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	<title>Digital/Pausen</title>
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	<description>Hans Ulrich Gumbrecht, Literaturprofessor in Stanford und einer der einflussreichsten Intellektuellen Deutschlands, nutzt die Flexibilität des elektronischen Mediums für intellektuelle Momentaufnahmen an seinen verschieden Aufenthaltsorten</description>
	<lastBuildDate>Fri, 17 May 2013 08:00:41 +0000</lastBuildDate>
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		<title>Lyrik als Form für die Gegenwart</title>
		<link>http://blogs.faz.net/digital/2013/05/17/lyrik-als-form-fur-die-gegenwart-257/</link>
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		<pubDate>Fri, 17 May 2013 08:00:41 +0000</pubDate>
		<dc:creator>rooneywayne</dc:creator>
		
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		<description><![CDATA[<p>Nie seit der Antike wohl hat Lyrik weniger Leser gehabt als heute. Was kann es bedeuten, dass zugleich ihre Faszination und ihr Ansehen gestiegen sind? <a href="http://blogs.faz.net/digital/2013/05/17/lyrik-als-form-fur-die-gegenwart-257/"></a></p><p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/digital/author/rooneywayne/">rooneywayne</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/digital">Digital/Pausen</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Wer als halbwegs gebildeter Zeitgenosse an Lyrik denkt, an Gedichte oder an Poesie, der erwartet wohl vor allem den Ausdruck “individueller Gefühle,” so ekstatisch “individuell” im typischen Fall, dass sie sich nicht im sozialen Medium der Sprache artikulieren lassen. Ohne es wirklich erklären oder auch nur plausibel machen zu können, glaubt man dann weiter, dass die besonderen, “prosodisch” genannten Formen solcher Texte (Vers, Rhythmus, Reim, Strophe) diese Unmöglichkeit, diesen Schwund des transparenten Ausdrucks ausgleichen können, indem sie Modalitäten von Kommunikation erschließen, welche nicht auf die Dimension des Sinns beschränkt sind.</p>
<p>Für viele Gedichte, die in der westlichen Kultur zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts, in der kulturgeschichtlichen Epoche der Romantik also, geschrieben worden sind, trifft eine solche Erwartung im großen Ganzen auch zu. Denn das war jene Zeit, in der sich das seit der Renaissance dominierende Selbstbild der Menschen als einem gegenüber der Welt der Dinge exzentrischen “Subjekt” zur “Individualität” steigerte, das heißt: zur einer erlitteten und zugleich zelebrierten Exzentrizität innerhalb der Gesellschaft. Aus Sicht der Individualität schien plausibel, dass die besondere Form-Dimension von Gedichten jener spezifischen – individuellen &#8212; Exzentizität zum Ausdruck verhelfen sollte. Historisch langfristig jedoch ist die so zu beschreibende romantische Prämisse des Verstehens von Gedichten viel spezifischer und begrenzter, als man heute allgemein annimmt. Sie hatte eigentlich bis hin zur Zeit um 1800 nie gegolten, und sie steht auch bei den besten Gedichten unserer Gegenwart keinesfalls im Vordergrund.</p>
<p>In der europäischen Tradition setzt Lyrik während des achten und siebten Jahrhunderts vor der Zeitenwende ein als von der Lyra, der Leier, begleiteter Sprechgesang, der sich an die Götter wendet. Und was könnte die Funktion der prosodischen Sprachformen gewesen sein? Sie alle lassen sich alle dem Begriff “Rhythmus” unterordnen. Wenn immer wir von “Rhythmus” sprechen, beziehen wir uns – meist ohne es zu wissen – auf Möglichkeiten, Phänomenen eine stabile Form zu geben, die sich, wie Sprache, nur in Zeitlichkeit, das heißt: in beständiger Veränderung, verwirklichen. Vers, Reim, Strophe nun geben der Sprache Form, indem sie je bestimmte Abfolgen von Klängen in Schleifen der Wiederholung bringen. So unterbrechen sie den alltäglichen Ablauf von Zeit, während dieser zugleich sich fortsetzt. Eine solche Unterbrechung von Zeit schafft in der Geschäftigkeit des Lebens Momente der Konzentration und der  Aufmerksamkeit – der Konzentration auf die Götter zum Beispiel. Zugleich suggeriert sie, dass im Stillstand der laufenden Zeit Momente der Vergangenheit oder auch entfernte Gegenstände präsent werden können. Eben deshalb sind Zaubersprüche in allen Kulturen prosodisch gefasst: sie sollen Vergangenes oder Entferntes, zuallererst die Götter, heraufbeschwören und in die Gegenwart bringen.</p>
<p>Am Beginn der antiken Lyrik machten die Gesänge Sapphos, der legendären Priesterin von der Insel Lesbos, Göttinnen und Götter, weibliche Schönheit, aber auch Situationen von Schmerz und Eifersucht gegenwärtig. Ein gutes Jahrhundert später beschworen die Gedichte des Pindar Siege und Sieger bei den athletischen Spielen Griechenlands herauf, zusammen mit den Göttern, welche die Siege – durchaus mit physischer Unterstützung – möglich gemacht haben sollten. Solche Texte waren Medien religiöser Konzentration, zu der ein Potential kollektiver Extase gehörte. Ich bin freilich überzeugt, dass die Geste des Heraufbeschwörens und die Funktion der Vergegenwärtigung nicht nur in der griechischen Antike, sondern in all ihren historischen Kontexten die Lyrik begleitet, ja ausgemacht haben. Was sich geschichtlich veränderte, waren die gesellschaftlichen Situationen des Heraufbeschwörens und die so vergegenwärtigten Objekte. </p>
<p>Nie wohl haben Dichter sexuelles Erleben und seine Sinnlichkeit den Lesern näher gebracht, als es Catull oder Ovid im antiken Rom gelang. Die Minnelyrik des Mittelalters gab höfischen Festen ein Hochgefühl erotischer Spannung, wie es in der Wirklichkeit jener Epoche gar nicht existiert haben mag. Das Inszenieren von Stimmungen, vor allem von Stimmungen, für die es institutionalisierte Erwartungen gab, scheint die dominante Funktion von Gedichten in den Jahrhunderten der frühen Neuzeit gewesen zu sein. Solche “Gelegenheitsgedichte” zum Lob von Monarchen und Philosophen, zu Ritualen wie Taufe oder Begräbnis, zu aristokratischer Geselligkeit und zum Trinken unter Kumpanen waren eine Stärke des Zeitalters der Aufklärung, wie sie im reduzierten Format von Poesie-Alben (durch die man sich gegenwärtig macht und gegenwäertig hält) oder in Liedern für Geburstagskinder das zwanzigste Jahrhundert erreicht haben. Nur weil nach 1800 und bis heute Lyrik als Ausdruck prekärer Individualität zur Norm und zentralen Erwartung wurde, konnte der Eindruck einer Gegenstrebigkeit zwischen Lyrik und Aufklärung entstehen. Dabei ist das Individualitäts-Paradigma im neunzehnten Jahrhundert bald von einer Steigerung abgelöst worden, die zu unserer Modernität führen sollte. In den Gedichten der “Fleurs du mal” (der “Blumen des Bösen”) von Charles Baudelaire aus dem Jahr 1857 zum Beispiel bannt ein beweglicher Beobachter, der keinen festen Platz mehr in der Gesellschaft hat, die flüchtigen Eindröcke einer sich beschleunigenden Welt. </p>
<p>Seit der Romantik spätestens hatte Lyrik die Musik und ihre Verkörperung durch Rezitation immer weiter hinter sich gelassen, um schließlich in freien Versen, Proagedichten und Bildgedichten auch die Gesten des Heraufbeschwörens und die Funktion des Vergegenwärtigens aufzugeben. Damit schien bis über die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts hinaus – im Sinn einer geschichtlichen “Logik” – ein Endpunkt erreicht zu sein, wo die moderne Lyrik, als Lyrik reduzierter Prosodie, zu einem sprachphilosophsichen Experimentierfeld geworden war – oder alternativ zu einer gutgemeinten Lieblingsform politisch und moralisch erbaulicher Belehrung. Doch entgegen allen – vergangenen – Erwartungen hinsichtlich der Zukunft von Dichtung ist es mittlerweile schon Jahrzehnte her, seit eine mit Begeisterung Prosodie-bewusste und prosodisch elaborierte Lyrik in die Literatur unserer Zeit zurückgekehrt ist, zusammen mit Institutionen und Ritualen lyrischer Rezitation (durch die wohl zuerst die Kultur der späten Sowjetunion in den Jahren ihrer politschen und wirtschaftlichen Agonie von sich reden machte). Inzwischen sind Seminare und Workshops beliebt geworden, welche Techniken zum Schreiben von prosodisch gebauten Gedichten vermitteln – und dies allein wäre in den eineinhalb Jahrhunderten zwischen dem romantischen Paradigma individuellen Ausdrucks und jenem der politischen Gesinnungslyrik kaum vorstellbar gewesen.</p>
