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Digital/Pausen

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Hans Ulrich Gumbrecht lehrt Literatur in Stanford und bedauert es, zu alt für eine Karriere-Chance als Trainer im American Football zu sein.

06. Dez. 2014
von Hans Ulrich Gumbrecht
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Pazifik und Ende der Welt

Als ich den Pazifik zum ersten Mal sah, im Mai 1980 und nah genug, um das Salz im Wasser zu riechen, war ich noch keine zweiundreißig Jahre alt. Mein Hotel in Santa Cruz, vierzig Meilen südlich von San Francisco, hieß “Sun ‘n Sand,” und im Aufzug hörte ich einen Song der Beach Boys, deren a Capella-Harmonien sich an ihren Namen schmiegten und schon damals mehr als nur einen Hauch von Sonnencreme-öliger Nostalgie hatten. Bevor es dunkel wurde, zeigten meine Kollegen mir die Santa Cruz Marina, einen damals neuen Segelhafen, mit den ordentlich abgetakelten Booten ihrer einkommenstarken Nachbarn. Alles hätte sich in der hellen Abendsonne zu einer angenehmen Idylle zusammenfügen können und sollen (“mellow” wäre dann das Wort des Abends gewesen) — aber ich war blockiert und irgendwie auch belebt von dem Gefühl, am Ende der Welt angekommen zu sein, an einem Ozean, der niemanden einlud, sondern eher das Leben auf einen schmalen Küstenstrich zurückzudrängen schien.

Vielleicht hatte ich auch die ein paar Tage vorher gehörte Geschichte von dem jungen Mann im Kopf, einem Berkeley-Doktoranden und Freund seiner Professorin aus Frankreich (solche Beziehungen gab es damals noch, ganz ohne Problem), von dem jungen Mann, der unter dem roten Bogen von Golden Gate auf den Pazifik gesegelt war, um nie mehr zurückzukehren – und man sprach von diesem Unfall im harten Ton einer antiken Sage, so als habe sich hier die gerechte Bestrafung von Hybris durch das Schicksal vollzogen. Doch vor allem war für mich das Geräusch der kleinen Wellen unter dem Steg der Marina ein Ton vom Ende der Welt, ihr entspanntes Plätschern, als gäbe es keine Küste auf der anderen Seite, von wo Wellen kämen und zu der Wellen strebten. So war mir der Gedanke an Japan ganz abstrakt in der Marina von Santa Cruz, wie auf einer Welt in Scheibenform, die an ihr Ende gelangen müsste, lange bevor man Japan erreicht.

Nichts ist verschiedener von den acapella-Harmonien der Beach Boys als der graue, erhaben abweisende und zurückdrängende Pazifik, der Pazifik zwischen San Francisco und Santa Cruz. Dass er kein Ende zu haben scheint und gerade deshalb ein Ende der Welt ist, schlägt in die Kraft einer Gegenwirkung um, wenn man sich nur an dieses Gefühl und an seinen Gedanken gewöhnt, so wie an den Wind, der landeinwärts weht, auf die schmale Halbinsel zwischen dem Ozean und der Bay von San Francisco zu — und sie für mich zu einer Heimat ohne Konkurrenz und Alternative — gemacht hat. Die Welt-am-Ozean ist meine Welt, eine Welt, die einfach vorhanden ist, das heißt: da ist als Ganze und in der Vielheit ihrer unendlichen Bestandteile, täglich das ist – eine Welt, die sich uns entgegen bewegt und uns auf der Halbinsel hält.

