Home
Digital/Pausen

Digital/Pausen

Hans Ulrich Gumbrecht lehrt Literatur in Stanford und bedauert es, zu alt für eine Karriere-Chance als Trainer im American Football zu sein.

23. Dez. 2014
von Hans Ulrich Gumbrecht

9
8369
     

Wie schnell und warum verfallen große Gedanken? (Dekonstruktion zur Vorweihnachtszeit)

Selbst wer davon ausgeht, dass alle Phänomene ohne Ausnahme einer (schnelleren oder langsameren) Umformung in der Zeit unterliegen, man nennt diese Prämisse der Erfahrung immer noch “historisches Bewusstsein” und hält daran fest, sie als ein unerlässliches Strukturelement von “Bildung” anzusehen, selbst Intellektuelle mit einem differenzierten “historischen Bewusstsein” werden zugestehen, dass die unser Denken stimulierende Kraft mancher Ideen, Fragen und Intuitionen sich manchmal gegen den Lauf der Zeit – der hier nach Jahrhunderten und Jahrtausenden zählt – erhalten kann. Ich spreche nicht von jener faszinierenden Exzentrizität, die gewissen Gedanken aus der Vergangenheit – und aus fremden Kulturen – gerade wegen ihrer grundlegenden Andersartigkeit (etwas gelehrter nennt man sie “Alterität”) zukommt, sondern von einer permanenten Aktualität, von dem Eindruck also, dass das problemidentifizierende, den Blick verschiebende und manchmal auch problemlösende Potential einiger Ideen nicht von ihrem Ursprungskontext abhängt und deshalb auch im Lauf der Zeit nicht schwächer wird.

Diese Nachhaltigkeit gilt einerseits als der wahre Grund für den Ruhm von Philosophen wie Plato, Aristoteles und einigen der sogenannten “Vorsokratiker,” von Descartes, Kant, Hume und Hegel, von Nietzsche und aus dem vergangenen Jahrhundert von Martin Heidegger, Bertrand Russell oder Ludwig Wittgenstein; auf der anderen Seite ist dieselbe Nachhaltigkeit seit der frühen Neuzeit, seit dem historischen Ursprung der historischen Zeit, auch als “Skandal der Philosophie” beklagt worden, als der frustrierende Eindruck, dass die Anstrengung eines bestimmten Typs von abstrakten, kaum je auf praktische Anlässe bezogenen Gedanken langfristig nie jene Probleme löst oder jene Fragen eliminiert, in Bezug auf die sie überhaupt erst entstanden sind. Solche Gedanken erweisen sich offenbar nicht nur als immun gegen langfristigen Misserfolg (also gegen das Ausbleiben von bleibenden Antworten oder Lösungen); indem er sie permanent im Spiel des Denkens hält, trägt gerade solcher “Misserfolg” auch zum Scheinen der besonderen Aura großer Gedanken bei.

Es sind Gedanken, die schon immer da waren und nie Fortschritte im Sinn einer Annäherung an Problemlösungen markieren, weil sie sich auf elementare Strukturen der menschlichen Existenz beziehen, die von ihrer Innenseite – also aus einer strikt säkularen Perspektive – gar keine bleibenden Lösungen erreichen können. Das ist vor allem (und sozusagen in systematischer Reihenfolge) zuerst die Frage, wie sich die Welt – als unvermeidlich durch den kognitiven und emotionalen Apparat der menschlichen Existenz wahrgenommene und erfahrene Umgebung – wohl zu einer “absoluten,” von jeder spezifischen Wahrnehmung und Erfahrung unabhängigen “Welt” verhalten würde, oder wenigstens doch zur Wahrnehmung und Erfahrung durch andere biologische Gattungen und durch andere Menschen (was wir “Konsens” nennen, ist ja immer nur der vorläufige, nie in definitive Gewissheit zu überführende Eindruck, dass die Welterfahrungen verschiedener Individuen konvergieren). Diese Frage, die “epistemologische” Frage, die Frage nach dem Status des Wissens, ist elementar (sozusagen “unüberbietbar elementar” und in diesem Sinn “unüberbietbar groß”), weil sie schon in der prinzipiellen Möglichkeit von individueller Selbstbeobachtung als Grundstruktur des menschlichen Bewußtseins angelegt ist — und zugleich unlösbar bleibt, da ihre definitive Beantwortung ja voraussetzte, dass Individuen sich selbst – und das, worauf sie sich als “Welt” beziehen – von außen sehen könnten.