<p>Doch ich behaupte nicht, dass diese Rückkehr zum Form-Repertoire der Lyrik und seinen Funktionen ein quantitativ bemerkenswerter Trend unserer Zeit sei. Im Gegenteil: bis heute beeindruckt mich eine 1995, bei der Verleihung des Nobelpreises an den irischen Lyriker Seamus Heaney, beiläufig gelesene Bemerkung (nicht nur ich halte Heaney för den vielleicht bedeutendsten lebenden Gedichtautor), nach der kein Lyriker der Gegenwart allein von den Einnahmen für seine Bücher und für Lesungen leben könnte. Die “Rückkehr zur Lyrik,” wenn man sich auf so eine so gängige Formulierung überhauot einlassen will, ist bemerkenswert wegen der Kompetenz und des Prestiges derer, die sie vollziehen – keinesfalls wegen ihrer Zahl. Richard Rorty, einer der großen philosophischen Autoren des vergangenen Jahrhunderts, sagte in einem Gespräch wenige Wochen vor dem Tod auf die Frage, was er an seinem Leben ändern wollte, wenn er eine zweite Chance bekäme, dass er in einem zweiten Leben mehr Gedichte auswendig lernen würde. Was er denn ausgerechnet Gedichten abgewinnen könne, fragte sein nicht wenig überraschter Gesprächspartner weiter, um die Antwort zu provozieren: “nichts kann man von ihnen lernen, aber sie klingen schön, und deswegen hätte ich sie gerne für mich gehabt.” Doch woher kommt diese neue Lyrik-Begeisterung?</p>
<p>Wer die Zeit aufbringt, sich auf einen &#8212; sprachlich ja meist  komplexen – lyrischen Text zu konzentrieren, der unterbricht die heute ebenso endlos wie ziellos verlaufende Zeitlichkeit des Alltags. Und ein solcher Ansatz zur Aufmerksamkeit wird beim Lesen oder Rezitieren eines Gedichts zu jener anderen, sozusagen archaischen Aufmerksamkeit, welche zum Aussetzen der fließenden Zeit führt und zum Heraufbeschwören von vorher abwesenden Dingen und Stimmungen. Lyrik als Form ist eine Signatur unserer Gegenwart, weii sie für Momente das erhält und an das erinnert, was dieser Gegenwart am meisten fehlt, nämlich Form, Ruhe, Konzentration und wohl auch Gelassenheit &#8212; in einer elektronisch erregten Umwelt von vielfältigen, ziellosen, zentrifugalen Bewegungen ohne Richtung. Lyrik kann ihre Leser noch festhalten in verkörperten Formen, die einst das Wesen menschlicher Existenz waren – aber vieleicht nicht mehr lange bleiben. Sie macht gegenwärtig, was bald unumkehrbare Vergangenheit sein könnte.</p>
<p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/digital/author/rooneywayne/">rooneywayne</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/digital">Digital/Pausen</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Hoeneß vergessen?</title>
		<link>http://blogs.faz.net/digital/2013/05/10/hoeness-vergessen-250/</link>
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		<pubDate>Fri, 10 May 2013 08:00:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>rooneywayne</dc:creator>
		
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		<description><![CDATA[<p> Über Uli Hoeneß sei zuviel geschrieben worden, meinen die Feuilletonleser, ganz unabhängig von der Meinung über seinen "Fall." Sollte in ihm eine noch nicht zur Sprache gekommene Faszination stecken? <a href="http://blogs.faz.net/digital/2013/05/10/hoeness-vergessen-250/"></a></p><p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/digital/author/rooneywayne/">rooneywayne</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/digital">Digital/Pausen</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Dass sich Politiker beeilen, Abstand zu nehmen von einem zu hoher nationaler Bewunderung und Beliebtheit aufgestiegenen Prominenten, der sich selbst der Steuerhinterziehung angeklagt hat, kann niemanden überraschen, denn sie haben ja – glücklicherweise &#8212; keine wirkliche Alternative. Dass andererseits Bürger mit besonders hohen Einkommen immer wieder versuchen, den ihnen abgeforderten, aggressiven Steuersätzen zu entgehen, ist zu verurteilen – und zugleich sehr plausibel. Auch dass der (Selbst)Angeklagte  mit Erklärungen aufwartet, die eher der Begrenzung des schon entstandenen Schadens dienen sollen als der bedingungslosen Wahrheitsfindung, darf man wohl als normal abbuchen, so wenig überzeugend der etwas wehleidige Verweis auf eine angebliche Spielleidenschaft und das von ihr ausgelöste Syndrom von Reue und Schlaflosigkeit gerade im Fall des eher ausgebufft wirkenden Uli Hoeneß erscheint. Wenn schließlich Wolfgang Schäuble das ohnehin Offensichtliche explizit macht, indem er sagt, wie allein der ruhige Schlaf des reinen Gewissens eine moralisch bedenkliche Reaktion wäre, scheint ein Moment öffentlicher Turbulenz zuende gebracht.</p>
<p>Nichts ist außergewöhnlich, strittig und also interessant geblieben am “Fall Hoeneß” als steuerrechtlich-politischem Fall, weshalb jene Feuilletonleser recht haben mögen, die sich mittlerweile sehr deutlich über die fortgesetzte Intensität der Berichterstattung beklagen. Oder kommen in ihr doch bemerkenswerte Dimensionen zum Vorschein &#8212; zum Vorschein noch ohne hinreichende Fokussierung auf ihren Symptomwert für gegenwärtig sich vollziehende Veränderungen in Gesellschaft und Kultur? Eine solche Frage lenkt unseren Blick von der potentiellen Straftat und ihren institutionell deutlich festgelegten Folgen auf die Gefühle, welche sie in der deutschen Öffentlichkeit geweckt hat. Eines von diesen Gefühlen kam wohl nicht ganz unerwartet auf, doch es verdient, meine ich, Erwähnung, weil es nicht so ausschließlich “bajuwarisch” ist, wie es der selbsternannt aufgeklärte Norden und Westen des Landes  wahrhaben wollen. “Liaba Uli, mia sog’n vergelt’s Gott für ois!” war auf einem Fan-Plakat beim Halbfinal-Heimspiel des FC Bayern gegen Barcelona zu lesen – und vollkommen zufällig ist der Zusammenhang zwischen dem lauwarm-monarchischen Gefühl und den südlichen Dialekt-Wörtern natürlich nicht, die es zur Sprache brachten. Aber steht hinter der Sehnsucht nach Eltern-Gestalten, denen wir großzügig vergeben können, weil sie so gut für uns gesorgt haben, steht hinter dem Wunsch nach persönlichen Ausnahmen von der Gleichheit des Rechts, nicht doch ein durchaus überregionaler Traum von Hierarchie und familiärer Nähe? Ein Traum, der intensiviert wird von einer elektronischen Welt, wo Gleichheit ebenso kalt und unnahbar wird wie die wirtschaftliche Ungleichheit, welche gerade in dieser Welt ungeahnte Höchstwerte erreicht hat? Uli Hoeneß, das habe ich bei aller Fußball-Distanz zum FC Bayern selbst einmal erfahren, als ich um Allianz Arena-Karten für eine Verwandte im Rollstuhl bat, Uli Hoeneß verfügte über einen Apparat der Wohltätigkeitsproduktion, dessen historische Vorgänger die aufgeklärten Monarchien des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts waren. Und lieber nehmen die meisten von uns ja immer doch Freikarten aus der symbolischen Hand einer Vaterfigur entgegen als per Zuweisung seitens der Sozialfürsorge.</p>
<p>Auf der anderen Seite dieser Großzügigkeit des Vergebens, welche vergangene Gunsterweise [gemeinsam mit Gott]  “vergilt,” stellt sich bei den entschiedenen Hoeneß-Feinden ein disproportional scharfes Gefühl der Empörung ein. Es ist disproportional und auch dysfunktional, weil man angesichts der längst bewährten staatlichen Institutionen in Deutschland ja davon ausgehen kann, dass Recht auch ohne das Lautwerden und den Druck kollektiv moralischer Urteile geschieht. Die Psychoanalytikerin Julia Kristeva sieht im Hang zur Empörung einen neuen europäischen Trend, den sie als “negativen Narzissmus” interpretiert. Wer glaubt, dass er wirtschaftlich und im sozialen Status zu kurz kommt, der kann sich stolz auf die Brust klopfen, solange er überzeugt ist, frei von jenen Lastern zu sein, die er bei den Schwer-Reichen und Hoch-Prominenten entdeckt. Nichts könnte in Tonalität und Stimmung verschiedener von der befriedigten Sehnsucht nach Elternfiguren sein als solch scharfe moralische Entrüstung, doch zugleich bewähren sich die beiden Verhaltensmuster als Formen der Kompensation: als Kompensation gegenüber einer schalen Kälte der Gleichheit und als Kompensation gegenüber dem von Ungleichheit entfachten Feuer des Neids.</p>
