Digital/Pausen

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Hans Ulrich Gumbrecht lehrt Literatur in Stanford und bedauert es, zu alt für eine Karriere-Chance als Trainer im American Football zu sein.

Sex in der frühen Bundesrepublik: „historische Sittenbilder“

Herr Jagusch, davon habe ich schon erzählt, trug stets eine weinrote Fliege hoch über der Weste seines Anzugs (dass er maßgeschneidert war, verstand sich damals), und wenn er meine Mutter einmal im Monat, durchaus zur Zufriedenheit meines Vaters, am Spätnachmittag besuchte, legte er gekonnt “um Verzeihung bittend” seinen Hut und bei Regen auch seinen Schirm an der engen “Garderobe” ab. Herr Jagusch kam im Taxi, bedankte sich mit Blumen, Konfekt und gelegentlich einer Mozart- oder Haydn-Schallplatte, sprach eher leise ohne regionalen Akzent und galt als besonders charmant. Das Gespräch blieb für immer beim höflichen “Sie,” bewegte sich über kulturelle Höhen, die meine Mutter sonst nie erklomm, einschließlich der jüngsten Wagner-Inszenierungen im nahen Bayreuth, und endete regelmäßig mit zwei Gläsern aus der allein für diesen besonderen Gast bereitgehaltenen Portweinflasche.

Einige Jahre später, Herr Jagusch war “aus beruflichen Gründen” in eine andere Stadt gezogen, trat ein neuer Nachmittags-Besucher auf, dessen Namen ich vergessen habe, etwas jünger, nicht ganz so sorgfältig gekleidet, aber ähnlich angenehm, und offenbar bemüht, auch mich in die anspruchsvolle Unterhaltung über eher naturwissenschaftliche Themen einzubeziehen. Meine Mutter, die ein Medizinstudium ohne jeden Drang abgeschlossen hatte, daraus einen Beruf zu machen, wirkte weniger beeindruckt, und ich bemerkte ihre nervöse Bemühung, die Unterhaltung nicht zu einem Dialog des Gasts mit mir werden zu lassen. Beim letzten Besuch, auch dieser Herr musste sich “aus beruflichen Gründen” für immer verabschieden, brachte er mir ein reich bebildertes “wissenschaftliches” Buch über Dinosaurier mit, die damals noch nicht die Tische der Spielwarenläden beherrschten.

Eines Tages erfuhr und verstand ich dann auch, welchem komplizierten Umstand wir so distinguierte Gäste verdankten. Mein Vater war, früh in der Geschichte dieser Spezialisierung, Facharzt für Urologie geworden und verfügte deshalb über eine damals seltene Kompetenz, die ihn zum Gutachter der lokalen Diozöse für die Annullierung katholischer Ehen machte. Ein ausschlaggebendes Kriterium für Entscheidungen dieser Art lag nämlich in dem Erweis, dass die vor einem Priester als Sakrament geschlossene Ehe physisch nie vollzogen war, und mein Vater sprach gerne davon, wieviel Dankbarkeit er sich mit der Ausstellung solcher — in den meisten Fällen medizinisch kaum begründbarer — Bestätigungen erwarb.

Ein ganz anders prekärer Unterton schwingt durch einige Sport-Erinnerungen aus den frühen fünfziger Jahren. Gottfried von Cramm, der vor dem Weltkrieg zum erfolgreichsten deutschen Tennispieler geworden war (er gewann das French Open zwei Mal und erreichte mehrfach das Wimbledon Finale), der große Gottfried von Cramm trat, mehr als vierzig Jahre alt, in der dichtbesetzten Frankenhalle unserer Stadt auf, und bis heute spüre ich die kindliche Begeisterung für die Eleganz seiner Aufschläge und auch der weißen Tenniskluft (nur von Cramm spielte in langen Hosen). Natürlich wollte ich ein Autogramm von ihm haben, doch mein Vater fand die Reihe der Wartenden zu lang, nahm mich an der Hand und lief schnell zu seinem in der Nähe geparkten Opel Olympia.

