Digital/Pausen

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Hans Ulrich Gumbrecht lehrt Literatur in Stanford und bedauert es, zu alt für eine Karriere-Chance als Trainer im American Football zu sein.

Und wo sind die großen Bücher geblieben?

Einen Parkplatz zu finden kann sonntagmorgens ein echtes Problem werden an der kleinen und seit einiger Zeit zum Geheimtipp aufgestiegenen Shopping Mall aus den siebziger Jahren. Deswegen nur kamen wir letzte Woche zwanzig Minuten vor der Brunch-Reservierung mit unseren Freunden an. Meine Frau wollte mir auch noch schnell einen Buchladen zeigen, den sie im Dezember auf der Suche nach Weihnachtsgeschenken entdeckt hatte. Dass Buch-Läden heute, je nach lokaler Nachfrage und dem Geschmack ihrer Besitzer, auch allerhand anderes anbieten, versteht sich. Regenschirme zum Beispiel, die bei uns bloß eine kurze Saison haben, natürlich die untersetzten amerikanischen Kaffee-Mugs mit vielerlei Farben und oft angestrengt geistreichen Inschriften, Schreibmaterial, Postkarten (mit denen die Post gar nicht mehr rechnet) und, in diesem speziellen Fall, auch besonders anspruchsvolle Kinderkleidung. Am meisten beeindruckte mich ein Regal mit Hochglanz-Magazinen aus unserer Region, von denen ich noch nie gehört oder gelesen hatte – es muss zum Hobby der Elektronik-Millionäre geworden sein, solche Veröffentlichungen zu finanzieren.

Dann stieß ich endlich auf richtige Bücher, dachte ich jedenfalls – um zu entdecken, dass der erste buchförmige Gegenstand, den ich in die Hand nahm, von Briefumschlägen statt bedruckten Seiten gefüllt war und potentiellen Käufern in einer verdächtig freundlichen Gebrauchsanweisung nahelegte, sie mit Botschaften an die Nachwelt zu füllen. Angesichts meines fortgeschrittenen Alters weckte dieses ausgefallene (im Deutschen kann man drastischer sagen: an den Haaren herbeigezogene) Produkt eher unangenehme Assoziationen, so dass ich mich beinahe schnell weiter bewegte, zwischen mehreren Bergen aktueller Selbsthilfe-Bestseller, deren schiere Zahl Anlass gab, sich um die Zukunft der klassischen Psychotherapie Sorgen zu machen. Am Ende aber, fast schon wieder in der Nähe von Kasse und Ausgang, gab es doch noch einen runden Tisch mit – echten neuen Büchern. Eines von ihnen war besonders lang und schmal, wohl in Anpassung an sein Thema, “Berühmte Brücken der Welt.” Vom Cover eines anderen lachte, bemerkenswert gutaussehend, Michelle Obama, was für den Familien-Photographen des Weißen Hauses sprach, der auch deshalb ein “Big Shot” sein muss, weil sein Name erstaunlich gleichgroß neben dem der ehemaligen First Lady stand. “Klassiker” im englischen Original aber oder englische Übersetzungen von ihnen waren nur als meist dicke Taschenbücher präsent (Gesamtausgaben kauft man global, wenn überhaupt, bei Amazon), und es fehlten “Klassiker der Gegenwart,” die jeweils letzten Romane (oder Lyrik-Anthologien) von lebenden Autoren deren Namen für literarischen Anspruch stehen und die man deshalb als Pflichtlektüre klassifiziert.

Nein, diese Erinnerung wird nicht in die Klage eines Alt-Europäers über Amerika als kulturelle Wüste ausarten, eher hat der Begriff “Reading” ja von der High School an eine etwas überzogene Aura hier (wie sie der vermeintliche Kultfilm “Dead Poets Society” illustriert). Auch wir haben unsere respektablen Autoren des Tom Wolfe-Typs, und der wahrhaft große Thomas Pynchon soll an unbekanntem Ort weiterleben, was uns zu der Überzeugung verhilft, dass es trotz aller europäischen Vorurteile eine literarische Kultur in Amerika gibt. Doch wo sind die “Großen Bücher heute geblieben? Natürlich meine ich nicht die fünfhundert-Seiten Romane zur süffigen Ferien-Lektüre. Andererseits haben auch die “großen” Büchern, um die es mir geht, viele Hunderte von Seiten, doch “groß” und “monumental” nennen wir sie wegen des ästhetischen Rangs, der soviel Substanz gestaltet und inszeniert. Nach ihnen zu fragen, so wie François Villon im fünfzehnten Jahrhundert nach dem “Schnee von gestern” gefragt hat, weckt Erinnerungen an eine vergangene Gegenwart, die nicht einmal für die Siebzigjährigen von heute je ihre eigene Gegenwart war.