Antworten auf die epistemologischem Frage vor allem (etwa Platos Intuititon von der grundlegenden Vorgängigkeit der “Ideen” über jede konkrete Wirklichkeit) sind weder zu widerlegen noch je definitiv zu beweisen, doch der Grad ihrer Plausibilität scheint weniger von historischen Veränderungen oder kulturellen Unterschieden beeinträchtigt als die Plausibilität von anderen elementaren Entwürfen der Philosophie, welche ihrerseits von je spezifischen Antworten auf die (epistemologische) Frage nach dem Status der Welt im Verhältnis zur menschlichen Wahrnehmung ausgehen und abgeleitet werden. Die dem Aristoteles zugeschriebenen Werke zum Beispiel fügen sich zusammen zu einer grundegend strukturierenden Beschreibung der Welt (zu einer “Ontologie”), und viele der platonischen Dialoge bewegen sich in der Richtung von Fragen nach dem richtigen Verhalten und Handeln (also hin zu einer “Ethik”). Tendenziell – und trotz der offenbar nie verschwundenen Faszination der ontologischen Intutionen des Aristoteles und der ethischen Debatten des Plato – scheinen, wie gesagt, Antworten auf ontologische oder ethische Fragen in ihrer Nachhaltigkeit und Reichweite eher beschränkt als epistemologische Antworten.

Dass die verschiedenen Ideen der epistemologischen, ontologischen und ethischen Art (trotz ihrer internen Unterschiede) insgesamt eine größere Haltbarkeit (gegen die Erosion der Zeit) haben als Kunstwerke, scheint schon immer – meist allerdings eher stillschweigend — vorausgesetzt worden zu sein. Unser langfristig gesehen sehr spezifischer und bis heute gängiger Begriff des “Klassischen” entstand erst im neunzehnten Jahrhundert, in der Zeit der größten Selbstverständlichkeit des historischen Bewusstseins, um gegen diesen Hintergrund auf eine bedeutende Ausnahme hinzuweisen, nämlich auf solche Kunstwerke, die – trotz und entgegen der Zeit als einer absoluten Kraft der Veränderung – “ihre unmittelbare Sagkraft” nicht verlieren (wie es dann um die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts Hans-Georg Gadamer formuliert hat). Die Langlebigkeit großer philosophischer Gedanken hingegen hat offenbar eine primäre Plausibilität, die einer solchen begrifflichen Vergewisserung nie bedurfte. Allerdings handelt es sich dabei um eine retrospektiv entstehende Plausibilität, um eine Plausbilität, welche die Banalität der Tautologie einschließt – weil sie mit dem Zusatz-Akzent des Plausiben versieht, was ohnehin eingetreten ist. Etwa dergestalt: Ideen sind groß, weil sie sich als nachhaltig erwiesen haben – und dieser empirische Erweis suggeriert, dass es “inhaltliche” Gründe für die Langlebigkeit der großen Ideen geben muss.

Ausgeblendet bleibt dabei die Möglichkeit, dass im erklärten Sinn potentiell “große Gedanken” den historischen Moment ihres Ursprungs nur um kurze Zeit überschießen und dann aus der philosophischen Tradition verschwinden, weil es ihnen nicht gelungen ist, bestimmte Gefahren der Eliminierung und des Vergessens zu vermeiden. Einen Fall dieser Art, einen Fall von kurzfristigem Ideen-Kursverlust, den – zumindest in der Dramatik seiner Schnelligkeit – niemand erwartet hatte, machte in unserer jüngsten Vergangenheit die “Dekonstruktion” genannte und vor allem mit dem Namen von Jacques Derrida verbundene Konfiguration philosophischer Intuitionen durch. Vor bloß einem Jahrzehnt schien es noch nicht skandalös (ja vielleicht sogar plausibel), als die “New York Times” in ihrem Nachruf Jacques Derrida als den “vielleicht größten Philosophen des zwanzigsten Jahrhunderts” feierte – doch inzwischen ist schon die bloße Vorstellung unmöglich geworden, dass dieser Einschätzung je ein Sachkenner zustimmen könnte, der nicht durch biographische und institutionelle Umstände an die “Dekonstruktion” gebunden ist (zum Beispiel durch die Berufung auf eine dem dekonstruktivistischen Denken gewidmete akademische Planstelle zu den Glanzzeiten Derridas).

