Digital/Pausen

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Hans Ulrich Gumbrecht lehrt Literatur in Stanford und bedauert es, zu alt für eine Karriere-Chance als Trainer im American Football zu sein.

Kein Platz für Utopien in der Mittelstands-Welt?

Es gehört zum Verhaltensrepertoire (und wohl auch zum Aufklärungs-Erbe) jener durchaus gebildeten “Mittelschicht,” die sich in vielen verschiedenen “bürgerlichen” Berufen seit der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts global etabliert hat (“global” heißt heute vor allem, an die Kanale elektronischer Kommunikation angeschlossen zu sein), es gehört zum konventionellen Ton der Mittelschicht, jeden Blick auf die eigene Lebensform mit der gutgemeinten Reaktion zu justieren, dass sie (natürlich) nicht von allen Menschen geteilt wird und vielen von ihnen nicht einmal zugänglich ist. Erst dieser Habitus der Selbstrelativierung aber macht die Frage lohnend (weil ungewöhnlich), was am Mittelschichten-Leben als historisch spezifisch gelten kann.

Bei der dann einschlägigen Pflicht-Lektüre sozialutopischer Texte aus entfernteren Zeiten der westlichen Vergangenheit entsteht schnell der Eindruck, dass die Existenz der Studienrätin aus Luzern, des Software-Ingenieurs in Madras, des Oberarztes aus Sao Paulo und der Rechtsanwältin in Oslo mittlerweile zahlreiche (wenn nicht gar alle) jener Vorstellungen erfüllt, welche frühere Jahrhunderte mit ihren Bildern von einem guten oder gar idealen Leben verbanden. Wir Mittelständler existieren (trotz aller regionalen Differenzen) in einer Kombination von sozialer Sicherheit und finanzieller Opulenz, die zum selbstverständlichen Standard des Alltags geworden ist, obwohl sie unseren Urgroßeltern noch wie eine reine Wunschvorstellung vorgekommen wäre. Gegen jegliche Arten von Unfällen hat man uns (in vielen Ländern staatlich und also ohne risikohaltige Alternative) versichert; die Kontinuität des einmal erreichten Wohlstandsniveaus zwischen dem Ende der aktiven Berufsjahre und dem immer späteren Tod gilt ebenso garantiert wie ein offener Zugang zu Wissen und Bildung; individuelle und militärische Gewalt scheinen an die Peripherien oder gar Außenseiten unseres Lebens verbannt zu sein – und vor allem hat sich für viele von uns ein Gleichgewicht zwischen Wünschen und finanziellen Möglichkeiten eingependelt: beinahe alles, was wir uns überhaupt vorstellen können, vom Konzertbesuch über den Skiurlaub bis zum nächsten (umweltfreundlichen) Auto, kann kurz- oder mittlelfristig wirklich werden (nur selten noch muss man bis zum Geburtag oder auf Weihnachten warten).

Geradezu “klassenlos” – im Sinn der Lieblings-Utopie von Karl Marx – wirkt dieser realutopische Zustand, sobald wir uns klar machen, dass die Träume vom guten Leben unter jenen Zeitgenossen, deren Einkommen unendlich höher sind als unsere eigenen, kaum anders aussehen als die Mittelstandswünsche. Diese Konvergenz widerspricht offenbar nicht einer sich beschleunigenden Divergenz-Entwicklung der finanziellen Möglichkeiten — das jedenfalls ist der tröstliche und potentiell Ressentiment-absorbierende Schluss, den ich ziehe, wenn ich ab und an an dem überraschend “normalen” Haus von Mark Zuckerberg vorbeifahre (dessen Mobiliar, wie eine Photo-Reportage neulich deutlich machte, jedes Vorurteil über den mangelnden Inneneinrichtungs-Geschmack meiner amerikanischer Landsleute bestätigt) – oder wenn mir auffällt, dass sich einige der Original-Kunstwerke von den Wänden einer Milliardärsvilla in den gerahmten Ausstellungsplakaten an meinem eigenen Wänden wiederholen.

