Digital/Pausen

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Hans Ulrich Gumbrecht lehrt Literatur in Stanford und bedauert es, zu alt für eine Karriere-Chance als Trainer im American Football zu sein.

Was „Heimat“ heute heißen könnte

Wie immer man es dreht oder wendet (anders gesagt: von welchem unter vielen möglichen Blickwinkeln man die Dinge sehen will), der Begriff “Heimat” hat heute unter den Gebildeten im Land – und ohnehin unter seinen wenigen Intellektuellen – einen schlechten Ruf. Fast reflexartig erinnert er an “Homeland Security” und die in Europa eigentlich ausnahmslos verurteilten (obwohl intern bisher durchaus wirksamen) Überwachungsmaßnahmen, mit denen die Regierung der Vereinigten Staaten auf die Ereignisse des 11. September 2001 reagiert hatte, um ihr Territorium und seine Bürger vor weiteren Terrorangriffen zu schützen. Zum eher europäischen Horizont der gegenwärtig innenpolitischen Themen gehört das Problem der Migrationswellen und ihrer internen Regulierungen. “Heimat” wird dabei nicht selten mit der Lust zu Restriktionen assoziiert, die ihrerseits mit historisch-kollektiven Besitzansprüchen verbunden ist (einmal ganz abgesehen von den in dieser Hinsicht bestenfalls drastischen, aber kaum je begründeten Gesten des nicht mehr ganz neuen amerikanischen Präsidenten).

Außenpolitisch führt das Motiv zum Topos vom Mittleren Osten als “permanentem Krisenherd” aufgrund von Heimat-Ansprüchen, die je nach persönlicher und kollektiver Präferenz entweder auf mythologischer Basis einem historischen und aktuellen Zionismus zugestanden werden (persönlich unterstütze ich diese Position und halte ihre Geschichte für überzeugend) oder (aus historisch eher kurzfristigen und beinahe empirischen Gründen) den Palästinensern und ihren militanten Bewegungen. In Deutschland verläuft diese Diskussion unter den Anhängern beider Optionen oft mit einem rhetorisch-moralischen Pomp, der den Anschein erweckt, alle denkbaren Zukünfte jenes Teils der Welt hingen allein vom Urteil jener Nation ab, über deren historisches Lastenkonto der Holocaust abzurechnen ist. Schließlich gehört der Begriff “Heimat” auch – und hier wird er spezifisch deutsch – zu jenen regionalen Gefühlen und Solidaritären, die nicht auf politische Institutionaliserung pochen. Typisch war in dieser Hinsicht der Wortgebrauch des (mittlerweile erstaunlich – oder glücklicherweise — vergessenen) Franz Josef Strauß, der gerne von Bayern als seiner “Heimat” und Deutschland als seinem “Vaterland” redete. Mit der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung hingegen, die in einer Woche ihr großes politisches Ziel erreichen kann, würde den Begriff der Heimat wohl kaum jemand in Zusammenhang bringen.

Vor allem aber gehört zu diesem Wort mittlerweile ein Aura des beinahe peinlich Altmodischen, eine spezifische Behaglichkeit konservativer oder auch “rechter” Positionen, die zu harmlos sind, als dass wir sie im Ernst “faschistisch” nennen wollten. Dieses eigenartige Gefühl vor allem hat mich zu der Frage gebracht, ob es denn eine andere Bedeutung von “Heimat” in unserer Gegenwart geben könnte, eine Bedeutung, die fähig wäre, solche Peinlichkeit abzuschütteln, ohne ausschließlich von Problemvermeidungsstrategien geprägt zu sein. Wie könnte ein politisch wie rechtlich legitimer und als Anspruch attraktiver Begriff von “Heimat” aussehen – wenn er überhaupt denkbar ist?

