Digital/Pausen

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Hans Ulrich Gumbrecht lehrt Literatur in Stanford und bedauert es, zu alt für eine Karriere-Chance als Trainer im American Football zu sein.

Intensität – und existentielle Ästhetik der Gegenwart

Noch hat sich die Beobachtung nicht im kulturkritischen Konversationswissen der Gebildeten etabliert, doch ohne die Wörter „intensiv“ und „Intensität“ scheint keine Beschreibung positiver Erlebnissituationen mehr auszukommen. Als „intensiv“ wird der letzte Konzertbesuch gefeiert, der noch nicht zum Kultstatus aufgestiegenen Film und die beflissen kuratierte Ausstellung zeitgenössischer Kunst; wenn Intensität fehlt, „muss man sein Leben ändern“ (um zugleich Rainer Maria Rilke und Peter Sloterdijk zu zitieren), für den nächsten Beruf oder die Herausforderungen eines Triathlon-Wettkampfs trainieren, Abenteuerurlaube mit gehobenem Leistungsanspruch buchen oder sein Vermögen in Risiko-Aktien investieren.

Was genau der Begriff bedeuten mag, lässt sich angesichts der Universalität seines Gebrauchs nur schwer bestimmen – denn je größer die Zahl der Gegenstände und Situationen wird, auf die er, „in adverbialer Funktion“ sozusagen, zu passen scheint, desto weniger eignet er sich, um prägnante Unterscheidungen zu machen. Zu allgemeinen Vorzeichen von Steigerung etwa werden die Intensitätswörter in vielen Varianten und auch zum Verweis auf ein unspezifisches „Mehr“ oder den Prozess eines Crescendo, wenn wir uns an das Erleben der materiellen oder sozialen Umwelt und an unsere stärksten Reaktionen auf sie erinnern. Intensiv sind Sonnenuntergänge, Konzerte oder Endspiele aber nicht „an sich“, sondern nur (erstens) durch menschliche Resonanz und (zweitens) im Vergleich mit anderen Resonanzmomenten.

Doch warum ist das Wort „Intensität“ erst in den letzten Jahren so charismatisch und anziehend geworden, dass nun selbst sein Gebrauch eine Kurve der Steigerung duchläuft? Es steht in eigentümlichem Gegensatz zu vorausgehend charismatischen Begriffen und Werten, wie etwa dem „Entspannen“, dem sorglosen „Genießen“ oder der vollkommenen „Stressfreiheit“, als deren Konvergenzpunkt sich gerade Intensitätvermeidungsstrategien zeigen. Anscheinend reagieren beide Wort-Gruppen auf jenen – nicht zuletzt von der elektronischen Technologie zu neuer Komplexität getriebenen – globalen Alltag mit seinen Polen wachsender individueller Unabhängigkeit und schwindender kollektiver Verpflichtungen, den ich gerne als Ergebnis des Übergangs von einer Welt als Feld der Kontingenz zu einem Universum der Kontingenz beschreibe, zu einer Welt ohne verbleibende Notwendigkeiten und Unmöglichkeiten.

Wer sich von diesem Alltag durch sein schieres Gewicht an Möglichkeiten und Optionen bedrückt fühlt, wird Entspannung, Distanz und Sorglosigkeit suchen; wem hingegen in erster Linie Konturen, ja sogar Widerstände in der eigenen Welt fehlen, der sehnt sich nach Bewegungen und Formen von Intensität eher als „zwei Seiten derselben Medaille“. Ich sehe im Wunsch nach Entspannung und im Wunsch nach Intensität aufeinander folgende Phasen eines übergreifenden Prozesses – was den (natürlich pauschalisierenden) Eindruck erklärt, dass ein Charisma der Intensität jenes der Entspannung abgelöst hat. An die Stelle von Fluchtimpulsen vor einer Überlast von Komplexität tritt immer mehr die Bereitschaft, sich auf Prozesse der Intensität einzulassen.

Die explizit philosophischen Diskurse und Debatten allerdings haben „Intensität“ noch kaum für sich entdeckt – mit einer markanten (und sehr frühen) Ausnahme, nämlich dem Werk von Gilles Deleuze, vor allem seinem zusammen mit dem Psychiater Félix Guattari verfassten und 1980 veröffentlichen Buch „Mille Plateaux“, wo der Begriff zum zentralen Schnittpunkt einer vieldimensionalen Ästhetik der Existenz wird. Sehr entschieden setzen die beiden Autoren vorab auf ein Konzept von Intensität als Prozess (als „Werden“ oder „devenir“ im französischen Original). Zweitens identifizieren sie Intensität als eine Tendenz und ein Talent im Leben der Kinder, worauf folgt, dass sie mit einem Verlust oder sogar einem Verzicht auf Selbstbestimmung im Handeln verbunden sein muss. Neben dem psychischen (Rück-)Weg zum Kindsein soll Intensität dann drittens auch mit einem gleichsam evolutionären (Rück-)Weg zur Animalität, zu einem Wiedergewinn von Körperlichkeit, verbunden sein.

