Digital/Pausen

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Hans Ulrich Gumbrecht lehrt Literatur in Stanford und bedauert es, zu alt für eine Karriere-Chance als Trainer im American Football zu sein.

Fragile Sterilität des amerikanischen Alltags

Auf dem Weg zum Ausgang der Universitätsbibliotek begegnet mir ein ungefähr dreißigjähriger Mann, wie man ihn nur in der Vereinigten Staaten sieht – zumal während der kälteren Jahreszeit. Er ist hoch gewachsen, ein Meter neunzig oder mehr, hat breite Schultern und kurze semmelblonde Haare, trägt einen grauen Pullover mit Kapuze (einen “Hoodie,” wie die Amerikaner sagen), eine überaus weite, metallisch schimmernde Basketballhose in blau und mit gelben Seitenstreifen, die bis zu den Knien reicht, während seine sockenlosen Plattfüße in Badeschlappen stecken. Eigentlich müssten die Haare nass sein, denn so sieht sonst nur aus, wer zuhause von der Dusche ins Schlafzimmer geht. Doch bei uns ist die Grenze zwischen jener hermetischen Privatheit, deren Innenseite man woanders keinem Fremden zumuten würde, und minimalen Standards der öffentlichen Selbstpräsentation fast kollabiert. Anders gesagt: das individuelle Recht auf Bequemlichkeit breitet sich aus, ohne dass irgendeine Grenze in Sicht kommt, was am massivsten bei amerikanischen Passagieren auf Langstreckenflügen deutlich wird (eines Tages werde ich von San Francisco nach Zürich neben einem Manager im Pyjama sitzen). Eher als der eigenen Anziehungskraft trauen viele von uns den unsichtbaren inneren Werten und setzen auf das Recht, dass jeder und jede die sein dürfen, die sie natürlich und ohnehin sind — was allemal reichen muss.

Der Bodybuilder mit den prallen Oberarmmuskeln im keuschen T-Shirt und Jeans, die über den einsatzbereiten Sportschuhen weder eng noch weit aussehen, macht keinesfalls einen Gegentyp zum konturenfreien Latschenmann aus. Sprächen wir miteinander, dann könnte ich mühelos erfahren, wieviel Zeit er pro Tag in klagelos ausgehaltene Übungen investiert und ob es ein in Zahlen fassbares Ziel der Selbstformung gibt. Denn beweisen sollen die Silhouetten der Muskelmänner nichts. Beim Einkaufen im Supermarkt wirken sie etwas weniger grotesk, aber genauso privat und unpassend wie die Badeschlappen in der Bibliothek. Ein Familienvater mit drei Kindern — mit deren frischer und doch schon etwas verhärmter Mutter — könnte der Muskelprotz sein, denn so wie er aussieht, stellt er nur das zufällige Nebenprodukt einer privaten Obsession in den öffentlichen Raum.

Als national singulär schließlich – und je nach Sensibilität auch als skandalös – registrieren Touristen jene erstaunlich vielen von uns, deren Körper in einer außer Kontrolle geratenen Gewichtszunahme alle vorbewusst vorausgesetzten Formen überschritten und verloren haben. In mehreren täglichen Reality Shows sind sie inzwischen zu einer Faszination geworden, wobei die mediale Pseudo-Berichterstattung – im immer noch klassischen Land der Leidenschaft für “unbegrenzte Möglichkeiten” – keine Alternative gegenüber jener Erzählung zulässt, die von Ausgangspunkten bei sechshundert Pfund und der Unfähigkeit, das Bett zu verlassen, bis zu ansehlichem Normalgewicht und Familiengründungen führt. Fun Parks sind der Wochenend-Soziotop für die gestaltlosen Gestalten Amerikas. Ab und an zwar gibt es Gewichtsgrenzen für Karussels, Achterbahnen oder anderen “Rides,” doch Verlegenheit zeigen die wahren Schwergewichte nie. Ebenso undenkbar, dass sich jemand über sie lustig machte, was für Großzügigkeit gegenüber anderen spricht und zugleich die komplementäre Sorglosigkeit bezüglich der eigenen Wirkung auf andere monumental werden lässt.