Natürlich handelt es sich dabei um eine jener “typisch historischen” Fragen, die man allein anhand aufgrund einer Erzählung über die Vergangenheit diskutieren und vielleicht sogar beantworten kann, hier wohl am ehesten über die Skizze einer sogenannten “Begriffs-Geschichte.” Aus diesem Blickwinkel fällt auf, dass – in ganz verschiedenen historischen Kontexten – das Aufscheinen des Worts “Heimat” stets Symptom für Eindrücke von schmerzlichem Verlust gewesen ist. Als Erstbeleg gilt unter historischen Sprachwissenschaftlern ein Satz von Martin Luther, der die Erfüllung der Sehnsucht nach Heimat auf “den Himmel” verschiebt. Nicht mehr gegeben war dabei, in einer Theologie, die sich an Menschen in ihren individuellen Existenz zu wenden begann, die von mittelalterlichen Gesellschaften garantierte Gewissheit, nach Gottes Willen einem Raum (und einem Ort in der sozialen Hierarchie) zugewiesen zu sein. Selbst die sich in permanenter Bewegung zwischen ihren Pfalzen vollziehende Lebensform mittelalterlicher Monarchen brachte nur zum Ausdruck, dass sie den ihnen innerhalb der Schöpfung zugewiesenen Raum beständig als Besitz durchmaßen.

Das bis heute durchgehaltene Prinzip der Legitimät von Heimat als individuellem oder kollektivem Anspruch auf Orte über den Nachweis einer Kontinuität von Besitz oder Gegenwart durch sich wandelnde Zeiten (im Gegensatz zu einer Zuweisung innerhalb des Schöpfungsplans) konnte wohl erst gemeinsam mit dem historischen Weltbild – ungefähr zwischen 1780 und 1830 — auftauchen. Wenn Zeit damals zuerst – im Gegensatz zum Mittelalter — als unvermeidliches Agens von Veränderung erlebt wurde, als Agens einer Veränderung, die man als “historisch notwendig” interpretierte, dann war die vorausgehende – gottgegeben stabile — Form von Kontinuität des Besitzes nicht mehr denkbar. Die neue Temporalisierung von Besitz und Zugehörigkeit brachte zwei Narrative hervor. Einmal und vor dem Hintergrund erfolgreicher bürgerlicher Revolutionen oder Reformen (England, Frankreich, Vereinigte Staaten) das Narrativ von der Republik oder konstitutionellen Monarchie, die ihre Prinzipien – als imperialistische Republik – in einem weltweiten “Fortschritt” verbindlich machen will und dabei immer mehr Land als potentiell neue Heimat unter ihre Herrschaft bringt. Zum anderen das – romantische – Narrativ vom Verlust eines Teils der Heimat als Trauma und Erbsünde einer Nation (Italien, Spanien – Deutschland), die damit rechnet und darauf hofft, in einer zeitlich nicht festgelegten, aber doch vom Schicksal versprochenen Zukunft via “Erlösung” diesen Verlust wieder aufheben zu können.

Hier genau mag der historische Grund für die nur im Deutschen gegebene zugleich vage und flexible Bedeutung von “Heimat” liegen. Denn allein in Deutschland existierte der Gedanke an das Territorium der Nation im frühen neunzehnten Jahrhundert ganz ohne politisch greifbare Realität, das heißt bloß in der vermeintlichen “Erinnerung” an ein mittelalterliches Reich (genau deshalb nannte sich das im Anschluss an den französisch-preußischen Krieg gegründete deutsche Reich “Zweites Kaiserreich”). Ein Gefühl der Zugehörigkeit war also entweder auf eine Erinnerung als Vorstellung verwiesen oder auf Territorien und Staaten, die sich nicht “Deutschland” nennen konnten — was genau der Bedeutung von “Heimat” entspricht (wie in dem Satz von “Deutschland als Vaterland, Bayern als Heimat,” dessen zweite Hälfte sich sicher nicht auf Bayern als Bundesstaat beziehen sollte).

