Digital/Pausen

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Hans Ulrich Gumbrecht lehrt Literatur in Stanford und bedauert es, zu alt für eine Karriere-Chance als Trainer im American Football zu sein.

Warum es sich nicht lohnt, Kinder zu haben

Die Zeit, als Demographen davon ausgingen, regional verschiedene Geburtenraten, vor allem in Europa und Amerika, durch Verweis auf die jeweils dominierenden christlichen Konfessionen erklären zu können, liegt gar nicht lange zurück. Damals begründete die enge, jede Ausnahme als “Sünde” brandmarkende Verknüpfung von Sex und Fortpflanzung aus dem katholischen Katechismus (welche folgerichtig auch alle Methoden der Schwangerschaftsverhütung unter Verbot stellte) den angeblich soliden Erfahrungswert, nach dem katholische Familien und als “katholisch” geltende Gesellschaften deutlich schneller als (vor allem) protestantische Gruppen wachsen sollten. Unter der Militärdiktatur von Francisco Franco etwa gab es in Spanien von 1939 bis 1975 ganz offiziell einen besonderen Status für Familien mit zwölf oder mehr Kindern: der orthodox gläubige Staatschef übernahm dort symbolisch die Rolle des Taufpaten, und die Urkunde, welche den “Familias de Honor” diese Anerkennung bestätigte, habe ich während der späten Jahre jener Epoche an erstaunlich zahlreichen Wohnzimmerwänden hängen sehen, vor allem in kleinen Städten und auf dem Land natürlich.

Heute liegt ausgerechnet Spanien, zusammen mit Italien, Québec und anderen nach ihrer Geschichte “katholischen” Gegenden, am Ende der internationalen Geburtenstatistik, und die Einwohnerzahlen nehmen in diesen Ländern wirklich und beständig ab. Zugleich ist Frankreich, offenbar aufgrund einer besonders hohen Finanz-Unterstützung des Staats für kinderreiche Familien an die Spitze der einschlägigen europäischen Liste aufgestiegen, während umgekehrt auch immer mehr homosexuelle Paare erhebliche Investionen aller Art in Kauf nehmen, um (nicht nur durch Adoption) Eltern werden zu können. Gemeinsam belegen diese weithin bekannten Entwicklungen, dass Kinder-Haben heute weder ein unvermeidliches Schicksal noch eine ohne Rückfrage hinzunehmende Lebens-Normalität geblieben ist, sondern als Ergebnis von individueller Wahl und Entscheidung erfahren wird, als ein zentraler Lebens-Moment individueller Autonomie sogar – und gerade nicht als “natürlich.”

Typisch für unsere Gegenwart kommt mir zum Beispiel eine Situation vor, die mich am Rande meines Berufs mehrere Mal pro Jahr einholt, wahrscheinlich weil ich Vater von vier Kindern bin, bis heute ungefragt sehr viel von diesen zwischen neununddreißig und sechsundzwanzig Jahre alten “Kindern” rede und wohl in den auf die Geburt meines ersten Sohnes folgenden Jahren als akademischer Lehrer und Forscher einigermaßen aktiv geblieben war. Immer wieder laden mich Paare (tendenziell am Ende ihres vierten Lebensjahrzehnts und etwas verlegen, weil sie die “biologische Uhr unüberhörbar ticken hören”) zum Mittagessen ein (warum eigentlich nie zum Abendessen?), nachdem eine(r) von beiden die über viele Jahre erhoffte Lebenszeitstelle erlangt hat. Mit Gratulationen zu diesem Erfolg kommt das Gespräch auf seine Bahn und steuert dann bald auf die immer selbe Frage zu, nämlich ob ich denn – aus meiner Erfahrung – den Entschluss zu Kindern empfehlen könne.

