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Digital/Pausen

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Hans Ulrich Gumbrecht lehrt Literatur in Stanford und bedauert es, zu alt für eine Karriere-Chance als Trainer im American Football zu sein.

Was kann „Weltliteratur“ heute sein?

Während der vergangenen zwei oder drei Jahrzehnte hat der Gebrauch des Begriffs “Weltliteratur” deutlich zugenommen, und er wird nicht nur unter deutschen Literaturwissenschaftlern oft mit einem Verweis auf Goethe beleuchtet – vermutlich deshalb, weil die Bedeutung des Worts sonst zunächst nicht viel herzugeben scheint. In seinen Gesprächen mit Johann Peter Eckermann hatte Goethe am Lebensende immer wieder von der “Weltliteratur” geredet, um gegen die Erfahrung und Darstellung großer Texte entlang nationaler Traditionen zu polemisieren, wie sie seinen romantischen Zeitgenossen so sehr am Herzen lag. Bedeutende Literatur sei in Form und Inhalt wesentlich “kosmopolitsch,” behauptete er dagegen, und dränge nach transnationaler Anerkennung. Dabei setzte Goethe, von wenigen Ausnahmen abgesehen, die Literatur der “Welt” mit Texten aus Europa gleich.

Genau dieser Gegensatz zwischen Goethe und den Romantikern gehörte im größeren kontinentalen Zusammenhang auch zur zeitgenössischen Entstehungs-Situation der Literaturwissenschaft als akademischer Institution. Rückblickend können wir erkennen, dass eine ihrer Funktionen darin lag, die idealtypischen Selbstbilder der heraufkommenden bürgerlichen Gesellschaften mit Bezügen auf Erzählungen, Gedichte oder Dramen zu illustrieren. In Gesellschaften, die aus einer Revolution hervorgegangen waren, also vor allem in Grossbritannien, den Vereinigten Staaten und Frankreich, malte die entstehende Disziplin jene Selbstbilder mit Motiven aus vielfältig verschiedenen Nationalliteraturen und aus vielerlei Epochen aus. “Literatur” erschien dann weder historisch noch national getönt – ganz nach dem Geschmack des wenig romantischen Goethe.

Wo hingegen Ansätze zur Revolution voerst gescheitert waren (wie in Deutschland oder auch Italien), da griffen die frühen Literaturwissenschaftler auf idealisierte Versionen vom Mittelalter der jeweils eigenen „Nationen“ zurück und liessen so betont historische Darstellungen ihrer Literaturen entstehen, was eine bestimmte Spezialistenkompetenz verlangte (man musste ja zum Beispiel ältere Versionen der nationalen Sprachen verstehen) und erklären mag, warum bis heute eigentlich nur im Deutschen von einer “Wissenschaft” der Literatur die Rede ist. Da sich die Form der nationalen Literaturgeschichte auch später noch unter dem Vorzeichen von spezifischen Krisensituationen gegen das Modell von Literatur als multinationalem Horizont durchsetzte (etwa nach der Niederlage Frankreichs im Krieg von 1870/1871 gegen Preussen), wurde sie Europa-weit zur dominanten akademischen Gattung und unter dem Einfluss des zugleich heraufkommenden historischen Bewusstseins sogar zu einem Medium der Entfaltung und Vergegenwärtigung nationaler Identitäten.