Intensität als Prozess, könnte man deshalb im Blick auf unsere Gegenwart und ihre Herausforderungen ergänzen und spekulieren, setzt ein mit dem Erleben der Welt als kontingent, das heißt auch, wie wir gesehen haben, mit der Sehnsucht nach Konturen und Widerständen, und sie endet – „auf der anderen Seite“ sozusagen – in schwarzen Löchern der reinen Materialität, die alle denkbaren Kontingenzen, Komplexitäten und Freiheiten absorbieren und so zu einer Bedrohung werden (und vielleicht im Status einer „Erlösung“ von Kontingenz, möglicherweise im Tod, zugleich zu einem existentiellen Versprechen). Wer sich auf – unabhängig von menschlichem Handeln – ablaufende Prozesse der Intensität einlässt, wird zumindest Teile seiner Autonomie und Selbstbestimmung abgeben, doch erlebt dies nicht als einen Verlust, sondern eben eher als Entlastung und vor allem als eine Schwelle, von der an man sich bewusst von Formen und Konturen bestimmen lässt.

Ohne eine Ahnung von solcher Wirkung wird sich kaum jemand auf Musik einlassen (und das oft eintretende Gefühl, einmal gehörte Musik nicht mehr ohne weiteres loswerden zu können – der berühmte „Ohrwurm“ also – ist eine milde Variante der selben Dynamik). Auch das Konzept der „Leidenschaft“ gehört in diesen Zusammenhang: Wir lassen uns auf Leidenschaften ein, obwohl – oder weil – wir wissen, dass sie uns als Prozesse von Intensität beherrschen werden, was beinahe unvermeidlich auch individuelles Leiden mit sich bringt. Individuelles Leiden – und zugleich die Gefahr (oder die Verlockung), Teil einer Masse, Teil eines „mystischen Körpers“ aus ehemaligen Individuen zu werden, eines „mystischen Körpers“, dessen potentielle physische Gewalt intern kaum zu steuern ist und deshalb um so leichter von außen manipuliert werden kann.

Offensichtlich gehört das Risiko, genauer die Bereitschaft, sich auf erhebliche Risiken einzulassen, zur Dimension und zum Charisma der Intensität; ebenso offensichtlich aber können wir sie als Möglichkeit einer existentiellen Ästhetik auffassen, sobald wir die Animalitätskomponente der Intensität entdeckt haben und zugleich voraussetzen, dass ästhetisches Erleben prinzipiell von einer Spannung und Oszillation zwischen begrifflicher Erfahrung und sinnlich-körperlicher Wahrnehmung abhängt. Mit dem Begriff der Ästhetik (und ihrer speziellen sozialen „Autonomie“) erschließt sich dann eine Perspektive, unter der Intensität Abstand zu den üblichen, oft berechtigten – aber in unendlicher Wiederholung auch ebenso oft banalen – Kritiken der Verbindung von Autonomieverlust und kollektiver Gewalt als ihrer Folgen gewinnt.

Könnte die Kompetenz, sich auf Prozesse von Intensität einzulassen, Teil eines neues Begriffs und einer neuen Praxis von Bildung werden – und sie zu einem Punkt zwischen Kontingenz und den schwarzen Löchern führen, wo einerseits aus der Kontingenz Form entstand und auf der anderen Seite die Form noch nicht in die profillose Kontraktion eines schwarzen Lochs implodiert ist? Als lebenslang kontinuierliche Entwicklung im Stil des Bildungsbegriffs, wie er sich von der Aufklärung über die Romantik artikuliert hat, sollten wir die Bewegung von Intensität jedenfalls im eigenen Interesse nicht auffassen. Denn als langfristiger Prozess muss sie zu Abhängigkeit, Sucht und Selbstzerstörung führen. Intensitätskompetenz als Dimension einer Bildung der Zukunft müsste eher mit der Fähigkeit einsetzen, schon in Bewegung befindliche Prozesse der Intensität zu identifizieren, und von dem risikobereiten Entschluss, sich auf sie einzulassen. Vor allem aber von der Fähigkeit und der Stärke, sie auch wieder loszulassen („to exit them“), wenn sie den Status einer differenzierten Form erreicht (und vielleicht schon überschritten) haben, in dem sich möglicherweise auch Sinnlichkeit und Vernunft in einem schönen, konturierten Verhältnis halten.

Als Kern einer Utopie von der Bildung der Zukunft, um es sehr vollmundig zu formulieren, käme der Intensitätskompetenz die Funktion einer Entlastung von permanenter individueller Handlungsautonomie und ihren Überforderungen zu, einer Entlastung ausgerechnet von jener Existenzform, zu der klassisch „bürgerliche“ Bildung erst hinführen sollte. Strukturell gesehen soll Intensität aber, wie wir gesehen haben, nicht zur Permanenz einer geschlossenen Entwicklung geraten, sondern sich in immer neuen Momenten zwischen „Einlassen“ auf Prozesse und „Loslassen“ von ihnen vollziehen. Natürlich ist denkbar, dass sich auch der akkumulierte Effekt solcher Reiterationen von Momenten der Intensität in individuellen Profilen der Bildung artikulierte. Doch wir verspielen das Potential der Intensität für unsere Gegenwart und Zukunft, wenn wir sie in zu vielen Hinsichten als funktionales Äquivalent der traditionellen Bildung denken und konzipieren. Eher geht es darum, in ihr das Risiko einer ganz anderen, neuen Existenzform zu bejahen, einer Existenzform der Zukunft vielleicht, die noch kein Zeitgenosse in all ihren Möglichkeiten gelebt oder gar erlebt hat.

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