Sie führen in die zwanziger Jahre, deren Jahrhundert-Spezifizierung uns noch einen kurzen Moment erspart bleibt — denn sie waren voll von ganz großen Büchern, die nicht erst ihre Nachwelt identifizieren musste. Im Gegenteil, als Projekte faszinierten sie Verleger und potentielle Leser schon in den Jahren ihres Entstehens, wie Marcel Prousts “A la Recherche du Temps Perdu,” James Joyces “Ulysses,” oder der “Mann ohne Eigenschaften” von Robert Musil. Allzu erhaben waren sie für den Geschmack des Nobel-Kommittees an der schwedischen Akademie, anders als zum Beispiel die gekonnten Romane von Thomas Mann, die eine Tradition des neunzehnten Jahrhunderts als Epoche des massivsten Lesens fortsetzen wollten und mit elaborierten Schleifen der Selbstreflexion versahen.

1926 schrieb Martin Heidegger in wenigen Monaten die fast fünfhundert Seiten von “Sein und Zeit,” die ihn nach dem Erscheinen im April 1927 ebenso schnell zum Welt-Philosophen machten. Drei Jahre später begann José Ortega y Gasset den Traktat von der “Rebelión de las Masas” – in der vor 1900 so beliebten Form des Fortsetzungs-Romans – auf den Seiten der (von seiner Familie gegründeten) Tageszeitung “El Sol” zu publizieren und löste eine Leser-Resonanz aus, die auch ihn zum Welt-Autor machte, aber seinen Ruf in der akademischen Welt für immer beschädigte.

Diese intellektuelle Monumental-Produktion machte nicht halt vor der Jahrhunderthälfte, eher erreichte sie in der Dimension der Philosophie- und Theorie-Klassiker vor allem in Frankreich nach 1950 ihren Höhepunkt. Jean-Paul Sartre veröffentlichte eine “Kritik der dialektischen Vernunft” und unter dem Titel “Der Idiot der Familie” seine damals mit Spannung erwartete und als “Psychoanalyse” angelegte Biographie von Gustave Flaubert, dem eindrucksvollsten aller realistischen Romanciers. Nicht viel später brachen wie ein Wetterumschlag im ideologischen Timbre und politischen Stil die Wunder-Jahre von Michel Foucaults “Ordnung der Dinge,” Jacques Derridas “Grammatologie” und dem “Anti-Ödipus” von Gilles Delueze und Félix Guattari über die erstaunlich geneigten Leser herein, parallel zu den eindrucksvollsten Jahren des nordamerikanischen Romans von William Faulkner bis zu Thomas Pynchon und zum sogenannten “Boom” der südamerikanischen Autoren zwischen dem nur verhalten monumentalen Jorge Luis Borges über Joao Guimaraes Rosa aus Brasilien bis zu dem großen Kolumbianer Gabriel García Márquez. Zum Zeitalter jener Bücher gehörten auch Hollywood-Filme im epischen Format, wie sie nach Francis Coppolas “Godfather” nie mehr gelungen sind.

Als 1983 “Le Différend” (“Der Widerstreit”) erschien, ein philosophisches Buch, das Jean-François Lyotard zurecht für sein “magnum opus” hielt, weil es Ludwig Wittgensteins Intuition von der sozialen Vielfalt der Sprachspiele zur gnadenlosen Konsequenz ihrer wechselsetigen Unvereinbarkeit weiterführte, schien die Energie der Rezeption und der Appetit auf große intellektuelle Bücher verschwunden. Die Diskussion von “Le Différend” blieb akademisch, und seine existentielle Provokation hat wohl kaum noch Lesern weh getan. Wer heute philosophische Texte liest, der erlebt – einmal abgesehen von der akademischen Produktion, die selten mehr als eine Spur individueller Bemühungen um berufliche Qualifizierung ist – eine Renaissance der Essay-Form, in der sich Talente zur Reflexion und respektable Stil-Talente überschneiden können.

