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Digital/Pausen

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Hans Ulrich Gumbrecht lehrt Literatur in Stanford und bedauert es, zu alt für eine Karriere-Chance als Trainer im American Football zu sein.

Wie geht es weiter mit Silicon Valley? Distante Eindrücke aus der Nähe

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Dass ausgerechnet jene Technologie, welche die Relevanz des Raums für unsere Kommunikation eingeklammert hat (und deren Angestellte problemlos in Entfernungen von vielen Tausend Kilometern zusammenarbeiten können), dass ausgerechnet die elektronische Technologie in ihren verschiedenen Sparten an einen geographischen Ort gebunden bleibt, so als ob sie von einem Rohstoff abhinge, den es nur in Silicon Valley gibt, gehört zu den wirklich merkwürdigen und zugleich am wenigstens erwähnten Tatsachen unserer Gegenwart. Welche Notwendigkeit zum Beispiel bewegte den schon längst zum Milliardär gewordenen Ostküsten-Nerd Mark Zuckerberg dazu, aus Massachusetts nach Nordkalifornien zu ziehen? Warum lassen russische Oligarchen schwindelerregende Summen springen, um über eine Lobby zwischen San José und San Francisco zu verfügen? Eine erste Antwort mag allzu beeindruckt von ihrer eigenen Tautologie und Paradoxie wirken: gerade weil sich Silicon Valley an sovielen anderen Orten des Planeten hätte ereignen können, entstand dort eine Dynamik der Affirmation, welche den in der Retrospektive dominierenden Eindruck des Zufalls mittlerweile zu einem irrversiblen Faktum gemacht hat. Anders gesagt: je beliebiger ein Ort ist, an dem Spezialisten mit komplementären Profilen auf engem Raum zusammenkommen, desto größer und unvermeidlicher wird dessen Attraktivität für ihre Kollegen und Nachfolger.

Man glaubt in Silcon Valley die Innovations-Energie tatsächlich physisch zu spüren, jene nie aussetzende Überproduktion von ganz neuen Projekten, und auch die Bereitschaft, ihnen finanzielle Unterstützung gerade dann zu gewähren, wenn sie allzu exzentrisch wirken — selbst das sich meist bewährende Augenmaß, exzentrische Ansätze schnell und beinahe schmerzlos zu “terminieren,” wenn íhr ursprüngliches Erfolgsversprechen plötzlich verblasst. So etwa muss der heute entweder neidvoll oder voller Bewunderung beständig heraufbeschworene “Geist von Silicon Valley” funktionieren, zu dessen Stärke aus europäischer Wohlfahrtsstaat-Perspektive auch anscheinend infantile und sozial verantwortunglose Züge gehören.

Im Blick auf die Herkunft der Protagonisten und ihres Fußvolks ist diese Region in einem kaum überbietbaren Grad kosmopolitisch, während es sich andererseits kaum vermeiden lässt, für ihren Lebensstil das Wort “suburban” zu gebrauchen, das jeder auch nur halbwegs gebildete Amerikaner für den Gegenbegriff von gutem Stil hält. Gar nichts ist im Rahmen der übergreifenden Suburbanität spezifisch an den 50,000-100,000 Bewohner Gemeinden entlang der westlichen Bay von San Francisco, Sunnyvale etwa, Mountain View, Palo Alto oder Redwood City. Der Gebäude-Komplex von Google könnte, was Lage und Architektur angeht, auch zu einer kleinen Versicherungsgesellschaft in Connecticut oder einem Altersheim in Illinois gehören. Nur die Mieten sind über das vergangene Jahrzehnt exponentiell gestiegen — und steigen weiter. Derzeit muss man über 5000 Dollar pro Monat für ein einzelnes Zimmer mit Bad und das Privileg investieren, “nicht weiter als eine Meile von Google entfernt” zu wohnen. Solche Preise oder gar den Erwerb von Immobilien können sich nur Mitglieder der neuen elektonischen Klasse erlauben – was die Dienstleister aus ihren Wohnungen in Silicon Valley vertreibt und verpflichtet, täglich mehrere Wegstunden zu und von der Arbeit auf sich zu nehmen. Zugleich ist in dieser früheren Welt von MacDonalds und sehr elementarer chinesischer Küche nun auch eine Restaurantkultur im Entstehen, deren talentierte Chefs sich schnell den ersten Michelin-Stern erkochen und deren Manager wissen, dass Ihre (im harmlos-wörtlichen Sinn) neu-reiche Kundschaft Lebenstil lernen will, ohne sich belehrt fühlen zu müssen – und vor allem ohne zwischen Appetizer und Dessert mehr als siebzig Minuten am selben Tisch zu sitzen. Der Beginn einer post-bürgerlichen Lebensform?

