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Digital/Pausen

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Hans Ulrich Gumbrecht lehrt Literatur in Stanford und bedauert es, zu alt für eine Karriere-Chance als Trainer im American Football zu sein.

Ob man mit „Würde“ noch etwas anfangen kann

Nach seinem überraschenden Wiederaufstieg vor wenigen Jahren ist das immer noch religiös klingende Wort “Demut” in aller öffentlich-deutschen Munde geblieben, von Karl-Heinz Rummenigge bis zur Kanzlerin (aber doch eher unter Ausschluss des wohl auch vor einem Wiederaufstieg stehenden Uli Höneß) — wenn es darum geht, Akte von Bescheidenheit und Zurückhaltung zu fordern oder zu loben. Andere Begriffe aus demselben Register sozialer Tugenden, von denen viele in der intellektuellen Bewegung des “Idealismus” um 1800 eine systematische Reflexion mit nachhaltiger Wirkung durchlaufen hatten, scheinen hingegen von einer solchen Rückkehr denkbar weit entfernt. “Stolz” zum Beispiel oder auch “Würde” wirken weiterhin allzu altertümlich, weil sie an stabile soziale Hierarchien und von ihnen abgeleitete Status-Ansprüche erinnern. Und dies wirkt unannehmbar in einer Gegenwart, wo “Gleichheit” als Wert seit den großen ideologischen Bewegungen des zwanzigsten Jahrhunderts eine absolute Trumpfkarte der Diskurse geblieben ist (einmal ganz abgesehen von tatsächlich weiter bestehenden oder sogar wachsenden Unterschieden im individuellen Besitz und sozialen Einfluss).

Der für nicht anstößige Verwendungen des Begriffs “Würde” verbliebene Raum ist mittlerweile an wenige institutionell markierte Situationen gebunden. Man kann über die “Würde” eines Bundespräsidenten in bestimmten Situationen und im allgemeinen diskutieren oder auch die “Würde” einer Hochschul-Rektorin anerkennen, aber schon dabei kommt eine allzu anspruchsvolle Wertschätzung gewisser “Ämter” als herausragenden Berufsrollen auf, welche ihre Inhaber — und „Würden-Träger“ –besser vorab durch Gleichheits-etablierende Bemerkungen neutralisieren sollen (“machen Sie doch bitte keine Umstände!”). Ämter-spezifisch hohe Rollen-Erwartungen existieren zwar bis heute, doch den Glauben an ihre Erfüllung sichtbar zu machen, gilt als peinlich oder gar undemokratisch. Ein Dilemma entsteht hier, weil jene Dimensionen von Verhalten, auf die sich das Wort “Würde” überhaupt noch beziehen kann, wohl ausnahmslos mit der sichtbaren Verkörperung von Verhaltensformen zu tun haben. In einer gesellschaftlichen Welt, die ästhetische Werte umso weniger ernst nimmt, je zentraler sie in ihrer Kommunikation werden, lösen solche Verhaltensformen immer schon den Verdacht des “Oberflächlichen” und “nur auf Außenwirkung Abgestellten” aus – ganz im Gegensatz zu den prinzipiell als “tief” und deshalb fraglos verdienstvoll geltenden Werten der Reflexion. Es wäre interessant zu untersuchen, ob sich diese spezielle Werte-Hierarchie unter der wachsenden Dominanz der elektronischen Technologie weiter entwickelt hat. Ist zum Beispiel die Toleranz gegenüber informeller Kleidung bei bestimmten Amtsträgern zu ihrem Höhepunkt gelangt – oder steht den Deutschen (nach dem Beispiel des als emeritiertem Politiker jegliche formale Würde würdevoll ablehnenden Fidel Castro) noch ein Bundespräsident im Adidas- oder Puma-Trainingsanzug bevor?