Aber können Ozeane wirklich eine Identität haben, können sie sich voneinander unterscheiden? Oder beschreibe ich mit zuviel Pathos eine vage Projektion des banalen Wissens, dass zwischen der amerikanischen und der japanischen Pazifikkueste der halbe Planet liegt, der halbe Planet des von Schwerkraft und Atmosphäre bewegten Salzwassers? Die Antwort heißt, dass nicht Ozeane, aber Küsten ihre besonderen Identitäten ausbilden und haben. Aus dem Meer der amerikanischen Pazifikküste zum Beispiel hat niemand je die Sonne aufsteigen und den Tag beginnen sehen. Sie ist eine Küste des Sonnenuntergangs und des täglichen Endes, immer nur das und irreversibel. Ihr Wasser ist so kühl, dass niemand ohne die dunkle Plastikhaut der Surfer dort schwimmen möchte, es ist von Haien belebt und manchmal von Delphinen, die ihre silbernen Rücken in dieser vollkommen runden Bewegung durch die Luft und wieder ins Meer ziehen, belebt auch von rückenschwimmenden See-Ottern und gewaltigen See-Elefanten, die sich seit fünfzig Jahren am selben Strand treffen und blutig beißen beim Balzen – belebt, zweimal im Jahr, von den Blau- und Buckelwalen mit ihren schönen Flossen, wenn sie nach Alaska oder zum Golf von Mexiko wandern. Selbst das Leben im Ozean noch wirkt begrenzend für uns und wie jene Energie landeinwärts, unter der die wenigen Bäume am Strand sich beugen und kahl bleiben, gkeichsam in einer ewigen Skoliose.

Was dem drängenden Pazifik scheinbar machtvoll und zwanzig Yards hoch auf dem Land entgegensteht, sind keine Felsen, sondern riesige Sanddünen, die abbröckeln und rutschen, sobald man ihrem Rand entlang gehen will, grau bis schwarz unter den grauen Wolken, die morgens über die Halbinsel rollen; am Nachmittag ockerfarben, wenn die Sonne durch Wolkenfetzen scheint, oder beinahe weiß bei strahlendem Himmel – immer jedenfalls in matten Tönen, durch alle Varianten. Man muss die Ebbe abwarten, um zwischen Dünen und Wellen auf dem federnd feuchten Sand zu gehen und manchmal der Gischt zu entkommen, die ein dreckiger Schaum ist dort. Zu verschiedenen Jahreszeiten schwemmt er verschiedene Gegenstände an. Jetzt, im späten Herbst Sanddollars, die runden Gehäuse von Seeigeln, tatsächlich so groß wie die alten Silberdollars; einen Monat später, gebleicht und zerbrochen, die Schalen und Zangen vieler Arten von Krebsen, aber auch an manchen Stränden Holzplanken, bearbeitet und mit verrosteten Nägeln, so als sei eine Armada auf Nord-Route kurz vor Golden Gate gesunken; übers ganze Jahr kommen ab und an Skelette ans Ufer, Skelette von kleinen Seelöwen zum Beispiel, deren Fleisch die Möwen genau und gelassen entsorgen – und einmal sogar ein stinkendes Walskelett, an dem die Möwen lange zu fressen und arbeiten hatte.

Weil die Gegenstände so wohl sortiert sind über die Zeiten des Jahres, nicht aber sortiert von einem Willen oder einer Kultur, erinnern sie mich an die Beflissenheit des Müll-Trennens – als ihre ökologische Parodie und ihr Gegenbild. Ein Teil dieser landeinwärts wehenden Energie, welche uns auf die (auch als Silicon Valley bekannte) Halbinsel drängt, kommt von der den menschlichen Gattungs-Narzissmus beleidigenden Ahnung, dass am Pazifik jene andere Hälfte des Planeten beginnt, der es ohne Menschen besser geht. Ohne die Haie allerdings, ohne die Wale, Otter, Seelöwen, Sanddollars und ohne die Möwen, die ihre Flügel aufspannen, um langsam, fast als zögerten sie, über die Wellen zu schweben und im Sand zu landen (wie sehr ich einmal eine Möwe bei Fliegen sein möchte, jedesmal, wenn ich sie sehe!) — ohne sie alle gäbe es dien Pazifik nicht.

Zwischen den Dünen und den Wellen im Sand zu gehen, in dieser elementaren Welt, die sich nicht um uns schert, macht das Andere zu den geschäftigen Alltagen in der Gesellschaft aus, es kann eine Unterbrechung sein, nach der das Leben jedesmal neu beginnt. Und schön ist der Gedanke, dass die eigenen Knochen und Muskeln, die eigene Haut, das eigene Fleisch und die eigenen Organe eines Tages verbrannt und als Asche vom Wind des Pazifiks zu den Dünen zurück getragen werden – zusammen mit der silbernen Asche der Liebsten – dann, wenn wir alle Hast los sein werden, wenn dieses Ende der Welt die Erlösung von unserer Welt ist.

Daran hatte ich im Mai 1980 allerdings noch nicht gedacht.

06. Dez. 2014
von Hans Ulrich Gumbrecht
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