In der für Goethe nicht ganz geheuren Denkform der Literaturgeschichte galten als “klassisch” (und “eminent,” wie Hans-Geiorg Gadamer, der grosse Philosoph des historischen Verstehens, gerne schrieb) jene Texte der Vergangenheit, die trotz ihrer chronologischen Ferne – paradoxalerweise — “mit der Unmittelbarkeit” des Zeitgenössischen auf die Leser späterer Gegenwarten wirkten. Beinahe unbemerkt ist freilich inzwischen diese einst dominante Dimension des “Klassischen” von der Dimension des früher eher selten gebrauchten “Weltliterarischen” als höchstem Qualitäts-Prädikat für Literatur ersetzt worden. Der Begriff bedeutet zunächst nicht mehr, als dass ein Text (aufgrund seiner Qualität, unterstellen wir meist) in einer Vielzahl von Übersetzungen zugänglich wird – und er bezieht sich allgemeiner auch auf die globale Kommunikations-Kultur unserer Gegenwart, wo die Mehrzahl der Leser kaum mehr zwischen literarischen Texten in ihren Nationalsprachen und Texten in Übersetzungen unterscheidet; ebenso auf eine mehr als hinreichend bekannte, weil zum Normalfall gewordene “post-national” wirkende Situation, deren immer neue Beschreibungen und statistischen Erfassungen eigentlich niemand mehr braucht. Könnte man aber einen interessanteren, schärfer beobachtenden und — vielleicht auch (wie das Wort “klassisch”) — paradoxalen Begriff der “Weltliteratur” entwickeln? Einen Begriff, nach dem vielleicht gerade die Betonung des Spezifischen zur Voraussetzung für die weltweite Rezeption von Texten würde?

Ein solcher Begriff müsste beim Lokalen einsetzen, auf einer Ebene also, die sowohl das für viele unserer Zeitgenossen problematisch gewordenen Nationale wie das überkomplexe, jede Orientierung verweigernde Globale vermeidet. Das jeweils Lokale liesse sich dann als “Welt” (oder genauer als “Welten”) verstehen, in einem Sinn, der enger ist als im Wort von der “Welt-Literatur.” Lokal wirkt die “Welt” einer Region, einer Stadt, einer besonderen Landschaft. Dort beschwören die “Welten” Peripherien herauf, gleichsam poröse Außen-Bereiche und Aussen-Grenzen, die uns nicht beengen, aber doch den Gegenständen, die sie umfassen, Geschlossenheit geben.

“Welt” in dieser zweiten Bedeutung hat eine Affinität zur frühen Bedeutung des Wortes “Stimmung.” Noch einmal Goethe, nun allerdings der junge Goethe, sprach davon, dass zum Beispiel die Stimmung einer Schumacherwerkstatt alle dort versammelten Materialien, Werkzeuge und Menschen als Einheit zusammenbringe. Ausgelöst werden Stimmungen, könnnen wir ergänzen, von den leichtesten Berührungen materieller Umwelten auf unsere Körper. Das wechselnde Wetter verursacht Stimmungen, das Licht oder die Musik als Ganzkörper-Erfahrung. Solche Berührungen aktivieren – mit zumindest individueller Regelmäßigkeit – psychische Tonlagen. Toni Morrison hat Stimmungen deshalb beschrieben als das Gefühl, “von innen berührt zu werden” (“it is like being touched from inside”). Sie sollen dann weiter — in Assoziation mit dem Verb “stimmen” — die Fähigkeit haben, zwischen Emotionen und der Vernunft zu vermitteln, und wenn sich Stimmungen schliesslich einstellen, dann erkennen wir sie mit intuitiver Gewissheit (wie in dem idiomatischen Ausdruck “das stimmt”).

Wir können also sagen, dass Stimmungen die Substanz lokaler Welten sind, während deren natürliche räumliche Grenzen (die Grenzen eines Gebäudes, einer Landschaft) ihnen Formen geben. Überraschend (und zugleich folgerichtig) ist nun die Beobachtung, dass einige (viele?) der am höchsten kanonisierten literarischen Werke vor allem des zwanzigsten Jahrhunderts Texte sind, die sich auf lokale Welten mit ihren Stimmungen konzentrieren und sie gegenwärtig werden lassen. James Joyces’ “Ulysses” macht das Dublin eines spezifischen Tages, nämlich des 16. Juni 1904, präsent; Marcel Proust’s “A la recherche du temps perdu” die Pariser Gesellschaft mit ihren Landschaften vor und unmittelbar nach dem Ende des Ersten Weltkriegs; im Sommer vor dem Beginn desselben Kriegs spielt Robert Musils “Mann ohne Eigenschaften;” und die Substanz von Thomas Pynchons “Gravity’s Rainbow” ist die Stimmung des Bomben- und Raketenkriegs zwischen 1939 und 1945.

