Digital/Pausen

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Hans Ulrich Gumbrecht lehrt Literatur in Stanford und bedauert es, zu alt für eine Karriere-Chance als Trainer im American Football zu sein.

Hat die Freiheit eine Zukunft?

Es ist eigentlich kein Wunder, dass Nationalspieler von der sich ab und an verdichtenden Ermahnung überfordert sind, das Deutschlandlied vor dem Publikum der Stadien und Medien auf jeden Fall mitzusingen – zumal wenn diese Aufforderung impliziert, sich den Text sichtbar zu Herzen zu nehmen. Einmal ganz abgesehen von einer spezifischen Peinlichkeit (oder wenigstens einem Mangel an Unbeschwertheit) im Umgang mit solchen Symbolen, wie sie sich in Deutschland seit Ende des Zweiten Weltkriegs von Generation zu Generation weitervererbt hat: welches Pathos sollte denn ein fünfundzwanzigjähriger Multimillionär mit Worten wie “Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland” – im Ernst eben — verbinden können? Die historische Episode der deutschen Teilung und das Ereignis der neuen Einigkeit haben nur wenige von ihnen bewusst erlebt (und dass es Deutschland als Staat vor 1871 nie gegeben hatte, wissen sie so wenig wie die meisten anderen Bürger ihres Alters); das Wort “Recht,” stelle ich mir vor, assozieren sie am ehesten mit der Gewissheit, die Einhaltung ihrer Verträge, wie alle anderen Deutschen, durch Rechtsanwälte und Richter durchsetzen lassen zu können; und was anders sollte dann “Freiheit” bedeuten als die ebenfalls vom Recht garantierte Möglichkeit, im Rahmen wechselseitig vereinbarter Fristen ihre Clubs oder auch ihre Berater wechseln zu dürfen?

Die Freiheit des Nationalhymnen-Pathos, dessen Schwere schon über den Gedichten und Dramen von Friedrich Schiller lag, das heißt die Freiheit der Nation (heute sagt man eher: der Gesellschaft) zur kollektiven Selbstbestimmung und die Freiheit der meisten Bürger gegenüber den Vertretern von sozialen Klassen und Ständen, die früher über sie bestimmen durften, ist eine Konfiguration von Existenzbedingungen, die schon uns Ältere durch das ganze Leben begleitet hat, so dass wir uns ihren Verlust kaum vorstellen können. Für die Generationen unserer Söhne und Enkel gehört sie — glücklicherweise — zu jenen Selbstverständlichkeiten des Lebens, die kaum der Erwähnung und schon gar nicht einer opernhaften Emphase wert sind.

Mit anderen Worten: diese beinahe sprichwörtliche Freiheit ist natürlich ein historischer Wert — und von Zeit zu Zeit gibt es Anlass, daran zu erinnern (etwa zur Verteidigung der Nationalspieler). Dabei ist die Freiheit der Aufklärung und der bürgerlichen Revolutionen im achtzehnten Jahrhundert keineswegs die einzige oder gar die chronologisch jüngste Freiheit, die wir hinter uns gelassen haben. Seit dem europäischen Revolutionsjahr von 1848, als zum ersten Mal Arbeiter ihre eigenen, klassenspezifischen Interessen politisch (und oft verständlicherweise auch mit Gewalt) durchzusetzen versuchten, hatte sich die Bedeutung des Wortes hin zur „Freiheit von Ausbeutung” verschoben, wie sie durchaus in Gesellschaften existieren kann, die das Prinzip der Gleichheit vor dem Gesetz beachten. Ausbeutung war – und ist als Bedrohung natürlich weiterhin – ein Mangel an Freiheit, der sich nicht durch persönliche Konfrontation oder juristische Verfügungen aufheben lässt, sondern allein durch langfristige sozialpolitische Strategien, welche historisch schon bald nach 1848 die sozialistischen Parteien und Gewerkschaften in die Hand nahmen. Aufhebung von Ausbeutung auf kollektiver Ebene war so – zumindest in Europa – noch die dominante ideologische Faszination während der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts (unter faschistischen ebenso wie unter kommunistischen Prämissen), und auch diese Freiheit scheint mittlerweile von den meisten Staaten wenigstens in Europa garantiert (was nicht ausschließt, dass eine bestimmte Rhetorik der Ausbeutung bis heute benutzt wird, um Ansprüche auf wirtschaftliche Gleichheit zu artikulieren).

