Digital/Pausen

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Hans Ulrich Gumbrecht lehrt Literatur in Stanford und bedauert es, zu alt für eine Karriere-Chance als Trainer im American Football zu sein.

Muss (und kann) man seine Geschwister lieben?

Obwohl Sigmund Freud neun Brüder und Schwestern mit oft dramatischen Lebensgeschichten aus zwei Ehen seines Vaters — und selbst sechs Kinder — hatte, nimmt die Frage nach Formen und Auswirkungen von Geschwister-Beziehungen in seinem Werk nur einen marginalen Ort ein, was angesichts der sonst ebenso permanenten wie produktiven Aufmerksamkeit für Familienstrukturen erstaunlich ist – und doch kaum Diskussionen oder gar Erklärungen ausgelöst hat. Nur eine eher beiläufige Bemerkung sieht man zuweilen zitiert, wo Freud sich in ironischem Ton erstaunt zeigt angesichts der vorherrschenden Erwartung, dass Zuwendung und Liebe im Verhältnis zwischen Geschwistern vorherrschen sollen. So fällt gleichsam sekundär, das heisst vermittelt über die Perspektive des prominentesten psychologischen Denkers unserer Kultur, ein Hauch der Ambiguität von Unheimlichkeit auf das Geschwister-Phänomen: sollten ausgerechnet sie, die den meisten von uns seit Geburt alltäglich Vertrautesten, zugleich jene Mitmenschen sein, deren Gegenwart in unserem Leben sich jedem Verstehen sperrt?

Auch das mythologische Erbe, dem vor allem Freud in seiner Faszination für die oft spannungsvoll besetzten Affekte zwischen Kindern und Eltern folgt, entfaltet keinesfalls einen großzügigen Horizont von Geschwistergeschichten. Allenfalls die Tora erzählt in zwei prominenten Passagen von Brüdern, nämlich vom archaischen Konflikt zwischen Kain und Abel und vom Ressentiment seiner Brüder gegenüber Joseph, dem Lieblings-Sohn ihres gemeinsamen Vaters. Diese Geschichten entwickeln die beiden Grundvarianten eines Konflikttyps, der aus der Simultanität zwischen Situationen der Ungleichheit und dem Hintergrund einer fundamentalen Gleichheitsprämisse hervorgeht. Auf der einen Seite und eben grundsätzlich sind Geschwister gleich aufgrund ihrer genetischen und sozialen Abhängigkeit von denselben Eltern. Andererseits können als je verschieden erlebte Beziehungen von Vater oder Mutter zu ihnen Gefühle von Frustration, Ressentiment und Hass heraufbeschwören (und trotzdem erwartet man noch heute in bestimmten gesellchaftlichen Kontexten, dass Eltern mehrerer Kinder – sozusagen “offizielle” – Lieblingskinder haben). Eben diese erste Problemvariante illustriert die Geschichte von Joseph und seinen Brüdern, den Söhnen des Jakob, der Joseph, seinen Zweitjüngsten, sichtbar mehr liebte als die anderen Söhne.

Die primäre Gleichheit von Geschwistern kann sich aber auch ohne primär ausschlaggebende Intervention von außen zu Gegensätzen und Spannungen entwickeln, wie im Konflikt zwischen Kain, dem Ackerbauern-Sohn von Adam und Eva, und Abel, seinem Viehzüchter-Bruder. Während die einschlägige Erzähltradition zu suggerieren scheint, dass beide schon früh in ganz verschieden geprägte, ja imkompatible Charakterrichtungen strebten, macht am Ende Gottes abweisende Reaktion auf sein Opfer den Kain zum eifersüchtigen Brudermörder Abels, dessen Opfer Gott erfreut entgegengenommen hatte.

Vielleicht ist es ja gar nicht erstaunlich (weil so das Verhältnis zwischen Geschwistern noch unheimlicher wird), dass die sonst ganz durchschnittlich Männlichkeits-gestimmte deutsche Sprache ausgerechnet eine alte Plural-Version des Wortes “Schwestern,” nämlich „Geschwister“ für nicht-gleichgeschlechtliche Gemeinschaften von Söhnen und Töchtern vorgibt? Eine elementare Störungsanfälligkeit liegt jedenfalls in den Beziehungen zwischen Schwestern, Brüdern und Geschwistern, weil Anhaltspunkte für erlebte Ungleichheit angesichts einer primären Gleichheitsannahme nicht einzuklammern oder gar aufzuheben sind. Diese einfache Logik setzt mit der Beobachtung ein, dass ja schon die Reihenfolge des Geboren-Werdens zu strukturell verschiedenen Bedingungen der psychischen Entwicklung führen muss, über die sowohl Psychologen wie Pädagogen intensiv nachgedacht haben.

