahrt, niedergeschrieben und überliefert wurden. Aber vor allem fiel die Aura der göttlichen Offenbarung als Ursprung allen Wissens auf den Codex, ein Ursprung und Grund des Wissens, der von Menschen nicht zu ersetzen und so beständig von Vergessen und materieller Erosion bedroht war.

Erst in den spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Jahrhunderten, aber schon lange vor der Erfindung des Buchdrucks um 1450, eroberten Texte der aristokratischen Unterhaltung, besonders volkssprachliche Minnelieder, das Medium des Codex. Und bald schon zeichnete sich dann die Tendenz ab, in einem Codex Texte nur eines Autors zu sammeln. Petracas “Canzoniere” ist ein frühes Beispiel dieser Entwicklung, und seine Erhebung zum Lorbeer-gekrönten Dichter in Rom deutet an, wie die neue Rolle des literarischen Autors in einer hierarchischen Verbindung zu Gott als dem vormals einzigen “Autor” (das hieß “Urheber”) stand. Erst seit jener Zeit wurde auch ein Begriff von “Fiktion” mit den literarischen Texten verbunden, genauer die Trennung zwischen dem Anspruch auf Wahrheit und dem Bezug der Texte auf greifbare Wirklichkeiten. Hinzu kam bald, was Niklas Luhmann einmal “Kompaktkommunikation” genannt hat. Die frühen “literarischen” Texte begannen jede Art von Situationen zu beschreiben, in denen sie gelesen oder rezitiert werden sollten, und wurden so – aus der Perspektive individueller Leser – weitgehend unabhängig von der Realität solcher Situationen.

Bis hin ins frühe neunzehnte Jahrhundert gewann die nun schon ekstatische Stellung der inzwischen gedruckten literarischen Bücher immer weiter an Intensität. In dem Maß, wie Autoren und Leser sich als “cartesianische Subjekte” verstanden und so im Blick auf sich selbst von allen physischen und sozialen Unterschieden absehen wollten, entstand eine neue Intimität zwischen ihnen als wechselseitig “lieben Freunden.” In der Aufklärung wurde solche Vertrautheit gerahmt von “ästhetischer Autonomie,” die eine Distanz zum Alltag durchsetzte und erhielt. Zugleich steigerten sich die mit dem Begriff “Literatur” verbundenen Ansprüche und Erwartungen. Nur dank der Formen von Literatur und einer dem Status der Fiktion abzugewinnenden Unabhängigkeit von der Wirklichkeit glaubten Autoren das Unsagbare in der “Tiefe” ihres Gemüts zum Ausdruck bringen zu können, und gerieten zudem – im Einfluss des heraufkommenden “historischen Weltbilds” – unter den Druck einer beständigen Innovations- und Originalitäts-Verpflichtung.

Im neunzehnten Jahrhundert schließlich verwandelte sich die gewachsene Intimität und Ekstatik der literarischen Kommunikation in eine exzentrische Position gegenüber der Gesellschaft, die bald schon Züge von Aggressivität und Verweigerung annahm. Diese Haltung vor allem erklärt das Enstehen von Büchern, die sich in ihren Inhalten und in ihrer Sprache bewusst aus der sozialen Zirkulation von Wissen zurückziehen wollten und umso mehr die Besonderheit ihrer “Materialität” in Layout, Illustration oder Einband betonten. Das zeitgleich entstehende Format des “Taschenbuchs” musste die komplexe Sonderstellung des hoch-literarischen Buchs nur unterstreichen.

Selbst in dieser extremen Kompression veranschaulicht unsere Geschichte, warum der Besitz von Büchern vom neunzehnten Jahrhundert an als synonym mit Bildung galt, warum es ganz undenkbar geworden war, sich je von ihnen zu trennen – und warum sie mittlerweile im Schlagschatten der elektronischen Kommunikation zu unseren Lieblings-Patienten werden mussten. Natürlich gibt es keinen aktiven Impuls der Zerstörung oder auch nur der herablassenden Arroganz gegenüber dem literarischen Buch seitens der in die elektronische Situation hineingeborenen Generationen, doch sie lesen in einer Weise, welche die über Jahrhunderte entstanden Komplexität der literarischen Kommunikation zum Kollaps bringen wird. Vor allem lesen sie permanent — auf größere oder kleinere Bildschirme konzentriert – und erwerben so eine erstaunliche Kompetenz, in kürzester Zeit enorme Menge von “Information” zu verarbeiten. In dieser Hinsicht können wir vor-elektronischen Leser schon lange nicht mehr mithalten. Entsprechend schwer fällt es aber auch denen, die Lesen und Schreiben mit einem Keyboard gelernt haben, die Formqualitäten von Texten zum Gegenstand ihrer Aufmerksamkeit zu machen und gerade über sie zur vermuteten “Tiefe” eines Autors als “Freund” zu gelangen.