Vielleicht leben wir gerade aufgrund dieser überraschenden “Gleichheit” unser Mittelstands-Leben mit so permanent schlechtem Gewissen. Das könnte erklären, warum – zumal in Deutschland – das Wort “Ethik” eine so obsessive Präsenz in den Gesprächen erobert hat. Denn wir halten es für eine “ethische” Verpfichtung, alle Menschen an dieser Real-Utopie teilhaben zu lassen (wenn sich der Impuls nur immer realisieren ließe): langfristig arbeitslose Mitbürger ebenso wie Migranten, afghanische Bauern nicht anders als Taxifahrer aus dem Libanon sollen leben dürfen wie wir. Und dank der Konvergenz von guten Wünsche und großzügigen Initiativen empfindet die Nation einen (ganz berechtigten) Stolz auf ihren Status als “Spenden-Weltmeister.”

Derart wenig an sich selbst und an die Mehrung des eigenen Wohls zu denken, gilt aus guten Gründen als ethisch lobenswert. Doch hinter dem Verzicht stehen wohl noch zwei andere, weniger anspruchsvolle (wenn auch gewiss nicht ehrenrührige) Motive. Zum einen ist es offenbar schon immer schwer gewesen, die Bilder vom guten Leben anders auszumalen als mit dem Schwinden oder der Absenz dessen, was uns beschwert oder entfremdet – und solche Lücken geben natürlich nicht viel her für für die Imagination. Vielleicht hat diese Blässe der Wunsch-Vorstellungen sogar zum Scheitern von Sozialismus und Kommunismus beigetragen. Zugleich und vor allem aber hat ausgerechnet der Kapitalismus für jene globale Mittelklasse viele (wenn auch nicht alle) traditionelle Wünsche vom unentfremdeten Leben wirklich werden lassen, so dass ihr – im wörtlichen Sinn – nicht mehr viel zu wünschen übrig bleibt. Interessant sind dann bloß noch die Fragen, ob mittlerweile andere, uns noch kaum bewusste Formen der Entfremdung entstanden sind und ob denn wachsende finanzielle Ungleichheit der – psychisch offenbar nur schwer zu ertragende – Preis für das scheinbare Ende der Entfremdung ist.

Die Richtung dieser Überlegung entspricht dem Endpunkt einer Reflexion des russisch-französischen Philosophen Alexandre Kojève aus den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Wenn je alle Ziele und alle Wünsche nach einem Leben ohne Entfremdung erfüllt sein sollten, schrieb Kojève, dann muss – nach einer Logik im Stil von Hegels Denken – die Geschichte an ihr Ende gelangt sein, und wir Menschen können uns erlauben, in einen Zustand animalischer Wohligkeit zurückzufallen (oder zu einem solchen End-Zustand fortzuschreiten). Was hat aber bisher verhindert, dass es so weit gekommen ist? Gewiss die Urkräfte des von finanzieller Ungleichheit ausgelösten Neids und Ressentiments (wir wollen den Kapitalismus nicht einfach seinen Lauf nehmen lassen, selbst wenn wir wüssten, dass er gut für uns ist) – und hinzu kommt als Vorbehalt gegen das Ende der Geschichte die Ahnung, dass entgegen Kojèves dunkel-pessimistischem Optimismus eben doch noch etwas für den Mittelstand zu wünschen übrig bleibt.

Möglicherweise haben wir für kollektive Utopien tatsächlich keinen Platz mehr — doch in der Dimension der Individualität enfalten heute Träume von einer Existenz in Intensität größere Energie als je zuvor. Allerdings sind dieses Gefühl und der Begriff von “Intensität” nur schwer zu fassen. Sie haben nichts zu tun mit jenen klassischen paradiesischen Bilder von dem schönen Anderen, das uns fehlte und fehlt (Bilder vom Schlaraffenland zum Beispiel oder von der Heiterkeit bukolischer Landschaften). Eher ist Intensität zunächst nichts als als eine existentielle Steigerung des schon bekannten Angenehmen oder Unangenehmen — wenn wir etwa von der Intensität eines Schmerzes oder eines Genussmoments sprechen. Darüberhinaus gehört zur Lebens-Intensität aber auch eine Euphorie des Gelingens, welche ihrerseits ohne ein Risiko des Scheiterns nicht zu haben ist.

