Digital/Pausen

Was macht Musik unwiderstehlich?

Vor Jahren einmal fragte ich die beim Abendessen ausnahmsweise voll versammelte Familie, wir sind sechs, drei Frauen und drei Männer, in denkbar nüchternem Ton, wer sich ein Leben ohne Musik vorstellen könne – und stieß auf Stirnfalten, Unmut und sogar Protest, obwohl niemand von uns ein Instrument mit echter Kompetenz spielt oder je durch exzessive musikalische Leidenschaft aufgefallen ist. Soviel zur hier unterstellten Bedeutung des Adjektivs “unwiderstehlich,” wie sie sich in unserem Gespräch als ganz normal und also wenig bemerkenswert herausgestellt hatte – und gerade in ihrer flachen Selbstverständlichkeit meinen Verdacht bestätigte, dass ich zu jener Minderheit gehöre, die sich “unmusikalisch” nennen muss (obwohl ich ab und an das gut gemeinte Kompliment höflich auf Distanz halte, insgeheim und in Wirklichkeit “besonders musikalisch” zu sein).

Anders gesagt: ich frage nach der anscheinend selbstverständlichen Reaktion auf Musik, deren Ausbleiben mich in die Ecke einer jener milden, kulturgeschichtlich überdeterminierten Pathologien verweist, mit denen sich am Ende durchaus leben lässt. Nachdem Musik in der Philosophie der Aufklärung und des Idealismus (zumal bei Immanuel Kant) eine höchstens periphere Rolle gespielt hatte, rückte sie während des neunzehnten Jahrhunderts, dem Zeitalter der zum Religionsersatz aufsteigenden bürgerlichen Künste, in ein Zentrum geradezu ekstatischer Vermutungen und raunend inspirierter Thesen. Arthur Schopenhauer etwa wollte in ihr eine Ahnung des “Willens” spüren, jener tellurisch-überpersönlichen Kraft, die er für den Grund des angeblich endlosen menschlichen Leidens unter beständigem Wandel ansah. Jedem intellektuellen Exzess zugeneigt erlebte Friedrich Nietzsche in der Musik eine existentielle Intensität, an der selbst die singuläre Kraft seiner philosophisch-rhapsodischen Sprache scheiterte. Und eben in jenen Jahrzehnten bemühten sich nicht wenige Komponisten, in der sogenannten “Programmmusik” Bedeutungen zu artikulieren und zu entdecken, deren Komplexität oder Gewalt sie ganz und gar außerhalb der Reichweite anderer Medien vermuteten.

Hier lag, geschichtlich gesehen, die anspruchsvollste Version jener Unwiderstehlichkeits-Vermutung, die in unserem Familiengespräch als bis zur Unvermeidlichkeit naturgegeben erschienen war. Ich möchte versuchen, dieser Ahnung (und diesem Mythos) von Tiefe und Intensität beschreibend beizukommen, ohne auf den beinahe sprichwörtlichen Punkt zu stoßen, wo vermutete Unwiderstehlichkeit in aktuelle Resignation gegenüber Unfassbarkeit umschlägt. Dabei nehme ich zum Ausgangspunkt einen Begriff von “Präsenz,” der auf eine elementare, aber doch oft übersehene Struktur menschlicher Existenz verweist.

Er hat damit zu tun, dass wir nicht umhin können, auf alle Objekte unserer Welt, genauer: auf alle sinnlichen Wahrnehmungen, die zu Gegenständen unseres Bewusstseins werden (Edmund Husserl nannte sie “intentionale Objekte”) in zwei Weisen oder Dimensionen zu reagieren. Laufend und unvermeidlich schreiben wir ihnen zum einen Bedeutungen zu, worauf wir gemeinhin erst aufmerksam werden, wenn dieser Prozess ins Stocken gerät (etwa gegenüber den gesprochenen oder geschriebenen Sätzen einer Sprache, die wir nicht verstehen). Neben der Sinn- und Bedeutungs-Stiftung aber positionieren wir auch beständig unsere Körper gegenüber den intentionalen Objekten (und diese zweite Dímension scheint zumindest in den neuzeitlichen westlichen Kulturen weniger bewusst zu werden). Gegenstände sind unerreichbar fern oder unmittelbar nah, anziehend oder bedrängend — und eben ein solches köerperlich-räumliches Verhältnis zur Welt können wir “Präsenz” nennen.

