Digital/Pausen

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Hans Ulrich Gumbrecht lehrt Literatur in Stanford und bedauert es, zu alt für eine Karriere-Chance als Trainer im American Football zu sein.

Paradoxie der Gewaltlosigkeit?

Normalerweise “spreche” ich mit meiner Kollegin und guten Freundin Martha aus Berlin ein oder zwei Mal jeden Monat per e-Mail über Fragen, Probleme, Gerüchte und Neuigkeiten aus unserem Beruf, der Literaturwissenschaft. Aber letzte Woche erzählte sie mir vor einer Schlaflosigkeit, die ihre Nächte – und Tage – beherrscht. Martha ist Mutter von zwei Jungen im Grundschulalter, weshalb die Dokumentationen vom jüngsten Terroranschlag in Barcelona, bei dem auch Kinder von einem Auto überrollt und getötet wurden, in ihrer Vorstellung die Furcht aktivierten, die eigenen Söhne könnten Opfer eines ähnlichen Akts von Gewalt werden. Keine außergewöhnliche Reaktion gewiss. Zu schaffen machte Martha aber auch der Impuls, den Tätern Gewalt entgegenzusetzen, sie zu verfolgen (“to hunt them down” war eine Lieblingsformulierung des amerikanischen Präsidenten George W. Bush in Bezug auf die Drahtzieher des 11. September 2001), sie “unschädlich zu machen” und ihnen “heimzuzahlen,” was sie anderen angetan hatten. Den Gedanken an ein solches, gleichsam symmetrisches Verhalten, sagte sie, dürfe sich niemand gestatten.

Wir alle sind von den bürgerlichen Gesellschaften und Rechtssystemen, die auf Traditionen der Aufklärung zurückgehen, unter dem Gewaltmonopol des Staats auf Gewaltlosigkeit eingestellt, und wenn man unter “Gewalt” das körperliche Eindringen in Räume gegen den Widerstand anderer Körper versteht, dann durchbrechen Marthas Impulse tatsächlich das hier implizite Verbot einer individuellen Aggression. Die Ausprägung des Wunsches, Verbrechen der Gewalt “heimzuzahlen” entspricht strukturell dem mittelalterlichen “ius talionis,” nach dem die Schergen des Staats oder Gottes Körperteile amputieren sollten, mit denen Verbrechen begangen worden waren. Die Sorgen und das schlechte Gewissen meiner Freundin erinnerten mich an die Umstände, unter denen ich zum ersten Mal von dieser archaischen Rechtspraxis erfahren hatte. In einer Vorlesung über Dantes “Divina Commedia” erklärte mein Doktorvater den entsprechenden Begriff, um dann im Brustton geschichtsphilosophischer Genugtuung das Ende solcher “Unmenschlichkeiten” im “Projekt der kulturellen Moderne” zu feiern.

Zwei Jahrzehnte nach dem Tod dieses akademischen Lehrers, hat nun ein Historiker belegt, dass er während des Zweiten Weltkriegs, als Mitglied der Waffen-SS und ohne bindenden Befehl, die gesamte Bevölkerung zweier kroatischer Dörfer hatte exekutieren lassen. Für mich bestätigte die erschreckende Entdeckung den Verdacht, dass zwischen der Bereitschaft zur Gewalt und dem Bestehen auf eindeutigen Prinzipien (nicht selten eindeutigen Moral-Prinzipien) ein paradoxaler Zusammenhang bestehen kann (und natürlich keineswegs bestehen muss). Adolf Hitler, wissen wir, befolgte ohne Abweichung und Ausnahme die Regeln einer asketischen Lebensführung. Der Reichsführer SS, Heinrich Himmler, zeigte sich bei seiner berüchtigten Posener Rede vom Oktober 1943, erleichtert darüber, dass seine Untergebenen bei der planmäßigen Arbeit an der “Ausrottung des Judentums,” wie er es etwas rätselhaft formulierte, “anständig” geblieben waren. Offenbar hatte Himmler befürchtet, individuelle Gefühle könnten der operativen Rationalität seines Projektes in die Quere kommen.

Man kann jene für immer an die nationalsozialistische Industrialisierung des Tötens gebundenen Namen nicht in einem Atemzug (oder Absatz) mit dem Namen von Mahatma Gandhi nennen, der Indien unter dem konsequent eingehaltenen Prinzip der Gewaltlosigkeit in seine sehr besondere politische Moderne führte – und dort bis heute ein unvergleichliches, bis in den Alltag normbildendes Ansehen genießt. Doch die eigene Gewaltlosigkeit bewahrte Gandhi nicht davor, am 30. Januar 1948 von einem den Islam und die Staatsgründung Pakistans ablehnenden Hindu ermordet zu werden. Dieses historische Faktum bringt uns zu der Frage, um die es hier geht, zu der einfachen (im Sinn von: leicht zu artikulierenden) Frage, ob Gewaltlosigkeit ein Prinzip ist, dessen Verwirklichung wir von uns “als Menschen” realistischerweise erwarten dürfen – oder ob sie im Status einer politisch und moralisch motivierten Verschreibung unvermeidlich mit dem Risiko verbunden ist, Ereignisse der Gewalt zu provozieren und mangels Gegen-Gewalt unkontrollierbar werden zu lassen. Noch einmal anders beschrieben: könnte der Versuch, Gewalt kategorisch aus unserer Existenz zu verbannen, mit der Gefahr ihrer Intensivierung verbunden sein?