Doch nicht in einem Kabinett der Exzentrizitäten entfaltet sich die Sterilität unseres Alltags. Für ihre emblematische Figur halte ich eher jene Mutter im angenehmen Normalgewicht, die einen Jeansrock mit knöpfbarer Tasche dort anhat, wo Männer ihr Portemonnaie tragen, eine Bluse, die alle männlichen Blicke zum Schmelzen bringt und für einen Start über vierhundert Meter Hürden bereite Schuhe. Obsessiv wirkt Abigail nicht, sondern hermetisch, gesund, etwas ökologisch und eben ordentlich. Was teilt sie dann aber mit den extremen Figuren, an die wir uns so gewöhnt haben? Und was macht sie verschieden von ihren Zeitgenossinnen aus Frankfurt oder Sao Paulo? Vor allem in Brasilien investieren Frauen zwischen zwölf und achtzig derart bedingungs- wie ausnahmslos in erotisch anziehende Selbst-Präsentationen, dass daraus ein neutralisierender Gegen-Effekt entsteht. Wenn alle danach streben, dann bleibt am Ende niemand mehr Gegenstand der Begierde. Und ist nicht Deutschland immer noch, wie man in den ersten dreißig Minuten nach einer transatlantischen Ankunft besonders deutlich spürt, eine Zone der tiefen Ausschnitte und der erotische Tiefflüge auffangenden Büstenhalter? Abigail dagegen lässt die Welt, direkter und genauer noch als der Latschen-, Muskel- und sechshundert Pfund-Männer, wissen, dass sie vor allem kein Objekt fremder Begierde sein will – und deshalb auch die eigene Begierde noch nie richtig kennengelernt hat. Zu sagen, dass ihre Kinder per DHL zugestellt wurden, klänge durchaus plausibel, und nicht zufällig floriert bei uns die extra-uterine Befruchtung. Wie weit auf der anderen Seite die Zumutung derer gehen kann, die sich nicht darum scheren, je zu gefallen, illustriert ein Kommentar des berühmten Richters und Rechtsgelehrten Richard Posner aus Chicago. In einer Debatte über den Konflikt zwischen den Rechten der Raucher und dem Schutz der Nicht-Raucher beschrieb er seine Frustration, in einer Warteschlange hinter jemandem stehen zu müssen, der eine über Jahre am Nacken verschwitzte Baseball-Kappe trägt, als größer denn seinen gelegentlichen Ärger über das in manchen Situationen nicht zu vermeidende Mit-Rauchen.

Doch woher kommt jene entweder adrette oder vielfach hilf- und formlose Sterilität im amerikanischen Alltag? Warum ist unsere eigene alltägliche Begierde so unaufweckbar eingeschlafen und, viel erstaunlicher noch, auch jene andere Begierde, von der vor allem Jacques Lacan sprach, nämlich ein Objekt der Begierde für andere zu sein? Die amerikanische Gesellschaft (selbst und erstaunlicherweise) glaubt sich im Recht, auf solche Fragen gelassen zu reagieren. Seit 1948 der schnell berühmte “Kinsey Report” veröffentlicht wurde (“Sexual Behavior of the Human Male”), auf den fünf Jahre später eine Paralleluntersuchung über die amerikanischen Frauen folgte, hat eine breitangelegte empirische Untersuchung aus aseptisher Distanz belegt, dass Sexualität mit all ihren Varianten auch in den Vereinigten Staaten existiert. Im Vordergrund des Lebens, in der Zone des Alltags, ist sie aber nicht spürbar, und das macht den Unterschied aus. Kollegen bei jeder Art von Arbeit werden zu “pals,” das heißt, sie kommunizieren und arbeiten zusammen als Freunde und Kumpel, ohne einander je zum Gegenstand individueller Begierde zu werden. “Sex,” sagten mir Studenten im ersten Universitätsjahr, sei die beste Form, Liebe gegenüber ihren Partnern auszudrücken. Eine ganz andere, eigentlich nur für Historiker relevante Frage ist es dann, ob sich in dieser Absenz spürbarer Sexualität eine langfristige Folge der engen moralischen Weltsichten zeigt, welche ekstatisch religiöse Auswanderer seit dem siebzehnten Jahrhundert über den Atlantik gebracht hatten.