Der Freiheit von Ausbeutung als zentralem Zukunftshorizont folgte in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts, vor allem in der intellektuellen Stimmung nach Ende des Zweiten Weltkriegs, eine ganz andere, gar nicht mehr sozialpolitische Tonalität von Freiheit, deren Voraussetzung das Verschwinden jenes kollektiven und nie in Frage gestellten Gottesglaubens war, der in der christlichen Welt seit dem frühen Mittelalter absolut gültige Verhaltensvorschriften legitimiert hatte. Daraus ergab sich die Freiheit des Existentialismus, oft erlebt als die Last und das Risiko, nun individuelle Entscheidungen in Situationen finden und treffen zu müssen, welche deutliche Normen bis dahin vorstrukturiert hatten. Längst ist aber auch dieser individuellen Freiheit ihre Ambivalenz verloren gegangen, so dass sie als ohne Konzessionen verteidigter Wert zu einer Grundbedingung des westlichen Alltags werden konnte. Vom Staat erwarten wir den Schutz (und wo notwendig: die Durchsetzung) der Freiheit zur Gestaltung des eigenen Lebens und verlangen darüber hinaus, dass er sie, sich selbst zurücknehmend, in seinen Interaktionen mit den Bürgern weitestgehend beachtet (indem er sozial, politisch oder wirtschaftlich motivierte Einschränkungen individueller Freiheit auf ein Minimum reduziert).

Auch daran haben wir uns – generationsübergreifend: gerne – gewöhnt. Vor den meisten unserer Alltagssituationen scheint sich also ein Halo von Möglichkeiten zu entfalten, aus denen wir wählen und unser Leben gestalten können, während jene Verhaltensformen, die als früher “notwendig” (und daher unvermeidlich) galten oder als (vorstellbar aber) “unmöglich,” vor allem aufgrund technologischer Innovationen im Schwinden begriffen sind. Das Geschlecht zum Beispiel, in das wir geboren sind, muss heute zu einem viel geringeren Grad als “Schicksal” erlebt werden, als dies noch vor wenigen Jahrzehnten der Fall war; “Unsterblichkeit” gilt nicht mehr ausschließlich als ein Prädikat Gottes, sondern ist zu einem langfristigen Projekt medizinischer Forschung geworden. Sicher könnte man nachweisen, wieviele Zeitgenossen sich durch dieses Anwachsen der Entscheidungsmöglichkeiten — und mithin der Freiheit im Alltag — überfordert fühlen. Doch andererseits ist der existentielle Wert der hier eröffneten Chancen so groß, dass eine gezielte Reduktion der neuen Freiheiten kaum zu verantworten wäre.

Sollte dies also der paradoxale Stand der Freiheit als Horizont individuellen Lebens sein, dass sie in einem uns immer mehr bedrängenden Maß fortschreitet – aber doch aus guten Gründen nicht eingeschränkt werden sollte? Oder lässt sich in den Gesellschaften der Gegenwart ein anderes, bisher übersehenes Potential von Freiheit ausmachen, das wir uns (im Sinn von Kants Begriff der “Aufklärung”) mit dem Schritt des “Heraustretens aus einer selbstverschuldeten Unmündigkeit” erschließen können? Ich sehe eine solche – historisch spezifische – Chance in der Befreiung von einer Gleichheits-Obsession, die während der vergangenen Jahrzehnte über uns gekommen ist und viele von uns existentiell gelähmt hat. Natürlich meine ich nicht die Gleichheit vor dem Gesetz als Freiheitspotential, auch wenn sie als immer wieder gesetzte und immer wieder genutzte Existenzvoraussetzung so selbstverständlich geworden ist, dass wir sie kaum mehr wahrnehmen.