Derrida war 1967 mit der Veröffentlichung von drei Büchern zu international intellektueller Prominenz emporgeschossen, die – vor allem in Auseinandersetzung mit der Phänomenologie von Edmund Husserl – einen zentralen epistemologischen Gedanken umspielten. Die von der westlichen Philosophie – im Grunde schon seit Plato — unterstellte Möglichkeit einer Selbst-Transparenz des menschlichen Bewusstseins sei nicht gegeben, argumentierte Derrida, weil aufgrund der primären zeitlichen Struktur des Bewusstseins (auf die wir uns in der Alltagssprache mit dem Bild vom “Bewusstseinsstrom” beziehen) eine systematische Stabilität und Selbst-Identität der Bewusstseinsinhalte zu keinem Moment gegeben sei. Die Plausibilität dieser anscheinend alle Klassiker der westlichen Denk-Tradition in Frage stellenden Einsicht verstärkte Derrida mit der Erfindung einer Reihe von kompakten einschlägigen Begriffen, vor allem “trace,” “différance” und “dissémination”: “trace” für die nie zu einem Halt kommende Spur als Grundform des Denkens; “différance” für das prinzipiell unendliche Aufschieben eines solchen Moments des Einhaltens; und “dissémination” für die zentrifugale, in jedem Moment der Spur des Bewusstseins in vielfache Richtungen sich ausdehnende Produktion von Sinn als Reaktion auf die beweglichen Momente der Weltwahrnehmung. Gegenüber dem Einwand, dass – sozuagen “sekundär” im Verhältnis zur grundsätzlichen Bewegtheit des Bewusstseins – Momente der retrospektiven Synthese und Systematisierung stets möglich (und existentiell notwendig) seien, setzte sich unter Derridas zahlreichen Lesern über zwei Jahrzehnte immer wieder die Kraft seiner primären Intuition durch, gestärkt wohl durch eine vorreflexive Realismus-Prämisse, die “trace,” “différance” und “dissémination” als gegenüber dem Einhalten und der Synthese grundlegendere Akte auffasste.

Wo aber lässt sich der Beginn des – heute nicht mehr zu leugnenden – Kursverfalls in der nach 1967 zunächst nur steil expansiven Produktion und Rezeption von Derridas Gedanken ausmachen? Gewiss, überragender Erfolg löst – zumal in der akademisch-intellektuellen Welt – Ressentiment und Gegenbewegungen aus; gewiss, selbst große Ideen sind einem bestimmten Ermüdungseffekt ausgesetzt; und ohne Zweifel gab es Momente, in denen die Erfolgs-Euphorie bei Derrida und der zunächst immer nur wachsenden Zahl seiner Anhänger in Arroganz umschlug. Doch neben all diesen periphären Effekten ereignete sich ein philosophischer Schritt, der zu einer nicht mehr aufzuhaltenden Banalisierung von Derridas Position führte. Deutlich wird er wohl zuerst in dem 1980 veröffentlichten Buch “La carte postale,” wo Derrida die grundlegende Instabilität und Offenheit der Bewusstseinsbewegung mit der Postkarte als Medium und als Symptom für die Offenheit eines Sprechakts assoziiert, welcher die Reaktionen auf Seiten der Postkarten-Empfänger nicht kontrollieren kann und sich ihnen also mit allem Risiko des Missverstehens und der Zurückweisung aussetzt. Diese riskante Offenheit “für alles” setzte Derrida in eine ethische Norm und Forderung um, die eben wegen ihrer Offenheit als universell gelten sollte – und tatsächlich universell anwendbar wurde.

Aber was zunächst wie eine zusätzliche Erfolgsbedingung für die Dekonstruktion wirkte und begrüßt wurde, wie eine unaufhaltsame Eroberung der Ethik als weiterer Dimension des dekonstruktivistischen Denkens, endete in einer sich rasch beschleunigenden Tendenz der Dekonstruktion und ihrer Vertreter, jeglichen liberal-intellektuellen Positionen in der Politik ihren philosophischen Segen zu geben, allerlei Manifeste mit ihren Unterschriften zu schmücken – und eine ins Unendliche wachsende Vielfalt von Bewegungen als “dekonstruktivistisch” zu identifizieren. Eine Art philosophisch-weihnachtlicher Milde machte sich breit in der Dekonstruktion, welche auf diese Weise bald ihre Konturen zu verlieren begann und die Bewegung mit ihrer ursprünglich spezifischen Konfiguration von Ideen letztlich im Strudel eines allgemeinen Gutmenschentum verschwinden ließ. Auf diesem Weg machte Derridas 1993 erschienenes Buch “Le spectre de Marx” eine Schwelle der Unumkehrbarkeit aus, als er in seinem Versuch, solch philosophische Sympathie nach der Implosion der staatssozialistischen Systeme auf den Marxismus und seine Rettung auszudehnen, bis zur Gleichsetzung der “Perestroika” genannten sowjetischen Liberalisierungsbewegung mit der “Dekonstruktion” trieb.

