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Digital/Pausen

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Hans Ulrich Gumbrecht lehrt Literatur in Stanford und bedauert es, zu alt für eine Karriere-Chance als Trainer im American Football zu sein.

Wie Deutschland wahrgenommen wird (sieben Notizen)

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Ein amerikanischer Pass, dessen erste Seite dem Inhaber attestiert, “in Germany” geboren zu sein, kann wortreiche und manchmal sogar hartnäckige Reaktionen provozieren – das ist eine Erfahrung, an die ich mich während der vergangenen sechzehn Jahren gewöhnt habe. Sie trifft vor allem auf Grenzbeamte in Deutschland zu, die mich bei den meisten Ein- oder Ausreisen fragen, ob ich auch einen deutschen Pass habe, um mir dann auf meine wahrheitsgemäß negative Antwort hin zu versichern, es sei leicht, einen solchen zu erwerben. Meiner darauf fast notwendig folgenden, juristisch korrekten Erklärung, eine doppelte Staatsangehörigkeit gelte in diesem spezifischen Fall bis heute als Ausnahme, deren Bewilligung besondere Gründe verlange, trauen nur wenige Grenzer. Wie immer sich unsere Kurz-Konversationen dann weiter entwickeln, sie geraten in meiner Wahrnehmung fast immer zum Symptom eines freundlichen Patriotismus, der offenbar so tief sitzt, dass er den Gedanken ausschließt, ein in Deutschland geborener Grenzübergänger könne an einem deutschen Pass nicht interessiert sein.

Heinrich Mann hätte auf so ein Erlebnis vielleicht mit der Variation eines berühmten Satzes aus seinem Roman vom “Untertan” reagiert: “Den deutschen Grenzer macht uns niemand nach” – dessen parodistische Bissigkeit die eher wohlmeinenden Beamten in unserer mehrheitlich postnationalen Gegenwart wohl gar nicht verdienen. Immerhin handelt es sich um eine Erfahrung, die deutschen Staatsbürgern (ohne einen anderen Pass) vorenthalten bleiben muss und auf die, weiß ich, viele von ihnen eher ungläubig reagieren. Genau dies könnte auch für andere Außenwahrnehmungen gelten, die ich entweder registrieren kann, weil ich immer noch oft als Deutscher identifiziert werde werde oder weil umgekehrt jemand spekuliert, dass ich ohne den Anlass irgendeiner Frustration oder Enttäuschung Deutschland nie verlassen hätte. Also fing ich an, mir Notizen über solche Momente zu machen, zunächst ohne die Absicht, sie auf einen Nenner zu bringen – was dazu geführt hat, dass ihre Inhalte nebeneinander stehen geblieben sind, statt auf eine zentrale These oder gar eine Enthüllung im Hinblick auf Deutschlands „Wesen“ hinauszulaufen.

Kein Städte-Name fällt (erstens) in meinem amerikanischen Alltag häufiger als der von Berlin — und der Ton ist beinahe ausnahmslos begeistert, durch alle Generationen, was mich auch deshalb beeindruckt, weil ich selbst ohne berufliche Anlässe eigentlich kaum in die deutsche Hauptstadt käme. Im typischen Fall ist der Berlin-Enthusiasmus eher unspezifisch oder, positiv gewendet, eher atmosphärisch. Nur zwei Ausnahmen fallen mir auf – zum einen das Lob einer bestimmten Bar- und Diskotheken-Szene, zum anderen Berlin als eine (oder als die eine und einzige) Welt-Hauptstadt klassischer Musikaufführungen. Wer noch keine eigenen Erinnerungen hat, um von Berlin, vor allem von Kreuzberg, zu schwärmen, fasst eine Reise dorthin ins Auge — auch in Erwartung einer besonderen, manchmal geradezu angestrengten Fremdenfreundlichkeit. Die deutsche Hauptstadt ist zur internationalen Haupt-Attraktion eines spezifischen Tourismus geworden und stellt ohnehin längst Neuschwanstein oder die milde Schönheit der Ostseelandschaften in ihren Schlagschatten. Dass dies alles besonders für junge Israelis gilt, hat zuweilen Verwunderung, öfter komplexe Interpretationen und in meinen amerikanischen Gesprächen mit Studenten aus Tel Aviv oder Jerusalem die Frage ausgelöst, ob denn die Geschichte Berlins in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts keine Schwellenängste bei ihnen auslöst.

