Digital/Pausen

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Hans Ulrich Gumbrecht lehrt Literatur in Stanford und bedauert es, zu alt für eine Karriere-Chance als Trainer im American Football zu sein.

Eine jüdisch-deutsche Idylle der fünfziger Jahre?

Noch heute, mehr als ein halbes Jahrhundert später, überkommt mich eine große Peinlichkeit bei der Erinnerung an die Versuche meiner Eltern, viele der Lehrer, die ich in der Volksschule und im Gymnasium hatte, zielstrebig zu ihren Freunden zu machen. Was genau sie zu jener singulären Aktivität motivierte, werde ich nie mehr erfahren. Vielleicht war es ein in vieler Hinsicht traumatischer (wie man heute sagen würde) Schulanfang, der Frau Fruh, meine Lehrerin der ersten Klasse, zu einem Gespräch veranlasste, in dem sie uns nahe legte, die (damals so genannte) “Hilfsschule” als Lösung meiner Probleme zu nutzen. Von da an ging es freilich – schulisch gesehen – aufwärts, zur Freude meiner Eltern gewiss, aber doch, genauer gesagt, zu ihrer fragilen Freude, die bis zum Lebensende durchsetzt blieb von der Befürchtung, ich könne plötzlich “nachlassen” (noch heute geht mir dieses Wort nur schwer aus den Fingern und über die Zunge).

Frau Fruh, die aus Siegen stammte und an der Würzburger Pestalozzi-Schule (wohl schon nahe der Pensionsgrenze) unterrichtete, gewann allerdings höchstens den distanzierten Respekt meiner Eltern, während die Lehrer der folgenden drei Volksschuljahre, Herr Volk und Herr Russ, mit Weihnachtsgeschenken überhäuft wurden, die ich an den Haustüren abgeben musste, während mein Vater oder meine Mutter freundlich aus dem Opel Olympia winkten. An Bedenken der Lehrer, solche Geschenke anzunehmen, kann ich mich nicht erinnern – und an irgendwelche Vorteile oder Privilegien, die sie erkauft hätten, ebensowenig.

Nachdem ich nicht ohne Schwierigkeiten, vor allem, was Rechtschreibung anging, die Hürde der Aufnahmeprüfung ins neusprachliche Realgymnasium genommen hatte, wurden die Bemühungen der Eltern nur komplexer – und unverschämter im wörtlichen Sinn. Vor allem Herrn Dr. Kurt Fina galten die Bemühungen, einem allerseits gefürchteten Studienrat ihrer Generation (man redete Studienräte im Freistaat Bayern als “Herr Professor” an), der Latein, Deutsch und Geschichte unterrichtete, dabei die erst am Anfang ihrer bis heute fortgesetzten Tradition stehende Münchener Regierungspartei als demokratische Hoffnung hochhielt, manchmal mit schwermütigem Akzent von der “sudentendeutschen Sache” sprach – und wohl tatsächlich, wie meine Mutter gerne einwarf, bemerkenswert gut aussah. Da mein fünfundzwanzigminütiger Schulweg über eine viel befahrene Straße führte und Dr. Fina mit seiner Frau Ortrun und den beiden Kindern in unserer Nähe wohnte, hatten ihn meine Eltern gefragt, ob ich tagtäglich mit ihm zur Schule und zurück nachhause gehen könnte.

Dr. Fina sagte nicht nein. Vielleicht fand er keine Ausrede, möglicherweise beeindruckte ihn die Karriere meines Vaters, der eben Chefarzt geworden war und sich einen Mercedes 190 leisten konnte. So hatten Dr. Fina und ich vor und nach den Unterrichtststunden jeden Tag zwei Gespräche von fünfundzwanzig Minuten, in denen er mich die jeweils letzten Merkverse mit Regeln der lateinischen Grammatik wiederholen ließ – während mein übereifrig-elfjähriges Ich, das längst die Schul-Angst des Anfangs vergessen hatte. Dr. Fina von Gott und der Welt erzählte. Da die Finas und meine Eltern bald respektvoll Distanz haltende Freunde wurden (meine Eltern luden zu Hans-Joachim Kulenkampffs Fernsehabenden, plus Sekt mit Orangensaft und Kanapees ein, die Finas revanchierten sich mit Dia-Abenden von ihrer jeweils letzten “Reise in die griechische Antike”), konnte nicht verborgen bleiben, was ich auf dem Schulweg zum besten gab. Dr. Fina war beeindruckt von meiner Fähigkeit, Judenwitze, die ich bei anderen Freunden meiner Eltern aufschnappt hatte, “auch mit dem entsprechendem Akzent” wiederzugeben. Zugleich hielt er es jedoch für bedenklich, dass ich auch von den Steuertricks meiner Eltern wusste (Abendessen oder Ferienreisen “abschreiben”). Denn dies, meinte Dr. Fina, könne es eines Tages schwierig für mich machen, “zwischen Recht und Unrecht zu unterscheiden.”