<p>Das Bedürfnis nach Wärme und das Bedürfnis nach Empörungsanlässen können erklären, warum der sonst so banale “Fall Hoeneß” eine erstaunlich intensive und nachhaltige Resonanz hervorgebracht hat. Aber eine wirkliche Entdeckung sind auch diese beiden Einstellungen nicht. Überraschend war allein die Einsicht, dass sich Uli Hoeneß, ohne den es den eisig strahlenden FC Bayern von heute nicht gäbe, in seiner persönlichen Krise als Auslaufmodell erweist. Auf dem Präsidentensessel ist er jedenfalls nur – bis auf weiteres – sitzengeblieben, weil sein Unternehmen stark genug ist, um sich auf Distanz von dem Unglück zu halten, das ihm widerfahren ist (oder das er herausgefordert hat). Karl Heinz Rummenigge mag rotbäckig-freundlich an die Nibelungentreue glauben, welche er seinem Präsidenten schwört – aber unter den großen Fußball-Figuren der Vergangenheit hat Franz Beckenbauer bereits erkannt, dass er mit seinen Weggefährten im Museum der Erinnerungen gelandet ist. Denn Beckenbaüue antwortete auf die Frage, ob er für die potentielle Rolle des Interimspräsidenten bereitstünde, ja nicht mit einem sonoren “nein,” sondern stellte nur trocken fest, dass er nicht bereitstehen könne, solange die Frage nach einem Hoeneß-Ersatz gar nicht auftauche.  </p>
<p>Am Tag der errungenen Bundesliga-Meisterschaft sagte Sportchef Matthias Sammer im “Sportstudio,” es sei seine Aufgabe, die Mannschaft und ihre Leistung gegenüber allen Interferenzen und aller Unruhe abzuschotten  &#8212;  zu inhaltlich weniger minimalistischen Stellungnahmen lässt er sich kaum je verleiten, das gehört zur Logik einer Rolle, die er mit einer gewissen Eleganz kreiert, indem er sie spielt. Der unterkühlte Sammer, ob er nun die Gallionsfigur für eine Riege unsichtbarer Funktionsäquivalente ist oder jener Mann, der temporär das Keyboard der Macht bedient, repräsentiert die neue Gegenwart und Zukunft des FC Bayern – und vielleicht die Zukunft des Berufssports als Interhaltungsindustrie überhaupt. Seine Erfolgsformel ist eine Konfiguration aus Sachkompetenz, verwalteter wirtschaftlicher Stärke und emotionsneutralisierender Distanz – und diese Kombination bekommt dem “Produkt,” bekommt der Leistung der Mannschaft, ihrer Aura und den Spieler- wie Funktionärsgehältern sehr gut. </p>
<p>Es passt zu diesem allerneuesten FC Bayern, dass durch Unabhängigkeit und Erfolg ermöglichte Ruhe für die Fortsetzung der Erfolge wichtiger geworden ist als öffentlich zur Schau gestellte Freundlichkeit &#8212; aber auch als altertümliches Machtgebaren. Lakonisch teilte man einem der erfolgreichsten Trainer der Vereinsgeschichte mit, dass ihn ein noch mehr Erfolg vesprechender Nachfolger ablöst; der Transfer von Mario Götze nach München wurde – in emotionsfreiem Stil &#8212; gerade zu jenem Moment angekündigt, als dies dem einzigen nationalen Konkurrenten international hätte schaden können. Wer möchte sich vorstellen, dass ein solches Unternehmen dem gefallenen Monarchen aus der Vergangenheit die Treue halten wird – einmal ganz abgesehen davon, wie problematisch das aus vielen Gründen wäre? Dass dieser Monarch den neuen Stil seines ehemaligen Unternehmens nicht mehr versteht, zeigte er – selbst nach der Selbstanzeige noch &#8212; einmal mehr mit der polternden Geste, sich während des Bundesliga-Spiels gegen Dortmund bei einem Basketball-Match in München sehen zu lassen.</p>
<p>Scheitern kann dieses auf maximale Stabilität und natürlich maximalen Erfolg ausgerichtete Unternehmen nur noch an dem “Produkt” der Mannschaft, die in einer Sphäre operiert, wo die Möglichkeiten der Risiko-Minimierung spezifisch begrenzt sind. Ein eben nicht nicht ganz auszuschließender Schlimmst-Fall war ja schon die Niederlage des FC Bayern gegen Chelsea im Champions-League Endspiel des vergangenen Jahres, und 2013 ist die Spannung aus zwei Gründen noch viel höher: einmal weil das Bayern-Modell derart erfolgreich weiterentwickelt wurde, und darüber hinaus weil Borussia Dortmund ein gefährlicherer Gegner zu sein scheint. In dieser Konfrontation steckt die Frage, ob auch das Dortmund der Gegenwart ein Auslaufmodell aus der Hoeneß-Ära ist oder eine alternative Zukunft der Sport-Unterhaltung. Das auf allen Websites und Souvenir-Produkten der Borussia sichtbare Motto “Echte Liebe” klingt zunächst nach Auslaufmodell.  Andererseits verweist es auf eine vielleicht entscheidende Differenz. Die Dortmunder Mannschaft ist gegenüber ihren Fans – programmatisch – gerade nicht abgeschottet, und sie spielt in einem Stil, der Risiko in Kauf nimmt, um die Partizipation des Publikums zu maximieren. Um noch eine andere altmodisch klingende Metapher ins Spiel zu bringen: aus dieser Nähe der Mannschaft zu ihren Anhängern, aus dieser Form des Unternehmens können Funken der Inspiration entstehen, wie sie zu den Möglichkeiten des FC Bayern nicht gehören. Dazu bedarf es eines Ausnahme-Trainers, der Publikums-Inspiration nicht allein in Energie umsetzt, sondern in immer neue sportliche Varianten einer grundsätzlich erfolgreichen und vor allem mitreißenden Spielweise.</p>
<p>Dass die Bayern dieses andere System immer wieder durch ihre Operationen auf dem Transfermarkt zu schwächen versuchen, ist ihr gutes Recht, hat aber in den vergangenen Jahren Dortmund eher gestärkt. Diese Mannschaft scheint weniger von einzelnen Starspielern abhängig als ihr Konkurrent, aber deutlicher von der singulären Trainergestalt. Sollte sich Jürgen Klopp entscheiden, langfristig auf das Dortmunder Modell und Unternehmen zu setzen, dann könnte sich die Zukunft der Borussia  ähnlich der großen Vergangenheit von Manchester United entwickeln. Sie begann mit der dramatischen Dezimierung dieser Mannschaft durch einen Flugzeugunfall im Jahr 1958, bei dem acht Spieler ums Leben kamen. Der jenem Unglück gewidmete Erinnerungs-Kult begründet noch heute eine spezifische Nähe zwischen der Mannschaft von Manchester United und ihren Fans, welche Matt Busby, ein der Innovation fähiger, geduldiger Trainer über Jahrzehnte in eine Permanenz sportlichen (und lange Zeit auch wirtschaftlichen) Erfolgs umsetzte. Durch Busbys Nachfolger, Alex Ferguson, wurde die Tradition – wiederum über Jahrzehnte – bis in die Gegenwart verlängert, und es ist gewiss kein Zufall, dass nun ausgerechnet Jürgen Klopp als möglicher Nachfolger von Ferguson im Gespräch war. Die Störanfälligkeit des Manchester/Dortmund-Modells liegt höher als bei der Isolierungs-Strategie von Bayern München, was durch ein intensiveres Potential der Fan-Aktivierung wenigstens zum Teil ausgeglichen wird.</p>
<p>Eher als der Vergangenheit (Borussia) oder der Zukunft (Bayern) zu gehören, repräsentieren wohl beide Formen neue Möglichkeiten des Kapitalismus in der Unterhaltungsindustrie. Keine von ihnen hat Platz für einen kraftvollen Patriarchen wie Uli Hoeneß. Indem sein “Fall” eben dies sichtbar gemacht hat, allein im Blick auf die Geschichte und Zukunft des Fußballs also, ist er interessant – und gibt uns gute Gründe, Uli Hoeneß zu vergessen.</p>
<p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/digital/author/rooneywayne/">rooneywayne</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/digital">Digital/Pausen</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Kann Stress zu Intensität werden?</title>
		<link>http://blogs.faz.net/digital/2013/05/03/kann-stress-zu-intensitat-werden-247/</link>
