Digital/Pausen

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Hans Ulrich Gumbrecht lehrt Literatur in Stanford und bedauert es, zu alt für eine Karriere-Chance als Trainer im American Football zu sein.

„Micro Agressions“ und neue „Political Correctness“: wie wahnsinnig ist Amerika?

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Alle vier Jahre spült der so außergewöhnlich lange amerikanische Präsidentschaftswahlkampf vierlerlei Berichte über den Zustand der Vereinigten Staaten in alle Welt – und die internationalen Reaktionen laufen eigentlich immer auf denselben Eindruck und Fluchtpunkt gemeinsamer Zufriedenheit hinaus: die (vermeintliche) Führungsnation der (westlichen) Welt befinde sich in einem Zustand beschleunigter Dekadenz, eine Sicht, welche die „Zeit“ jüngst bestätigte und in der rhetorischen Frage komprimierte, ob „Amerika wahnsinnig geworden“ sei. Noch deutlicher als sonst hat sich diesmal der im Prinzip ja zutreffende Gemeinplatz von „Amerika als Land der Extreme“ bestätigt. Auf der einen Seite verläuft eine politische Auseinandersetzung, deren Ton und Drama von einem Kandidaten ohne jegliche soziale Selbstkontrolle beherrscht wird; auf der anderen Seite wird zugleich und neben dem Wahlkampf eine neue Welle politischer Korrektheit sichtbar, welche Vorwürfe der Beleidigung und der mangelnden Sensibilität ganz und gar von Intentionen abkoppeln will.

Donald Trump, lässt sich bestenfall sagen, nimmt auch dann kein Blatt vor den Mund, wenn ihm bewusst ist, dass seine Worte potenzielle Hörer verletzen können, ja verletzen müssen. „Micro-Aggression“ als jüngster Programm-Begriff am anderen Ende des politischen Spektrums soll dagegen unsere Aufmerksamkeit für jene tatsächlich existierenden Situationen schärfen, in denen man sich irritiert fühlt, obwohl man weiß, dass niemand eine solche Absicht hatte. Zum Beispiel tun mir nach siebenundzwanzig Jahren in Amerika die von meinem nicht ganz zu löschenden deutschen Akzent ausgelösten Fragen weh, „woher ich denn komme“ oder „wie lange mein Urlaub in Kalifornien noch dauern werde“ – doch ich schweige mit dem Gedanken, dass ein mehr als gelegentlicher individueller Protest oder gar eine Kampagne zur Vermeidung derartiger „Micro Agressions“ auf ein allgemeines Redeverbot hinauslaufen müssten.

Die Institutionen unseres Landes hingegen, von der jetzt noch mit Politikern der demokratischen Parteien besetzen Bundesregierung bis hin zu den Universitäten und Schulen, haben tendenziell die politisch korrekten Impulse alten wie neuen Ursprungs unterstützt oder sogar gestärkt, was die breiten positiven Reaktionen auf Trumps spontane und strategisch gesetzte Tabubrüche erklärt. Beide Positionen jedenfalls stehen sich zwar in extremer Verschiedenheit, aber auch als komplementäre Dimensionen derselben Gegenwart gegenüber – und scheinen die Nation zu spalten. Trump profitiert einfach davon, dass der erstaunlich konsequente Minderheitenschutz des Staaten-Bunds und der Bundes-Staaten breite Schichten der immer noch bestehenden „weißen Mehrheit“ weiterhin stört – und liefert gleichzeitig allen politisch korrekten Fraktionen (insgeheim willkommenen) Anlass zur Entrüstung.