Heute wird uns vor allem bewusst, wie fragil diese Mauer moralischer Hygiene immer schon war oder geworden ist. Wenn unser Präsident auf Sex zu sprechen kommt oder sich an Sex erinnert, sieht er schnell linkisch, unbeholfen und egozentrisch aus; seit in Hollywood (oder auch Washington) zum ersten Mal deutlich genug von Sex und Gewalt die Rede war, hat die “Me too”-Bewegung die Zahl der Anklagen stündlich anwachsen lassen und anscheinend auf Dauer gestellt; und der frühere Golfstar Tiger Woods mit seinen properen Polo-Shirts und weißen Hosen hat sich auch in seinem sportlichen Leben nie vom Schock der Öffentlichkeit über die Dokumentation seiner in die Hunderte gehenden Affairen erholt. Wir können nicht mit der Begierde umgehen und individuelle Ökonomien für sie erfinden, entweder ist sie aus unserem Alltag verbannt oder sie überfällt und zerstört ihn wie ein Kohle hinterlassender Waldbrand.

Wenn ich vor meinem Studenten am Rand erwähne, dass ich täglich zum Abendessen mindestens ein Glas Wein trinke, machen sie sich Sorgen um mich und geben mir manchmal sogar Ratschäge zum “Kampf” gegen den Alkoholismus. Zugleich aber gehört für viele von ihnen das “binge-drinking” zur College-Lebensform. Man will betrunken sein, ausschließlich am Freitag- und Samstagabend, nicht etwa inspiriert oder, Gott verbiete, zum Flirten aufgelegt, sondern einfach betrunken — und der bis Montag anhaltende Kater wird mit verwunderlicher Geduld und fast erleichtert akzeptiert als ein immer neu wiederholtes Ritual des Erwachsenwerdens.

Nicht nur das Leben mit der eigenen Begierde und der Begierde der anderen fällt uns schwer, wir finden auch nur selten ein Verhältnis und eine Proportion zu den nicht verkörperten sinnlichen Seiten des Lebens. Vielleicht macht uns jene nationale Berufung, “pals” zu sein, so erstaunlich erfolgreich und fast unverletzlich — wenn es drauf ankommt auch mit einer speziellen Kompetenz für plötzlich angezogene Zwischenspurts. Nichts kommt bei uns einer ebenso komplexen wie geradlinigen Planung in die Quere – wie in jenen emblematischen zwölf Jahren zwischen 1957 und 1969, zwischen der die Welt schockierenden und aus heutiger Perspektive rührende Projektionen und Sorgen weckenden Epiphanie des ersten künstlichen Erdtrabanten aus der Sowjetunion und dem Vollzug des ersten Schritts auf dem Mond durch einen Amerikaner, zu dem die Konkurrenz nie mehr aufschließen konnte.

Vielleicht ist der besondere amerikanische Sprint unserer Gegenwart, von Breitwandgesichtern in der Politik für Ausländer verstellt, das – wohl eher mühsame — Erlernen eines sinnlichen Lebensstils. Über die Bay von Francisco, wo noch vor fünfzehn Jahren bloß ein bemerkenswertes Restaurant existierte, neben vielen Adressen mit guter chinesischer Küche und eher vereinzelten Orten, die ihre Kunden in ordentlichen Schlangen auf als charismatisch gefeierte Hamburgers warten ließen, geht nun Jahr für Jahr ein warmer Regen von Michelin-Sternen nieder, welche zumindest die Preise steigern – und vielleicht ja auch die Kompetenz des Genießens. Dreißigjährige Silicon Valley Millionäre (double or triple digit) gewöhnen sich langsam an die richtigen Proportionen zwischen Wein und den mikroskopischen Gerichten auf großen Tellern. Über Preispolitik allerdings lässt sich ihr Verhältnis zum Wein nicht steuern. Denn die tausend Dollar-Flaschen gehen gut – und so bleibt nur zu hoffen, dass sich Instinkte der Investition und die grundsätzlich immer zu zahlreichen Wörter der Sommeliers nicht über die Gaumen und Zungen legen.