Selbstredend heißt die noch schnellere Antwort, dass ich in dieser Angelegenheit nicht mit Meinungen dienen kann, die sich auf Kollegen (oder irgendjemanden sonst) übertragen ließen — und mir auch selbst die Frage gar nie gestellt habe, da ich zum einen immer davon ausgegangen war, Kinder zu haben, und zum zweiten die Geburt keiner meiner beiden Töchter oder Söhne Konsequenz einer expliziten Planung gewesen war. Doch diese erste, eher prekäre Linie der Auskunftsverweigerung hält nie lange und führt unvermeidlich zu dem ähnlich windigen Gemeinplatz, dass die Entscheidung für oder gegen ein Leben mit Kindern ganz von individuellen Temperamenten und den dazugehörigen Präferenzen abhängen soll. Gewiss, höre ich dann in verständlicherweise eher ungeduldigem als höflichem Ton, aber da ich doch unleugbar, irreversibel und vierfach die einschlägige Erfahrung gemacht hätte – was fast wie in einem Schachspiel endlich die erste nicht ganz banal-defensive Reaktion erzwingt. Insgesamt neutralisierten sich die positiven und die negativen Einzelmomente der Elternerfahrung, höre ich mich sagen und möchte eigentlich nicht, dass meine Kinder je von dieser Ansicht erfahren, weil ja zugleich wahr ist, dass ich mir kein größeres und unter keinen Umständen zu verarbeitendes Unglück vorstellen kann, als eine oder einen von ihnen zu verlieren.

Und doch bleibt die neutralisierende Aufrechnung zutreffend, fast möchte ich sagen: zutreffend im besten Fall. Ein Paar mit Kind (und der Singular reicht schon) hat weniger Zeit füreinander (wenn überhaupt noch welche bleibt während der ersten Kinder-Jahre) und sprichwörtlich kaum je ruhige Nächte; eingespielte Arbeitsgewohnheiten können nicht erhalten werden, sondern sind grundlegend umzustellen, und natürlich steht – durchaus langfristig – im Normalfall nur noch ein Bruchteil des gemeinsamen Einkommens zur freien Verfügung. Alle Wirkungen dieser Art freilich lassen sich mit entsprechendem logistischen Geschick mehr oder weniger verarbeiten. Ganz anders wiegt dagegen das keinesfalls vermeidbare Risiko von Unfällen und Krankheiten der Kinder, die Angst vor Bedrohungen ihres Lebens und besonders der leicht in traumatische Realität umschlagende Albtraum von jenen elementaren psychosozialen Strukturen, welches schon die griechische Kultur der Antike als Ursprung und Ort der Tragödie identifiziert hatte. Wie sollte sich all dies – als Potential oder Wirklichkeit — je “durch Positives ausgleichen” lassen?

Auch die berüchtigten Helikopter-Eltern unserer Zeit, die mit Energie und womöglich juristischen Interventionen die Erfolge ihrer Kinder zu erzwingen versuchen, bringen ja bestenfalls eine Upgrade-Kopie Ihrer selbst zustande und sind, wenn immer deren Entwicklung dynamischer als geplant verläuft, keineswegs prinzipiell gegen ihre eigenen eifersüchtigen Reaktionen geimpft. Wahrscheinlich, beginne ich zu verstehen, hat man sich schon mit der Frage, die meine Kollegen stellen, mit der Frage, “ob es sich lohnt, Kinder zu haben,“ auf eine Haltung festlegen lassen, die nur zu der am Ende unvermeidlich frustrierenden Helikopter-Einstellung als Abwägung zwischen Investitionen und Gewinnen führen kann. Und selbst die so gerne heraufbeschworene Hoffnung oder Pseudo-Erfahrung, dass Kinder manchmal zu “Freunden” werden, ist ein Teil dieses Syndroms. Denn wie sollte denn die Besonderheit von Freundschaft als einer zu “Permanenz werdenden Beziehung ohne wechselseitige Verpflichtung” ausgerechnet innerhalb der nicht zu verändernden “natürlichen” Rollen einer Familie möglich werden?

Meine Intuition (oder sollte ich sagen: meine erlebte Gewissheit?) legt nahe, dass nur eine grundlegende Umformulierung, ja beinahe eine Umkehrung jener Frage, nur ein Herauslösen der existentiellen Form, zu der sie gehört, aus dem Kontext individueller Wahl und Autonomie, das Verhältnis zu Kindern unserem Denken angemessen (oder sogar einfach richtig) vorstellt und zur Reflexion überlässt. Denn selbst die Geburt von sogenannten “Wunsch-Kindern” (oder “Wahl-Kindern”) — und unter anderen Prämissen auch eine Adoption — konfrontiert Eltern mit einem Horizont des Schicksals. Mit Schicksal nicht notwendig im Sinne eines Verzichts auf alle eigenen Handlungs- und Gestaltungsmöglichkeiten, sondern als (im besten Fall: eher heiteres denn resigniertes) Bewusstsein von einer nicht verschiebbaren Begrenztheit eben dieses Spielraums. Biologische Eltern schreiben sich in eine – geradezu episch unendliche – Linie von Vorgaben aus der Vergangenheit und Auswirkungen in der Zukunft ein, und bei Adoptionen sind nur die Mechanismen der doppelt zeitlichen Vermittlung anders.

