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Hans Ulrich Gumbrecht lehrt Literatur in Stanford und bedauert es, zu alt für eine Karriere-Chance als Trainer im American Football zu sein.

„Sozialer Bodensatz“ statt „Lumpenproletariat“? Ein Diagnose-Versuch

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“Lumpenproletariat” ist ein Begriff, den man nur noch selten hört, weil sein doppeltes Pathos, ein Klassenkampf-Pathos und ein Betroffenheits-Pathos, wohl weder zur gesellschaftlichen Gemengelage noch zum intellektuellen Ton der jüngsten deutschen Gegenwart passt. Wenn Wörter aus dem Fluss der alltäglichen Kommunikation herausgeschwemmt werden, dann fällt oft zum ersten Mal ein archäologischer Blick auf sie – der im Fall des “Lumpenproletariats” eine interessante Entstehungsgeschichte und eine überraschend komplexe Bedeutung freilegt. Tatsächlich gilt Karl Marx als Erfinder des Begriffs, und den kanonisierten Erstbeleg findet man in seinem Text über den “Achtzehnten Brumaire des Louis Bonaparte” von 1852. Dort reagierte Marx explizit selbstkritisch auf seine vorschnellen Prognosen aus dem Revolutionsjahr 1848, als er – für heutiges Verständnis mit grotesker historischer Ungeduld – auf einen Sieg des Proletariats im Klassenkampf und auf die Verwirklichung einer “klassenlosen Gesellschaft” innerhalb weniger Monate gesetzt hatte.

Seine Korrektur lag in einer Komplexitätssteigerung der Theorie vom Klassenkampf, die er eigentlich schon gegen Ende der vierziger Jahre abgeschlossen zu haben glaubte. Wenn ihre ursprüngliche Version mit nur drei Klassen als Agenten rechnete (Aristokratie, Bürgertum und Proletariat), so erklärte Marx 1852 das Scheitern des Revolutionsversuchs und den Aufstieg von Napoleon Bonapartes Neffen Louis Philippe zum neuen Kaisertum durch eine Interferenz von vorher nicht berücksichtigten sozialen Gruppen – vor allem des Kleinbürgertums und des Lumpenproletariats. Mit dem zweiten Begriff bezog er sich allerdings nicht etwa auf die “Ärmsten der Armen,” wie es dem heute dominanten Gebrauch entspräche, sondern auf ein Ensemble von gesellschaftlichen Typen ganz verschiedener Klassen-Herkunft: “Neben zerrütteten Roués (Wüstlingen) mit zweideutigen Subsistenzmitteln und von zweideutiger Herkunft, neben verkommenen und abenteuernden Ablegern der Bourgeoisie, Vagabunde, entlassene Soldaten, entlassene Zuchthaussträflinge, entlaufene Galeerensklaven, Gauner, Gaukler, Lazzaroni, Taschendiebe, Taschenspieler, Spieler, Maquereaus (Zuhälter), Bordellhalter, Lastträger, Literaten, Orgeldreher, Lumpensammler, Scherenschleifer, Kesselflicker, Bettler, kurz, die ganze unbestimmte, aufgelöste, hin- und hergeworfene Masse, die die Franzosen la bohème nennen.” Diese soziale Heterogenität sollte den Mangel eines Klassenbewusstseins beim Lumpenproletariat erklären, aber auch seine Tendenz, mit radikalem Opportunismus plötzlich sich öffnende Chancen des Aufstiegs zu nutzen. Dass Marx den Kaiser-Neffen Louis Napoléon dieser Gruppe als Führer und Medium ihrer Agglomeration zuordnete, war nicht nur eine polemische Geste, sondern sollte den späteren Kaiser als ein nie wirklich anerkanntes Mitglied seiner eigenen Adels-Klasse brandmarken.

Nicht alle Revolutions-Theoretiker des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts übernahmen die polemisch negative Bedeutung, welche Marx dem Wort “Lumpenproletariat” gegeben hatte. In Bakunins anarchischer Weltsicht zum Beispiel oder in den Schriften von Frantz Fanon, die heute als Gründungstexte “postkolonialer” Reflexion gelten, konvergiert die vielfältige Exzentrik der Lumpenproletarier mit ihrer kriminellen Energie, um zu einer Kraft des revolutionären Umbruchs zu werden. Daraus ergibt sich – aufs begriffsgeschichtliche Ganze gesehen — eine drastische Ambivalenz zwischen reaktionärem Opportunismus (Marx) und einer existentiellen Nähe zu Akten radikaler Diskontinuität (Bakunin, Fanon), eine Ambivalenz, die in einer grundlegend gewandelten gesellschaftlichen Umwelt wieder aufzugreifen wir mittlerweile überraschenden Anlass haben.