Es geht vielmehr um jene ganz andere Gleichheit, die vor allem in Vorschlägen zur aktiven Existenz-Beschränkung von anderen zum Ausdruck kommt – und sich doch als ein Prinzip von Freiheit zu inszenieren vermag. Zu Diskussionen über die gesetzliche Begrenzung von Höchstgehältern und über eine steilere Steuerprogression führt sie, zu jenem Tabu, das sich wie Mehltau über den Begriff und den Anspruch von “Eliten” gelegt hat, oder auch zu einer strikten Normalisierung beruflicher Karrieren und exzentrisch wirkender Lebensläufe. Diese generalisierte und daher radikale Gleichheitsforderung wird gemeinhin mit der Norm einer Gleichheit vor dem Gesetz verwechselt und so als angebliche Realisierung von Gerechtigkeit begründet. Doch wirklich gerecht ist ja nur eine Behandlung und Belohnung von Individuen nach ihren eigenen Verdiensten und persönlichen Bedürfnissen, nicht eine Gleichheit, die solche Unterschiede aktiv ausblendet.

Durch die Texte von Friedrich Nietzsche ist vielen westlichen Intellektuellen und Lesern im vergangenen langen Jahrhundert bewusst geworden, dass die Voraussetzung und frustrierende Folge solcher Gleichheitspostulate, die er als “Herden”-Mentalität verurteilte, im Ressentiment liegt, im gnadenlosen Selbst-Verbot von Großzügigkeit und Gelassenheit. Schon die bloße Hoffnung auf eine Erlösung vom Dauerzustand des Ressentiments machte eine Selbst-Befreiung von der Gleichheitsobsession lohnend. Doch in ihr liegt auch ein positives Versprechen, das man einer Ästhetik der Existenz zuschlagen kann – und damit von der Überführung in eine verpflichtende Norm des Verhaltens ausnimmt (denn “ästethisch” sind per Definition gerade jene Urteile und Präferenzen, die sich nicht begründen und also verallgemeinern lassen).

Auch für diese Dimension der Existenz-Ästhetik hat Nietzsche Begriffe gefunden. Entscheidend unter ihnen ist das regelmäßig missverstandene Konzept vom “Willen zur Macht, das nichts mit politischem Ehrgeiz zu tun hat, sondern das Gefühl einer unpersönlichen Energie beschreibt, die unser individuelles Leben wie ein “Wind in den Segeln” (Nietzsche gebraucht mehrfach dieses Bild) aktivieren und erheben kann (sie steht im Kontrast zu “Schwere” und “Schwerkraft”). Der Wille zur Macht – oder die Intensität des Lebens – bringen zwar nicht selbst Motivationen oder Projekte hervor, aber wenn nötig beflügeln sie uns auf dem Weg zu ihnen, sie lassen uns ganz ohne Ziele “tanzen” und setzen uns immer wieder auf Distanz zum Herdentrieb.

Der Wille zur Macht kann sich aber nicht als praktisches Erfolgsprinzip bewähren. Im Gegenteil, da zu ihm eine Grundeinstellung der Großzügigkeit gehört, ist er immer von Momenten des Verlusts bedroht. Auch dieses Risiko anzunehmen, setzt Mut voraus, einen Mut zum Leben, der an die Lebensform der Zyniker aus der griechischen Antike erinnert. Nicht um den Unterschied zwischen einem ethisch guten und weniger guten Leben ging es ihnen, sondern um den Kontrast zwischen Leben und nicht-Leben. Die Befreiung von der Gleichheits-Obsession ist eine Entscheidung für das Leben. Und um solche Freiheit vielleicht geht es in der Gegenwart des frühen einundzwanzigsten Jahrhunderts. Jene Athleten, denen das Freiheits-Pathos der bürgerlichen Revolution beim Singen der Nationalhymne zurecht peinlich ist, haben andererseits, ohne es zu wissen, die Freiheit des Lebens schon immer gewählt.

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