Digital/Pausen

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Hans Ulrich Gumbrecht lehrt Literatur in Stanford und bedauert es, zu alt für eine Karriere-Chance als Trainer im American Football zu sein.

Jüngste Version des persönlichen Glücks?

Nichts hatte meinen siebenjährigen Enkel Diego mehr zu allerhand mathematischen Übungen angespornt als der Gedanke an den “sehr bald,” sagte er immer, anstehenden hundertsten Geburtstag seiner Urgroßtante. Er wusste, wieviel jünger all die anderen Familienmitglieder (“sogar” sein Großvater) waren, wieviele Tage uns noch von dem Fest trennten, das er sich in allen möglichen Farben ausmalte, und kannte selbst die Daten der nächsten potentiellen Hunderter-Geburtstage unter den Verwandten. Jetzt ist die Urgroßtante ebenso schnell wie unerwartet, das war bis zum Ende ihr Stil gewesen, an einem Vorweihnachtstag in ihrem neunundneunzigsten Lebensjahr gestorben und ließ Diego mit der Aufgabe zurück, sich einen ganz neuen Zeitrahmen zu erfinden.

Für mich hat dieser Tod die zugleich banale und schwierige Frage aktiviert, was denn heute zu einem glücklichen Leben gehört. Als ich die ältere Schwester meines Vaters vor ziemlich genau zwei Jahren zum letzten Mal sah, stand sie noch zu aktiv und selbstverständlich in ihrem sehr konkreten Leben, um solche herbstlichen Gedanken anzustoßen. Sie trug die Modefarbe der Saison, fuhr ohne Probleme (allerdings nicht selten mit herzhaften Geschwindigkeitsüberschreitungen) ihren eleganten Wagen und bekochte jedes Wochenende im eigenen Haus, das sie allein bewohnte, die zahlreichen Enkel und Urenkel. Bei allen Gesprächen wirkte sie konzentriert, zugewandt und charmant, ohne nach Aufmerksamkeit zu heischen. Dann überfiel sie plötzlich ein Schlaganfall und wenige Wochen später ein Herzinfarkt, gefolgt von einem Sturz im Krankenhauszimmer, der den definitiven Kollaps ihrer Lebensfunktionen auslöste.

Ohne besondere Verwunderung nahm die Familie wahr, dass die Matriarchin auch ihren Lebens-Ausgang mit ganzer Wachheit vorbereitet (und ohnehin vor-bezahlt) hatte: Aussegnungszeremonie und Einäscherung waren mit einer Bestattungsfirma besprochen und die Urne ausgesucht. Und als die ernsten Feiern vorbei waren — hinterließen das Leben wie die Lebhaftigkeit meiner Tante ein Vakuum, das nun Erinnerungen und erstaunlicherweise auch Fragen über die Zukunft stimuliert. Einen Grundschullehrer und Wehrmachtsoffizier hatte sie sehr jung geheiratet, und mit ihm war es ihr gelungen, aus den vom Stiefvater hinterlassenen Resten eines Kfz-Geschäfts in wenigen Jahren einen modernen und höchst profitablen Betrieb zu machen; abstrakten Expressionismus sammelten die beiden zum dumpfen Erstaunen aller Verwandten, sie bereisten die europäischen Kulturen außerhalb Deutschlands mit ihren drei Kindern in einer Citroën Déésse, engagierten sich für die jüdisch-deutsche Gemeinde, spielten Tennis mit den jeweils neuesten Metallschlägern, schickten die ältere Tochter auf eine Privatschule in der französischen Schweiz und förderten die Ausbildung ihrer jüngeren Tochter zur Konzertsängerin.

Allerdings verlief diese Existenz nicht einfach in den Spuren eines großbürgerlichen, ja kosmopolitischen Bildungsfahrplans, wie er kaum von ihrer eher dürftigen Schulbildung vorgegeben – und schon gar nicht in ihre Wiege gelegt – war. Noch in der Mitte des Lebens nahm sich diese Frau erotische Freiheiten, die ihre soziale Umwelt wohl nur deshalb ignorierte, weil sie jenseits des provinziellen Vorstellungsvermögens spielten — und in der Familie doch mindestens eine für immer unumkehrbare Verstimmung auslösten. Beinahe alle engen Verwandten jedoch gewann sie über die Liebe und Bewunderung ihrer Enkel zurück, weil sie Alter nie als eine Grenze von Beziehungen erlebte. Ebensowenig verbarg oder leugnete sie Tabubrüche und Exzentrizität. In jeder Begegnung blieben alle Aspekte ihrer Existenz präsent. So hatte ich sie aus der Distanz des Neffen geliebt, eher wegen als trotz der sichtbaren Narben. Ohne ihr ähnlich sein zu wollen oder zu können, habe ich in ihr eine ermutigende Herausforderung gesehen, umso mehr als sie nicht bereit war, als Vorbild missverstanden zu werden.