Die heute zentrale, seit Jahrzehnten deutlich sichtbare, aber – zumal unter Intellektuellen — erstaunlich selten erwähnte Veränderung gegenüber der Gesellschaftsstruktur des Hochkapitalismus ist eine zumindest in Europa und beiden Teilen Amerikas weitgehend vollzogene Aufhebung jenes Proletariats, dessen Klassenbewusstsein und politische Energie Karl Marz als Reaktion auf die Mehrwert-orientierte Ausbeutung durch das Bürgertum beschrieben hatte. Dass die fast zynisch mit den Grenzen des körperlich Ertragbaren spielende Ausbeutung heute weitgehend (wenn auch nicht restlos) verschwunden ist, hat einerseits mit technologischen Entwicklungen zu tun, welche den Arbeiter aus einem integralen physischen Teil des Produktionsprozesses in seinem Beobachter verwandelt haben.

Zugleich ist seit dem frühen zwanzigsten Jahrhundert aber auch ein (nach seinem Umfang regional variierender) Anteil der ehemaligen “Arbeiter” / “Proletarier” im Status von “Angestellten” durch einen sich immer weiter ausbreitenden “Mittelstand” absorbiert worden. Obwohl “angestellt Sein” – im Rahmen einer langfristigen Umkehrung der Grundstrukturen auf dem Arbeitsmarkt – aus einem entwickelten Dispositiv der Ausbeutung längst zu einem Privileg geworden ist (die Kündigung eines Angestellten ist heute für seinen Arbeitgeber häufiger eine Erleichterung als eine Drohung), regulieren weiterhin Gewerkschaften (selbst auf dem Höchstverdiener-Niveau von Piloten der zivilen Luftfahrt) die Anpassung der Angestellten-Einkünfte an fluktuierende wirtschaftliche Tendenzen. Dies geschieht im Interesse einer gesamtgesellschaftlichen Ruhe und Stabilität, an der natürlich vor allem den (hoch über dem Mittelstand schwebenden) Reichsten gelegen ist.

Für die Kontinuität des sich global herausbildenden Gesellschaftstyps liegt das langfristige Hauptproblem nun aber gerade nicht in der (tatsächlich bis zu einem grotesken Grad gestiegenen) Differenz der finanziellen Verfügungsgewalt eines dünnen Plateaus von Milliardären und Multi-Millionären gegenüber den fluiden Einkommensebenen des Mittelstands. Diese Differenz steht ja nur deshalb wie ein Gebirgsmassiv im Zentrum der Aufmerksamkeit, weil sie bei der Mittelklassen-Mehrheit unter dem ethischen Leitwert der “Gleichheit” (und unter der Führung angestellter Intellektueller) opulente Träume von der Aufbesserung der eigenen Lage weckt – so als könnte man den Reichtum von einigen hundert Kapitalisten auf die Konten von mehreren Milliarden Angestellten umlegen. Erst in der jüngsten Vergangenheit ist sichtbar geworden, dass sich ein – je nach Blickwinkel positiv oder negativ zu bewertendes — Potential der Unruhe eher “unterhalb” der Absorption des klassischen Proletariats in den Angestelltenstatus herausgebildet hat. Ich meine den (ähnlich wie das historische “Lumpenproletariat” nach seiner Herkunft heterogenen) “Bodensatz” der gegenwärtigen Gesellschaften, zu dem alle Bürger gehören, die nicht über den Angestellten-Status an die Mittelklasse Anschluss gefunden haben.