Zumal in Deutschland war der Symmetrie zwischen einem kollektiven wie individellen Gefühl der Zugehörigkeit und einer territorialen wie staatlichen Form nur für kurze Zeit gegeben. Weniger als ein halbes Jahrhundert nach der Gründung des Zweiten Kaisserreiches und anlässlich seiner Niederlage im Ersten Weltkrieg, stellte sich — den Horizont politischer Posiitonen übergreifend — erneut ein Gefühl des Verlusts von Heimat ein. Dies galt – auf der Seite der politischen Linken – zum Beispiel für den aus Ungarn stammenden Georg Lukács, der in seinem 1919 veröffentlichten, großartigem Buch über “Die Theorie des Romans” von “transzendentaler Heimatlosigkeit” als existentieller Grundbedingung ausging (deren Aufhebung, so muss man annehmen, Lukács wohl von der Realisierung einer “klassenlosen Gesellschaft” erhoffte). Doch strukturell ähnliche Sehnsüchte fanden sich auf der politisch entgegengesetzten Seite der sogenannten “Konservativen Revolution.” Nur wenige Jahre vor seinem Eintritt in die Nationalsozialistische Partei wies Martin Heidegger in einer Freiburger Vorlesung der Philosophie – und nicht der Politik – die Aufgabe zu, den Menschen eine existentielle “Heimat” zu geben. Und es ist nicht zu übersehen, dass er zu diesem Motiv bis zum Ende seines Lebens — und seines Werkes — immer wieder zurückkehrte: in der grundsätzlich Kitsch-bedrohten Selbstmythisierung von der Schwarzwaldhütte wie in seinen weit produktiveren Reflexionen über das “Geviert” zwischen Himmel und Erde, Unsterblichen und Sterblichen als Ort des Menschen oder über das Verhältnis von “Wohnen und Bauen.”

Motive dieser intellektuell produktiven Phase im Nachdenken über “Heimat” tauchen noch in den gegenwärtigen Diskussionen über die Legitimität kollektiver und individueller Territorial-Ansprüche auf. Die kaum je benannte Prämisse, ja der Auslöser der heutigen Debatten liegt jedoch im Prekär-Werden des historischen Weltbilds, wie es um 1800 entstanden und (über das Motiv einer Kontinuität im historischen Wandel) zum Legitimitätsanspruch geworden war – wobei die Ursprünge dieses Prekär-Werdens zu komplex sind, um hier diskutiert zu werden. Allein jene politischen Standpunkte, welche Migrationen reduzieren und ganz zum Stillstand bringen wollen, beziehen sich heute noch – bewusst oder vorbewusst – auf das historische Weltbild. In der Rede vom “Migrationshintergrund” bestimmter Mitbürger oder Nachbarn befindet es sich schon im sozusagen permanenten Rückzug. Der Tendenz jedoch, Bürger “mit Migrationshintergrund” in irgendeiner Weise als Bürger zweiter Klasse anzusehen, muss man – jedenfalls und aus vielfachen Gründen — widerstehen.

Anders formuliert: es sollte heute klarer sein als je zuvor, dass Geburt oder Familien-Genealogie in einem bestimmten Land weder den Anspruch auf mehr politische Rechte noch auf größere Authentizität von heimatlichen Gefühlen begründen kann. Vielleicht ließe sich “Heimat” – ernsthaft und durchaus im Blick auf gesetzliche Konsequenzen – mit dem Begriff der “Natalität” verbinden, den Hannah Arendt im Vorwort zu ihrem Buch von der “Human Condition” 1958 verwendete. Unter dem Eindruck der ersten künstlichen Erdtrabanten und der heute längst zu vergangener Zukunft gewordenen Erwartung von menschlichem Leben auf anderen Planeten hatte Arendt die Notwendigkeit hervorgehoben, unseren Planeten als Ort und Grenze existentieller Zugehörigkeit wahrzunehmen und zu bejahen. Heute sollten wir eine anders perspektivierte Version dieselben Begriffs gegen alle restriktiven Maßnahmen hinsichtlich Freizügigkeit des Wohnens und Bleibens wenden. In dieser Bedeutung könnte “Natalität” den Gedanken vom Recht aller Menschen markieren, jeden Ort auf dem Planeten als Heimat zu erleben und zu ihrer Heimat zu machen.

Gewiss wäre die praktische Umsetzung eines solchen Rechts mit einer Fülle – vielleicht sogar: mit einer nicht zu bewältigenden Fülle – von praktischen Problemen verbunden. Doch selbst in diesem Fall wird die Anerkennung von Natalität als “Heimat” im Sinn eines territorial nicht beschränkten Geburtsrechts helfen, den – vorerst utopischen – Rahmen einer neuen Form von Gerechtigkeit zu etablieren.

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