Anweisungen aus dieser Fallgeschichte abzuleiten, müsste den lächerlichen Eindruck erwecken, dass es so etwas wie “Rezepte” zur Produktion und zur Erhaltung großer Gedanken geben könne. Doch wer dem (gerade heute in Deutschland besonders deutlichen) Druck nachgibt, große Ideen auf die ethischen Fragen des jeweiligen Tages “anzuwenden,” der tut ihrer Nachhaltigkeit sicher nicht gut.

23. Dez. 2014
von Hans Ulrich Gumbrecht

9
8369

     

06. Dez. 2014
von Hans Ulrich Gumbrecht
Kommentare deaktiviert

0
3191
     

Pazifik und Ende der Welt

Als ich den Pazifik zum ersten Mal sah, im Mai 1980 und nah genug, um das Salz im Wasser zu riechen, war ich noch keine zweiundreißig Jahre alt. Mein Hotel in Santa Cruz, vierzig Meilen südlich von San Francisco, hieß “Sun ‘n Sand,” und im Aufzug hörte ich einen Song der Beach Boys, deren a Capella-Harmonien sich an ihren Namen schmiegten und schon damals mehr als nur einen Hauch von Sonnencreme-öliger Nostalgie hatten. Bevor es dunkel wurde, zeigten meine Kollegen mir die Santa Cruz Marina, einen damals neuen Segelhafen, mit den ordentlich abgetakelten Booten ihrer einkommenstarken Nachbarn. Alles hätte sich in der hellen Abendsonne zu einer angenehmen Idylle zusammenfügen können und sollen (“mellow” wäre dann das Wort des Abends gewesen) — aber ich war blockiert und irgendwie auch belebt von dem Gefühl, am Ende der Welt angekommen zu sein, an einem Ozean, der niemanden einlud, sondern eher das Leben auf einen schmalen Küstenstrich zurückzudrängen schien.

Vielleicht hatte ich auch die ein paar Tage vorher gehörte Geschichte von dem jungen Mann im Kopf, einem Berkeley-Doktoranden und Freund seiner Professorin aus Frankreich (solche Beziehungen gab es damals noch, ganz ohne Problem), von dem jungen Mann, der unter dem roten Bogen von Golden Gate auf den Pazifik gesegelt war, um nie mehr zurückzukehren – und man sprach von diesem Unfall im harten Ton einer antiken Sage, so als habe sich hier die gerechte Bestrafung von Hybris durch das Schicksal vollzogen. Doch vor allem war für mich das Geräusch der kleinen Wellen unter dem Steg der Marina ein Ton vom Ende der Welt, ihr entspanntes Plätschern, als gäbe es keine Küste auf der anderen Seite, von wo Wellen kämen und zu der Wellen strebten. So war mir der Gedanke an Japan ganz abstrakt in der Marina von Santa Cruz, wie auf einer Welt in Scheibenform, die an ihr Ende gelangen müsste, lange bevor man Japan erreicht.

Nichts ist verschiedener von den acapella-Harmonien der Beach Boys als der graue, erhaben abweisende und zurückdrängende Pazifik, der Pazifik zwischen San Francisco und Santa Cruz. Dass er kein Ende zu haben scheint und gerade deshalb ein Ende der Welt ist, schlägt in die Kraft einer Gegenwirkung um, wenn man sich nur an dieses Gefühl und an seinen Gedanken gewöhnt, so wie an den Wind, der landeinwärts weht, auf die schmale Halbinsel zwischen dem Ozean und der Bay von San Francisco zu — und sie für mich zu einer Heimat ohne Konkurrenz und Alternative — gemacht hat. Die Welt-am-Ozean ist meine Welt, eine Welt, die einfach vorhanden ist, das heißt: da ist als Ganze und in der Vielheit ihrer unendlichen Bestandteile, täglich das ist – eine Welt, die sich uns entgegen bewegt und uns auf der Halbinsel hält.