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		<pubDate>Fri, 03 May 2013 08:00:46 +0000</pubDate>
		<dc:creator>rooneywayne</dc:creator>
		
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		<description><![CDATA[<p>Stress-Vermeidung ist zu einem unserer höchsten Werte und zu einer unserer striktesten Verpflichtungen geworden. Nun stellt sich die Frage, ob der Kult dieses Werts existentielle Intensität blockiert. <a href="http://blogs.faz.net/digital/2013/05/03/kann-stress-zu-intensitat-werden-247/"></a></p><p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/digital/author/rooneywayne/">rooneywayne</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/digital">Digital/Pausen</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>“Mach Dir aber bitte keinen Stress”  &#8212; gibt es irgendeinen Satz der deutschen Sprache den man heute öfter hört? Wer ihn gebraucht, unterwirft sich der ebenso strengen wie allgemeinen Verpflichtung, “locker” zu sein so bedingungslos, dass die implizite Spannung zwischen zur Schau gestellter Großzügigkeit und ihrem moralisch-ernsten Appellcharakter leicht zum double bind gerät. Letztlich sollen diese Worte ja bedeuten “Du brauchst Dich nicht zu bemühen,” so als sei jede freiwillige Anstrengung oder gar das, was man früher “Pflichtbewusstsein” nannte, ein unter allen Umständen zu vermeidender Exzess. Stressfrei, wird vorausgesetzt, kann allein der Feierabend sein, und als “die wichtigsten Tage des Jahres” können allein Urlaubstage gelten.</p>
<p>Die uns allen so evidente und gerade deshalb strikt geheim zu haltende Erfahrung, dass opulent zur Verfügung stehende und dann mit Optimierungseffekt durchzuplanende Freizeit sich oft als stressvoll erweist, will ich vorerst in Klammern setzen, um die Frage anzuvisieren, ob die allgegenwärtige Stress-Warnung nicht mittlerweile eine potentielle Dimension glücklichen Lebens verpestet hat – eine Dimension, die Martin Heidegger zum Beispiel in Briefen der zwanziger und dreißiger Jahre gerne – zeittypisch und für heutige Leser etwas peinlich – “Existenzfreude” nannte. Im Vergleich zu jener Zeit sind unsere Ansprüche ans permanente Glück sehr unnachgiebig und die einschlägige Investitions- oder gar Risikobereitschaft minimal geworden. Letzte Woche erst sagte ein Kollege unseren fest vereinbarten Termin unter Verweis auf den Stress ab, welchen ein verregnetes Wochenende, meinte er, über ihn gebracht hatte. Auf der anderen Seite haben Sie alle schon gehört (und vielleicht auch gesagt), dass Stressgefahr der entscheidende Grund ist, um sich einen Kinder-Wunsch zu versagen (oder auf höchstens ein Kind zu reduzieren &#8212; dessen Leben dann nach Hubschrauber-Manier beständig zu überwachen und optimieren ist); um gerade nicht das Studienfach zu wählen, für dessen Inhalt man sich leidenschaftich interessiert; oder um ein ehrgeiziges sportliches Ziel aus dem Horizont des Möglichen zu streichen. Ein Leben mit doppelten Ärmelschonern ist in unserer Gegenwart zum Leben der Weisheit mutiert.</p>
<p>Den peinlichen Heidegger-Begriff der “Existenzfreude” als Gegenpol zu solchen Stress-geleiteten Reaktionen will ich nun durch das heute einigermaßen gängige Wort “Intensität” ersetzen und fragen, wie es kommt, dass sich die Furcht vor Stress und die Strategien der Stress-Vermeidung allenthalben so lückenlos vor die Freude an Intensität geschoben haben. Aber was genau meinen wir, wenn wir “Intensität” sagen, und wie unterscheidet sich Intensität von Stress? Anders gesagt: ist eine Einstellung denkbar, die hilft, Stress hinter uns zu lassen und für Intensität offen zu sein? Physikalisch wird Intensität als Kraft pro Raumeinheit definiert, also als ein Aspekt zahlreicher Phänomene, der sich – steigend oder sinkend – ganz auf einer Skala der Quantifizierung erfassen läßt. Dass Intensität in der menschlichen Existenz stets Steigerung bedeutet und deshalb zu einer qualitativen Differenz allenfalls über Quantifizierung werden kann, haben Gilles Deleuze und Félix Guattari vor drei Jahrzehnten in ihrem Buch Mille Plateaux deutlich gemacht. Doch nicht jede Steigerung des Existenzgefühls wird als Intensität erfahren. Man kann sich auf Grund existentieller Steigerung auch überfordert fühlen oder das – möglicherweile für unsere Zeit besonders charakteristische &#8212; Gefühl haben, dass eine sich nach Kraft und Geschwindingkeit immer steigernde Bewegung nicht in das Zurücklegen eines Raums umschlägt oder in irgendeine andere messbare Auswirkung. Das genau geschieht ja in der Schluss-Szene von Becketts Godot den beiden Protagonisten, die “sich bewegen, ohne von der Stelle zu kommen.”</p>
<p>Wenn wir von “Intensität” reden, dann muss also die Selbsterfahrung einer existentiellen Steigerung verbunden sein mit der Selbsterfahrung oder Fremderfahrung einer Form von Veränderung. Eigenartigerweise allerdings ist die hier wirksame besondere Form der Selbsterfahrung nicht identisch mit dem, was wir sonst Selbst-Beobachtung oder Selbstreflexivität nennen. Intensität ist kein Messen einer Leistung durch das Bewusstsein. Sie ist, meine ich, das nicht begrifflich, sondern allein quantitativ zu fassende Gefühl einer Steigerung der Körperfunktionen (stärkeres Atmen, größere Muskelspannung, schärferes Sehen) verbunden mit den Intuitionen einer (nicht notwendig linearen) Richtung im Raum und eines (möglicherweise sehr fernen) Endes in der Zeit, welche gemeinsam die Körpersteigerung erst zu einer Form machen. Eben durch diese Formqualität unterscheidet sich Intensität von den Eindrücken des Überfordert-Seins, der leerlaufenden Mobilität oder des Gestresst-Seins. Durch Intensität in diesem Sinn sind die Spieler einer Mannschaft oder die Musiker eines Orchesters untereinander und mit ihrem Publikum verbunden, und das gilt analog auch für einen charismatischen Redner mit seinen Hörern und für jede sexuelle Interaktion, die zu erotischem Erleben wird.</p>
<p>Was kann man tun, damit sich Momente von Intensität einstellen? Ich denke, sie lassen sich vor allem nicht über Intentionen oder aktive Strategien heraufbeschwören. Fast nichts steht Intensität so diametral im Weg wie ein einschlägiger Wille oder gar eine Verpflichtung. Aber es ist andererseits doch möglich, offen zu sein für Steigerungen der Körpergefühle und Körperfunktionen, vielleicht sogar konzentriert und entschlossen, sie aufzunehmen und wirken zu lassen, sobald sie kommen. Dass sie je kommen, lässt sich nie und von niemandem provozieren oder herbeiführen, es könnte immer auch gerade nicht geschehen &#8212; so dass Intensität stets und notwendig das Ergebnis eines Ereignisses und seines Umschlagens ist, das Ereignis eines Spürbar-Werdens und sich nach außen-Stülpens eines sonst &#8212; von außen &#8212; nicht zu beherrschenden oder gar zu steuernden Energie-Potentials.</p>
<p>Vielleicht könnte es eine weitere Entfaltung des von unserer philosophischen Tradition erstaunlich unterbelichteten Phänomens und Begriffs der Intensität ja sogar ermöglichen, der Beantwortung einer Frage näher zu kommen, welche seit der Poetik des Aristoteles die Geister fasziniert hat. Es ist die Frage, wie – ohne sadistische Akzente, muss man freudianisch aufgeklärt hinzufügen – die Erfahrung eines schrecklichen und zerstörenden Schicksals anderer Menschen in der Tragödie zum ästhetischen Genuss werden kann. Eine erste Reaktion macht uns klar, dass das positive Gefühl von Intensität, wie es eine Tragödie auslöst, als rein quantitatives nicht im Konflikt mit dem Verlauf ihrer Handlung stehen muss – einmal ganz abgesehen davon, ob die von Aristoteles zuerst lancierte Vermutung wirklich immer aufgeht, dass die von der Tragödie ausgelösten Reaktionen von Furcht und Schrecken die Zuschauer von ihrer Anfälligkeit gegenüber Furcht und Schrecken befreien. </p>