Monumental im quantitativen Sinn sehen deshalb nur noch Bände mit “Gesammelten Essays” aus, die schnell und für immer auf den Regalen von Universitätsbibliothken verschwinden. Beliebt sind heute und näher bei der Literatur, in der kaum noch Autoren mit ganz großer Kraft auftreten, Autobiographien oder Tagebücher, die von der beliebig fortsetzbaren Akkumulation ihrer einzelnen Momente leben, wie sie auch zur Gattung der “Blogs” gehört — und vor allen zu jenen Fernseh-“Serien,” ohne deren Kenntnis man nicht mehr an halbwegs kultivierten Konversationen teilnehmen kann (während der individuelle Zugang zu ihnen dank elektronischer Technologie von den festen Sendezeiten früherer Tage unabhängig geworden ist).

Ab und an erscheint noch ein großes Buch im klassischen Format, wie Jonathan Littells tausendseitiger Roman “Les Bienveillantes,” der 2006 im französischen Original publiziert wurde. Der Werk gewann hinreichend Preise, löste einige (eher moralisch und politisch gestimmte) Diskussionen aus – und änderte doch nichts am dominanten Trend der seriellen Formen. Auch dieser Trend sollte uns freilich nicht zum Anlass für kulturkritisches Jammern werden. Die Literaten, akademischen Philosophen und öffentlich ambitionierten Intellektuellen sind weder ausgestorben noch plötzlich auf ein allzu bescheidenes Niveau gefallen. Sie produzieren weiter faszinierende Bilder und respektable Ideen, aber vor allem eben in Essays, Blogs, Tagebüchern (war Peter Sloterdijk je besser als in “Zeilen und Tagen”?) und – Gedichten (wenn der Eindruck unter meinen Studenten nicht täuscht, dann hat eine Renaissance des Intellektuellen-Gedichts etwa im Gestus, kaum mit der Qualität von Gottfried Benn eingesetzt).

Allein die Geduld zum Lesen und gewiss auch zum Schreiben der ganz großen Bücher scheint verloren gegangen – und es ist ebenso banal wie zutreffend, diese Verschiebung mit der elektronischen Technologie zu assoziieren, die unser aller globalen Alltag beherrscht. Aber wie genau – und warum? Was sich vor allem vollzogen und eingestellt hat (aber nur selten erwähnt wird), ist eine Durchherrschung des Lebens von nie mehr unterbrochener Dauer-Kommunikation. Vor wenigen Jahren wirkten sie noch ganz pathologisch, jene Gestalten, die allein über den Campus gehen und mit sich selbst zu reden scheinen, während sie in Wirklichkeit mit ihrer Geliebten oder der Schwiegermutter telephonisch verbunden sind. Wartezeiten und Warteschlangen haben für sie jeden Schrecken verloren, weil sie die lange herbeigesehnte Chance bieten, alle Kommunikationsverpflichtungen abzuarbeiten. Und niemand muss (oder darf?) mehr einsam sein in einer Welt, wo ”availability” zur grundlegendsten aller Verpflichtungen zu werden droht. Kommunikation durchdringt und verdirbt dann selbst sinnliche Freude, denken Sie nur an all die hilflosen Sommelier-Wörter, die den prägnanten Geschmack des Weins verderben — und deren unendlicher Fluss ja vielleicht wirklich allein angesichts serieller Strukturen ins Stocken kommt.

Zum ganz Anderen wird in dieser Umwelt das große Buch. Natürlich ist es auch und immer noch ein Medium der Kommunikation, aber einer Kommunikation zwischen zwei weit von einander entfernten Inseln existentieller Einsamkeit, die nie in Sichtweite kommen und durch beliebige zeitliche Distanzen getrennt sein mögen. Je mehr man “verfügbar” sein muss, desto lieber wird man von solcher Einsamkeit träumen – ohne sich gleich für intellektuell überlegen oder gar einen “besseren Menschen” zu halten, aber auch ohne wieder große Bücher zu lesen.

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