Ihre Antworten konvergieren (zweitens) fast ausnahmslos mit einem denkwürdigen Leitartikel, den die “New York Times” vor Jahren anlässlich der Eröffnung des Holocaust-Denkmals in Berlin veröffentlichte. Deutschland dürfe nun als einziges Land der Welt gelten, hieß es dort, das die kollektive Kraft aufgebracht habe, mit dem zentralen Denkmal seiner Hauptstadt den tiefsten Moment nationaler Schande zu vergegenwärtigen. Natürlich stößt man auch auf laut gegenläufige Reaktionen zur deutschen Geschichte, doch unter den Gebildeten unserer globalen Gegenwart haben jene individuellen und institutionellen Bemühungen, die wir immer noch “Vergangenheitsbewältigung” nennen (so als sei dies möglich), inzwischen erreicht, dass Deutschland – selbst außerhalb der Kanäle des diplomatischen Protokolls und ohne eine Verantwortungslosigkeit des Vergessens — nicht mehr mit den zwölf Jahren des nationalsozialistischen Kulturbruchs gleichgesetzt wird. Der manchmal gehegte Wunschtraum allerdings, diese neue Anerkennung müsse soweit gehen, Deutschland gerade wegen seiner Geschichte als neue moralische Welt-Autorität anzuerkennen, kann getrost als tragikomisches Missverständnis zu den Akten gelegt werden.

Die Mehrheit der an Außen- oder Weltpolitik interessierten Beobachter, geht (drittens) davon aus, dass Deutschland heute innerhalb der Europäischen Union eine dominante Position besetzt. Noch nie ist mir außerhalb des Landes die von Hamburg bis München über lange Zeit fast flächendeckend etablierte Meinung begegnet, allein Deutschland nehme den utopischen Gehalt der “europäischen Idee” oder des “Projekts Europa” ernst oder müsse sie deshalb auch als normative Werte verteidigen. Vielmehr geht man davon aus, dass das Land innerhalb Europas – in legitimer Weise – seine nationalen Interessen besonders erfolgreich durchsetzt, was durchaus zu einem weiteren Beleg für den Respekt vor der Arbeit an der mit Schande beladenen Vergangenheit werden kann.

Ein komplementäres und vielleicht noch wichtigeres Symptom für denselben langfristigen Normalisierungsprozess ist die Gelassenheit, mit der man heute Kritik an Deutschland übt. Angela Merkels Migrationspolitik hat in den meisten mitteleuropäischen Gesellschaften (neben Bewunderung für ihre humanitiären Prämissen) ein ähnliches Spektrum ablehnender Positionen aktiviert wie in Deutschland — doch ihr Prestige als Politikerin mit Vernunft und Augenmaß scheint im Ausland weniger gelitten zu haben. Gar nicht wenige Europäer, so mein Eindruck, wären erfreut, wenn Deutschland die erworbene Führungsrolle mit offener pragmatischen und etwas weniger moralisierenden Konturen ausfüllte – was keinesfalls mit einer Sehnsucht nach vorauseilendem Konsens verwechselt werden sollte.

Grundlage für dieses inzwischen zu einem Teil der internationalen politischen Tagesordnung gewordene Bild ist (viertens) der Eindruck, dass es Deutschland gelungen ist, einer zentralen Balance singuläre Solidität zu geben. Ich meine die Balance zwischen vielfältigen Leistungen von robusten wohlfahrtsstaatlichen Institutionen einerseits und andererseits einer Kontinuität des wirtschaftlichen Wachstums, die seit dem sprichwoertlichen “Wirtschaftswunder” der Nachkriegsjahre nie ausgesetzt hat. Nirgends sonst ist deshalb bis heute Sozialdemokratie – ganz abgesehen von den jeweiligen Regierungsparteien – so selbstverständlich und andauerend der Fall wie in Deutschland. Als ähnlich solide und ausgewogen gelten auf den Märkten der globalen oberen Mittelklasse deutsche Industrieprodukte. In Nordamerika oder Asien scheint sogar der Status des Volkswagens als “Brand” näher bei Mercedes, BMW, Porsche und Audi zu liegen, als man dies in Deutschland wahrnimmt. Zugleich werden solche Marken eher mit Perfektion verbunden als mit Innovation. Trotz aller unerschöpflichen Euphorie in patriotischen Berichten über die elektronische Start Up-Szene von Berlin kämen wohl nur wenige Mitglieder der in diese Technologie geborenen Generation aus Mumbai oder Montreal auf den Gedanken, Smartphones oder Apps aus Deutschland zu kaufen.

