Digital/Pausen

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Hans Ulrich Gumbrecht lehrt Literatur in Stanford und bedauert es, zu alt für eine Karriere-Chance als Trainer im American Football zu sein.

Was sind die größten Romane des zwanzigsten Jahrhunderts?

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“Rankings” gehören zu den flächendeckenden (und in ihren Konsequenzen eher harmlosen) Plagen unserer Zeit, wobei der längst zu einem allgegenwärtigen Reflex gewordene Vorwurf hier wohl einmal berechtigt ist, dass ihr Ursprung in den Vereinigten Staaten und in unserer ekstatisch Wettbewerbs-orientierten Mentalität liegen muss. Jedenfalls lassen sie sich kaum vermitteln mit der vielfältigen Aura von kulturellem Prestige (und funktional gesehen: kulturellem Kapital), welche erstaunlicherweise die als “literarisch” identifizierten Texte unserer Vergangenheit und Gegenwart immer noch umgibt. Selbst eine (nicht wirklich existierende) Buchserie unter dem Titel “Die größten Nobelpreis-Romane unserer Zeit” wäre kaum gegen den Einwand geschützt, die je singuläre Schönheit und Erhabenheit bedeutender literarischer Texte einem letztlich quantifizierenden und daher nivellierenden Prinzip auszusetzen. Was immer also die spezifische Perspektive einer denkbaren Frage nach den größten Romanen (Gedichten, Gemälden oder Kompositionen) des zwanzigsten Jahrhunderts sein mag, sie ließe sich mit diesem Argument brechen und ad Absurdum führen. Hinzu kommt der trotz seiner Banalität zutreffende Gemeinplatz, dass es müßig ist, über die Verschiedenheit von Geschmacksurteilen zu streiten.

All die Rhetorik eleganter Distanznahmen, welche ich (wahrscheinlich umsonst) aktiviert habe, um mir Kollegen- und Leser-Vorwürfe vom Leib zu halten, kümmert die siebzehn College-Studenten im dritten Studienjahr (“Juniors”) an der Stanford University überhaupt nicht, die mit mir seit Januar entlang von immerhin siebzehn Romanen (vier davon aus dem vorigen Jahrhundert) die Geschichte dieser Gattung kennengelernt haben. Von Woche zu Woche wollen sie wissen, welche Texte auf unserem Programm ich für die besten halte – und vielleicht haben sie ja gegen all die Skepsis des guten intellektuellen Geschmacks mit ihrem Ranking-Wunsch recht. Sollte ein Literaturwissenschaftler nicht imstande sein, auch – und gerade – diese Frage mit Argumenten und guten Gründen zu beantworten? Erstaunlicherweise (und beinahe gegen meine Absicht) haben sich die Studenten ausgerechnet eine Prämisse jenes besonders anspruchsvollen ästhetischen Urteils zu eigen gemacht, das der große (und in der inzwischen beinahe verschwundenen Welt des Staats-Sozialismus kanonisierte) ungarische Intellektuelle Georg Lukács in seiner 1919 veröffentlichten “Theorie des Romans” entfaltet hat. Nach Lukács setzt die historische Karriere des Romans zur beliebtesten Gattung der westlichen Literatur mit der Neuzeit als Epoche “transzendentaler Obdachlosigkeit” ein, als einer Zeit, in der institutionalisierte Religionen und Weltbilder der individuellen Existenz keinen fraglosen Rahmen mehr vorgeben konnten, um ihrer Sehnsucht nach Sinngebung zu genügen. Das Kriterium der “transzendentalen Obdachlosigkeit” war dann auch ausschlaggebend für jene angeblich “konservativen” Geschmacksurteile, die man Lukács bis heute immer wieder zum Vorwurf gemacht hat – und die wohl tatsächlich einen entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung des sogenannten “Sozialistischen Realismus” zur Staats-Ästhetik hatten.

Wie Balzacs “Comédie Humaine” im Realismus des neunzehnten Jahrhunderts, so schätzte Lukács in seiner eigenen Gegenwart vor allem Thomas Manns Romane – und eben nicht die Texte jener Autoren, zum Beispiel James Joyce, Marcel Proust oder Robert Musil, die mittlerweile unter Spezialisten (aber nicht unbedingt unter einer Mehrheit gebildeter Leser) als die bedeutendsten des vergangenen Jahrhunderts gelten. Auch im Kontext dieser intellektuellen Konstellation haben mich die siebzehn Undergraduates mit einer unbekümmerten und gerade deshalb interessanten Tendenz überrascht. Sie hielten an Lukács’ Auseinandersetzung mit dem Problem “transzendentaler Obdachlosigkeit” als Qualitäts-Kriterium fest, aber bezogen es gerade auf jene Romane der „hohen Moderne,” zu deren Kanonisierung Lukács selbst nicht beitragen wollte.

