Digital/Pausen

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Hans Ulrich Gumbrecht lehrt Literatur in Stanford und bedauert es, zu alt für eine Karriere-Chance als Trainer im American Football zu sein.

Und wenn Trump gewänne?

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Es sieht ja kaum danach aus, das müssen auch die hartnäckigsten Amerika-Pessimisten zugestehen. Die Zahl der Wahlmänner (gibt es eigentlich auch “Wahl-Frauen”?), welche sich darauf festgelegt haben, ihre Stimme Hillary Clinton zu geben, macht einen Sieg von Donald Trump statistisch schwer vorstellbar – ja beinahe unmöglich. Ähnliches deuten die verschiedenen, immer deutlicher konvergierenden Wähler-Umfragen an. Vor allem gibt es eine Tradition in der komplizierten Maschinerie der amerikanische Präsidentenwahl, nach der auf der Schlussstrecke – und oft im Gegensatz zu den sensationsträchtigen Wochen der “Primaries” – meist die weniger exzentrischen Kandidaten, ja tatsächlich die Kandidaten des politischen Establishments an Unterstützung gewinnen.

Man könnte auch mit einem Schuss von Zweck-Optimismus sagen: die kollektiven Entscheidungen der amerikanischen Wähler sind am Ende meist besser als ihr Ruf. Andererseits hat Donald Trump während des vergangenen Jahres unzählige kurzfristige Prognosen widerlegt, er hat eine grundlegende Prämisse über die unvermeidlich negative Auswirkung fortgesetzter Skandale auf das Wählerverhalten aufgehoben und zeigt nun seit etwa zehn Tagen, dass ihm als erstem Kandidaten in der Geschichte wohl selbst wehleidig angeschlagenes Jammern über eine “Verschwörung” gegen seinen Anspruch auf die Präsidentschaft hilft. Außerdem gibt der Ausgang der Brexit-Abstimmung in Großbritannien ja Anlass, Vorausberechnungen heute skeptischer denn je zu beurteilen. Vor dem 8. November mag Donald Trump also durchaus angezählt wirken, aber er wird nicht vorab auszuzählen sein. Frühestens am Ende des Wahltags kann die Vorstellung von vier weltpolitischen Jahren unter seiner Führung zu einer Zukunft und einem Albtraum der Vergangenheit werden.

Dabei hat sich die internationale Mehrheit jener Beobachter, welche eine Präsidentschaft Trumps fürchten, bisher noch kaum gestattet, das Bild einer solchen Zukunft halbwegs realistisch auszumalen. Dies hat sicher damit zu tun, dass uns die täglich gleiche und doch nie ganz vorhersehbare Trump-Realität in Atem hält, und dass der angebliche Multi-Milliardär mittlerweile ganz explizit und beinahe stolz auf die kategoriale Lücke zwischen seinen Wahlkampfankündigungen und denkbaren Entscheidungen als Präsident verweist. Jene berühmte “Mauer” zum Beispiel, mit der er uns amerikanische Bürger vor mexikanischen Einwanderern schützen will, oder die Strafverfolgung, welche Hillary Clinton ins Gefängnis bringen soll, haben einen sehr spezifischen, aber begrifflich nur schwer zu fassenden Status zwischen politisch wirksamer Imagination und konkreten politischen Projekten, an deren Realisierung kaum jemand glaubt. So herrscht unter Spezialisten und Laien eine qualitativ neue Ungewissheit im Hinblick auf die Frage, wie die ersten Wochen, Monate und dann die Jahre einer Trump-Präsidentschaft aussehen könnten.

Würde die amerikanische Wirtschaft so positiv reagieren, wie sie es aufgrund von Trumps vagen Versprechungen über seine Steuerpolitik eigentlich tun sollte, oder müssten sich die Zeichen einer Irritation verstärken, welche während der vergangenen Wochen und Tagen im Vordergrund standen? Würde sich eine Trump-Regierung wirklich die Mühe machen, mit neuen sozialpolitischen Programmen jenen weißen Unterschichten ohne Lobby langfristig zu helfen, die sie an die Macht gebracht hätten? Könnten sich jene Andeutungen von militärischen Entscheidungsträgern konkretisieren, nach denen sie für Fälle denkbarer Befehlsverweigerung gegenüber einem Präsidenten Trump als ”Commander in Chief” mit der Unterstützung des Obersten Gerichtshofs rechnen? Würde die russische Außenpolitik auf erwartbare Avancen eines neu besetzten amerikanischen Außenministeriums positiv reagieren (wenn es zu solchen Avancen je wirklich käme)? Wäre Trump imstande, das Amt des Präsidenten zu nutzen, um sich an der republikanischen Partei für mangelnde Unterstützung im Wahlkampf — mit institutionell tödlichen Maßnahmen — zu rächen, oder gäbe seine Präsidentschaft der Partei eine Chance zur Regenerierung und sogar zur neuen Identitätsbestimmung? Fest steht allein, dass jegliches internationale Prestige der Vereinigten Staaten (von “Autorität” wagt man in diesem Zusammenhang kaum noch zu reden) im Fall des Trump-Siegs eine Implosion von singulärer Dramatik und mit möglicherweise auch international gravierenden Folgen erleiden würde – und damit setzte sich nur eine Entwicklung fort, die schon viel früher mit den aufsehenerregenden Erfolgen des Kandidaten Trump eingesetzt hatte.