Wir beginnen zu ahnen, dass jeder Versuch, einen Ort für “Würde” in der Gegenwart zu finden, Formen von Peinlichkeit und schnelle Gegen-Argumente auslöst. Viele Berufsrollen, zu denen einst “Würde” gehörte, erinnern heute vor allem an fortgeschrittenes Alter, und diese Nähe ruft dann sofort andere Peinlichkeiten in einer Umwelt ab, zu deren elementaren sozialen Reflexen es gehört, jedem Zeitgenossen und jeder Zeitgenossin über fünfundzwanzig (mit im zulässigen Rahmen geschlechtsspezifisch nuancierten Implikationen) zu versichern, dass sie weit jünger aussehen, als ihr vom Pass dokumentiertes Alter erwarten lässt. Aus eigener Alltags-Erfahrung (im neunundsechzigsten Lebensjahr) kann ich die fortführende Erfahrung beisteuern, dass selbst die – halb ironisch und halb nüchtern gemeinte — Replik, ich sei gerade bestrebt, die Aussehens-Erwartungen des objektiven Lebensalters adäquat zu erfüllen, kaum je Entspannung bringt. Nichts in der Tat scheint unerträglicher als sichtbar alterskonforme Verhaltensabsichten.

Nur an wenige, eher exzentrische Situationen kann ich mich erinnern, welche den expliziten Gebrauch der Begriffs “Würde” provozierten. Es muss vor gut einem Vierteljahrhundert gewesen sein, dass mir ein geisteswissenschaftlicher Fachkollege in unserer konventionellen (damals noch nicht elektronischen) Kurz-Konversation nach einer Kongress-Begegnung Grüße an meinen Vater, “diesen würdigen Greis,” auftrug. Obwohl jener Kollege, ein eminenter Altphilologe, für seinen Hang zu überraschenden bis provozierenden Formulierungen bekannt war, reagierte ich zunächst mit Verstörung — ganz abgesehen davon, dass der Gesprächspartner damals dem Lebensalter meines 2005 verstorbenen Vaters (das nicht viel über meinem heutigen Lebensalter lag) weit näher war als meinem eigenen. Hatte er nicht erstens die Regeln der Höflichkeit gebrochen, indem er sich auf einen meiner Verwandten als “Greis” bezog? Und war zweitens die Geste, mit der er das Substantiv “Greis” und das Adjektiv “würdig” koppelte, wirklich mehr als bloß allzu idiosynkratisch? Die Erinnerung an jene Worte ruft ein mir heute noch schmerzhaftes Bild von meinem Vater ab, der zu jenem Kongress gekommen war, um – aus fachlicher Distanz – meinen Vortrag zu hören. Auf seinem Weg zur Aula verfehlte er den von einer Treppe geforderten Bewegungsrhythmus, kam aus dem Gleichgewicht, stürzte mit seinem ganzen Körper frontal auf die Stufen — und erhob sich dann schnell, während er einige gut plaziert selbstironische Worte der Entschuldigung an die um ihn Stehenden richtete.

Würde zeigt also, wer die Normal-Konsistenz seines Verhaltens nach einem vom Alter heraufbeschworenen Lapsus wieder herstellt und damit seiner Umwelt Peinlichkeit erspart. Eine Variante dieser Erfahrung beschrieb die Antwort meiner norwegischen Psychologen-Freundin Tone, auf die Frage, ob sie Situationen kenne, die unmittelbar mit dem Begriff der Würde zu verbinden sind. Tone beschrieb die Alzheimer-geschlagene Bewohnerin eines Altersheims, die zum Klang der Musik immer noch mit den richtigen Schritten zu tanzen vermochte – und nicht zögerte, die jungen Helferinnen in ihre Bewegung hineinzuziehen. Auch hier wirkte Würde als Bewahrung einer Verhaltens-Form gegen die Implosions-Tendenz des fortgeschrittenen Alters. Und dies gilt auch für meinen hoch-Intellektuellen Freund Ricardo aus Rio de Janeiro, der nach einem asketischen Erwachsenen-Leben als Diabetiker vor wenigen Wochen auf einen irreversibel fortgeschrittenen Leber-Krebs diagnostiziert wurde. Ricardos einzige Sorge gilt jetzt der Niedergeschlagenheit seiner Verwandten und Freunde, während er selbst über die unerwartete Möglichkeit glücklich ist, sich für einige Zeit, die verbleibende Zeit seines Lebens zum Tod, ganz ungestört auf ein letztes Forschungsthema zu konzentrieren.