Was haben Texte wie der “Ulysses” von James Joyce, “Auf der Suche nach der verlorenen Zeit” von Marcel Proust oder “Der Mann ohne Eigenschaften” von Robert Musil gemein – einmal abgesehen davon, dass keiner ihrer Autoren mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde, wie etwa Thomas Mann (was man retrospektiv durchaus als Qualitäts-Kriterium auffassen könnte – in dem Sinn, dass sie ihrer Zeit und deren literarischen Preisrichtern absolut voraus waren)? Ins Auge fällt sofort eine zeitliche und räumliche Konzentration der Inhalte, die in Spannung zum Ruf des Romans als “welthaltigster literarischer Gattung” zu stehen scheint, in Wirklichkeit aber diese Welthaltigkeit nur verdichtet und damit intensiviert. “Ulysses” als ein kanonischer Fall spielt an einem einzigen Tag (dem 16. Juni 1903, der nach dem zentralen Protagonisten und in einem Wortspiel mit “Dooms-Day” — dem “Jüngsten Tag” — von den Joyce-Fans “Bloom’s-Day” genannt wird) und in einer einzigen Stadt (Dublin). Proust beschreibt die geschlossene Welt des Großbürgertums und Adels während der ersten beiden Jahrzehnte des zwanzigsten Jahrhunderts in Paris und in den exklusiven Ferienorten der Normandie. Musils “Mann ohne Eigenschaften” führt uns in das Wien der hohen Staatsbeamten und der meist wohlhabenden Bürger im Jahr vor dem Beginn des Ersten Weltkriegs. Entgegen der auf den Verlauf von Handlungen ausgerichteten Tradition der Gattung kehrt die Detailbesessenheit dieser Autoren mit dem Heraufbeschwören jeweiliger Welten zu einer epischen Breite zurück, deren Komplexität ihren Lesern oft den Zugang erschwert – solange es es ihnen nicht gelingt, die Roman-Welten zu einer eigenen imaginären Heimat zu machen.

Aber woher kommt die Besessenheit jener intensiven Beschreibung und Raum-zeitlichen Konzentration, auf die wir bis zum Ende des zwanzigsten Jahrhunderts bei einigen herausragenden, aber oft nur wenigen Spezialisten vertrauten “Romanen” in verschiedenen nationalen Kontexten stoßen? In Döblins “Berlin Alexanderplatz” etwa, in Célines “Reise zum Ende der Nacht,” in der “Zeit des Schweigens” des Spaniers Luis Martín Santos, im “Horcynus Orca” des Italieners Stefano d’Arrigo, im “Grande Sertao” von Joao Guimaraes Rosa aus Brasilien, und noch 1973 in “Gravity’s Rainbow,” dem Meisterwerk des Amerikaners Thomas Pynchon. Anglo-amerikanische Kritiker stellen diese Texte gerne in die Tradition der “hohen Moderne” aus dem frühen zwanzigsten Jahrhundert, wenn sie in ihnen je nationale “Antworten” auf den “Ulysses” von James Joyce sehen. Mit der Geschichte der großen realistischen Romane des neunzehnten Jahrhunderts, mit Flaubert, Fontane oder Tolstoj, sind sie — trotz ihrer Tendenz zur epischen Komplexität — verbunden über den leidenschaftlichen intelellektuellen und literarischen Kampf mit der Herausforderung, gegen bis eine bis zum Nullpunkt schwindende Evidenz die Möglichkeit einer objektiven Erfassung oder Vergegenwärtigung von “Welt” außerhalb des Bewusstseins zu erhalten.

Philosophisch galt dieser von Denkern wie Kant oder Hume im achtzehnten Jahrhundert mit Optimismus aufgenommene Kampf um 1900 verloren. Doch wie sollte man sich, existentialistisch gewendet, in einer Welt “zuhause” fühlen können, die nicht mehr zu erfassen und zu erfahren war? Mit dieser Frage nahmen die ganz großen literarischen Autoren – und die wichtigsten Philosophen – des frühen zwanzigsten Jahrhunderts ihre Arbeit auf, das heißt: in der Spannung zwischen philosophischer Resignation einerseits und andererseits dem existentiellen Bedürfnis, einen Grund und Bezugsrahmen für das eigene Leben zu erschreiben, wenn er schon der philosophischen Erkenntnis nicht mehr gegeben war. So wird verständlich, warum sie zugleich – entschlossener als ihre Vorgänger, aber doch am Ende vergeblich – Orientierung in den philosophischen Debatten ihrer Zeit suchten. Proust bei Henri Bergson und seiner Reflexion über das Gedächtnis als Möglichkeit der Welt-Sicherung; Musil beim differenzierten Positivismus von Ernst Mach; Joyce im Ereignis und im Begriff der “Epiphanie,” wie er vor allem die Theologen seiner Zeit faszinierte. Daneben setzten sie auf die zeitgenössischen Sprach-Experimente – etwa des Surrealismus – als eine Chance, jene Nähe zur Welt schreibend zu erzwingen, an der die herkömmlichen Formen des Erzählens gescheitert waren. Vor allem Joyce fand auf diesem Weg zu einer Kompaktheit seiner Texte, in der sich unter der Hand ihre Funktion grundsätzlich verschob. Schon im “Ulysses” und noch viel deutlicher in seinem Spätwerk “Finnegans Wake” ging die Erfassung und Darstellung der Welt über in einen Status, wo die Texte zu Dingen werden. Dies mag erklären, warum Joyce-Enthusiasten weltweit den “Bloom’s Day” feiern, indem sie “Ulysses” rezitieren – also über Verkörperung zu einer physischen Wirklichkeit machen.