Trotz des taeglich tausend Mal wiederholten Versprechens, “uns keinen Stress zu machen,” sehnen wir uns genau nach dieser Möglichkeit des Scheiterns in vermeintlich paradoxaler Weise – eben weil wir umgeben sind von den Versprechungen und Garantien eines gesichert guten Lebens. Solche Sehnsucht hat eine Industrie der Erlebnis-Momente heraufbeschworen, die wir als funktionales Äquivalent unserer Gegenwart zu den klassischen Breitwand-Utopien identifizieren können: Extrem-Sportarten als Erlebnis — entlang reißender Bergbäche, steiler Abfahrten und schier endloser Marathonstrecken, immer ausgerüstet mit kompakten Apparaten der Hochtechnologie, die dem Umschlagen von Krisen-Ereignissen in den Tod vorbeugen sollen (vielleicht ließe sich eines Tages der Spielraum solcher Erlebnis-Möglichen sogar um freiwillige “Risiko-Chirurgie” erweitern). Zuschauersport ist demgegenüber die um einen kategorialen Grad herabgesetzte Variante der Inszenierungsform von Intensität. Wir verfolgen – mit sprichwörtlich pochenden Herzen – wie sich Athleten verschiedenen Risiken des Scheiterns aussetzen und andererseits das Scheitern in den verschiedensten Ereignissen des Gelingens immer wieder einzuklammern vermögen (aber nie endgültig besiegen). Hier mag auch eine Erklärung für die Emergenz und die beständig wachsende Faszination jener kulturellen Symptome liegen, die der französiche Denker Guy Debord schon vor Jahrzehnten unter dem Begriff der “Spektakel-Gesellschaft” zusammenfasste. Wir sind Zuschauer eines Lebens, das wir uns wünschen, ohne seine Risiken akzeptieren zu wollen.

Freilich wenden sich die Angebote der Spektakel-Gesellschaft ausschließlich an Individuen. Ließe sich auch ein kollektives Intensitäts-Szenario vorstellen? Die erste Antwort auf diese Frage ist banal – weil sie eine Möglichkeit ins Spiel bringt, vor der glücklicherweise ein zentrales Tabu unserer Gegenwart steht. Ich beziehe mich auf den Krieg, wie ihn zumal die westliche Kultur bis vor einem Jahrhundert immer wieder als Existenzform der Intensität beschrieben (und gefeiert) hat. Aber gibt es heute – nachdem jede Aura militärischen Heldentums verschwunden ist – nicht doch immer neue Beispiele für das Annehmen, ja für das Herausfordern kollektiver Risiken als Intensitäts-Inkubatoren? Bei den amerikanischen Vorwahlen etwa entstehen regelmäßig überraschende Dynamiken, die das noch nie Dagewesene, ja das Unwahrscheinliche an sich zum Ereignis werden lassen wollen (einen ersten afro-amerikanischen Präsidenten will man wählen oder die erste “ganz normale” Frau im selben Amt – aber auch einen von allen guten Geistern verlassenen Milliardär, der schon verschiedene private Pleiten hinter sich hat).

“Amerikanische Zustände sind das eben,” mag man in Europa allzu automatisch kommentieren – ohne sich zu fragen, ob nicht vielleicht auch die deutsche Migranten-Politik so erstaunlich positive Resonanz bei der Bevölkerungsmehrheit fand, weil sie das intensitätssteigernde Risiko eines – nun kollektiven – Scheiterns und damit erst die Chance eines kollektiven Gelingens eröffnet.Ist das Land denn nicht über seinen neuen realen Problemen plötzlich aufgewacht?