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Digital/Pausen

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Hans Ulrich Gumbrecht lehrt Literatur in Stanford und bedauert es, zu alt für eine Karriere-Chance als Trainer im American Football zu sein.

„Die Menschen im Land“ und das Selbstverständnis deutscher Politiker

Meine Großmutter hieß Emmi, sie konnte vom “alten Fritz” schwärmen, als ob sie den Siebenjährigen Krieg selbst miterlebt hätte, und auf ihrem Wohnzimmerschrank stand, etwas verstaubt, das exuberante Modell einer Columbus-artigen Fregatte, das sie manchmal – vor allem zur vorweihnachtlichen Zeit – für mich herunterholte und zum Spielen auf den Tisch stellte. Eigentlich war sie meine Stief-Großmutter (die dritte Frau meines Großvaters), aber ich hatte sie so gerne, dass ich daran nicht denken wollte – und wie zur Bestätigung redete auch sie oft von mir als “mein eigen Fleisch und Blut.” Eine von Emmis Spezialitäten waren im Stentorton vorgetragene, wahrhaft monumentale Sätze, die mich als eine erste, elementare Art von “Philosophie” früh im Leben trafen. Vor allem die vernichtende Bilanz ihrer Erfahrungen in den vier Worten “der Mensch ist schlecht” ließ mir immer wieder eine Gänsehaut ueber den kleinen Rücken fahren.

Nun könnte ich im fernen und ja immer verfremdenden Rückblick sagen, dass meine Großmutter Emmi allen Anlass für ein solches Resumee hatte, dass sie, wie wir heute gerne sagen, wohl “wusste, wovon sie redete.” Denn mein Großvater, ihr “zweiter Gatte,” wie sie ihn meist in vollem Ernst und manchmal auch lächelnd nannte, hatte als ein frühes Mitglied der NSDAP mit Stehbierhallen und Trinkstuben, wo Prostituierte ihre Kunden fanden, während der dreißiger und vierziger Jahre ein beträchtliches Vermögen angesammelt – und offenbar sah die sozialdemokratische Verwaltung der Stadt, wo er “seine Geschäfte” betrieb, keine Alternative zu dem mit dieser wichtigen Aufgabe in ihn gesetzten Vertrauen. Wahrscheinlich aber hatte der schwere Ton in Emmis Lieblingssatz mit eigenen Erlebnissen gar nichts zu tun, sondern gehörte zu einer wagnerianisch dunklen Lebens-Vision aus Verschwörern, Verrätern und immer tragischen End-Szenarios, die meinen Großeltern unter anderem geholfen haben muss, das vorschnelle Ende jenes tausendjährigen Reichs zu verarbeiten, auf das sie gesetzt hatten.

Schon früh war mir allerdings aufgefallen und hatte zuerst meine Bewunderung nur bestärkt, dass sich meine Großmutter in ihrer Sentenz zu einer Beobachterin “des Menschen” außerhalb des Menschseins machte (die Erinnerung suggeriert mir sogar, ich hätte sie gefragt, ob sie denn selbst nicht zu “den Menschen” gehöre – doch das muss wohl eher die Projektion eines retrospektiven Wunsches sein). Strukturell gesehen jedenfalls weist der Satz von der grundlegenden Schlechtigkeit der Menschen eine bemerkenswerte Parallele zu einer Wendung auf, die viele populäre Politiker in Deutschland heute so selbstverständlich verwenden, als ob sie die logisch problematische Implikation nicht bemerkten (mein Freund Jan Soeffner hat mich darauf aufmerksam gemacht). Ich meine die Rede von “den Menschen in unserem Land,” welche ja auch diejenigen, die sprechen oder schreiben, aus den gut achtzig Millionen “Menschen im Land” ausnimmt. Gewiss, der Plural (“die Menschen”) sieht im Vergleich zum Singular meiner Großmutter (“der Mensch”) einen Deut freundlicher aus — und die ab und an gebrauchte Variante von den “Männern und Frauen in unserem Land” fügt sogar noch eine politisch korrekte Dimension hinzu.

Erstaunlicherweise freilich steht die im Deutschen wachsende Beliebtheit dieser Selbst-Exklusion im Gegensatz zu anderen europäischen Sprachen, wo ähnliche Formeln gerade im Schwinden begriffen scheinen. Das englische Äquivalent, nämlich jenen spezifischen Gebrauch des Wortes “people,” den wir alle irgendwann auf der gymnasialen Unterstufe gelernt haben (etwa: “people go to Church on Sundays”), hört und liest man heute nur noch selten. Hingegen ist die Frequenz einiger Formulierungen, die das individuelle und kollektive Selbst umgekehrt in eine allgemeine Menschenformel einschließen, im Ausland zumindest ungebrochen — wie im Fall des französischen “on” (“man”) oder des vor allem brasilianisch-portugiesischen “a gente” (“die Leute”), welche beide die dem deutschen “Wir” entsprechenden Personalpronomina weitestgehend ersetzt haben. Dort wird also das “Ich” oder “Wir” in die Allgemeinheit absorbiert, statt ihr mit paradoxalem Effekt gegenueber zu treten.