What’s next in Silicon Valley? Antwort auf diese lokal allerwichtigste und nachhaltige Frage ist jene Energie, die aus dem Paradox einer Konvergenz zwischen zwei widersprüchlichen Bewegungen entsteht. Der kollektiv-individuelle Innovations-Wille schreibt einerseits vor, nie jene Trends zu versäumen, die andere initiiert haben und denen mittlerweile alle Welt folgt, doch andererseits gibt es auch den grenzenlosen Ehrgeiz, die eine nächste, alles Vorige hinter sich lassende Intuition zu haben. Ganz Silicon Valley ist auf diesen zeitlich engen Rand zwischen Trends und ihrer jeweiligen Aufhebung konzentriert, während man von langfristiger Planung oder gar von Unternehmensentwicklung kaum je hört. An die fast verzweifelte Antwort-Verweigerung einer Top-Managerin von Google angesichts der Frage kann ich mich noch gut erinnern, ob sie pro Jahr für Studenten unserer Universität fünf Stellen garantieren könne – nachdem sie gerade die Tausende von Talenten erwähnt hatte, die Google angeblich weltweit pro Woche fehlen.

Zu der doppelten Innovationslinie und dieser Absenz langfristiger Visionen passt es, dass Silicon Valley keinesfalls einer ausschließlich linearen Logik der Entwicklung elektronischer Technologie folgt. Wäre dies der Fall, dann gäbe es dort heute allein die Arbeit an “Artficial Intelligence,” an Programmen und Maschinen, die zu Agenten ihrer eigenen fortschreitenden Anpasssung an ganz verschiedene Umwelten und ihrer eigenen Leistungsmaximierung werden. Doch zugleich gibt es ja die Faszination der selbstfahrenden Autos, von denen man in Silicon Valley überall staatlich lizensierte Erlkönige sieht, und die plötzlich Google und auch Apple ebenso intensiv beschäftigt wie schon seit langem Tesla, den großen lokalen Produzenten elektrisch-elektronischer Autos; oder die neuen, im Preis drastisch reduzierten Solarzellen; oder das aus der Science Fiction-Tradition herausgeschnittene Bild von einer zukünftigen Menschensiedlung auf dem Mars. Keine Idee kann in Silicon Valley nicht zu einem Produkt werden, einschließlich des alle Vegan-Anforderungen erfüllenden “Kunst-Fleisches,” dessen Geruch unwiderstehlich ist — und das meinen Nachbarn schon in den ersten Wochen seiner Kommerzialisierung zum Multimillionär gemacht hat.

Was hält Silicon Valley in Bewegung? Unter Intellektuellen klassisch-westlichen Schlags dominiert eine ebenfalls klassische – genauer: marxistisch-klassische – Meinung zu dieser Frage. “Die Fäden ziehen SIE,” hörte ich neulich, “SIE,” die offenbar gesichtslosen Zyniker und Egozentriker, welche Milliardengewinne dafür einstreichen, dass sie mittels einer gesetzlich nicht eingedämmten Piraterie von riesigen Datenmengen ein wachsendes Potenzial der Kontrolle über “UNS,” die ebenso inkompeteten wie angeblich unschuldigen Opfer ihrer Manipulationen gewinnen. Doch stehen derartige Verschwörungstheorien nicht im Widerspruch zu dem Gestus der ganz großen Elektronik-Protagonisten, wie Bill Gates oder eben Mark Zuckerberg, die Beinahe-Totalität ihres Vermögens in philanthropische Projekte zu investieren, in die Entwcklung neuer Formen von Bildung und Ausbildung etwa, oder in intensive Forschung zur Eliminierung tödlicher Kinderkrankheiten? Ich weiß, es sieht naiv aus, beinahe schon wie ein Akt des Verrats an der jahrhundertelang hochgehaltenen Tradition intellektueller Paranoia, an den schlechten (oder zumindestens stets auf Steuer-Ersparnis ausgerichteten) Absichten der neuen Oligarchen zu zweifeln. Aber wer könnte denn ohne weiteres die Vermutung widerlegen, dass eine ihrer Hauptmotivationen in der Freude der Möglichkeit liegt, andere Menschen zu beschenken?