Wer es wagt, sich diesem Horizont zu öffnen, mit “Gottvertrauen” oder individueller Gelassenheit, der gewinnt eine Komplexität und Intensität für seine eigene Existenz, die sich zwar keinesfalls auf ein “Lohnen” hochrechnen lässt, aber anders kaum zugängliche Möglichkeiten des Lebens erschließt. Man sollte solche Möglichkeiten zwar keinesfalls mit dem Satz zur Norm machen, dass “niemand ohne Kinder ihr oder sein Leben gelebt haben könnte,” aber mir erklären sie immerhin, warum ich rückblickend glücklich über den Status als Vater in meinem Leben bin — ohne einerseits zu glauben, dass ich die entsprechende Rolle besonders gut ausgefüllt habe, und andererseits gerade weil ich mich daran gewohnt habe, die Frage nach einem “Lohnen” nicht mehr zu stellen. Weder meine Töchter noch meine Söhne haben zum Beispiel mit ihren Berufen die zuerst ganz unreflektiert aus seiner eigenen Situation projizierten, dann immer vager werdenden Erwartungen ihres Vaters erfüllt, so wenig tatsächlich, dass man schon mit milde Freudianischer Inspiration an eine Reaktion gegen meine eigene sozusagen “hoch-akademische Existenz” denken muss. Gerade ihr vielfach zentrifugales Divergieren jedoch hat mir neue Welten, Kompetenzen und Leidenschaften mit all ihren Risiken, Ängsten und Ekstasen erlebbar gemacht, von denen ich unter anderen Voraussetzungen nicht einmal gewusst hätte.

Vor allem aber spüre ich eine prekäre, primär physische Nähe zu meinen Kindern, eine Nähe, über die ich nicht verfügen kann, die ihre eigenen Gefahren und Abgründe hat – und die mir tatsächlich allein aus der Beziehung zu ihnen (und bis zu einem gewissen Grad: zu meinen beiden Enkelkindern) vertraut ist. Sie setzte mit der damals ganz überraschenden – und enttäuschenden — Erfahrung bei der Geburt meines ersten Sohns ein, dass ich nie jene physische Nähe zu seiner Existenz erreichen würde, die eine Mutter ihrerseits nie verlieren kann. Seither hat jede (selbst vergleichsweise harmlose) Krankheit meiner Kinder ein mich selbst körperlich anrührendes Gefühl ausgelöst, ein Gefühl des Bedrohtseins und des Beschützen-Wollens, und diese Schicksals-affine Sorge bleibt vollkommen unabhängig vom je gegenwärtigen Stand unserer Gespräche und Auseinandersetzungen.

Vielleicht spielt hier ein Bewusstsein (und wer weiß: eine Instinkt-Orientierung) aus der physisch-genetischen Verbundenheit eine Rolle und auch das – im Zeitalter der Ex-Vitro Schwangerschaften sich wohl notwendig verändernde – ebenso banale wie schwer zu fassende Wissen, dass ein mehr oder wenig zufälliger, kaum identifizierbarer erotischer Moment meines Leben zur elementaren Bedingung für das Lebens jedes meiner Kinder geworden ist. Ein in seiner Substanz ganz anderer und doch mit allen physischen Dimensionen des Elternseins konvergierender Aspekt sind die Erinnerungen an jene nicht immer gut synchronisierten Phasen des Erwachsen-Werdens und des Alterns, in denen sich die Identitäten von Kindern und Eltern kaum voneinander ablösen lassen. Das unumkehrbare Gefühl, dass ich den Kindern mehr von der Zeit meines Lebens hätte geben sollen vor allem — und dass ich am Ende wohl auf sie angewiesen sein werde (wer sonst sollte sich um die letzte Beerdigung unserer Generation in der Familie kümmern?).

All das macht keinesfalls so etwas wie ein “Wesen” des Eltern-Seins aus. Es ging ja auch bloß um eine Illustration der Gewissheit, dass das Vater-Sein dem Leben einige für mich entscheidende, anders kaum denkbare Formen von Komplexität und Intensität geschenkt hat. Aber auch ohne solche Intensität und Komplexität lässt sich gut leben – etwa mit dem schönen Gefühl von viel mehr individueller Autonomie im täglichen Handeln.

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