Digital/Pausen

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Hans Ulrich Gumbrecht lehrt Literatur in Stanford und bedauert es, zu alt für eine Karriere-Chance als Trainer im American Football zu sein.

Unser Ethik-Hype — oder die Obszönität des Zeigefingers

Bis vor zehn oder fünfzehn Jahren hat mich das Wort bloß an eine Tonlage in der Philosophie erinnert, mit der ich nichts zu tun haben wollte — und an den lebenslang unüberhörbaren, aber manchmal auch fast beschwingten unterfränkischen Ton in der Sprache meines Vaters, der sonntagmorgens gerne von der “ärztlichen Edik” redete, ohne sich damit jene Aufmerksamkeit in der Familie zu verschaffen, die ihm so fehlte. Doch er verband mit dem anspruchsvoll daher kommenden Ausdruck ja auch nur eine vage Bedeutung, die wohl nahe bei einen anderen Lieblingssatz lag, demzufolge sich “der wahre Arzt am Krangenbett bewährde” – was wiederum als passiv-aggressive Spitze an die Adresse der forschungsorientierten Universitätsmedizin gerichtet war, die ihm natürlich nicht zuhörte und gegen die sich mein Vater angeblich schon früh in seinem Berufsleben entschieden hatte (während ich den Verdacht zu verdrängen suchte, dass eher die medizinische Forschung keinen Platz für ihn fand).

Heute ist das Wort aus solchen Abseitsfallen von prekärem Anspruch und massivem Ressentiment entkommen und längst in aller Munde gelangt. Es wird dem stummen “h” zu Ehren oft mit elegant aspiriertem “t” ausgesprochen – und könnte angesehener, ja auratischer gar nicht sein. Schon vor Zeiten stellte das Bundeskanzleramt fest, ohne einen sogenannten “Ethikrat” nicht auszukommen, und schuf dann unter diesem Namen eine Institution, welche seither eine neue Hierarchie-Grenze in die Welt der deutschen Philosophen eingeführt hat, ohne durch folgenreiche Empfehlungen oder gar Entscheidungen auf sich aufmerksam zu machen. Noch viel länger schon steht Eltern mit laizistisch-aufgeklärtem Vorbehalt gegen Mythologie und Transzendenz die Möglichkeit offen, ihre Kinder vor den Zumutungen des “Religionsunterrichts” zu schützen und sie stattdessen den erbaulichen Darreichungen von Ethik-Kursen zuzuführen. Durch Steuergelder oder private Spenden beinahe opulent geförderte Forschungsprojekte in der “angewandten Ethik” schaffen es mittlerweile, nach jahrelangem Überlegen stringent die Gültigkeit von zahlreichen Prämissen unseres Alltags zu nachzuweisen, etwa dass ein gewaltfreies Leben wünschenswert sei oder die Versorgung älterer Mitbürger eine soziale Verpflichtung.

Vor allem bemerke ich in den Seminararbeiten meiner Studenten oder auch in Buchmanuskripten junger Kollegen das Umschalten auf einen stilistisch gehobenen Ton und auf das Wort “Ethik,” wenn immer sie eigene Wert-Optionen ins Spiel bringen, die nur schwer oder gar nicht hin zur Ebene des Allgemeinverbindlichen zu befördern sind. Raunend und gerade durch das Vermeiden von Argumenten wird dann implizit eine Spezialistenkompetenz in Anspruch genommen, die es eigentlich nicht geben kann. Es ist die angebliche Kompetenz, zeigen, begründen und entscheiden zu können, wie andere Menschen ihr Leben führen sollen, oder auch die anmaßende Kompetenz des autoritär erhobenen Zeigefingers. Eine “wissenschaftliche” oder im weitestens Sinn “akademische” Substanz kann sie nicht haben – und sollte deshalb rundum ersetzt werden durch Erfahrung mit dem Leben, durch Erfahrungen im Plural und ohne Spezialistentum, Erfahrungen vor allem, die sich täglich neu zu bewähren und an neuen Situationen zu orientieren haben.

Aus der Distanz und daher weniger polemisch lässt sich der gegenwärtige Ethik-Hype beschreiben als Reaktion auf die durchgängige Säkularisierung einer gesellschaftlichen Funktion, die traditionell vor allem von Religionen abgedeckt wurde. Jene Funktion brauchte grunsätzlich keine Kompetenz-Ansprüche, weil die Verbindlichkeit der Verhaltensvorschriften dort von dem Glauben gestützt war, auf die Offenbarung eines höheren Wesen zurückzugehen – so dass Kompetenz-Ansprüche oder Kompetenz-Hierarchien allein im Hinblick auf die Fähigkeit zur Auslegung der Offenbarung entstehen konnten.

Begonnen hat jene heute so weitgehend vollzogene Säkularisierung innerhalb unserer kulturellen Tradition wohl tatsächlich mit Plato und Aristoteles, mit den Gründer-Persönlichkeiten der Philosophie, aber eben nicht mit Ansprüchen auf eine inhaltlich überlegene Ethik-Kompetenz, sondern mit der Vorstellung eines besonderen Talents und vermittelbarer Techniken zur Herbeiführung von Einigkeit und Konsens. Der von Plato gezeichnete Sokrates ist eine Gestalt, die erst im Gespräch mit anderen zu Einverständnissen über gemeinsame Formen des Lebens gelangt – und sich kaum als Träger eines überlegenen “ethischen” Wissens oder “ethischer” Werte versteht. Auch bei Aristotetels taucht der Begriff des Ethos vor allem im Kontext seiner Überlegungen zur Rhetorik auf, zur Kunst des Überzeugens. Dort steht das Ethos dann einerseits neben der Logik und der Leidenschaft (“pathos”) als eines von drei Instrumenten der Überzeugung und wird andererseits intern aufgefaltet in die Kompetenz des praktischen Redens (“phronesis”), die Zuwendung an die Hörer (“eunoia”) und den Wunsch, gut zu sein (“arete”).