Aber woran denken Politiker (und andere Autoritätsfiguren) eigentlich, wenn sie auf “die Menschen im Land” Bezug nehmen? Entgegen der pessimistischen Sentenz meiner Großmutter ist die Stimmung dieser Worte ja wie gesagt freundlich. Sie erinnert an jene Prämisse der Kommunikation im Zeitalter der Aufklärung, der wir angeblich die Entstehung der Öffentlichkeit verdanken. Das war die (vor allem von Jean-Jacques Rousseau beförderte) Vorstellung, Menschen seien umso angenehmere und ethisch verantwortlichere Wesen, je weniger sie sich von ihrem existentiellen Urzustand entfernt hätten (was immer dieser Zustand gewesen sein mochte — Rousseau zum Beispiel stellte sich gerne “gute Wilde” vor) und je weniger sie vom Einfluss der Zivilisation verdorben waren. Aus der Hoffnung, dass Menschen imstande seien, diesen grundguten Wesenskern – gegen die Macht der Gesellschaft — freizulegen, indem sie ihre individuellen Interessen einklammerten, leiteten sich die normativen Ansprüche der Öffentlichkeit als einer Sphäre reiner Humanität ab.

“Die Menschen im Land,” das wirkt also – rousseauistisch gehört — wie eine etwas zwangshafte Vorstellung von “zivilisierten guten Wilden.” „Die Menschen“ sollen zum einen in der Sicht der Politiker unschuldig, natürlich und eben nicht verdorben sein, doch sich zum anderen angesichts der typischen Herausforderungen in der modernen Gesellschaft auch schnell überfordert fühlen, in Verwirrung geraten und Illusionen anheimfallen. Weil sie jedoch prinzipiell und primär — eben “als Menschen” — gut sind, verdienen sie die (eher herablassende) Zuwendung und Sorge der wenigen, welche die Welt mit geschult kritischen Augen zu sehen und alle Trugbilder zu durchschauen vermögen. Dies jedenfalls muss das Gesellschafts- und das komplementäre Selbst-Bild jener Politiker zu sein, die immer wieder auf “die Menschen im Land” Bezug nehmen und sich damit eine implizite Legitimation verschaffen, um für ihre Zeitgenossen zu entscheiden und handeln, ohne sie nach ihren eigenen Bedürfnissen und Wünschen zu fragen. Und das maßen sich nicht nur die Politiker im engeren Sinn an. Solche Worte gehören auch zur Pastoralrhetorik aller Religionen und Konfessionen, zum “humanitären” Diskurs der Mediziner – und jüngst habe ich sie sogar im Interview eines DFB-Funktionärs gefunden, der davon sprach, wie sich seine Institution verpflichtet fühlt, den Fans (als “Menschen”) zu ihnen selbst noch unbekannten Formen von Glück zu verhelfen.

Nichts scheinen die “Menschen im Land” also weniger zu sein als jene sprichwörtlich “mündigen Bürger” (“citizens,””citoyens”), die ihre eigenen Urteile oder Weltsichten artikulieren und zu Gehör bringen können. Im Gegenteil, wenn eine Politikerin, Pastorin oder Verbandsfunktionärin die Meinungen “der Menschen im Land” vernimmt, so wird sie getrost davon ausgehen, dass alles, was die von sich geben können, höchstens symptomatologischen Wert haben kann – der sie zu großzügigen Interpretationen aus der Perspektive des eigenen, stets angemessen nüchternen Realismus verpflichtet und vor allem von der anderen Verpflichtung entbindet, “die Menschen” je wörtlich und ernst zu nehmen.

Die zum nationalen Haupthema gewordene “Flüchtlingspolitik” der Kanzlerin ist im doppelten Sinn des “Menschen”-Worts ein idealtypischen Beispiel. Um in bester Absicht den (ja vielleicht in ihrer direkten Interessen-Orientiertheit grob unterschätzten) “Menschen” aus Ländern südöstlich von Deutschland aus ihrer vermeintlichen Hilfslosigkeit zu helfen, hat Frau Merkel “die Menschen im eigenen Land” nun schon über ein Jahr lang geflissentlich überhört. Und wenn diese deutschen Menschen als Wähler mit Frustration reagieren, so wird dies maximal den guten Vorsatz auslösen, ihnen noch einmal ausführlicher (und eigentlich doch überflüssigerweise) auseinanderzulegen, worum es denn eigentlich gehen muss. Der Gedanke, dass es sich um eine echte und härtere Differenz der Einschätzungen handeln könnte, auf die Politiker mit Präzision zu reagieren haben, scheint ganz ausgeschlossen.

Zynisch sind die Rede von “den Menschen im Land” und die Einstellung, die zu ihr gehört, allerdings nicht. Denn am Wochenende, im Urlaub und langfristig gesehen werden ja auch Politiker und andere professionelle Verantwortungsträger gerne wieder zu hilfsbedürftigen “Menschen” – im Land oder jenseits seiner Grenzen. Sie gönnen sich Unterhaltungen wie den “Tatort” und die Nationalmannschaft, oder auch Erhabenes wie Wagner in Bayreuth (und lassen sich durchaus von dazu Berufenen in die höheren Weihen der Kennerschaft einführen); sie machen Urlaub in ihren toskanischen Eigentumswohnungen und greifen gerne auf kompakte Sprachunterstützung aus dem Langenscheidt-Verlag zurück; und vor allem wissen sie, dass “wir es gemeinsam schaffen werden” (nun doch plötzlich “gemeinsam”), “dieses Land” auch unter den Wellen anhaltender Migration als “unseres” zu erhalten.

Und wenn es “den Menschen” am Ende weder um das Eine noch um das Andere ginge? Wenn sie weder ihre Arme fuer eine nicht endende Zahl von Immigranten öffnen, noch unbedingt “sie selbst” bleiben wollten? Dann müsste man ihnen wohl schon wieder erklären, worum es denn wirklich geht – in ihrem eigenen, am besten verstandenen Interesse natürlich. Und falls dies nicht gelänge, führte am Ende für die Politiker, Pastoren oder DFB-Funktionäre im Land nichts daran vorbei, dem Grund-Satz meiner Großmutter beizustimmen.

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