<p>In der deutschen Literatur hat wohl kein Autor Intensität als eine positive Wirkung von existentieller Steigerung so gesteigert wie Heinrich von Kleist. Von seinen ersten überlieferten Briefen an, die er als Jugendlicher schrieb, schlägt Intensität als eine existentiell positive Dimension immer wieder durch – zum Beispiel in den Beschreibungen vom Überfall einer Postkutsche im deutschen Mittelgebirge oder von den verwahrlosten Geistesgestörten in einem Würzburger Krankenhaus. Später wird diese Simultanität von negativem Schicksal und Intensität, welche sich nie in einem Widerspruch verfängt, spürbar an einigen von Kleists großen Protagonisten: bei Penthesilea etwa, die an ihrer Liebe zu Achill zugrunde geht und doch entschlossen ist, sich der existentiellen Intensität des Liebens und Sterbens ganz zu öffnen; und vor allem bei Michael Kohlhaas, der dem Moment seiner Hinrichtung als Moment des endgültigen Scheiterns mit positiver Intensität entgegenlebt. </p>
<p>In einer solchen Hochstimmung hat Kleist auch seinem Freitod entgegengelebt, gemeinsam mit Henriette Vogel, die bereit war, mit ihm zu sterben – als Augenblick einer selbstzerstörenden Intensität, die durch nichts zu überbieten war und allein deshalb schon endgültig sein musste. Die wenige Stunden vor ihren Toden geschriebenen Liebeslitaneien der beiden zum Sterben Bereiten haben eine bis heute ihre Leser berührende Intensität des Glücks absorbiert, der niemand nachfahren kann. </p>
<p>Und doch gibt es eine Lehre aus dieser extremen Situation: dass nämlich die Möglichkeiten, die positiven Möglichkeiten des menschlichen Lebens versäumt, wer – im extremen Gegensatz zu Henriette Vogel, Heinrich von Kleist und seinen Protagonisten – der Vermeidung schmerzvoller Momente alle Schichten der Existenz unterstellt. In solcher Vermeidung als Lebengesetz liegt eine Logik, die langfristig Stress-Anfälligkeit steigert, ohne je den Ausgleich intensiver Momente in Aussicht zu stellen.</p>
<p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/digital/author/rooneywayne/">rooneywayne</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/digital">Digital/Pausen</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Adolf Hitler und andere Tierfreunde</title>
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		<pubDate>Fri, 26 Apr 2013 08:00:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>rooneywayne</dc:creator>
		
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		<description><![CDATA[<p>Seit langem glauben Tierfreunde, die Moral auf ihrer Seite zu haben - und diese Überzeugung ist in unserer Gegenwart der ökologischen Sorgen und Werte nur intensiver geworden. Gibt es Gründe für mehr Ambivalenz? <a href="http://blogs.faz.net/digital/2013/04/26/adolf-hitler-und-andere-tierfreunde-240/"></a></p><p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/digital/author/rooneywayne/">rooneywayne</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/digital">Digital/Pausen</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Gegen Tierfreunde habe ich ein Vorurteil. Der Begriff war für mich schon immer gefärbt von Assoziationen und Bildern, die abstossend und manchmal furchterregend wirkten, oder auch auf banale Weise grotesk. Etwa von einer einsamen alten Frau, die den in seinen Käfig gesperrten Kanarienvogel beim Namen nennt (“Hansi” im Zweifelsfall) und nur zu ihm noch spricht, um jeden Ton, den er von sich gibt, und auch sein Schweigen für eine Antwort zu nehmen. Sie schreibt ihm Dankbarkeit zu, Lebensfreude zum Beispiel, vielleicht sogar so etwas wie Verschmitztheit und Charme &#8212; vor allem aber grenzenloses Einverständnis. Nichts ist dagegen einzuwenden, im Gegenteil, wenn es der alten Frau denn hilft, ihr Leben einigermaßen gut gelaunt zuende zu bringen. Ungeheuer aber sieht diese im wörtlichen Sinn grenzenlose Vermenschlichung aus, wenn man sich überlegt, dass in ihr, unbelichtet sozusagen, auch ein weniger unschuldiger Traum vom menschlichen Zusammenleben steckt, wo die anderen – schweigend – immer nur die Bestätigung eigener Gefühle und Ansichten verkörpern sollen.</p>
<p>Die zweite Folge von Tierfreunde-Bildern setzt in meinem Kopf mit der Erinnerung an ein Bundesligaspiel der siebziger Jahre im Gelsenkirchener Parkstadion ein und mit den Polizei-Schäferhunden, deren Schnauzen allzu leidenschaftliche Fans davor abschrecken sollten, das Spielfeld zu stürmen. Wenn sie bellten, dann stiegen aus diesem Schnauzen kleine Wolken von Schäferhund-Atem auf, und ich dachte an den sarkastisch-resignierten Satz, den ich einmal von einem Freund gehört hatte und nie mehr vergessen kann: “German shepherds are wonderful with the blind &#8212; and terrible with Jews.” Da ist wieder dasselbe Problem, nun in seiner erschreckenden Version, von der grenzenlosen Projektion eigener Werte und eigener Erwartungen auf Tiere. Was man seit jeher in Schäferhunde hineingelegt hatte, Disziplin und Treue, Aggression und Gnadenlosigkeit, waren ja tatsächlich Grundwerte des Nationalsozialismus, und so gehört die Schäferhündin Blondie, die Bormann seinem Führer Hitler 1934 geschenkt hatte, mehr als nur ein Attribut zu dieser Gestalt. Auf dem Internet sind von Eva Braun aufgenommene Privatfilme zugänglich, welche die befremdliche Wärme und Zärtlichkeit vergegenwärtigen, die Hitler seinem liebsten Hund angedeihen ließ. So trug der erste von vier Welpen, die Blondie warf, denselben Namen “Wolf,” mit dem sich Hitlers Freunde und Vertraute an ihn wandten, und nur um auszuschließen, dass sie in die Hände der sowjetischen Eroberer fiele oder von hungernden Deutschen geschlachtet würde, brachte es der Besitzer über sich, sie am 29. April, dem Tag seines eigenen und des Selbstmords von Eva Braun, mit einer Zyankalikapsel töten zu lassen.</p>
<p>Gegen das, was man “Tierliebe” nennt, spricht dies alles so wenig wie Hitlers Essgewohnheiten gegen den Vegetarismus,. Aber umgekehrt wirkt es doch erschreckend plausibel, dass ein absoluten Gehorsam voraussetzender und jeden Widerspruch ausschließender Diktator eine größere Nähe und Bindung zu diesem Tier fand als vielleicht zu irgendeinem Menschen im Lauf seines glücklicherweise eher kurzen Lebens. Mir fehlt die zoologische Kompetenz und vor allem die alltägliche Vertrautheit mit Tieren, um all diese Vorurteile zu einem gerechten Urteil werden zu lassen – oder aus guten Gründen auszuräumen. Zur Entdeckung ihres persönlichen Ursprungs bräuchte ich die Hilfe eines Psychoanalytikers, und ohne ihn weiß ich allein, dass mir die Angst vor Tieren und die Ungelenkigkeit im Umgang mit ihnen schon als Kind peinlich waren, weshalb ich in der Sexta des Gymnasiums freiwillige die Aufgabe übernahm, im Auftrag des Biologielehrers ein grünliches Monatsheftchen mit dem Titel “Der kleine Tierfreund” an meine Mitschüler zum Preis von dreißig Pfennigen zu verteilen.</p>
<p>Erst in den vergangenen Jahren ist die alte Peinlichkeit zu einem intellektuellen Insuffizienzgefühl geworden – seit nämlich in einer gewandelten philosophischen Grundstimmung ein Bezug auf Tiere mit systematischer Absicht geläufig wurde, so geläufig, dass er nun fast eine Verpflichtung ist. Es geht um mehr als nur die in einer Zeit sich schärfenden ökologischen Bewusstseins politisch korrekte Verpflichtung, traditionelle Prämissen über einen hierarchisch übergeordneten Status des Menschen auf diesem Planeten oder gar im Universum aus vielfältigen Perspektiven zu überdenken &#8212; und zu lockern. In der Primatenforschung finden natürlich alle Beobachtungen und Thesen politisch korrekten Applaus, welche Anlass geben, die traditionell unterstellte Distanz zwischen Beschreibungen des menschlichen Bewusstseins und Beschreibungen seiner Primaten-Äquivalente zu reduzieren. Doch dabei bleibt ja – anthropozentrisch genug – impliziert, dass Tiere jedenfalls “so etwas wie” ein Bewusstsein haben. Die Struktur solcher Erwartungen verändert dann erst ein Buch wie Julia Fischers im vergangenen Jahr erschienene “Affengesellschaft,” das auf der Grundlage langjähriger Feldforschung zeigt, wie Funktionen oder wenigstens Teilfunktionen bestimmter menschlicher Bewusstseinsleistungen unter Primaten durch komplexe (und den Menschen nicht zugängliche) Muster von sozialem Verhalten abgedeckt werden .</p>