Situationen der Rhetorik aber sind, wie es der Philosoph Hans Blumenberg einmal bündig formuliert hat, Momente, die sich aus Mangel an Evidenz und Mangel an Zeit ergeben. Eben in diesem Sinn zeugt die historische Bindung der Ethik an die Rhetorik davon, dass man sich unter ihrem Vorzeichen gerade nicht auf stabile Werte und eine überlegene Kompetenz zu ihrer Identifizierung verlassen soll. Eher ist Ethik zu verstehen als die doppelte Entschlossenheit, ja als die Notwendigkeit, zum ersten in Situationen mangelnder Evidenz jedenfalls zu Beschlüssen über Richtungen des Handelns zu gelangen, und dabei zum zweiten die von diesen Beschlüssen potenziell Betroffenen in der Entscheidungsfindung nicht auszuschließen (anders formuliert: es geht um die Entschlossenheit, keine Autoritäts-Hierarchien zu benutzen, um die Komplexität von Entscheidungskonstellationen zu reduzieren).

Sollte also etwas an der Beobachtung sein, dass der Gebrauch von Worten wie “Ethik” und “ethisch” nicht nur im Deutschen beinahe exponentiell zugenommen hat und dass sie heute, entgegen ihrem historischen Ursprung, eher für Kompetenzansprüche der Gewissheit als für Prozesse der Entscheidungsfindung stehen — wie lässt sich dann diese profunde Verschiebung erklären, die uns eine im historischen Alltag gerade gewonnene Freiheit und Tolerenz wieder einzuengen scheint? Zwei Ebenen einer Antwort fallen mir ein. Es ist einmal deutlich (und in der Tat unendlich oft konstatiert worden), dass in den bürgerlichen Gesellschaften unserer Zeit – und unter “bürgerlich” verstehe ich die Vorzeichen der parlamentarischen Demokratie und des Kapitalismus — während des vergangenen Jahrhunderts riesige Bestände der Verhaltensorientierung entweder aus religiöser Offenbarung und Auslegung oder aus stände-spezifischen Lebensformen verloren gegangen sind. Darauf reagiert eine (oft pseudo-psychologische oder pseudo-philosophische) Literatur der “Lebenshilfe” – die dem Ethik-Syndrom insofern entspricht, als sie nicht auf gemeinsame spezifische Lösungsprozesse oder auf die Möglichkeit von einem Konsensus des Verhaltens setzt, sondern auf die angeblich überlegene Kompetenz von (meist psychologisch geschulten) Spezialisten. Vielleicht ist es ja kein Zufall und bestätigt meine implizite These, dass die Sektionen für “Lebenshilfe-Literatur” nirgends so expansiv erscheinen wie in indischen Buchläden oder Supermärkten, das heisst in einer Gesellschaft, deren religiöse und säkulare Verhaltenstraditionen bei weiten Schichten noch dramatischer als anderswo an Orientierungsautorität verloren haben.

Zugleich und zweitens scheint sich für einige Länder des (vorerst noch) Vereinten Europa die Tendenz einer gegenläufigen Entwicklung abzuzeichnen. Dort gibt es in einer sich bis vor kurzem permanent ausdehnenden Mittelschicht der ziemlich gut Gebildeten und der ziemlich gut Verdienenden einen Lebenskonsens, den man “sozialdemokratistisch” nennen kann, weil er – ganz unabhängig von jeweiliger Parteien-Anhänglichkeit – auf den Werten eines politisch deaktivierten Sozialismus beruht: auf einem grundsätzlichen Vorbehalt gegen große Einkommensunterschiede, die durch Steuer-Interventionen des Staates beständig korrigiert werden sollen; auf ein Einklammern der Ansprüche von gesellschaftlichen Funktionseliten; auf die Überzeugung, dass das Überleben der Menschheit durch ökologisch korrektes Verhaltens auf Dauer gestellt werden soll — und kann; auf einen grundlegenden Vorbehalt gegen militärische Operationen; und auch auf einen Vorbehalt gegenüber jeglichen Werten, die sich “national” geben.

Über Jahrzehnte existierte dieser Konsens mit einer sozialen und geographischen Wucht, die sich dem Risiko annäherte, als die einzige Wahrheit des guten Lebens zu gelten. Abweichungen wurden deshalb lange Zeit als “nicht-menschlich” identifiziert, gebrandmarkt und verurteilt. In den vergangenen Jahren lassen sich nun, mit deutlichen Generationen-Konturen, inner-europäische Bewegungen des Abweichens und Ausscherens beobachten, welche die Repräsentanten des europäisch überlieferten Status quo gerne und häufig mit den Argumenten einer Ethik im Singular als “nicht-menschlich” ablehnen. In diesem Kontext ist der Gebrauch des Wortes “Ethik” dann weniger ein Symptom von Orientierungsmangel als eine Geste des Festhaltens an einer vormals stabilen und kohärenten Weltsicht. Und diese Geste wird zur moralischen Knute, mit der wir Ex-Achtundsechziger (oder amerikanisch: wir Baby-Boomer) unsere – vermeintlich demokratische – Dominanz gegenüber Andersdenkenden aufrecht halten wollen. Wäre es nicht besser (“ethisch” besser, wenn das Wort denn unbedingt fallen muss), die Fähigkeit zum Konsens darüber einzuüben, dass Konsens nicht immer zu erreichen ist – und vielLeicht nicht einmal in alleN Situationen wünschenswert.

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