Donald Trump hat bisher nur wenige Einwohner von Silicon Valley begeistert. Das mag mit einer stilistischen Diskrepanz zu tun haben, mit einer Diskrepanz zwischen der schweren Haarmähne des kommenden Präsidenten und der Tendenz von Silicon-Valley zum natürlich Jeans- und sogar Hoodies-tragenden Understatement. Trump hat den Staat erobert, um ihm eine radikale Schrumpfkur angedeihen zu lassen. Am weitest denkbaren Zukunfts-Horizont der Silicon Valley-Welt hingegen steht eher ein Traum von der gänzlichen Aufhebung des Staates (jetzt schon!) durch opulente private Spenden – und eines Tages vielleicht auch durch private Korporationen, welche Staatsfunktionen übernehmen und damit erheblich verdienen sollen. Die aus logischen Gründen fast unvermeidliche Neigung von Silicon Valley im Spektrum der Positionen amerikanischer Politik gehört deshalb dem “Liberitarianism” als einer, wenn dieses Wort überhaupt noch eine Bedeutung haben kann, soziologisch gesehen “konservativen” Version der anarchistischen Träume aus dem neunzehnten Jahrhundert vom einem Leben ohne Staat. Aber Donald Trump und Silicon Valley werden sich mit ihren verschiedenen Visionen von der Zukunft des Staates und der Freiheit — aus sachlichen Gründen — wohl kaum in die Quere kommen. Denn könnten die Vereinigten Staaten heute überhaupt weiter existieren, ohne die Wirtschaftskraft und Erfinder-Energie von Silicon Valley zu pflegen und zu steigern?

Zwei meiner ehemaligen Studenten, die im vergangenen Jahr einen Doktortitel erworben haben, nehmen gerade in Stanford an einem Umschulungsprogramm teil, das jung promovierten Geisteswissenschaftlern innerhalb von achtzehn Monaten zu einem weiteren Master und der Fähigkeit verhelfen soll, elementare Lehrveranstaltungen im Fach “Computer Science” zu übernehmen. Sie beide berichten von einer kaum zu überbrückenden Praxis- und Kompetenzlücke zwischen den Generationen, genauer; von einer Lücke im Verhältnis zwischen den elektronischen Fähigkeiten meiner ehemaligen Doktoranden und denen der fünf bis zehn Jahre jüngeren Undergraduates. Eine der wöchentlichen ”Hausaufgaben” in den Einführungskursen, höre ich immer wieder, kann je nach Intuitions-Qualität des ersten Lösungsansatzes zwischen sechs Minuten und sechzig Stunden in Anspruch nehmen. Den älteren Kursteilnehmern ist mittlerweile klar, dass sie in den allermeisten Fällen den entlastenden Weg der Lösungs-Abkürzung nicht finden – und sie nehmen das mit der Gewissheit hin, nie zu ihren jüngeren Kollegen aufschließen zu können, die in derselben Proportion die schnellen Wege der Bearbeitung beschreiten.

Was diese nächste Generation von “Electronic Natives” auf der bis heute schon erarbeiteten Matrix von “Artificial Intelligence” leisten, überbietet wohl den Horiziont unserer und selbst ihrer eigenen Imagination. Es soll beim Code-Schreiben vor allem darum gehen, die mathematischen Konsequenzen jener ersten Intuition, der man vertraut, so weit als möglich zu verkörpern — oder zumindest: sich von ihr ausgehend einem freien Prozess der Imagination zu überlassen. In diesem Kontext offenbar setzt die jüngste Generation von College-Studenten auf Philosophie – von der Struktur ihrer Studien her gesehen oft über die Form eines “Minor,” das heißt eines Neben-Schwerpunkts. Das Philosophieren hat für sie freilich nicht den Freizeit-artigen Status eines “Hobbys” oder eines “Ausgleichs,” sondern scheint wegen jener spezifischen Denk-Konfiguration zwischen scharfer Konzentration und Gelassenheit wichtig, die sie einüben können, indem sie sich der Komplexität philosophischer Texte aussetzen – und dabei auch deren Inhalte auf immer höhere Ebenen von Komplexität treiben. Eine andere Dimension, welche die “Electronic Natives” gerne durchdenken, ist die Struktur dessen, was sich zwischen einem elektronischen Instrument (oder einem App) und jenem Segment der Welt ereignet, auf das es sich beziehen soll. In den meisten Fallen handelt es sich um eine wohlfunktionierende Beziehung unter der schon immer gegebenen Voraussetzung von Vertrautheit — die aber, gerade weil sie selbstverständlich scheint, nur sehr schwer ins Bewusstsein zu bringen ist.

Sam ist im zweiten College-Jahr, mit einem Major in Computer Science und einem Minor in Philosophie, und während des vergangenen Sommers hat ihn sein Department (gegen hohes Gehalt) in Stanford gehalten, um von seiner Produktivität beim Code-Schreiben zu profitieren. Sam hält die Produkte des heutigen Silicon Valley generell für “too corporate” – und geht bei diesem Urteil natürlich nicht von einer Theorie der Verschwörung der elektronisch Schwerreichen gegen den Rest der Menschheit aus. Vielmehr denkt er, dass derzeit die Potenziale der bereits existierenden Software längst nicht produktiv genug genutzt werden. Von der alten Befürchtung, nach der Artificial Intelligence ihre Leistung so selbst-steigern könnte, dass sie notwendig zur Beherrscherin über die Menschen aufsteigt, habe ich ihn noch nie reden hören. Und nie käme ich ohnehin auf den Gedanken, Sam könnte in seiner Einschätzung allzu optimisisch sein.

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