Die GESTAPO, las ich Jahrzehnte später, hatte von Cramm, der natürlich standesgemäß verheiratet war, nach dem letzten von drei verlorenen Wimbledon-Endspielen bei der Rückkehr nach Tempelhof wegen seiner Beziehung zu einem jüdischen Schauspieler verhaftet — und eine nicht in Worte zu fassende Ahnung von Exzentrizität war seither wohl Teil der Cramm-Aura geworden. Deshalb musste der Autogramm-Moment vermieden werden, so wie mein Vater auch stolz berichtete, einen Mann seines Alters, der mich freundlich auf der Terrasse des Krankenhauses ansprach, für alle Umstehenden hörbar und laut aufgefordert zu haben, die “Hände von seinem Sohn zu lassen” — welche mich nie berührt hatten.

Es gab nur Töne, aber keine brauchbar neutralen, weder zynischen noch Akte geltender Kriminailtät feststellenden Wörter, mit denen sich über Homosexualität sprechen ließ. Deutlich war im Alltag allein jene Genugtuung, die sich mit jeder Gelegenheit öffnete, der Homosexualität verdächtigte Männer öffentlich in die Schranken jener selbstzerstörenden Zurückhaltung zu verweisen, welche ihnen die Moral der Nachkriegsjahre noch immer auferlegte. Zu diesem Syndrom gehörten auch zugleich deutliche und euphemistische Warnungen an Kinder und Jugendliche. Als ich mit sieben Jahren zur ersten Sitzung des Ministrantenunterrichts ging, verpflichteten mich die Eltern, sie jedenfalls zu benachrichtigen, falls mich “der Priester anfassen” sollte. Der Satz blieb mir lange ein Rätsel, weil es keinen Anlass gab, ihn mit irgendeinem Inhalt zu füllen.

Erst in der Pubertät verschoben sich die Prämissen, als wir selbst in jene auf sich stolze Sexualmoral hineinwuchsen – und sie mit der Beflissenheit von Lehrlingen übernahmen. Plötzlich konzentrierten wir uns auf Situationen des Sportunterrichts, in denen wir uns gerne als Objekte potentieller Begierde erleben – und verteidigen – wollten. Statt einem Lateinlehrer freundlich die Hand zu drücken, der uns als ehemals erfolgreicher Geräteturner half, das Pflicht-Abitur in dieser Sportart vorzubereiten, steigerten wir uns in immer obsessivere Gerüchte über die Richtung seiner Blicke und den Unterton seiner Stimme. Auch dass der unverheirate Vorsitzende des Schwimmvereins, für den ich Wasserball spielte, ein erfolgreicher Immobilienmakler, aus persönlichen Mitteln den Bau eines Hallenbads finanzierte, konnte nur als Anzeichen seiner Sucht gedeutet werden, unsere etwas muskulösen Körper bei zwei Trainingsabenden pro Woche und den Wettkämpfen am Wochenende ins Auge zu fassen. Und als der jüngere Mann, den wir als seinen Partner zu identifizieren glaubten, einmal von dem “Beruf” sprach, “der ihn ernähren musste,” tauschten wir vielsagende Blicke aus, weil man sich eine erotische Beziehung unter Männern nur als Prositutution vorstellen konnte.

Von Dankbarkeit für Wolfgang Adami oder Ottmar Sänger, die unseren vorher unsichtbaren Schwimmverein zur nationalen Spitze führten und einige Jahre dort hielten, war nie die Rede. Eher hingen wir mit Selbstgefallen an einer sprachlosen und manchmal augenzwinkernden Schadenfreue, deren euphorische Schwingungen aus dem Glauben aufstiegen, Objekt einer Begierde zu sein, der wir uns mühelos verweigern konnten. Wir hielten uns für das Recht und die wahre männliche Stärke, einschließlich des dazugehörigen Glorienscheins. Opfer der unmännlichen Begierde, wussten wir, konnten nur Kinder werden, und zu ihrem Schutz bedurfte es gesetzlicher Grenzziehungen, allgegenwärtig potentieller Gewalt und vor allem jener wohlfeilen Schadenfreude der Verweigerung. Dies war, sagt mein Freund John, während der fünfziger Jahre in Tulsa (Oklahoma) keinen Deut anders und erklärt auch die stes angestrengt klingende Sorge der Eltern in beiden Ländern.