Niemand hatte äehnliche Vorbehalte gegenüber den Judenwitzen, die gerade erstaunlich hoch im Kurs standen. Eine einschlägige Anthologie mit gelbem Schutzumschag und herausgegeben von Salcia Landmann empfahlen meine Eltern immer wieder, weil man bei der Lektüre lerne, “dass die Juden ja auch über sich selbst lachen.” Mein Vater speziell berichtete bei jeder unpassenden Gelegenheit, dass er “Prostata-Patienten im jüdischen Alterheim ohne Verrechnung” behandele – solange dies nicht als Geste der “Wiedergutmachung missverstanden” werde (dass sein Klavier-beflissener Schwager Emil Vorsitzender des Deutsch-Jüdischen Kulturvereins wurde, hielt er hingegen für überzogen). Inmitten jener eigentümlichen Ambivalenzen erinnere ich mich an eine Idylle – die in Bad Kissingen entstehen musste und dort auch verging.

Sechsundfünfzig Kilometer nördlich von der Bezirkshauptstadt Würzburg in der Rhön gelegen war das kleine Bad Kissingen aufgrund seiner “Heilquellen” und eines historisch spezifischen Gesundheitsfanatismus in den Oberschichten des neunzehnten Jahrhunderts zu einem “Weltbad” geworden, wo die Kaiserin Sissy, der russische Zar und König Ludwig II. von Bayern lange Wochen konzentrierter Entspannung verbrachten, wo Otto von Bismarck trotz des Attentatsversuchs eines Böttchergesellen, den er frisch gestärkt eigenhändig überwältigte, vierzehn Mal zu Gast war — und wo sich die Kulturgrößen jener Gegenwart, wie der preußische Hofmaler Menzel und der Epiker Leon Tolstoi, die Hand gaben. Außerdem sollen in Bad Kissingen viele Ehen unter den jüdischen Großbürger-Familien des Kontinents angebahnt worden sein – was erklärt, warum die drittgrößte jüdische Gemeinde im Königreich Bayern (nach Fürth und München) zu jenem Städtchen mit seinen damals fünftausend Einwohnern gehörte.

Ab und an erreichten meinen Vater, der sich vor 1960 als Urologe der ersten Stunde wohl eines Moments medizinischer Prominenz erfreute, Anrufe von den zwei oder drei pompösen Kissinger Bade-Hotels, die ihn um Hilfe bei der Behandlung prominenter Gäste baten – und die Namen, an die ich mich in diesem Zusammenhang erinnere, lassen vermuten, dass jene jüdische Bourgeoisie, die allen Anlass gehabt hatte, nach dem ersten Weltkrieg (und vor allem nach 1933) Europa zu verlassen, in den Sommern der frühen Bundesrepublik nach Bad Kissingen zurückgekehrt war. Von meinem Vater begeistert muss vor allem Adolf Axelrath aus New York gewesen sein.

Er war ein klein gewachsener Mann, der im Vergleich zu den Onkels und Großvätern meines Alltags sehr gepflegte Haut, einen dunklen Teint und viele Altersflecken hatte, ein irgendwie altmodisches, etwas wienerisches Deutsch sprach, das zugleich amerikanisch klang (von der damals noch offiziellen “amerikanischen Besatzung” war uns jener Akzent vertraut), sehr distinguiert wirkte, sich ebenso elegant wie teuer kleidete (Schweizer Schuhe und italienische Krawatten) – und vor allem uns alle mit der freundlichen Souveränität seiner Umgangsformen beeindruckte. Nie sonst in meinem Leben war ich dem Stil des klassisch-europäischen Bürgertums so nah, und nicht zufällig erinnerten mich viele Jahre später einige Portrait-Photos des großen Literaturwissenschaftlers Erich Auerbach eben an Adolf Axelrath. Sein in den Worten und Vorstellungen meiner Mutter “traumhaftes” Vermögen hatte mit einem damals auf dem amerikanischen Markt offenbar sehr erfolgreichen Produkt namens “Caddie” (nach dem Assistenten der Golfspieler) zu tun, einem Schuhlappen, in den Schuhcreme imprägniert war. Dass es sich bei “Caddie” um ein Investionsobjekt handelte und nicht etwa um ein Produkt, an dessen Herstellung Herr Axelrath mitgewirkt hatte, verstanden wir nicht so recht, weshalb wir ihn baten, doch beim nächsten Besuch einige Caddie-Tücher für uns mitzubringen.