Jener unerhörte Grad an Ungewissheit hinsichtlich der frühen Folgen eines Wahl-Ereignisses, das sich immer noch einstellen kann, muss als eine erste verblüffende Neuheit in der historischen Situation unserer Gegenwart gelten. Gerade sie konfrontiert viele von uns mit den virtuellen Szenarien einer Angst, die wir anscheinend nicht abrufen wollen (oder können), bevor dies unvermeidlich wird. Ähnlich ungewiss, aber aus einer Tradition geschichtsphilosophischer (oder auch stammtischartiger) Spekulationen eher vertraut sind die langfristigen Visionen von Folgen einer Trump-Präsidentschaft. Prinzipiell mögen solche Visionen zunächst in eine Richtung streben, die man als “Gnade des Nicht-Spektakulären” zu charakterisieren versucht ist. Denn es ist ja nicht ganz auszuschließen, dass ein Präsident Donald Trump nach den alle Dimensionen politischer Vernunft und Tradition sprengenden Eskapaden als Wahlkämpfer dann im Weißen Haus um viele Gänge auf eine Form fast vertrauter Vernunft zurückschaltete. Vielleicht dürfen wir in dieser Hinsicht sogar einige Hoffnung auf die Trägheit jener (nicht nur) politischen Institutionen setzen, auf die sich jeder Präsident verlassen muss — und die immer seine Möglichkeiten plötzlicher und dramatischer Umgestaltung begrenzen.

Von dieser banalen, aber doch plötzlich wie ein Trost wirkenden Hoffnung einmal abgesehen, erscheint Donald Trump – in einem weiteren Kontext – als der extremste Protagonist, als das extremste Sympton einer ganz neuen Spannung, in der das Überleben der Politik, wie sie sich als Praxis und System der westlichen (und heute globalen) Lebensform seit dem achtzehnten Jahrhundert entwickelt hat, plötzlich auf dem Spiel steht. Es ist die Spannung zwischen der wachsenden Überzeugung, dass unser kollektives und individuelles Leben von einer Minimierung oder gar Abschaffung der klassisch-politischen Institutionen profitieren müsste (das heißt: zwischen der praktischen Tendenz zum Post-Politischen) auf der einen und auf der anderen Seite einer neuen Bereitschaft, den Entscheidungen und der Sorge des Staats größere Tranchen persönlicher Verantwortung und Initiative zu überlassen als je zuvor. Beide Tendenzen lassen sich deutlich in Europa und auf den beiden amerikanischen Teil-Kontinenten beobachten – wobei man auch die emergierende Form der Politik in der Volksrepublik China als eine Variante der gegenwärtigen Konzessionen an den Staat deuten könnte. Doch die jeweiligen Macht-Verhältnisse zwischen den beiden Extremen sind regional ganz verschieden.

Wie zur Bestätigung einer derzeit viel zitierten Prognose von Karl Marx, nach der ein historischer Fluchtpunkt Europas im immer weiteren Anwachsen des Staates und jener Nordamerikas in seiner fortschreitenden Aufhebung liegen soll, steht in den Vereinigten Staaten die Seite der Berufspolitiker und des existierenden Staats (sprich Hillary Clinton) unter deutlichem Druck, gerade ihre institutionelle Dimension zurückzunehmen, während sich in Europa die neuen populistischen Staats- und Politik-Kritiker (ob aus AfD oder Front National) verpflichtet fühlen, hinter einem überraschenden Recyling des Nationenbegriffs ihre Tendenzen zur Aufhebung zentraler politischer Macht zu verbergen. Innerhalb dieser internationalen Situation steht Donald Trump jedenfalls für die staatsfeindliche Tendenz, welche in den Vereinigten Staaten dominiert — zumindest bei den älteren und mittleren Generationen, denn die Vorwahl-Begeisterung der jüngeren Wähler für Bernie Sanders schien Symptom einer überraschenden Sehnsucht nach Wohlfahrtsstaatlichkeit europäischer Machart zu sein.