Mit dieser Transformation war die absolute Endstufe einer Entwicklung erreicht, die gut hundert Jahre vorher mit dem Kampf der literarischen Realisten um die Wirklichkeit eingesetzt hatte. Denn die Überführung der Texte in Dinge war mit einer absoluten Undurchdringlichkeit für das Verstehen ihrer Leser erkauft. Man kann “Finnegans Wake” rezitieren und damit eine Ding-Wirklichkeit erschaffen, aber in der Imagination seiner Leser ruft ein solcher Text keine vorzustellende Wirklichkeit mehr ab. Erst vor diesem Hintergrund wird die erleichterte Begeisterung verständlich, mit der Intellektuelle vor allem in Europa und Nordamerika seit den späten sechziger Jahren auf Romane aus ihrer damals “Dritte Welt” genannten kulturellen Peripherie (zunächst vor allem aus Südamerika) reagierten, welche traurige, euphorische und meist komplexe Geschichten erzählten, weil ihnen soziale oder politische Probleme wichtiger waren als der grundsätzliche philosophisch-literarische Kampf um die Wirklichkeit (etwa beim frühen Mario Vargas Llosa) oder weil sie auf diesen Kampf mit distanzierter Ironie blickten (wie Gabriel García Márquez). Oft war jene Erleichterung über die neue Lesbarkeit der Romane bei kulturell ehrgeizigen Lesern mit einer selbst auferlegten Skepsis durchmischt. Denn unterboten diese Texte von der Peripherie nicht eine seit dem neunzehnten Jahrhundert erkämpfte Ernsthaftigkeit, auf die man stolz sein wollte? Ich erinnere mich an eine akademische Autorität, die auf die erste Lektüre von Márquez’ “Hundert Jahren Einsamkeit” mit beinahe haltloser Begeisterung reagierte – um ihren Schülern am nächsten Tag mitzuteilen, dass der Text wohl doch eher zum Niveau der “Trivialliteratur” gehöre.

Fünfundvierzig Jahre später, in einer Gegenwart, die uns auferlegt und längst daran gewöhnt hat, mit allen möglichen “sozialen Konstruktionen von Wirklichkeit” und Computer-generierten “Simulationen” recht oder schlecht zu leben, habe ich meine nicht einmal zwanzigjährigen und in diese Welt ohne sicheren Wirklichkeitshalt geborenen Studenten gefragt, welche der siebzehn gelesenen Romane sie am meisten beeindruckt haben. Das führte zu einem Unentschieden zwischen zwei Texten der über-anspruchsvollen Hochmoderne (“Ulysses” und “Gravity’s Rainbow”) und jenen drei anderen Texten auf unserem Programm, die für das nicht selten mit dem Begriff der “Postmoderne” assoziierte Erzählen – für das Erzählen auf Distanz vom Kampf um die Wirklichkeit — stehen (Toni Morrisons “Beloved” von 1987, Haruki Murakamis “Mister Aufziehvogel” aus den Jahren 1994/1995, und das 2009 veröffentlichte großartige “Book of the Dead” des südafrikanischen Autors Kgebetli Moele). Ich war erstaunt über dieses Ergebnis – und habe es noch gar nicht richtig geschafft, mir einen Reim darauf zu machen. Denn anders als ich fassen meine Stundenten die nicht nur sie hoffnungslos überfordernden Romane des “Ulysses”-Typs ja keineswegs als Werke ihrer eigenen Gegenwart auf. Was beeindruckt sie dann? Zum einen wohl ihre monumentale Schreib-Vollkommenheit, die ihnen ein Gefühl von Erhabenheit gibt, gerade weil die Text für das Verstehen undurchdringlich bleiben. Zum anderen erleben meine jungen Hörer wohl eine in den größten Romanen ihrer unmittelbaren Vergangenheit aufgehobene Leidenschaft des Kampfs um die Wirklichkeit, welche nicht mehr ihre eigene ist – und um deren Intensität sie uns Ältere manchmal beneiden.

Ihre Begeisterung für Joyce und Pynchon kommt also aus der Distanz einer Retrospektive, wie sie Lesern meiner Generation gar nicht zugänglich ist. Und eben deshalb nehme ich die Antwort meiner siebzehn Studenten auf die Frage nach den größten Romanen des zwanzigsten Jahrhunderts sehr ernst.

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