Diese Beobachtung einer Konzentration bedeutender literarischer Texte des vergangenen Jahrhunderts auf lokale Welten und ihre Stimmungen gilt sicher nicht allein für Romane, sondern auch für Gattungen wie Lyrik, Drama oder Essay. Es besteht tatsächlich eine paradoxale Relation zwischen solch inhaltlicher Konzentration und der globalen Resonanz, welche viele auf ihr beruhende Texte finden. Je thematisch lokaler und kompakter, desto weltliterarischer. Allerdings handelt es sich dabei um eine kulturhistorische Besonderheit unserer breiten Gegenwart.

Wir sehnen uns nach solcher Geschlossenheit lokaler Welten, weil viele von uns – oft aufgrund ihrer Computer-abhängigen Arbeitssituationen — in einer abstrakt globalen Sphäre leben, wo man sich nicht “zuhause” fühlen kann. Zugleich erleben wir den Übergang vom Alltag als einem Feld der Kontingenz hin zum Alltag als einem Universum der Kontingenz. Seit dem achtzehnten Jahrhundert erschien die Perspektive auf bestimmte Phänomene (und erst recht deren Identifikation und Interpretation) gleichsam “polyperspektivisch” in die Entscheidung von Individuen und ihren Urteilen gestellt. Auf diese Situation beziehe ich mich mit dem Wort “Kontingenz.” Freilich war die Perspektivenwelt der früheren Neuzeit umgeben von Phänomenen, die als (eindeutig und) notwendig und von solchen, die als (vorstellbar aber) unmöglich galten. Wie ein “Feld” war die Kontingenz also von nicht-Kontingentem begrenzt. Jene Bereiche, die als nicht-kontingente von der Verfügung menschlicher Freiheit ausgenommen waren, scheinen in unseren jüngsten Gegenwart nun zu verschwinden. Wir verlieren das Gefühl fuer das Notwendige (“Schicksalhafte”), aber auch für das Unmögliche (“Unerreichbare”). Daraus folgt ein wahrhaft ungeheurer Gewinn an Freiheit, aber auch die potenzielle Überforderung durch eine Welt, in der eben nichts mehr notwendig und nichts mehr unmöglich ist.

Solche Situationen und ihre (historisch spezifischen) existentiellen Prämissen mögen unsere Sehnsucht nach – wenigstens in der Fiktion bestehenden — lokalen Welten mit geschlossenen Stimmungen erklären und damit auch das paradoxale Zusammenspiel zwischen auf das Lokale konzentrierten literarischen Texten und der Welt-Resonanz, die viele von ihnen finden. Und es geht nicht ausschließlich um das Lokale. Auch die allzu oft als unzeitgemäß und als politisch gefährlich verteufelte Renaissance des Nationen-Begriffs in unserer unmittelbaren Gegenwart muss hier einen ihrer Gründe haben.

Möglicherweise gibt es ja, trotz allem politisch-korrekten Differenzierungsdruck und trotz der allgemeinen Phobie gegenüber Stereotypen, doch so etwas wie Grund- und Haupt-Stimmungen der verschiedenen Nationalkulturen. Im Leben vieler Portugiesen etwa und in der Kultur ihres Landes scheint die Stimmung der Melancholie eine viel größere Rolle zu spielen als im benachbarten Spanien. Sollte dies nicht zu tun haben mit dem dominierenden Selbstgefühl einer alten Seefahrer- und Navigatoren-Nation, deren Festland immer schon zu begrenzt war, um an die Möglichkeit einer Kontrolle des gesamten Kolonial-Reiches auch nur zu denken? Mit dem Selbstgefühl einer Nation, deren Mythos von einem jungen König erzählt (er heißt Dom Sebastiao), wie er einst den Hafen von Lissabon verlässt – um eines fernen Tages siegreich zurückzukehren? Mit einer Geschichte also, die ohne den formenden Raum-Einfluss des Landes als Stimmung gar nicht denkbar wäre?

Mehr als je zuvor könnte eine solche alte Geschichte gerade heute Teil der “Weltliteratur” werden.

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