Dabei handelt es sich um nach ihrem demographischen Gewicht je national verschiedene Gruppen, die langfristig oder gar irreversibel aus dem Produktionsprozess ausgegliedert sind, an deren Einstellung (oder gar “Ausbeutung”) seitens des Kapitals keinerlei Interesse besteht und die, wie sich empirisch belegen lässt, auch über (Aus-)Bildungsprogramme kaum mehr in die Mittelschicht zu integrieren sind. Je nach wirtschaftlichen Voraussetzungen und sozialpolitischen Prämissen haben sich drei institutionelle Formen herausgebildet, in denen der „Bodensatz der Gesellschaft“ Wirklichkeit wird. Abkürzend können wir uns auf die erste, vor allem europäische Variante mit dem deutschen Namen “Hartz IV” beziehen. Hier garantiert der Staat für die vom Produktionsprozess Ausgeschlossenen (und auch für eine bedrohlich wachsende Zahl von Pensionären) unabhängig von ihren individuellen Vorsorge-Bemühungen eine minimale (und in Ländern wie der Schweiz beinahe komfortable) finanzielle Sicherheit. Für die dabei unvermeidlichen Maßnahmen finanzieller Umverteilung kann er heute auf breite Zustimmung rechnen. In den Vereinigten Staaten hingegen stehen solche institutionellen Rahmen nicht zur Verfügung. Die Konsequenzen zeigen sich einmal in der (für europäische Touristen immer wieder zum Anlass der Entrüstung werdenden) großen Zahl von “homeless persons,” zum andern aber auch in einem extremen Regional-Gefälle der Lebenshaltungskosten, welches Verdrängungsprozesse “hin zur Peripherie” auslöst und laufend verstärkt. Schließlich nähert sich die Lebenssituation der Ausgeschlossenen in einigen afrikanischen und asiatischen Gesellschaften – am deutlichsten wohl in Indien – einer erschreckend realen Version der Metapher vom “Bodensatz.” Erst hier wird deutlich, dass den Ärmsten der Armen in unserer Zeit – ganz anders als im neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert – alle körperliche Voraussetzungen fehlen, um zu Opfern der Ausbeutung zu werden.

In ihrer Stress-erzeugenden Konzentration auf die wachsenden finanziellen Abstände zwischen den Reichsten und dem breiten Mittelstand hatten Politiker und politische Beobachter bis vor kurzem angenommen, dass mit dem Bodensatz der sozial Ausgeschlossenen in der öffentlichen Kommunikation nicht zu rechnen ist – so als seien Almosenempfänger des Mittelstands (die Reichsten, wissen wir, unterhalten hochspezialisierte Angestellte, um sich von Steuerverpflichtungen frei zu halten), so als seien Almosenempfänger zu schweigender Dankbarkeit verpflichtet. Mit unverhohlener Empörung nehmen dieselben Beobachter deshalb wahr, wie sich diese für permanent angesehene Situation nun rasch verändert. Der Brexit war eine Entscheidung der Alten, eine Mehrheits-Entscheidung jener Wähler, welche die langfristigen Konsequenzen ihres politischen Willens nicht mehr erleben werden – doch diese Grundlage hebt ihre demokratische Legitimität nicht auf. Auch die wachsende Macht von Parteien wie Front National oder AfD lässt sich ohne ihre Resonanz jenseits der unteren Mittelschicht kaum erklären. Und vor allem droht der nationalistische und rassistische Bodensatz der amerikanischen Gesellschaft, deren Mitglieder sich selbst so gerne “white trash” nennen, Donald Trump im kommenden November zum nächsten Präsidenten der Vereinigten Staaten zu machen.

Wäre es also plausibel, in Trumps politischer Rolle und Identität eine Wiedergeburt von Louis Napoléon und seiner (für Marx jedenfalls auf der Hand liegenden) Allianz mit dem Lumpenproletariat zu sehen? Eine solche Frage bringt freilich nur die eine, die negative Seite aus der historischen Ambivalenz jenes Begriffs ins Spiel. Ihre andere, potentiell revolutionäre Seite kann (und sollte vielleicht) zu der Frage führen, ob die uns so lange unter geschlossenen Augen verborgene Erfahrung des Hartz-IV- oder White-Trash-Lebens nicht an die Verpflichtung erinnern sollte, eine Gesellschaft herbeizuführen, die den Bodensatz der für immer Ausgeschlossenen aufhebt.

Demographisch – und wohl auch sozialpolitisch – wahrscheinlicher ist es, um im Bild zu bleiben, dass die Schlamm-Akkumulation dieses Bodensatzes ansteigen wird wie der Pegel der Ozeane auf einem immer wärmeren Planeten.

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