Nichts von all dem war mir in Begriffen fassbar, bevor Diegos Urgroßtante vor drei Wochen starb. An die Stelle lebendiger Präsenz ist nun eben die Ahnung getreten, dass sie eine Verkörperung von glücklichem Leben war – und damit auch die Frage, ob hier nicht vielleicht eine für heute attraktive Option lag. Sie führt dann zunächst weiter in philosophie- und begriffsgeschichtliche Archive, deren frühere Schichten und Antworten so sehr den einschlägigsten Erwartungen und abgegriffensten Diskursen entsprechen, dass ihnen jede Faszination abgeht. Individuelles Glück, liest man dort, soll sich aus der Konvergenz mit höheren Ebenen und Werten ergeben, genauer bei Aristoteles oder Kant: mit den Interessen der Gesellschaft als Tugend und Pflichterfüllung; als Nähe Gottes seit Augustinus und bei den Mystikern; und als natürliches Leben schließlich nach der Tradition der Stoa.

Resonanz in der eigenen existentiellen Situation – und ich vermute, das geht nicht nur mir so – findet inzwischen freilich allein jener praktische Gedanke, den zuerst Epikur formuliert hatte und den wir, fast nie ohne einen etwas empörten Unterton, “hedonistisch” nennen, obwohl uns die höher greifenden Alternativen längst nicht mehr wirklich als Hoffnungen auf Glück überzeugen. Nach Epikur sind Momente individuellen Glücks oder individueller Lust stets von Instabilität und von Effekten der Unlust bedroht, so dass ein wünschenswertes Leben nur in der Maximierung der positiven Momente – auch der positiven Momente für möglichst viele Menschen – liegen kann. Damit aber verschiebt sich die philosophische Reflexion auf die Identifikation von Bedingungsgefügen, welche statt Formeln stabilen Glücks zu entwerfen, den grundlegend prekären Status des Glücks erklären.

So genau verfährt Sigmund Freuds berühmter Essay über das “Unbehagen in der Kultur” aus dem Jahr 1930. Nachdem Freud in den einleitenden Absätzen als Gründe für die Prekarität von Glück unsere individuelle physische Konstitution mit ihren Krankheiten, die Enttäuschungen in Begegnungen mit anderen Menschen und auch Naturkatastrophen unterschieden und benannt hat, entwickelt er seine eigene, originelle Vision von der unausbleiblichen Spannung zwischen Libido und Todestrieb, welche beide als zugleich fremd- und selbstbezogen entfaltet werden. Die Verdienste und Probleme dieser Theorie sind in ihrer beinahe hundert Jahre langen Rezeptionsgeschichte mehr als nur hinreichend diskutiert worden.

Am Ende des Texts stößt man aber auf einen historisch spezifizierenden Kommentar über die Zeit seiner Enstehung, der ein interessantes Licht auf unsere Glücks-Situation im frühen einundzwanzigsten Jahrhundert wirft: “Die Menschen haben es jetzt” schreibt Freud, “in der Beherrschung der Naturkräfte so weit gebracht, dass sie es mit deren Hilfe leicht haben, einander bis auf den letzten Mann auszurotten. Sie wissen das, daher ein gut Stück ihrer gegenwärtigen Unruhe, ihres Unglücks, ihrer Angststimmung. Und nun ist zu erwarten, dass die andere Seite der beiden ‘himmlischen Mächte,’ der ewige Eros, eine Anstrengung machen wird, um sich im Kampf mit seinem ebenso unsterblichen Gegner zu behaupten.” Wir wissen, wie sich während der fünfzehn Jahre nach 1930 der Todestrieb “mit Hilfe der Kulturkäfte”, um bei Freuds Terminologie zu bleiben, in einer vorher und nachher nie mehr erreichten Intensität artikuliert hat, die mit den Bombardements von Hiroschima und Nagasaki vom August 1945 ihren Höhepunkt erreichte.

Hingegen gehört es noch immer nicht zum Repertoire unserer intellektuellen Diskurse, in der Zeit nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs eine “Anstrengung des ewigen Eros” als Reaktion auf die vorherige Dominanz des Todestriebs zu suchen und zu lokalisieren. Dabei ist gerade diese Bewegung seit 2011 jährlich in einer aufwendigen empirischen Dokumentation der Vereinten Nation zugänglich. Ich beziehe mich auf den (durchaus ernst gemeinten) “World Happiness Report,” dessen erste zehn Positionen 2017 wie folgt besetzt waren: Norwegen, Dänemark, Island, Schweiz, Finnland, Niederlande, Kanada, Neuseeland, Australien und Schweden.