Doch wie unterscheidet sich die neue politische Korrektheit der „Micro Agressions“ (und der unter dem Begriff der „trigger warnings“ laufenden Forderung, in jeder öffentlichen Situation vorab auf Worte, Argumente oder Positionen hinzuweisen, die möglicherweise Unbehagen auslösen könnten), wie unterscheidet sich diese neue politische Korrektheit von ihrer längst „klassisch“ zu nennenden Vorgänger-Welle? Die plötzlich „alte“ Korrektheit trat zuerst an der Wende zu den neunziger Jahren auf und gehörte wohl, wie nun mit einem Mal deutlich wird, zu den Reaktionen auf das Ende des Staatssozialismus. In dem Maß, wie seit 1989 die kapitalistische Welt als Rahmen von Lebensformen ohne Alternative blieb, entstand, vor allem durch die damals schon eher alte Generation der „Studentenrevolution von 1968“ (oder der „baby boomers“) getragen, eine Tendenz, „kritische“ Gegen-Normen von der Innenseite der Gesellschaft zur Geltung zu bringen. Von Beginn an trug der für diese Bewegung benutzte Name der „politischen Korrektheit“ einen vor allem polemischen Ton. Wer aber selbst „politisch korrekt“ genannt wurde, der sah im Normalfall seine ethischen Optionen als evident oder gar natürlich an. Dass beide Seiten jener Polemik so viele Anhänger gewannen, mag wohl mit der Intuition zu tun gehabt haben, dass die post-sozialistischen Gesellschaften und Kulturen kaum mehr irgendwelche Normen als verbindlich vorgaben. Den so entstehenden Leerraum füllten dann sehr schnell jene zwei konkurrierenden Wert-Konfigurationen, deren „links-liberale“ Variante sich darüber hinaus mit Geschick eine schon seit der Epoche der Aufklärung existierende Assoziation zwischen Rollen wirtschaftlicher oder sozialhierarchischer Unterlegenheit und einem moralischen Bonus zunutze machte („Leiden verdient Mit-Leid und Unterstützung“).

Gerade die Opfer-Dimension ist nun in der neuen politischen Korrektheit und ihrem Zentralbegriff der Mikro-Aggression weiter in den Vordergrund getreten. Wer immer (ganz unabhängig von seiner politischen Position) in die Welt der Kommunikation eintritt, erscheint schon als ihr potentielles Opfer. Damit wird zum einen verständlich, warum unter der neuen Energie die traditionelle politische Polarität zwischen „rechts“ und „links“ derart vage geworden ist, dass sich nicht wenige Protagonisten der „progressiven“ Vorläufer-Bewegung frustriert fühlen – zum anderen und vor allem aber kann man nun ahnen, warum sich angesichts des unbegrenzten Opfer-Verdachts der Eifer einer vorwegnehmenden Identifizierung und Neutralisierung potenzieller Aggressions-Quellen in den Vereinigten Staaten mittlerweile zur Ekstase gesteigert hat. Wenn ihre Gegner den traditionellen Diskurs der politischen Korrektheit wegen seiner Tendenz kritisiert hatten, immer wieder über den durch Gesetzte vorgegeben moralischen Verhaltensrahmen hinauszugehen, so hat die neue Utopie und Sehnsucht nach einer aggressionsfreien Welt diese Grenze inzwischen weit hinter sich gelassen. Die Welt wird systematisch nach Aggressionen durchsucht. An der Princeton University zum Beispiel haben (nicht nur afro-amerikanische) Studenten darauf gedrängt, den Namen des ehemaligen Princeton-Präsidenten (und späteren Präsidenten der Vereinigten Staaten) Woodrow Wilson von mehreren Gebäuden und Institutionen zu beseitigen, weil sie Zitate von Wilson entdeckt hatten, die heute möglicherweise – anders als in seiner Lebenszeit des frühen zwanzigsten Jahrhunderts – als „rassistisch“ interpretiert werden könnten.

So weit, so gut (oder „so schlecht“). Was an dieser Situation muss nun als „spezifisch amerikanisch“ oder gar als Symptom eines „amerikanischen Wahnsinns“ gelten? Gewiss nicht die klassische „politische Korrektheit“ aus dem späten zwanzigsten Jahrhundert. Sie hat ihr europäisches Äquivalent (auch was die Entstehung angeht) in einer Moral und Lebensform, welche Elemente aus der sozialdemokratischen Tradition mit Motiven einer jüngeren „ökologischen“ Sensibilität kombiniert. Transnational und sozial hat sie sich mit einer solchen Breite institutionalisiert, dass sie viele Europäer – und vor allem wohl: viele Deutsche – als „natürlich“ und mithin alternativenlos ansehen. So wird verständlich, wie in den vergangenen Jahren (und ich glaube: allzu schnell) angesichts der Emergenz neuer Parteien und politischer Gruppen, die für sich den Begriff und den alten Wertekanon der „Nation“ wiederentdeckt haben, immer wieder Vorschläge zu ihrer Elimierung als „verfassungswidrig“ laut wurden. Für diese Bewegungen muss unter demokratisch-parlamentarischen Bedingungen aber gelten dürfen, was auch Trump und seine Anhänger für sich in Anspruch nehmen können – nämlich die Nicht-Identität zwischen Mehrheitsmeinungen und der von den Institutionen des Staats zu verteidigenden Breite des möglichen Meinungsspektrums. Mehrheitsmeinungen sollten sich nie zu Ausschließlichkeitsforderungen entwickeln.