So kommt mir der eine Wunsch nach existentieller Erfüllung nun mit einem Mal sehr naiv vor, den ich wahrscheinlich mit den meisten Müttern und Vätern teile. Es ist die Hoffnung und der Traum, nach meinem Tod in der wechselseitigen Zuneigung und Liebe meiner beiden Töchter und meiner beiden Söhne sozusagen weiterzuleben, anders gesagt: in der wechselseitigen Zuneigung meiner vier Kinder, von denen der ältere Sohn und die ältere Tochter eine andere Mutter haben als der jüngere Sohn und die jüngere Tochter. Ich stelle mir zum Beispiel vor, dass sie sich – aus verschiedenen Teilen der Welt kommend – eines Tages regelmäßig treffen, nicht zur Erinnerung an mich, aber doch motiviert von einem Impuls der Gemeinsamkeit, deren psychischer und sogar biologischer Impuls ich sein möchte. Einmal abgesehen von der immer wieder schmerzhaft zu aktivierenden Einsicht, dass ein solches “Überleben” im Leben von anderen (oder sein Scheitern) niemandem je aktuell bewusst werden kann, muss ich mir des weiteren eingestehen, dass es – trotz selbstredend „bester Absichten“ – natürlich nicht gelungen ist, meinen vier Kindern, die sich, wie man so sagt, “sehr gut verstehen,” jene absolute Gelassenheit zu geben, wie sie vielleicht allein aus dem Gefühl einer absoluten Gleichheit in der Zuwendung der Eltern erwachsen kann.

Aufgegeben habe ich den Traum natürlich nicht und bin deshalb auch weiter bereit, dem Einwand entgegenzutreten, es sei bloß eine narzisstische Illusion zu glauben, dass ich meine beiden Söhne und Töchter mit gleicher Intensität, wenn auch über je andere Erinnerungen und andere Konvergenzen zu lieben imstande sei. Wirklich – “empirisch” — unwahrscheinlich wird die Einlösung meines Wunsches nach existentiellem Gelingen aber angesichts der Tatsache, dass das schon vorher mühsam am Leben gehaltene Verhältnis zu meiner einzigen, acht Jahre jüngeren Schwester seit dem Tod unserer Eltern vor einigen Jahren und aufgrund divergierender Erwartungen im Blick auf ein zu teilendes (in seinem Volumen eher unerhebliches) Erbe mittlerweile in Schweigen und Abwendung übergegangen ist. Dass meine Schwester mir ihren eigenen Eindruck übelnimmt, das Leben habe mich besser behandelt als sie, rede ich immer wieder mir selbst ein – und manchmal sogar Dritten, denen an unserer Beziehung eigentlich gar nicht gelegen sein kann.

Hier wird es Zeit für meine Antwort auf die Titelfrage, ob man seine Geschwister lieben (kann und) muss. Ich will zunächst zugeben, was mir ein durchaus schlechtes Gewissen bereitet, nämlich dass ich die Gegenwart der einen Schwester in meinem Leben nicht vermisse (und davon ausgehe, dass es ihr mit mir ganz ähnlich geht). Nach der mühsamen (und an Anwaltskosten teuren) Abwicklung des von unseren Eltern hinterlassenen Erbes waren wir beide wohl zu vielfach verletzt (oder auch einfach zu erschöpft), als dass uns aneinander hätte liegen können – und hinzu kam (ausnahmsweise einmal) erleichternd, dass uns beiden das Leben in weit voneinander entfernten Ländern die Peinlichkeit ersparte, auf diesbezügliche Fragen oder (schlimmer) auf Versuche reagieren zu müssen, unsere Beziehung einzurenken. Es lebt sich wohl gut und störungsfrei genug ohne mich als Bruder, nehme ich an, um aus eigener Perspektive zu bestätigen, dass auch mir das Ende der ja immer potentiell prekären Geschwisterbeziehung wohl tut.