Da ich noch heute gerne an meine zwei Tage in der Nähe von Adolf Axelrath denke, habe ich auf dem Internet nachgesehen, welche Spuren er hinterlassen hat, und bin aufgrund von ein paar dürren chronologischen Daten zu der Vermutung gelangt, dass er der 1886 (vielleicht im heutigen Rumänien, dafür spräche sein Familenname) geborene und 1970 in New York gestorbene Adolf Axelrath gewesen sein muss, der 1920 in die Vereinigten Staaten eingewandert war, 1925 (zum rechtlich frühest möglichen Termin) die amerikanische Staatsangehörigkeit beantragte, vor 1940 einmal nach Europa reiste, und dann mehrfach nach Ende des Zweiten Weltkriegs, in den Jahren 1947, 1950, 1951, 1952, 1954, 1955, 1956 und 1957. Es waren wohl diese beiden letzten Jahre, in denen die Axelraths unsere Familie für je einen Sonntag nach Bad Kissingen einluden.

Das Mittag- und das Abendessen wurden in ihrem schönen Appartment mit anliegendem Garten serviert, und ich kann die erste holländische Sauce meines Lebens, das zarte Steak und vor allem das Nachtisch-Soufflé noch auf der Zunge spüren. Die livrierten Kellner taten ihr Bestes, großstädtisch zu wirken und mit Frau Bessye Axelrath (ich übernehme die Schreibung vom Internet), die kaum Deutsch sprach, auf Englisch zu reden. Für die Erwachsenen gab es Champagner auf einer Terrasse mit Hollywoodschaukel, Herr Axelrath berichtete, wie er in seinem bewegten Leben sieben Sprachen gelernt hatte, und Bessye, die eigene Kinder vermisste, hielt auf ihrem Schoß meine kleine Schwester, die damals zwei oder drei Jahre alt gewesen sein muss. Die Eltern ließen sich Photos von der Wohnung der Axelraths in Manhattan zeigen, von ihrem letzten PanAm-Abflug am Flugplatz Idlewild und natürlich auch von der Fabrik, wo die “Caddies” hergestellt wurden.

Über den Krieg oder gar die Jahre des Nationalsozialismus sprach niemand, nur von der Freude, für einen Sommer wieder “in der Heimat” zu sein. Bessye verglich meinen Vater mit den Filmschaupielern jener Zeit und meine Schwester mit Shirley Temple, während Herr Axelrath mich geduldig vom Heimatkunde-Unterricht erzählen ließ. Wie ein sanfter Flug in der Frühsommer-Luft vergingen jene Sonntage – weit von unserem Alltag entfernt. Im zweiten Jahr hatten die Axelraths Geschenke mitgebracht. Ein rotes “Babydoll”-Kleidchen für meine Schwester und eine Polaroid-Kamera für mich, mit der ich viele verwackelte Blitz-Photos machte, die nach vierzig Sekunden surrend und mit betäubend-chemischem Geruch aus einem Schlitz in der Kamera fuhren. Dazu gab es wieder holländische Sauce, Soufflé – und Champagner für die Erwachsenen. Freundliche Zukunftspläne wurden geschmiedet, doch das Internet verzeichnet keine weitere Reise der Axelraths nach Deutschland.

An jenem letzten Sonntag sprach meine Mutter, eher ungeschickt wohl als mit irgendeiner aggressiven Absicht, von Kissingen als dem “Judenbad” — und löste einen beklemmenden Moment des Schweigens aus. Meine Eltern hatten Bessye und Adolf Axelrath gerne, waren stolz auf ihre Sympathie — aber wollten sich auf der anderen Seite ihnen gegenüber keinesfalls schuldig fühlen. Dass sie zuhause bei der nächsten Gelegenheit wieder von Juden als “Itzichs” sprachen, empfanden sie nicht als Widerspruch – und schon gar nicht ihre heftige Polemik gegen den Begriff der “Kollektivschuld” oder die Freundschaft mit anderen namhaften Patienten, die stolz auf ihre Kriegsverbrechen waren. Noch gehoerte das Wort “Holocaust” nicht zur deutschen Sprache, und die Entdeckung, dass der amtierende Bundespräsident Häftlinge zum Bau von KZ-Baracken abgestellt hatte, tat die nationale Öffentlichkeit als bedauerliche Kleinigkeit ab. Die aktive Bewältigung der jüngsten deutschen Vergangenheit lag in einer Zukunft, mit der niemand rechnete.

All dies war die „krude“ (hat Paul Celan damals geschrieben) Umwelt der Idylle von Bad Kissingen. Nur wenige Zeitgenossen sind übrig geblieben, in deren Gedächtnis sich solche unvermittelten Szenen eingeätzt haben. Sie und das Gefühl, dass es keine Versöhnung geben kann, nur Scham, werden mit uns sterben.

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