Bedeutungs-Dimension und Präsenz-Dimension entfalten sich nun zwar gegenüber jeglichem Gegenstand, doch die Proportion zwischen ihnen ist im Normalfall nicht ausgeglichen, sondern je nach Typ des Gegenstands graduell – und bis in Extreme — verschieden. Bei der Lektüre von Texten etwa dominiert selbstredend die Bedeutungsseite, ohne dass die Präsenzseite vollends verschwindet (zu ihr gehören etwa das Layout des Textes auf einer bedruckten Seite oder der unsere Körper affizierende Rhythmus eines rezitierten Texts), während in unserem Verhältnis zur Musik offensichtlich die Präsenzseite im Vordergrund steht, ohne dass die Bedeutungsseite eliminiert wird (wie wir etwa an der Bemühung um “Programmmusik” erkennen).

Der Prozess der Präsenz-Verarbeitung von Musik gehört, meine ich, zu jenen Phänomenen, auf die wir uns mit dem Wort “Stimmung” beziehen. Stimmungen sind Zustände unser Psyche, die – unvermeidlich und geradezu “mechanisch” – von Fällen der leichtesten Modalität der Berührung unserer Körpers durch die materielle Umwelt ausgelöst werden. Durch das Wetter zum Beispiel, dessen verschiedene Zustände wir immer schon mit Stimmungen assoziieren; durch den Klang von Stimmen — und natürlich auch durch die die Schallwellen der Musik. Musik zu hören, ist eine Ganzkörper-Erfahrung, die immer Stimmungen abrufen wird, wobei sich zumindest auf individueller Ebene oft stabile Relationen zwischen der Art der auslösenden Körper-Berührung und den ausgelösten psychischen Zuständen beobachten lässt. Niemand hat das hier waltende praktische Paradox kompakter und zugleich genauer beschrieben als die afro-amerikanische Literatur-Nobelpreisträgerin Toni Morrison mit ihrer Formel “it is like being touched from inside.”

Einmal entstandene Stimmungen führen dann oft, wenn auch nicht notwendig oder immer, zu Situationen von Latenz, das heißt zu dem Eindruck, dass sich ein Gegenstand in unserer Nähe befindet, ohne dass wir seinen Ort und seine Identität kennen. “Etwas liegt in der Luft,” das ist ein Satz und ein Eindruck, mit dem wir uns auf Situationen von Latenz, spezifischer: auf von Stimmungen erzeugte Latenzeindrücke beziehen – einschließlich der Konsequenz, dass wir den Gegenstand der latent war, nicht notwendig als solchen erkennen könnten, wenn er sich uns zeigte (sich selbst enthüllte), eben weil uns seine Identität ja unbekannt war – und auch nach seiner Erscheinung meist weiter bleibt. So weit, hoffe ich, kann man diesen Gedankengang problemlos mit Musik assoziieren. Sie ruft unvermeidlich Stimmungen ab, und auf Stimmungen reagieren wir in den meisten Fällen mit Latenzgefühlen, was die so weit verbreitete Erwartung erklärt und zu bestätigen scheint, dass in der Musik “etwas” (schwer Fassbares) zum Ausdruck kommen kann (jedoch nicht muss).

An dieser Stelle nun scheint mir eine Intuition entscheidend, auf die Martin Heidegger eher am Rande eines Seminars in den späten dreißiger Jahren zu sprechen kam. Es ging im Gespräch mit seinen Studenten darum, dass Stimmungen oft “Wahrheitsereignissen” vorausgehen, anders gesagt: dass Stimmungen auf Situationen der “Selbstentbergung des Seins” vorausverweisen – ähnlich wie uns seit den Beobachtungen von Freuds psychiatrischem Lehrer Charcot klar ist, dass den Episoden von Hysterie (aber auch von Epilepsie) eine “Aura” vorausgeht, und das ist funktional gesehen eine Vorahnung, mit der und dank derer solche Episoden – oder Ereignisse der Selbstentbergung des Seins — “in der Luft liegen.”