Andererseits sind Deutschlandbesucher kaum zu der Einsicht zu bringen, dass die notorischen Verspätungen im Zugsystem national typisch geworden sind – und nicht etwa die wahrhaft unüberbietbare Zuverlässigkeit bestätigende Ausnahme von einer nationalen Regel. So sehr dominiert Solidität im Bild der deutschen Nation, dass daraus eine potenziell interessante Spannung zum jugendkulturellen Mythos von Berlin entstehen könnte. Andererseits (und fünftens) mag Solidität als allgemeines – und generell positives – Vorzeichen den Blick auf das Land gelegentlich verzerren. Erstaunlich wenige Fans weltweit haben zum Beispiel bis heute wahrgenommen, dass die (deutsche Fußball-National-) “Mannschaft” seit dem südafrikanischen Weltturnier von 2010 die traditionellen Erfolge trotz ihres radikal zu nennenden Wandels in Richtung auf einen faszinierend schönen Stil des Spiels fortgesetzt hat. Im Blick auf die Universitäten hingegen scheint das Soliditätsvorzeichen die internationale Erfahrung zu bestätigen. Wenn ausländische Studenten von ihren Erfahrungen in Deutschland berichten, dann steht im Vordergrund ein Eindruck von Zuverlässigkeit. Dass alle Hochschulen des Landes Ausbildungs-effiziente Studiengänge in den meisten Fächern anbieten, schafft das Bild eines geschlossenen Universitätssystems, dem – trotz aller “Exzellenz-Runden” – längst jene Abweichungen nach oben verloren gegangen sind, welche Deutschland vor nicht weniger als einem Jahrhundert die international akademische Führungsposition erworben hatten.

Trotzdem (und sechstens) haben Traditionen wie der Ruf vom “Land der Dichter und Denker” ihre eigene, erstaunliche Nachhaltigkeit. Anerkennung in Europa funktioniert bis heute für nordamerikanische Institutionen und Karrieren als ein besonderes Kapital (Großbritannien, Kanada und die Vereinigten Staaten haben andere gemeinsame Geschichten). Ähnlich scheint auch der während der Nachkriegsjahrzehnte entstandene Ruf Deutschlands als zuverlässigem Verbündeten in der Öffentlichkeit der Vereinigten Staaten überlebt zu haben – und blendet vielleicht allzu erfolgreich einen längst entstandenen Amerika-kritischen oder gar anti-amerikanischen Affekt der deutschen Gesellschaft aus. Der trifft dann nicht selten amerikanische Studenten in Deutschland mit kaum erwarteter Wucht.

In den mittel- und südamerikanischen Nationen dagegen hat eine Germanophilie überlebt, deren Ursprünge eher unerfreulich wirken (zum Beispiel war der spätere argentinische Diktator Juan Domingo Perón in den dreißiger Jahren als Militärattaché an der Berliner Botschaft seines Landes angestellt) — und deren freundliche Fortsetzung bis heute von der Logik des Bedürfnisses lebt, Alternativen der Bewunderung und Sympathie zu kultivieren gegenüber dem selbstgefälligen Mythos vom amerikanischen Kapitalismus als systematischer Unterdrückungsinstanz des Subkontinents. Mit den politischen Reformbewegungen vieler Nationen während der vergangenen Jahrzehnte jedoch hat sich jenes ebenso positive wie unscharfe Bild zu einer konkreteren Orientierung am deutschen Sozialstaat und an der deutschen Wirtschaft entwickelt. Spürbar existiert in Südamerika ein “Modell Deutschland” — auch was das ebenfalls mythologische Selbstverständnis angeht, wie ein Phönix aus der Asche der eigenen Vergangenheit erstanden zu sein.

Viel weniger prominent ist die deutsche Präsenz (siebtens und schließlich), trotz eines in vielen Fällen lebhaften Warenaustauschs und trotz prononcierter Einzel-Freundschaften, in Afrika und in Asien geblieben. Das mag mit der Deutschland ja trotz aller historischen Bemühungen erspart gebliebenen Kolonialgeschichte zu tun haben. Mehr als ein halbes Jahrhundert nach der Unabhängigkeit orientiert sich zum Beispiel die erstaunlich geschlossene Welt der weit über eine Milliarde heute lebenden Inder ungebrochen an den institutionellen Traditionen und an der kulturellen Gegenwart Großbritanniens. Strukturell Analoges lässt sich über den Blick der meisten afrikanischen Nationen auf Europa sagen: im Vergleich zu Großbritannien, Frankreich und auch Portugal bleiben deutsche Probleme und deutsche Ansprüche an der Peripherie ihrerer Aufmerksamkeit.

Am Ende meines Rundblicks in sieben Notizen, die mit ihrer ungeschützten Subjektivität zu Widerspruch natürlich einladen (und einladen sollen), habe ich den Eindruck, dass jene Unterstellung der (übigens fast immer besonders jungen) deutschen Grenzbeamten, das Leben in ihrem Land sei weltweit zu einem Gegenstand der Bewunderung und Sehnsucht geworden, doch nur die Facette eines allzu patriotischen Weltbilds ist. Denn Deutschland gilt heute global weder als universelles Vorbild und Maß aller Dinge noch als ein Symbol der in seinem Namen geschehenen perversesten Verbrechen gegen die Menschheit. Eher wird das Land wahrgenommen als eine Ansehen verdienende, wirtschaftliche starke – und auch sonst ganz normale Nation. Etwas Besseres als solide Normalität hätte niemand erhoffen können, als sich die deutsche Nation ab Juli 1948 für vier Jahrzehnte in zwei verschiedene politische Systeme und Gesellschaften zu spalten begann – fünf Tage nachdem ich dort geboren wurde.

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