<p>Erst mit dieser Verschiebung des Blickwinkels setzt eine De-Anthropozentrisierung ein, meine ich, durch welche die bisher existierende Kontinuität zwischen Kanarien-Müttern oder Schäferhund-Vätern auf der einen und Verhaltensforschung auf der anderen Seite definitiv durchbrochen wird. Allein hinter dem Vorzeichen von Diskontinuität werden die Grenzen der dem Menschen durch anatomische und physiologische Voraussetzungen gegebenen Möglichkeiten und die Frage nach der bloßen Vorstellbarkeit solcher funktionalen Äquivalente zu seriösen und schwierigen Themen, während die einem bestimmten Typ von Tierfreund so lieben Sätze von der Überlegenheit der Tiere gegenüber den Menschen immer nur sagen wollen, dass Tiere “bessere Menschen” seien – nach den auf sie projizierten normativen Ansprüchen ihrer Besitzer jedenfalls. Als dieser traditionellen Position geometrisch entgegengesetzt verstehe auch den in Princeton lehrenden Peter Singer, der “animal rights” nicht einfordert, weil er unterstellt, dass Tiere den Menschen so ähnlich sind, sondern gerade weil wir eine unüberbrückbare Verschiedenheit zwischen ihnen nicht ausschließen können. Ob und wie ein Tier beim Schlachten “leidet,” werden wir nie wissen, und gerade deshalb, meint Singer, brauchen wir “animal rights.”</p>
<p>In den Zusammenhang jener Perspektivenverschiebung gehört auch Robert Musils berühmte Formulierung von der “Intelligenz eines Rennpferds,” die man, meine ich, über Jahrzehnte als ironisch missverstanden hat. Sie wiederum kann zu der Frage führen, ob nicht in jene Beobachtungen, welche zu dem vor einem halben Jahrhundert so beliebten (und heute nur noch zögernd verwandten) Begriff von den “kollektiven Handlungen” geführt haben, eine dem Bewusstsein nicht zugängliche Form von Koordinations-Intelligenz eingeht. Adam Smith, der schottische Aufklärer und Begründer eines Diskurses über den Kapitalismus, lenkte einmal den Blick seiner Leser auf nebeneinander rennende Hunde, deren Bewegungsanpassung durch kein Training und keinen Drill je von einem Menschen zu erreichen wäre. Und in noch höherem Nass gilt für Vogelschwärme.</p>
<p>Schließlich wendet eine Spekulation des kanadischen Philosophen Ian Hacking die neue Faszination der Tiere ganz auf den Menschen zurück. Hacking setzt die zum banalen Bildungswissen gehörende These, dass am Anfang des engen Kontakts zu den sogenannten “Haustieren” Interessen an ihrer potentiellen Nützlichkeit gestanden sein müssten (Hunde können dem Schutz der Menschen, Bienen ihrer Ernährung dienen) einer neuen Skepsis aus. Wäre es nicht denkbar, dass solchen von früher Rationalität gestalteten Beziehungen eine Freude &#8212; vielleicht sogar eine wechselseitige Freude – an der Wärme der Körper oder an jenen verschiedenen, nicht unter praktische Funktionen zu subsumierenden Verhaltensformen vorausgegangen sein könnten, für die wir das Wort “Spiel” verwenden? Diese Frage weckt in meiner Vorstellung ein Bild vom Leben des frühen Homo sapiens, der nur wenige wache Stunden des Tages für Aufgaben des Überlebens gebraucht haben soll, während der größere Teil seiner Zeit frei blieb für eine von Augenblick zu Augenblick immer wieder erfüllbare Nähe zur unbelebten und zur belebten physischen Umwelt, für eine Nähe, mit der uns keine Begriffe und Erinnerungen mehr verbinden und wohl je verbunden haben. Von dort kommen die Sehnsucht und der Traum, wie ein Tier zu sein, zu fliegen etwa wie ein Vogel, ohne Gedanken an ein Ziel und mit dem Wind in den Flügeln.</p>
<p>Vielleicht ist eine Ahnung von diesem Bild, eine Ahnung, dass es möglich sein müsste, in Freiheit ein Teil der Umwelt zu sein, vielleicht ist eine solche Ahnung der unsichtbare Urgrund aller Utopien in der menschlichen Kultur, eine Ahnung an die wir uns gerade heute gewiss nicht zufällig wieder annähern, in einer Gegenwart, wo selbst die reichlich zur Verfügung stehenden Stunden der Freizeit blockiert sind von Plänen und Absichten, die uns mobil halten und weder zum ersehnten Ziel führen noch Glück stiften.</p>
<p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/digital/author/rooneywayne/">rooneywayne</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/digital">Digital/Pausen</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Am Ende der Ideologien steht Politikmüdigkeit</title>
		<link>http://blogs.faz.net/digital/2013/04/19/am-ende-der-ideologien-steht-politikmudigkeit-233/</link>
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		<pubDate>Fri, 19 Apr 2013 08:00:16 +0000</pubDate>
		<dc:creator>rooneywayne</dc:creator>
		
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		<description><![CDATA[<p>Über nichts regt sich der anspruchsvolle Bürger mehr auf als über Politikmüdigkeit. Aber zeigt sie nicht nur, dass wir endlich vom Zeitalter der Ideologien erlöst sind? <a href="http://blogs.faz.net/digital/2013/04/19/am-ende-der-ideologien-steht-politikmudigkeit-233/"></a></p><p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/digital/author/rooneywayne/">rooneywayne</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/digital">Digital/Pausen</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Wenn die Themen ausgehen in einer halb-privaten Konversation, kann man heute immer auf die Klage über Politikmüdigkeit zurückkommen &#8212; und das Gespräch wenigstens bis zum Schweigen nach dem dann schnell sich einstellenden Konsens weiterbewegen. Denn ganz ohne Problem bezieht ja der aufgeklärte Mittel-Bürger des einundzwanzigsten Jahrhunderts (und wer gehörte nicht zu dieser Mehrheit?) eine kritische Beobachterposition außerhalb der Gesellschaft, schreibt sich selbst all die zivilen Tugenden zu, die er leider den anderen absprechen muss – und zeigt sich besorgt. Bezugspunkt der Sorge sind vor allem die international seit langem zurückgehenden Prozentzahlen der Beteiligung bei transnationalen, nationalen und regionalen Wahlen, aber man kann auch die alltäglichen Gespräche über Poliitk ins Visier nehmen, die tatsächlich eigenartig müde und sehr selten geworden sind – und (warum nicht?) auch gleich noch die eigene Unterhaltung, in der, wie sie so dahinplätschert, nichts so sehr fehlt wie eine Leidenschaft, an die man sich fast wehmütig erinnert. Vielleicht ist es aber gar nicht so, wie oft unterstellt wird, dass nämlich den Politikern der Gegenwart, die in Deutschand zum Beispiel Merkel, Westerwelle oder Schäuble heißen, eine Aura abgeht, über die ihre Vorgänger vor einigen Jahrzehnten, Brandt und Schmidt, Adenauer und Strauß, ganz natürlich zu verfügen schienen; vielleicht sind die Nachfolger “objektiv,” wenn man das Wort noch benutzen will, gar nicht so schlecht, sondern sehen nur in unseren Augen langweilig aus, in den matten Augen von denen, als deren Vertreter sie im Bundestag sitzen.</p>