Die post-politische Position, wie sie sich in dem Slogan manifestiert, man solle “einem erfolgreichen Geschäftsmann — und nicht mehr den Politikern — die Nation anvertrauen”, hat Donald Trump mit dem mentalen Stil der Reality Shows verknüpft, der wohl erst durch seine Intervention von einer spielerischen Variante zu einer neuen Form ernsthafter politischer Wirklichkeit geworden ist. Diese Kombination hat, wie man an ihrem Ausbleiben in Europa und Südamerika sieht, nicht den Status einer logischen oder funktionalen Notwendigkeit unserer Gegenwart, sondern muss als Trumps genuine Erfindung gelten (derer er sich möglicherweise nicht einmal bewusst ist) — jedenfalls aber als jene Erfolgsformel, die erklärt, warum die üblichen politischen Erfahrungen und Prognosen an seinem Wahlkampf bisher zerschellt sind. Bedingung des Erfolgs von Reality Shows ist die paradoxale Begierde nach medial gelieferten Eindrücken von starker, unmittelbarer Präsenz, eine Begierde, wie sie in einer Alltagswirklichkeit entstanden ist, der es gerade aufgrund der Allgegenwart von Medien und medialer Vermittlung an Unmittelbarkeit mangelt. Anders gesagt: über Reality Shows erzeugen die Medien jene Präsenz und Resonanz, die sie selbst beständig erodieren und zerstören. Da aber allein Präsenz und Intensität geliefert werden müssen, spielt der Bezug von Inhalten (Gesprächs-Inhalten, Rede-Inhalten, Spiel-Inhalten) zur Wirklichkeit eine weniger als untergeordnete Rolle. Lügen, Widersprüche und Inkonsistenzen sind nicht mehr sanktioniert.

Trump hat sein Talent der Resonanzerzeugung aus der Gattung der Reality Shows in die Politik übertragen, was vielleicht nicht nur seine Immunität gegen die Wirkung von Skandalen, Widersprüchen und Lügen erklärt (die in seiner Welt natürlich weder den Status von Widersprüchen noch von Lügen haben) – sondern auch die eingangs beschriebene Unmöglichkeit, seine politischen Handlungen und Entscheidungen im Fall eines Wahlsieges vorherzusagen. Denn die Dimension von Projekten und Entscheidungen, von Argumenten und Handlungsstrukturen existiert nicht in seiner Welt der Dauer-Präsenz und Dauer-Resonanz, so wie es auch kaum abgeschlossenen Sätze in Trumps Einlassungen bei den Fernsehdebatten gibt – oder geben muss (ebensowenig wie eine mittelfristige Planung durch sein Wahlkampf-Team). Wie das Argumentieren und die Tradition politischer Rhetorik spätestens seit der zweiten Kandidatendiskussion zwischen Donald Trump und Hillary Clinton ganz aufgehoben schienen, ginge wohl auch ein Einzug Trumps ins Weiße Haus als “Ende der Politik” tiefer, als wir es uns bisher vorgestellt haben. Ein Präsident, dessen (dann erfolgreiche) Strategie darin gelegen wäre, sich ganz bewusst auf entscheidende Debatten nicht vorbereitet zu haben, müsste zum Ende der Politik nicht allein im neoliberalen Sinn einer Schrumpfung des Staats werden, sondern vor allem über die Aufhebung einer Mentalität von Planung, Argumentation und Handeln zugunsten der absoluten Priorität von Präsenz und Resonanz.

Wenn die nüchtern langfristige Antwort-Variante auf die Frage “Und wenn Trump gewänne?” im hoffnungsvollen Verweis auf die positive Trägheit der Institutionen liegen musste, so lässt ihre melodramatische, ja Hollywood-artige Version das Bild eines drohenden Zusammenbruchs von Politik, Wirtschaft und Militär in einer den Konventionen und Gesetzen einer Reality Show unterworfenen Wirklichkeit entstehen. Wie würden eine Gesellschaft und ihre Individuen auf diese Zerstörung ihrer Lebensbedingungen in der Absenz jeglicher politischen Verantwortung und Planung reagieren? Da legale und (doch weiter) politische Gegen-Strategien unter solchen Vorzeichen nicht mehr zur Verfügung stünden oder mindestens wirkungslos bleiben müssten, kann man sich eigentlich nur gewaltsamen Widerstand vorstellen, gewaltsamen Widerstand auch und vor allem seitens derer, die am meisten zu verlieren hätten. Gewaltsamen Widerstand von denen, die dann aus verschiedenen Gründen auf Parteien und Lobbies nicht mehr rechnen könnten – und das liefe auf einen Bürgerkrieg in den Vereinigten Staaten hinaus, den jene Seite siegreich beschließen müsste, welche sich die Unterstützung des Militärs sicherte.

Nicht mehr ein Bürgerkrieg aufgrund von Klassen-Spannungen und mit dem Ziel größerer Gerechtigkeit (in der Tradition des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts) wäre das, sondern ein Bürgerkrieg um die Erhaltung von Überlebensbedingungen, ein Bürgerkrieg der durchaus egozentrischen praktischen Vernunft vor allem der Reichsten gegenüber einer auf Resonanzverstärkung als ihrem einzigem Wert fixierten Regierung mit ihrer Wählerschaft. Am Ende dieses Kriegs könnte dann die Übernahme der klassischen Funktionen des Staats durch private Unternehmen stehen – als die Realisierung einer Utopie, die in der Geschäftswelt heute schon längst kursiert und sogar floriert. Ist diese Utopie eine Katastrophen-Alternative zur immer noch denkbaren denkbaren Trump-Apokalypse?

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