Aus dieser Perspektive haben auch die in Europa wie in in den Vereinigten Staaten heute so häufigen Klagen über die „Spaltung der Nation(en)“ eine problematische Implikation, denn sie scheinen ja ein absolut gesetztes Ideal des Konsensus zu unterstellen, das historisch gesehen eine Affinität zu Formen des Totalitarismus ausweist. Angesichts der erstaunlich massiven Beistimmung, die sie finden, müssen Trump wie die AfD – leider, mag man sagen – möglich sein dürfen. Denn sie sind Symptome gesellschaftlicher Bedürfnislagen und sollten als solche zunächst ernstgenommen werden – bevor man sie dann mit Argumenten und politischen Vorschlägen oder Maßnahmen bekämpft. Der Unterschied zwischen Trump und den neuen europäischen National-Bewegungen liegt also keinesfalls in ihrer politisch-strukturellen Position und kaum in ihren Inhalten, sondern vor allem im politischen Stil. Trump hat die Präsenz-Gesten aus der Medienkultur der „Reality Shows“ mit bedrohlichem Erfolg in die politische Öffentlichkeit eingeführt und wirkt (vorerst noch) so exzentrisch, weil er sich auf dieser Stil-Grundlage um die Konsistenz seiner Positionen oder gar um Argumente kaum mehr kümmern muss, solange er nur affirmative Resonanz provoziert. Eben deshalb wirken seine potenziellen europäischen Alliierten von der neuen Rechten in ihren stilistisch besseren Momenten vergleichsweise zivilisiert.

Was ich in Europa aber tatsächlich nicht entdecken kann (und vielleicht doch bloß übersehe), ist eine Parallele zu der – so eifrig präventiven – neuen politischen Korrektheit der jüngeren Generation. An ihrer Existenz als Lebensform vieler College-Studenten (im Normal-Alter zwischen achtzehn und zweiundzwanzig Jahren) fällt mir vor allem auf, dass sie dort nur gelegentlich individuellen Protest auslöst – und offenbar nie eine sozial oder gar politisch konturierte Gegenposition. Möglicherweise fungiert die neue politische Korrektheit hier als die – noch allzu laut artikulierte – Vorwegnahme einer zukünftigen Art von Kommunikation unter sich rasch verändernden demographischen Bedingungen. Ich erlebe die Studenten in meinen Seminaren und Vorlesungen als intellektuell (auf höchstem Niveau) homogen – und nur gelegentlich wird mir bewusst, dass die Zahl der kulturellen, sprachlichen und auch religiösen „Hintergründe“, denen sie angehören, manchmal der Zahl ihrer Namen entspricht. Unter solchen Bedingungen steigt natürlich die Wahrscheinlichkeit und die Gefahr, andere mit den als „natürlich“ vorausgesetzten eigenen Meinungen zu irritieren oder gar zu verletzen.

Anders gesagt: In der jüngsten Studentengeneration sind offenbar eine neue Offenheit und ein neuer Ton des Umgangs entstanden, die meiner älteren Generation fremd bleiben mögen, aber gerade in dieser Differenz eine utopische Möglichkeit haben. Lästig wirken solche Formen erst, wenn sie eine Fusion mit den Konventionen der alten – „unserer“ – politischen Korrektheit eingehen und so zu politischen Programmen und Vorschriften werden. Vielleicht gehört der neue Ton ja auch zu einer positiven Zukunft Europas – zu einer Zukunft Europas in der Gegenwart der Migrationen. Mit „Wahnsinn“ hat er jedenfalls nichts zu tun.

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