<p>Politik reisst uns eigentlich nur noch mit, wenn wir solche Beobachtungen moralisch wenden, um uns über die zu entrüsten, denen es in Wirklichkeit genauso geht wie uns – und irgendwann stellt sich die Erkenntis ein, dass Politikverdrossenheit vor allem ein unvorhergesehener Nebeneffekt des Endes der Ideologien ist, von dem wir doch vor gar nicht so langer Zeit alle geträumt hatten. Das große Zeitalter der Ideologien, der politischen Ideen, welche Gemüter erhitzten und Berge versetzen wollten, war die frühe Mitte der vorigen Jahrhunderts, von der Vorphase der Sowjetrevolution bis hin zu jener Studentenrevolte von 1968, die sich so jugendlich ernst nahm. Davor war die Zeit seit den bürgerlichen Revolutionen bis zum Jahr 1917 gefüllt gewesen von vielen einzelnen, sich oft mittelfristig einander neutralisierenden Fort- und Rückschritten auf dem Weg jener Befreiung von gesellschaftlichen und politischen Hierarchien, zu der die Aufklärung mit Donnerhall geblasen hatte. Erst nach dem ersten Weltkrieg hatte sich endlich der Status des vor dem Gesetz gleichen und sozial unabhängigen Bürgers zum Normalfall in den europäischen und amerikanischen Nationen entwickelt. Und sobald also “Freiheit” und “Befreiung,” die damals schon seit über einem Jahrhundert vom allerintensivsten Pathos aufgeladenen Begriffe, ihrer konkreten Bezüge und ihrer Programmatik entleert waren, wurden sie aufgeladen mit imaginären Feinden und Unterdrückern, die sich im Alltag keinesfalls entdecken und konfrontieren ließen: mit Kapitalismus und Klassenfeinden, mit unterlegenen, aber gefährlichen Rassen, denen das Recht aufs bloße Leben abgesprochen wurde, aber auch mit kommunistischen Verrätern als Bedrohung der eigenen Freiheit – und am Ende sogar mit einer ganzen Elterngeneration, die wir in der Vergangenheit ihrer Jugend verstrickt sehen wollten. Die italienischen “Brigate Rosse” und die “Rote Armee Fraktion” des deutschen Herbsts gaben jener Epoche ihrer groteske und weiterhin  bedingungslos gefährliche Leichenstarre, deren Gesicht noch heute – wie ein Spuk und schwacher Nachhall – über Kuba, Venezuela oder Nordkorea aufflackert.</p>
<p>Wirkliche, individuell und kollektiv verkörperte Feinde können mehr konkrete Befürchtungen, aber nie ähnliche Feuer der aggressiven Leidenschaft und der Angst entfachen wie jene imaginären Feinde, welche die Ideologien ausmachten &#8212; und von Ideologen über Mikrophone und Radios ins Grenzenlose gesteigert wurden. Ihr singuläres Vernichtungspotential entluden sie, wenn immer es einem ihrer Propheten einfiel und gelang, einen Schatten der imaginären Feindbilder über eine Gruppe von Menschen in der eigenen Gesellschaft zu werfen. Solche Momente waren der Ursprung jener Genozide, mit denen als Narben das zwanzigste Jahrhundert vergangen ist. In der Welt, die wir “Westen” nennen, sind sie spätestens seit 1989 nicht mehr vorgekommen, und damit hat sich eine historisch einmalige  – einmalig aggressive und reaktive – Intensität in der politischen Partizpation abgekühlt.</p>
<p>Unter parlamentarisch-demokratischen Bedingungen sind ideologische Positionen mittlerweile zu Splitterparteien an den Rändern verkümmert. Das Spektrum unserer unvergleichkich breiten “Mitte” hingegen ist besetzt von “politischen” Institutionen, die sich um generalisierte Individual-Probleme kümmern: um Krankenversicherung, Kosten und Inhalte der Ausbildung, Steuern. Für Außen- oder gar Militärpolitik gibt es nur noch über die Vermittlung von wirtschaftlichen Belangen Interesse, und zum einzigen Anliegen von kollektiver Relevanz ist der Schutz der Umwelt geworden. Im Verhältnis zu dem aber lässt sich in den Gegenwart kaum ein imaginärer Feind ausmachen, weil fast alle Verantwortlichen für einschneidend-irrversible Umweltschäden längst das Zeitliche gesegnet haben. So geht es in der Politik jetzt nur um Steuern, Ausblidung und Versorgung, Versorgung, Ausbildung und Steuern &#8212; und keiner käme mehr auf den Gedanken, selbst Opfer einer Verschwörung zu sein. Allenfalls die “Gier der Reichen” hat man als kollektive Bedrohung angepeilt und ereifert sich nun in Debatten über eine Diätetik von Einkommensgrenzen, die allzu starken Appetit  zähmen sollen. Im großen Ganzen aber sind wir schon zufrieden mit den Politikern, die wir wählen, und werfen ihnen nie vor, die Feinde bestimmter sozialer Gruppen oder gar der ganzen Gesellschaft zu sein. Der jeweils nächsten Politiker-Riege trauen wir sogar zu, dass sie bessere Lösungen und Strategien für schon lang anstehende Probleme findet. Mehr denn je sind aus der Politikerklasse “Menschen wie du und ich” geworden.</p>
<p>Niemand kann diese Entwicklung im Ernst bedauern, Etwas optimistisch lässt sie sich ja sogar als Endpunkt einer kollektiven Befreiungsbewegung deuten, die in Wellen seit der frühen Neuzeit fortgewirkt hat. Aber es liegt, aus historischer Perspektive gesehen, eine beinahe paradoxale Logik im Erreichen von großen Zielen. Alexandre Kojève hat sie in seiner berühmten Interpretation von Hegels Geschichtsphilosophie entfaltet. Wenn ein lange hochgehaltenes Ziel endlich erreicht ist (wenn zum Beispiel der Geist und die Materie sich wieder vereingt haben), setzt ein Motivationsverlust ein, der Kojève im Blick auf Hegel fragen ließ, ob die Menschen am Ende der “Geschichte” &#8212; und Beginn einer großen Müdigkeit &#8212; nicht wieder in einen Naturzustand zurückfallen müssten, weil sie sich aus der Natur nur durch beständige Anstrengung erhoben haben. Politikmüdigkeit ist ein Symptom dafür, dass wir nun schon einige Zeit aus der Epoche der Ideologien herausgetreten sind und &#8212; im sozialdemokratistischen Europa vielleicht sogar aus der Epoche der “Politik” &#8212; weil es kollektive Ziele und imaginäre Feinde gar nicht mehr gibt, und fast alle damit zufrieden sind.</p>
<p>Das muss uns nicht berunruhigen. Angesichts der fortlaufenden Zunahme von Politikmüdigkeit wird bloß eines Tages die Frage aufkommen, ob sich Politiker bei zehn Prozent Wahlbeteiligung noch “Volksvertreter” nennen sollten.</p>
<p>ü</p>
<p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/digital/author/rooneywayne/">rooneywayne</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/digital">Digital/Pausen</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Dekantieren am Abgrund</title>
		<link>http://blogs.faz.net/digital/2013/04/12/dekantieren-am-abgrund-228/</link>
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		<pubDate>Fri, 12 Apr 2013 08:00:14 +0000</pubDate>
		<dc:creator>rooneywayne</dc:creator>
		
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		<description><![CDATA[<p>Der Wein und seine gepflegten Rituale erobern die Welt. Welche Funktion haben sie -- und müssen Wein-Zeremonien wirklich so weihevoll sein, wie sie sich geben? <a href="http://blogs.faz.net/digital/2013/04/12/dekantieren-am-abgrund-228/"></a></p><p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/digital/author/rooneywayne/">rooneywayne</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/digital">Digital/Pausen</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Selbst wenn Sie ein eingeschworen-exklusiver Biertrinker, ein Nichtalkoholker (erstaunlich übrigens, wie wenig freiwllige Nichtalkoholiker man in einer Gegenwart des boomenden Vegetarismus trifft) oder ein halb bis ganz professioneller Wein-Connaisseur sind, selbst dann kennen Sie – vom Zuschauen wenigstens – das mulmige Gefühl einer kulturellen Mehrheit, aus deren Peinlichkeits-Perspektive ich schreiben will. Noch nie ist ja soviel auswärts gegessen worden wie heute, durchaus auch in Lokalen, die sich für “anspruchsvoll” halten und wie Pilze aus den Baulücken oder durch Räumungsverkäufe freigewordenen Kubikmetern der Innenstädte schießen. Und das Prädikat “anspruchsvoll, verdient sich ein Restaurant, global, kann man sagen, vor allem durch seine Weinkarte. Darauf will ich hinaus, und da genau fängt eben das mulmige Gefühl an.</p>
<p>Denn die meisten Gäste sind, Hand aufs Herz, von den Weinkarten, die ihnen keine Sekunde später als die Speisekarte gereicht werden, ganz und gar überfordert. Der Normalkunde vermag zu unterscheiden zwischen Schaum-, Weiß- und Rotweinen (welches Wissen angesichts des Umfangs vieler Weinkarten allerdings eines eigenen Inhaltsverzeichnisses bedarf, um zur Anwendung zu kommen) &#8212; und natürlich auch zwischen den verschiedenen Preisen. Wie der Wein, den ich am Ende auswähle, schmecken wird, das kann ich mir – vage, im besten Fall und als eigentlich begeisterter Weintrinker – höchstens in einem von zehn Fällen vorstellen. Natürlich, ich sollte den Kellner fragen oder gar einen der ordensbeladenen Sommeliers heraufbeschwören. Für oder gegen diese Mutprobe entscheidet sich der Gast je nach Temperament. Die Schüchternen bestellen mit verkniffenen Lippen (und mit der Angst im Hals, den Weinnamen falsch auszusprechen) selbst eine Marke, die sie kennen und immer schon sauer fanden, oder auch, um einen guten Eindruck zu machen, eine teure Sorte &#8212; wenn sie sich nicht ohnehin gleich dem Zufall ergeben. Wer Risiko liebt, kann natürlich auch ein Gespräch mit dem Oberkellner oder dem Sommelier beginnen, bei man entweder schweigt und dann keine Chance hat, die sofort einsetzende Suada zum Halten zu bringen &#8212; oder redselig von eigenen Weinerlebnissen berichtet (“in Iphofen, wo ich meinen Rotwein kaufe”), mit der kaum zu elimierenden Gefahr, sich bis auf die Knochen zu blamieren. Nichts ist jedenfalls schwerer und mutiger, als sich der ja nicht nur gut gemeinten Empfehlung zur allerteuersten Flasche zu verweigern.</p>