Deutlich spürbar hat eine abstrakte Version dieses Strukturmusters das weniger homophobe einundzwanzigste Jahrhundert erreicht. Als bei der Halbzeit-Show von Superbowl 2004 eine nackte Brustwarze der Sängerin Janet Jackson – inszeniert oder zufällig – für Sekundebruchteile auf den Bildschirmen erschien, steigerte sich die Nation in nachhaltige Sorge um potentiell traumatische Wirkungen jenes Augenblicks auf Kinderaugen und Kinderseelen. Doch was außer Erinnerungen an glücklich volle Momente des Gestilltwerdens sollten Brustwarzen in Kinderseelen auslösen?

In den Jahren zwischen Herrn Jagusch und Wolfgang Adami eroberte auch eine laute Heldengeschichte die weinfröhlichen Stammtische meiner Vaterstadt. Das war die fast zur Ballade geronnene Erzählung von Hanns Hochrein, dem Erben eines florierenden Hotels mit fränkischem Spezialitäten-Restaurant in der innersten Innenstadt, der trotz stets tiefstehender Lider gut genug aussah, um Faschingsprinz zu werden und dabei eine Millionenerbin als Prinzessin traf, um deren Hand er anhielt – um, unwiderstehlich, wie er war, erhört zu werden. Wir alle, jung und alt, liebten Hanns Hochrein, der statt dem “in seinen Kreisen” üblichen Mercedes oder Opel Kapitän einen Chevy fuhr und an den Tischen seiner Gäste ebenso Judenwitze zum Besten gab wie seine neuesten Eroberungen, die weder vor minderjährigen Kellnerinnen noch vor den Frauen der besten Freunde halt machten.

Nach dem Tod seiner sparsamen Mutter und Geschäftspartnerin mit badischem Akzent brachte das an langen Wochenenden in München als kosmopolitisch genossene Leben Hanns Hochrein auf die Idee, sein Hotel “auf modern” zu stylen und einen Küchenchef aus Hamburg einzustellen, der die lokalen Gaumen mit “astronomisch teuren” (sagte meine Mutter) “Admirals-Platten” zu verführen plante. Hummer und Krabben, stellte sich allerdings schnell heraus, “gingen nicht” – und ließen den beliebten Hanns Hochrein schnell ans Ende der Liquidität schlittern. Trotzig, von treuen Freuden unterstützt und mit jener jungen Kellnerin, die er “Schneckele” nannte, schlief er weiter in dem längst vom Amtsvollzieher versiegelten Hotel, sprach an Markständen und auf “Parties” (ein Modewort damals), wo er weiter herzlich willkommen war, andeutungsreich von einem Neuanfang und trank mehr als genug, um den Tiefstand der Lider endlich zu rechtfertigen.

Eines Tages war in der “Mainpost” ein Bericht zu lesen, der keine Namen nannte, aber den einzigen Chevy der Stadt erwähnte. Eine Autobahnstreife hatte den Fahrer wegen Geschwindigkeitsüberschreitung zum Halten gezwungen und einen hohen Alkoholgehalt im Blut festgestellt. Der Fahrer wollte seine Pistole ziehen, doch die Bewegungen waren so langsam, dass ihm die Polizisten zuvorkamen – und er “sich durch einen Schuss in den Mund tötete.”

Voller Mitgefühl ergänzten die Stammtische, seine siebzehnjährige Geliebte habe die Leiche des Freundes weinend umarmt. Ich war in der Abiturklasse, sah keine erhobenen Zeigefinger und noch weniger Schadenfreude. Eher fühlten wir uns wie Statisten in einem klassischen Western, denen es zur Ehre gereichte, Teil einer wahrhaft großen Szene gewesen zu sein.