Die These von der Wahrscheinlichkeit problembeladener Beziehungen unter Geschwistern hat als Antwort auf die Frage, ob man seine Geschwister lieben muss (und kann), natürlich nicht den Status einer Notwendigkeit. Dafür, dass sich Geschwister- und vielleicht besonders Beziehungen zwischen Brüdern sehr positiv entwickeln können, stand ja einst die in Firmennamen häufig verwandte Abkürzung “Gebr.” (für “Gebrüder”). Sie warb (und wirbt noch heute gelegentlich) als Verweis auf eine wechselseitige Vertrautheit und Verlässlichkeit “unter Brüdern” (diese Worte stehen ja auch immer noch in adverbialer Funktion für den Begriff “Vertraulichkeit”).

Eine Stufe “höher” kann man auf der Seite positiver Geschwisterbeziehungen jene Fälle einordnen, wo sich die aus gemeinsamer Herkunft und gemeinsamem Aufwachsen entstandene Vertrautheit zu einer wechselseitig glücklichen Komplementarität entfaltet. Ein solcher Glücks-Fall scheint das Verhältnis zwischen dem Philosophen Martin Heidegger und seinem fünf Jahre jüngeren Bruder Fritz gewesen zu sein, der die meisten Jahre seines Lebens als Bankangestellter im südwestdeutschen Messkirch, dem Geburtsort beider Heideggers, verbrachte. Fritz Heidegger hatte mit einer Sprachbehinderung zu kämpfen, war weit davon entfernt, je Weltruhm zu erlangen, wurde zum führenden Spezialisten für das Verstehen und die Transkription der schwer lesbaren Manuskripte seiner Bruders – und scheint doch nie in eine Position struktureller Unterlegenheit abgedrängt worden zu sein. Vielmehr war Fritz Heidegger imstande, mit liebender Ironie (und der paradoxale Ton dieses Ausdrucks ist beabsichtigt) auch in dessen Gegenwart über seinen toternsten Bruder zu reden – und scheint unter den beiden die Rolle des Lebensweisen übernommen zu haben.

Schließlich gibt es – gleichsam “an der Grenze” der Entfaltung von Möglichkeiten der Geschwisterbeziehung — ein Oszillieren zwischen Vertrautheit und erotischer Faszination, deren Erfüllung in den meisten uns bekannten Kulturen durch ein Tabu oder gar explizites Verbot ausgeschlossen wird. Einer der ganz großen Romane des vergangenen Jahrhunderts, Robert Musils “Mann ohne Eigenschaften,” entwickelt die Beziehung zwischen den Geschwistern Ulrich und Agathe genau in dieser faszinierenden, beklemmenden und zugleich (auch für den Leser) beglückenden Weise, welche zugleich zu einem Grund für die Unmöglichkeit (eher als Unfähigkeit) des Autors geworden sein mag, sein Werk zuende zu bringen. In einem Gespräch nach der Beerdigung ihres Vaters werden die Geschwister von einer Affinität der Affekte überrascht und überfallen, die Musil als eine Situation inzeniert, wo sie beide “Domino-artige” Freizeitkleidung (wie man heute sagen würde) tragen. Die Beziehung zwischen dem angesichts der Vielzahl seiner Talente im Alltag konturenlos bleibenden “Mann ohne Eigenschaften” und seiner entspannten, sich stets auf ihr Urteil und ihre Entschlossenheit verlassenden Schwester mag zunächst asymmetrisch zu Ungunsten Agathes wirken – um bald (jedenfalls in meiner Lektüre) in eine existentielle Überlegenheit von Agathes Anmut und konturiert-praktischer Intelligenz umzuschlagen, die sich Ulrichs hingerissenem Staunen erschließt.

Auf dieser Ebene und in diesem Status endet das Romanfragment. Liegen hier jene Grenze und auch jenes eine, unerfüllt bleibende Versprechen, die sich hinter dem Gefühl des Unheimlichen in Geschwisterbeziehungen verbergen? Es bleibt unklar, welches Ende Musil für die Entwicklung der Beziehung von Agathe und Ulrich im Sinn hatte. Vielleicht gehört erotische Unwiderstehlichkeit – und Unabschließbarkeit — ja zu allen Geschwisterbeziehungen, welche über die Ebene ”positiver Solidität” hinausgehen.

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