Aber können Ozeane wirklich eine Identität haben, können sie sich voneinander unterscheiden? Oder beschreibe ich mit zuviel Pathos eine vage Projektion des banalen Wissens, dass zwischen der amerikanischen und der japanischen Pazifikkueste der halbe Planet liegt, der halbe Planet des von Schwerkraft und Atmosphäre bewegten Salzwassers? Die Antwort heißt, dass nicht Ozeane, aber Küsten ihre besonderen Identitäten ausbilden und haben. Aus dem Meer der amerikanischen Pazifikküste zum Beispiel hat niemand je die Sonne aufsteigen und den Tag beginnen sehen. Sie ist eine Küste des Sonnenuntergangs und des täglichen Endes, immer nur das und irreversibel. Ihr Wasser ist so kühl, dass niemand ohne die dunkle Plastikhaut der Surfer dort schwimmen möchte, es ist von Haien belebt und manchmal von Delphinen, die ihre silbernen Rücken in dieser vollkommen runden Bewegung durch die Luft und wieder ins Meer ziehen, belebt auch von rückenschwimmenden See-Ottern und gewaltigen See-Elefanten, die sich seit fünfzig Jahren am selben Strand treffen und blutig beißen beim Balzen – belebt, zweimal im Jahr, von den Blau- und Buckelwalen mit ihren schönen Flossen, wenn sie nach Alaska oder zum Golf von Mexiko wandern. Selbst das Leben im Ozean noch wirkt begrenzend für uns und wie jene Energie landeinwärts, unter der die wenigen Bäume am Strand sich beugen und kahl bleiben, gkeichsam in einer ewigen Skoliose.

Was dem drängenden Pazifik scheinbar machtvoll und zwanzig Yards hoch auf dem Land entgegensteht, sind keine Felsen, sondern riesige Sanddünen, die abbröckeln und rutschen, sobald man ihrem Rand entlang gehen will, grau bis schwarz unter den grauen Wolken, die morgens über die Halbinsel rollen; am Nachmittag ockerfarben, wenn die Sonne durch Wolkenfetzen scheint, oder beinahe weiß bei strahlendem Himmel – immer jedenfalls in matten Tönen, durch alle Varianten. Man muss die Ebbe abwarten, um zwischen Dünen und Wellen auf dem federnd feuchten Sand zu gehen und manchmal der Gischt zu entkommen, die ein dreckiger Schaum ist dort. Zu verschiedenen Jahreszeiten schwemmt er verschiedene Gegenstände an. Jetzt, im späten Herbst Sanddollars, die runden Gehäuse von Seeigeln, tatsächlich so groß wie die alten Silberdollars; einen Monat später, gebleicht und zerbrochen, die Schalen und Zangen vieler Arten von Krebsen, aber auch an manchen Stränden Holzplanken, bearbeitet und mit verrosteten Nägeln, so als sei eine Armada auf Nord-Route kurz vor Golden Gate gesunken; übers ganze Jahr kommen ab und an Skelette ans Ufer, Skelette von kleinen Seelöwen zum Beispiel, deren Fleisch die Möwen genau und gelassen entsorgen – und einmal sogar ein stinkendes Walskelett, an dem die Möwen lange zu fressen und arbeiten hatte.

Weil die Gegenstände so wohl sortiert sind über die Zeiten des Jahres, nicht aber sortiert von einem Willen oder einer Kultur, erinnern sie mich an die Beflissenheit des Müll-Trennens – als ihre ökologische Parodie und ihr Gegenbild. Ein Teil dieser landeinwärts wehenden Energie, welche uns auf die (auch als Silicon Valley bekannte) Halbinsel drängt, kommt von der den menschlichen Gattungs-Narzissmus beleidigenden Ahnung, dass am Pazifik jene andere Hälfte des Planeten beginnt, der es ohne Menschen besser geht. Ohne die Haie allerdings, ohne die Wale, Otter, Seelöwen, Sanddollars und ohne die Möwen, die ihre Flügel aufspannen, um langsam, fast als zögerten sie, über die Wellen zu schweben und im Sand zu landen (wie sehr ich einmal eine Möwe bei Fliegen sein möchte, jedesmal, wenn ich sie sehe!) — ohne sie alle gäbe es dien Pazifik nicht.

Zwischen den Dünen und den Wellen im Sand zu gehen, in dieser elementaren Welt, die sich nicht um uns schert, macht das Andere zu den geschäftigen Alltagen in der Gesellschaft aus, es kann eine Unterbrechung sein, nach der das Leben jedesmal neu beginnt. Und schön ist der Gedanke, dass die eigenen Knochen und Muskeln, die eigene Haut, das eigene Fleisch und die eigenen Organe eines Tages verbrannt und als Asche vom Wind des Pazifiks zu den Dünen zurück getragen werden – zusammen mit der silbernen Asche der Liebsten – dann, wenn wir alle Hast los sein werden, wenn dieses Ende der Welt die Erlösung von unserer Welt ist.

Daran hatte ich im Mai 1980 allerdings noch nicht gedacht.

06. Dez. 2014
von Hans Ulrich Gumbrecht
Kommentare deaktiviert

0
3191