Ins Auge sticht natürlich, eher erwartungsgemäß, das Herausragen der fünf skandinavischen Nationen, deren gemeinsame Grundstruktur man, unabhängig von parteipolitischen Fluktuationen, immer noch als “sozialdemokratisch” charakterisieren wird. In der Form der Sozialdemokratie, bedeutet das weiter, hat die “Anstrengung des ewigen Eros” wohl ihre langfristig erfolgreiche Manifestation gefunden. Anscheinend wird individuelles Glück am breitesten in Gesellschaften erlebt, die dem Staat das Recht auf weitreichende und immer in Richtung auf mehr Gleichheit ausgerichtete Umverteilungen durch Steuerforderungen geben und als Gegenleistung die Erwartung eines hohen Grads stabiler Versorgung und Sicherheit institutionalisieren wollen. Zugleich wird das private Leben der Individuen, einschließlich der Ausbildung ihrer Strukturen von wechselseitiger Sympathie und Liebe, auf Distanz zu jeglichen staatlichen Interventionen gesetzt. Individuelle Freizeit und die Freiheit zu kulturell-individueller Lebensgestaltung gelten als zentrale Ansprüche, und der einzige – von innen allerdings kaum wahrnehmbare – Konformitätsdruck geht im sozialdemokratischen Alltag von der Annahme eben dieses Modells aus, das auf diese Weise mehr und mehr “natürlich” wirkt.

Bei entsprechender politischer Interessenlage könnte man die von Freuds Essay ausgehende Schluss-Frage an dieser Stelle als beantwortet verabschieden – und vielleicht noch am Rande erwähnen, dass die eher “un-sozialdemokratischen” Vereinigten Staaten einen überraschenden vierzehnten und Deutschland einen offenbar stabilen sechzehnten Platz belegen. Auf der – nicht unbedingt “politisch” – anderen Seite allerdings ist bemerkenswert, dass einige jener europäischen Gesellschaften, die als klassische Orte der Individualkultur gelten, in der Dokumentation der Vereinten Nationen abgeschlagen sind. Das gilt für Frankreich, (31) aber auch für Spanien (34), Italien (48), Ungarn (75), Griechenland (87) oder Portugal (89) – und bleibt erstaunlich, selbst wenn man in den letzteren Fällen ungünstige wirtschaftliche Konjunkturen in Rechnung stellen möchte.

Gewiss ist es an dieser Stelle angebracht bis unvermeidlich, generelle Skepsis gegenüber dem Ansatz einer solchen Dokumentation und spezifische Skepsis in Bezug auf zugrundeliegende Qualitäts-Parameter zu äußern, die offenbar allzu nah bei der sozialdemokratischen Realität liegen. Aber vielleicht gibt es ja doch eine – heute wieder in den Vordergrund rückende — Komponente des individuellen Glücks, der die ausgeprägt sozialdemokratischen Rahmen des Lebens nicht gerecht werden können. Ich meine – auf der Gegenseite maximaler Existenz-Sicherheit – die Offenheit von Erwartungen und auch den Charme der Überraschung; die Bereitschaft, Kontrolle über die Konsequenzen eigenen Handelns aufs Spiel zu setzen, und die Lust, Teil jener nicht mehr individuellen Bewegungen von Kontingenz hin zu Formen zu werden, die uns als “Intensität” faszinieren und bewegen; oder, zum letzten Mal in Freud’schen Begriffen, es geht um einen Eros, der Risiko akzeptiert und gerade jenen Widerstand braucht, den der perfekte Wohlfahrtsstaat vorsorgend einklammert und blockiert. Vielleicht geht es tatsächlich um einen Eros des Risikos.

Hier zeigen sich nicht nur, innerhalb einer Ästhetik der Existenz, Alternativen zur orthodoxen Sozialdemokratie, sondern auch Modi des individuellen Lebens “in der Kultur,” welche ihrerseits mittlerweile auf die erste, nicht nur in Skandinavien so überaus erfolgreiche Reaktion auf die Dominanz des Todestriebes reagiert haben. Über die Tradition des individuellen Hedonismus-Arguments hinaus ließe sich dann weiter spekulieren, dass der Eros des Risikos – und des Loslassens – auch als unerlässliche Voraussetzung jener Innovationen und Erfindungen wirkt, die unser Leben irreversibel verändern, statt bloß entlang vorhersehbarer Projektionen zu entwickeln.

Ohne es zu wissen,hatte Diegos Urgroßtante mit einem solchen Eros des Risikos gelebt, ihr Leben zuende gebracht — und damit die jüngste Version von glücklichem Leben vorweggenommen. Das war die Schönheit ihrer Existenz, die wir erlebten und von der ich hoffe, dass sie auch Diego eines Tages gegenwärtig wird – wenn er die Enttäuschung über den nicht erreichten hundertsten Geburtstag längst vergessen hat.

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