Vielleicht hat die Tatsache, dass Bildschirmlesen als Lebensform immer wieder für Minuten und Sekunden durch das Schreiben von “Botschaften” abgelöst wird, dazu geführt, dass der Unterschied zwischen Autoren und Lesern heute abgeflacht wirkt. Unter meinen Nachbarn scheint in jedem Haus an einem literarischen Buch gearbeitet zu werden, und manchmal frage ich mich ironisch und auch besorgt, ob jede dieser Autorinnen wenigstens einen einzigen Leser finden wird. Seit das Web vom “laufenden Kommentar über die Welt” zu einem Äquivalent der Welt avanciert ist, hat – angesichts dieser stets “konstruierten” Welt – auch die Fiktion ihre Distinktionskraft als eine Sonderbedingung der Kommunikation verloren, und Buchläden oder gar Bibliotheken kommen unseren intellektuellen Nachfolgern als Ort des Wissens oder gar der Konzentration kaum mehr in den Sinn. Hat die elektronische Kommunikation “das Ende des literarischen Buches” eingeläutet?

Vieles spricht ja für diese Ansicht, zumal sie – vor allem für die älteren Generationen – ein angenehmes Empörungspotential bereit hält. Doch ich glaube, dass einer stärker differenzierten These höherer prognostischer Wert zukommt. Gewiss, intellektuelle Leistungsfähigkeit und sogar Bildung wird für eine demographische Mehrheit der Zukunft ganz ohne Bücher denkbar sein – und diese Mehrheit wird das litearische Buch, das nie ihre Liebe oder ihr Patient war, auch kaum vermissen. Als ebenso minoritärer wie durchaus sichtbarer Gegenentwurf entwickelt sich aber ein Verhaltenstyp, dem gerade das emphatisch dysfunktionale Buch als stolzes Zeichen von Exzentrizität und kulturellem Anspruch gilt. Von diesem Verhaltenstyp werden teure Antiquariate leben (und die gängigen Buchläden über-leben), weil man dort Bücher nicht wegen ihres Inhalts sondern wegen ihres Werts als Sammelstücken kauft. Und wer zu den Kunden solcher Antiquariate gehört, der möchte die öffentliche Bibliothek als Raum der Konzentration gegen ein Spezial-Archiv austauschen, das allein er (zusammen mit einer Gruppe von Spezialisten) zu nutzen versteht.

Zwischen dem – möglicherweise spurlosen – Verschwinden des literarischen Buchs für die (anders) gebildete Mehrheit der Zukunft und seiner (vielleicht manchmal etwas verkrampften) endzeitlichen Verklärung als Sammelstück könnte sich eine neue, vielleicht angenehm ernüchterte Form der literarischen Lektüre herausbilden. Es fällt mir auf, dass nicht wenige meiner Freunde, vor allem meiner nicht-iteraturwissenschaftlichen Freunde, die sich ihre Existenz ohne Literatur kaum vorstellen können, eine Vorliebe für Audio-Bücher entwickelt haben. Als Medium verpflichten Audio-Bücher ihre Hörer auf einen Grad an Aufmerksamkeit, der selbst das vom mittelalterlichen Codex kommende literarische Buch an Intensität und Dauer überbietet — und zugleich liefern sie mit der Stimme des Vorlesers einen zusätzlichen sinnlichen Anhaltspunkt, der vielleicht die ebenfalls von der Stimme bewirkte Verengung des Auslegungsspielraums ausgleicht.

Einen “Weg zurück” zum neunzehnten Jahrhundert als der großen Epoche der – klassischen – literarischen Lektüre wird es nicht geben – und noch weniger eine Renaissance der Unterstellung, dass literarische Bildung der Kern jeder Art von Bildung zu sein habe. Vielleicht ist es ja wirklich wie mit dem “Herz für Kinder” in den achtziger Jahren. Die Zahl der Geburten ist seither – trotz des kleinen Aufschwungs im vergangenen Jahr – beständig gesunken. Doch es ist natürlich auch eine Option geblieben, Familien “mit Kinderwunsch” zu gründen — genau wie die literarische Lektüre längst nicht ganz verschwunden ist. Deswegen wohl gibt es jetzt Rückfenster-Aufkleber zur Feier der kleinen Buchläden – und des literarischen Lesens.

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