Was Heidegger genau mit der Formel von der “Selbstentbergung des Seins” erfassen wollte, ist unter seinen Lesern und Interpreten (philosophischen Freunden und Feinden) bekanntlich – und ganz hoffnungslos – umstritten. Jedenfalls gibt es, meine ich, Anhaltspunkte in seinem Werk, die zu der Vermutung führen können, dass es hier um die Erscheinung (und um eine historische Rückkehr) der seit Kant aus der Philosophie verbannten Schicht der “Dinge an sich” gehen soll, um den Moment der absoluten (also nicht im Sinn subjektiver Erfahrung perspektivischen) Präsenz und Erfassung individueller Gegenstände oder Phänomene – und auch wenn sich je beweisen ließe, dass Heidegger selbst mit der Formel von der “Selbstentbergung des Seins” etwas anderes im Sinn hatte, scheint mir eine solche Lektüre – zumal in unserem Zusammenhang – interessant und provozierend genug.

“Selbstentbergung des Seins” aber, soviel hat Heidegger nun wieder selbst deutlich gemacht, darf — bei aller inhaltlichen Ähnlichkeit – nicht mit “Offenbarung” oder gar “Einsicht,” mit ausschließlich intellektuellen Prozessen also, verwechselt werden, sondern hat durch den Ereignismoment eine für Menschen in ihrer Nähe durchaus potentiell bedrohliche Präsenz. Aus diesem Blickwinkel ist es wohl nicht zu weit hergeholt, etwa die Zerstörungskraft einer Nuklear-Explosion als Moment der “Selbstentbergung von Energie” aufzufassen. Musik freilich, die ohne Stimmung nicht zu hören und zu haben ist, wird nie zum Ort der Selbstentbergung selbst und an sich, sondern löst auf Grund ihrer Stimmungen in vielen Fällen – vielleicht sogar unvermeidilich – die Aura, die Gewissheit der Vorwegnahme einer Selbstentbergung des Seins aus. Das macht ihre “Gravitas” aus, ihre existentielle Schwere und Würde, wie mein Freund Robert P. Harrison betont, dass sie uns nämlich suggeriert, ein Wahrheitsereignis mit Absolutheitsstatus “liege in der Luft” und sei zu antizipieren, ein Wahrheitsereignis eben auch, das immer einen Aspekt von Gefahr einschließt. Aus der zeitlich entgegengesetzten Perspektive ist aber auch noch einmal zu betonen, dass die Performanz von Musik eben nicht zum Moment der Selbstentbergung wird — wie die Praktiker und Theoretiker der „Programmmusik“ (innerhalb anderer konzeptueller Konfigurationen) unterstellt hatten.

Angesichts von derart “schweren” Begriffen (nun nicht im Sinn von “Gravitas,” sondern von potentiellem Heidegger-Kitsch) mag man geneigt sein, die Aura-Funktion der Musik ausschließlich mit Klängen im Richard Wagner-Register zu assoziieren. Die Pointe der hier entfalteten These allerdings soll gerade in die entgegengesetzte Richtung zeigen. Denn jede Form von Musik ruft ja Stimmungen ab — was bedeutet, dass jede Form von Musik zu einer Latenz-Situation und mithin zur Aura eines Wahrheitsereignisses werden kann. Auch die Selbstentbergung von Phänomenen der Eleganz, Leichtigkeit und Anmut hat ihre jeweils besondere Gravitas, ihre Verbindlichkeit und einen Ernst, der über jede subjektive Projektion erhaben wirkt — und erhaben ist. Möglicherweise erscheint und bleibt es genau deshalb für viele von uns (selbst in meiner nicht besonders “musikalischen” Familie) so ganz undenkbar, ohne Musik zu leben — weil ohne Musik das von Heidegger ganz unabhängige, existentiell tröstende und Sicherheit schenkende Versprechen einer Möglichkeit von Wahrheits-Ereignissen weitgehend verschwände.