Die Verbindung mit fortgeschrittenem Alter steht also deutlich im Vordergrund jener heute selten gewordenen Verwendungen des Wortes “Würde,” die wir nicht zu vermeiden brauchen. Andererseits gibt es mindestens einen, gerade spezifisch mit der Jugend verbundenen Situationstyp, der uns ebenfalls an Würde denken lässt. Als Elizabeth II. im Alter von sechundzwanzig Jahren ihrem Vater George VI. 1952 auf dem englischen Thron nachfolgte, zeigte sie bald eine besondere Würde in der Übernahme und Bewahrung von Verhaltensformen, die von dieser neuen Rolle vorgeschrieben waren, ohne ihrem Lebensalter zu entsprechen. So bewährte sich die junge Queen früh in einer Rolle, deren Konsistenz sie mittlerweile über ein langes Leben und in vielfachen Herausforderungen ohne substanzielle Abstriche verkörpert hat — und erwies sich dabei als die Tochter eines Vaters, der Würde gezeigt hatte, als er trotz eines Sprachfehlers in den militärisch bedrohendsten Momenten des Weltkriegs über Radio zu seiner Nation sprach.

Die weiterhin akzeptablen Momente von Würde, sehen wir, hängen ab von Störungen der Konsistenz, mit der wir Individuen bestimmte Rollen zu spielen erwarten. Dass die Wahrscheinlichkeit solcher Störungen mit dem Lebensalter ansteigt, erklärt die Assoziation zwischen Würde und Alter, welche freilich keine systematische oder gar ausschließliche Beziehung ist. Weil uns aber vor allem die Wahrung von Würde in Situationen möglicher Störung beeindruckt, sehen wir sie heute tendenziell als individuelle Leistung an – ganz anders als in früheren sozialhistorischen Momenten, wo sie vor allem als generationenübergreifendes Erbe innerhalb hochgestellter Familien galt. Aber kam meinem Vater nicht eher sein (von uns allen geliebter) „angeborener“ Charme zugute, als er vom erniedrigenden Fall auf Treppe mit selbstironischen Worten aufstand? Noch weniger kann man von einer “Leistung” jener tanzenden Alzheimer-Frau sprechen, die sicher kein Bewusstsein von jenem körperlichen Widerstand gegen die Implosion ihrer Existenz hatte. Soll man also Würde vor allem mit Anmut verbinden, mit der Schönheit jener Verhaltens-Gesten, die nicht von sich selbst wissen?

Jedenfalls reden wir so ungern von “Würde,” weil der Begriff in seinem Bezug auf Individuen eine kaum vermeidliche Affinität zu zwei ganz verschiedenen, aber von den Konversationen unserer Gegenwartskultur weitestgehend gemiedenen Dimensionen hat: zur Gebrechlichkeit des Alters und zu Erfahrungen persönlicher Ungleichheit, die sich nicht als zufällig abbuchen lassen. So gesehen könnte es symptomatisch sein, dass der Begriff in einem ganz anderen Zusammenhang mittlerweile durchaus inflationär geworden ist. Natürlich beziehe ich mich auf jene keineswegs bloß individuelle “Menschenwürde,” deren positive Bedeutungsdimension stets unbestimmt bleibt – weil der Gebrauch des Worts hier auf Sprachhandlungen begrenzt ist, welche eben Menschheits-bezogen vor Interferenzen gegenüber der Konsistenz individueller Leben warnen oder diese verbieten wollen (genau deshalb gelten etwa in der amerikanischen “Bill of Rights,” jene “Rechte, die mit denen uns der Schöpfer ausgestattet hat,” als “unveräußerlich”).

Zu den stets prekären – und potenziell schönen – Situationen, wo Invididuen ungewöhnliche Würde zeigen oder ihre gefährdete Würde bewahren, sollte es eigentlich nach dieser längst dominierenden (impliziten) Voraussetzung unseres Existenz-Verständnisses gar nicht kommen dürfen. Denn als zentrales Verdienst der Aufklärungsepoche gilt ja das zur Institution gewordene Versprechen eines Störungs- und mithin Ereignis-freien Lebens. Anders gesagt: das Vorzeichen und das generelle Versprechen eines bedingungslosen Schutzes der Menschenwürde eliminieren tendenziell die Erfahrung von individuellen Akten der Würde aus unserem Leben.

Doch dieses epochale Verdienst hat wie die meisten Verdienste eine Verlust-Seite – welche zur Ästhetik der individuellen Existenz gehört. Unsere Gegenwart aber scheint so unendlich mehr von der Ethik fasziniert, von Fragen nach dem richtigen Handeln, als von der Perspektive seiner Schönheit, dass Leute (wie ich), denen zum Beispiel an Momenten von Wuerde gelegen ist, als “hoffnunsglos romantisch” und / oder “hoffnungslos altmodisch” gelten. Hoffnungslos jedenfalls?

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