Eine in dieser Hinsicht relevante Position hat der französisch-amerikanische Kulturanthropologe René Girard im späten zwanzigsten Jahrhundert über den Leitbegriff der “mimetischen Begierde” entwickelt. Unter allen elementaren Strukturen des Zusammenlebens soll die Emergenz von bestimmten Dreiecks-Beziehungen unvermeidlichen sein, in denen jeweils Außenstehende einen der Protagonisten einer Zweierbeziehung wegen seines oder ihres Verhältnisses zu der anderen Person beneiden. Typisch (aber nicht allein einschlägig) sind Liebesbeziehungen mit eifersüchtigen Beobachtern. Neid und Eifersucht motivieren die (oder den) Außenstehenden, die beneidete Person nachzuahmen (daher ist hier von “Mimesis” die Rede), was zu dem Bewusstsein führt, entweder bei der Nachahmung zu scheitern oder aber trotz ihres Gelingens nicht die Rolle der beneideten Person einnehmen zu können. Diese Erfahrung hat eine Akkumulation und Intensivierung von Ressentiment zur Folge, die nach Girard irgendwann in Gewalt umschlagen und zum Mord der beneideten Person führen muss.

Im Opfertod Christi als freiwillig angenommenem Tod sah er einen epochalen Akt, den Zyklus mimetischer Begierde zu durchbrechen. Grundsätzlich jedoch, so hat Girard in seinem Spätwerk immer wieder betont, schien ihm das Vermeiden oder Ausschließen von Gewalt als Komponente menschlicher Existenz unmöglich, ja gefährlich. Allein ein Bewusstsein von dieser Grundbedingung des Lebens könne ihre Wirkungen (bestenfalls) abschwächen. Natürlich hat diese Theorie zum Teil polemische Fehldeutungen ausgelöst, die sie als “reaktionäre” Bejahung von Gewalt kritisierten. Doch auf die Details einer Anthropologie der mimetischen Begierde kommt es hier gar nicht an. Denn sie ist nur eine unter erstaunlich zahlreichen (und ernstzunehmenden) Reflexionen, nach denen sich etwa die Frage nicht aufschieben lässt, ob hoch-charismatische Figuren wie Gandhi mimetische Begierde provozieren, von deren Auswirkungen sich dann Außenbeobachter durch die aggressive Umkehrung von Gewaltlosigkeit in Akte tötender Gewalt zu erlösen versuchen.

In den intellektuellem Milieus unserer Gegenwart wirkt vielleicht noch riskanter die weniger komplexe Vermutung, dass eine unvermeidliche Tendenz zur Gewalt (und mithin die von ihr ausgehende Bedrohung) spezifisch — ausschließlich, dominant? — zur männlichen Form der Existenz gehören könnte. Die Ursprünge bestimmter sozialer Institutionen, zum Beispiel des Militärs oder des Sports, lässt sich dann mit der Notwendigkeit assoziieren, vielfach männlich-individuellen Gewaltimpulsen eine Form zu geben, durch die sie berechenbar (beim Militär) oder wechselseitig akzeptabel (bei verschiedenen Sportarten) werden – was natürlich keinesfalls den Gedanken notwendig macht, dass Frauen der Zugang zu Militär oder Sport verstellt werden soll. Jedenfalls ist die innerhalb solcher Rahmen aufgeschobene und in den Status eines Potentials transformierte Energie zu aktueller Gewalt genau das, was man “Macht” nennt. Und aus einer sich in dieser Weise konsolidierten Macht ist — zumindest in den westlichen Kulturen — die Aristokratie als Lebensform hervorgegangen.

Freilich hat es die Aristokratie spätestens seit dem Mittelalter und moderne Formen des Sports immerhin seit dem frühen neunzehnten Jahrhundert gegeben, ohne dass es ihnen gelungen wäre, Impulse der Gewalt für immer zu neutralisieren. Welche institutionellen Formen der Gewaltkontrolle kann man sich heute vorstellen? Sind neue Gesten von Gesellschaftlichkeit denkbar, die meiner Freundin Martha die Furcht vor dem Tod ihrer Jungen nehmen könnte? Eine inspirierende Antwort auf solchen Fragen zeichnet sich vorerst nicht ab. Aber könnte man sich nicht eine Rückkehr zur Affirmation von Männlichkeit vorstellen, jener Männlichkeit tatsächlich, die als Ursprungsenergie zur Gewalt-Bedrohung gehört?

Angesichts der terroristischen Gewalt-Drohungen unserer Gegenwart ziehen sich Frauen und Männer heute gleichermaßen hinter die Aufmärsche des staatlichen Gewaltmonopols zurück. Dieser Reflex lässt mich immer wieder an die Erinnerung eines afroamerikanischen Freundes denken, der erzählte, wie sein Vater in den bürgerkriegsähnlichen Spannungen der Civil-Rights-Jahre nach 1960 jede Nacht in der Veranda des Holzhauses, wo die Familie lebte, mit einem Gewehr wachte, um ihn, seine Geschwister und ihre Mutter im Notfall zu beschützen. Aus einer viel näheren Vergangenheit kommen mir jene beiden Soldaten einer amerikanischen Elite-Einheit in den Sinn, die auf einem Zug nach Paris im vergangenen Jahr – während ihrer Urlaubszeit und ohne Waffen – zwei bewaffnete Terroristen überwältigten, nachdem sie alle Reisenden bedroht hatten.

Wäre es denkbar, dass die Rückkehr einer solchen – männlichen? – Wachheit und Bereitschaft zur Gewalt die Gewaltbedrohung in unseren Leben wirksamer reduzierte als die vielen gutgemeinten Selbstverpflichtungen auf Gewaltlosigkeit? Darin läge ein schönes Paradox der Gewaltlosigkeit.

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