<p>Irgendwann kommt die Flasche dann zum Tisch, womit ueberhaupt erst der zentrale Akt der Wein-Passion anhebt – und ein Abgrund sich öffnet, der jeden mühsam erworbenen sozialen Status verschlingen kann. Der Wein wird dekantiert, das heißt vorsichtig aus der Flasche in ein bauchiges Gefäß gegossen, und weil dies erstaunlich viel Zeit in Anspruch nimmt, ohne dass der Sinn des Rituals jedem Kunden evident ist, kommt schon wieder die Gefahr auf, eine falsche Frage zu stellen. Am schlimmsten wäre es natürlich, darauf zu bestehen, dass der Sommelier den dekantierten Wein sofort ins Glas gießt. Denn damit hätten Sie preisgegeben, dass Sie Ihren teuren Wein nicht atmen lassen wollen und ihn also wirklich nur gewählt haben, um Eindruck zu schinden. </p>
<p>Wer hingegen bis dahin alle Klippen umschifft und noch zehn Minuten Geduld hat, der nähert sich dem rettenden Ziel der Probe im doppelten Sinn des Worts. Endlich wird der kostbare Tropfen (den natürlich seit den Rheinwein-seligen Zeiten von Konrad Adenauer niemand mehr so nennt) eingeschenkt, “wer mag probieren,” sagt der Sommelier ausnahmsweise leutselig, und zu antworten “die Dame!” gilt weniger als ein Zeichen galanter Perfektion denn als strafwürdiges Desinteresse (weil man sich bei jeder Stufe der Zeremonie das Recht verdienen muss, die teure Sorte bestellt zu haben). In den Vereinigten Staaten mehr noch als in Europa, ist es wichtig, zunächst mit leichtem Druck auf das untere Ende des Glases den Wein, als sei man ein wenig ungeduldig, in leicht kreisende Bewegung zu schwenken. Man fasst die Flüssigkeit respektvoll-ernst ins Auge, hebt das Glas unter die Nase, riecht, ohne das Riechen in ein Geräusch umschlagen zu lassen, führt es endlich zum Mund – und nippt. Danach der stille  Moment der Reflexion, begleitet von einer verhaltenen Mundbewegung. Schiefgehen kann nicht mehr viel. Jetzt allerdings zu sagen, dass der Wein “korkt,” entspricht einem willfährigen Lösen der Notbremse im ICE – alle kommen aus dem Rhythmus, sind frustriert und können doch erstmal nichts dagegen tun. Peinlicher sind auch hier Ausrufe aus dem Register der Adenauer-Zeit wie “kostbares Tröpfchen” oder, protzig statt lauschig: “ganz vorzüglich” und “Donnerwetter!” Als zulässig gelten allein Semantiken (dieses Plural in ihr Lexikon aufzunehmen, empfehle ich den wahren Weinkennern) des Sublimen – oder beredte Sprachlosigkeit. “Mein Gott,” “nicht zu fassen,” alternativ ein einvernehmliches aber nur leichtes Nicken hin zum Sommelier, die beglückte Sekunde in den Augen der Gattin oder ein Ausdruck fassungslosen Transfiguriert-Seins (das den meisten Gästen eher schwer fällt).</p>
<p>An dieser Stelle ließe sich nun der in der Populär-Soziologie so beliebte “Bewohner eines anderen Sterns” herbeizitieren (oder auch der “gute Wilde” aus dem Zeitalter der Aufklärung), die dieses Ritual befremdlich oder lächerlich fänden angesichts seiner evidenten Dysfunktionalität. Aber das wäre nicht weniger banal als die früher viel gebrauchte Beschreibung des Fußballs als “zweimal elf erwachsene Männer, die einem Ball hinterherrennen.”  Rituale, nicht nur Rituale der gesellschaftlichen Distinktion, erscheinen prinzipiell funktionslos außerhalb ihres jeweiligen Kontexts – und deshalb immer potentiell lächerlich. Was das Weinritual zu einem extremen Fall dieser Gattung macht, ist die Asymmetrie zwischen der Komplexität seiner internen Struktur, welche über Jahrhunderte unter Weinkennern entstanden ist, und dem heute zu beobachtenden demographischen Sog einer Partizipation, dem sich aus guten Gründen kaum ein sozial Ehrgeiziger entziehen möchte. Ich weiß von einem jungen Kollegen aus Brasilien, der in einer Favela aufgewachsen war – und sich als Strategie des Erfolgs auf der akademischen Karriereleiter in einem nicht überteuerten Kurs zum Weinkenner ausbilden ließ – mit Erfolg. Seine Option finde ich überzeugender und auch sympathischer als den Fallschirmabsprung eines Opel-Händlers aus Witten, der – ganz ohne alle Konkurrenz, aber “als Allererster” &#8212; den Beaujolais Primeur eines Jahrgangs in seine Heimat an der Ruhr bringen wollte. Aber welches unter stets vielen zur Verfügung stehenden Ritualen in einem bestimmten geschichtlichen Moment zum Magneten für sozial Ehrgeizige wird, das scheint nicht bloß auf den ersten Blick zufällig – sondern lässt sich wohl nur in wenigen Fällen überhaupt erklären.</p>
<p>Übel nehme ich den Weinkennern am Ende nur die – wenn man es genau nehmen will: unverantwortliche – Beschreibungssprache, die sie kultivieren. Warum ist eigentlich um Designer-Krawatten, Designer-Kleinstmöbel oder Designer-Schreibgeräte, als Artikel in vergleichbarer Preislage, ein solcher Diskurs nie entstanden, der Adjektive und Substantive in litaneiischer Unendlichkeit reiht, ohne dass sich deren (nach dem Prinzip: je mehr, desto besser) akkumulierte Bedeutungen je zu einer inhaltlichen Konfiguration zusammenfügten und im Ernst mit unseren prinzipiell – aus physiologischen Gruenden eher unterkomplexen – Geschmackseindrücken assoziieren ließen? Hilft irgendjemanden die Rede vom “leicht rauchigen Waldbeeren- und kräftig säuerlichen Kirschengeschmack mit mild verzögertem Abgang”? Sie mag niemandem helfen, aber sie hat ihren Grund. Denn es ist eine weitere Folge der Assymetrie zwischen Wein als einer höchst differenzierten, historisch gewachsenen Kulturtechnik und der überwältigend breiten Partizipation heute, dass eine verwirrende Zahl von Wein-Sorten auf dem Markt sind, unter denen einige – und dagegen ist natürlich nichts einzuwenden &#8212; astronomische Preise erzielen. Für einen Wein aber kann sich der Kunde nicht – wie für Krawatten oder Möbel – “auf den ersten Blick” entscheiden. Wenn der Wein-Konsument endlich weiß, worauf er sich eingelassen hat, ist es zum Umtausch zu spät. Die Anbieter sind also zum differenzierenden Beschreiben gezwungen – und ich will gar nicht in Abrede stellen, dass sie selbst all das zu schmecken glauben, wovon sie so wortreich reden und schreiben. Grundsätzlich stellt sich deshalb &#8212; wieder einmal &#8212; die Frage, ob differenzierte Urteile und Erinnerungen des Schmeckens und des Geschmacks je in Sprache übertragen werden können.</p>
<p>Wir stoßen hier auf ein objektives Dilemma. Goethe zum Beispiel, der zeit seines Lebens gerne Wein trank und deshalb ein Kenner gewesen sein muss, hub zwar oft (nicht immer mit seinem besten Versen) zum Lob des Weins an (“der Frankenwein ist ganz gewiss / ein Vorgeschmack zum Paradies”), blieb aber dabei durchaus unspezifisch. Natürlich, kann man einwenden, er musste ja auch keinen Wein an den Kunden oder Gast bringen. Aber vielleicht sollten wir Wein-Laien einfach darauf verzichten, die jeweils volle Komplexität des Angebots durchsortieren zu wollen &#8212; und uns auf die wenigen Unterscheidungen verlassen (und die Namen aus dem Gedächtnis: mein Freund Klaus zieht “1968er güldene Abtsleite” vor), welche uns ohnehin zur Verfügung stehen, zusammen mit dem Urteil der Spezialisten, an die wir diese Wörter und Namen als Bestellung weitergeben. Allzu lange Wort-Kaskaden machen den Geschmack ja taub. </p>
<p>In Santiago de Chile, wo ich diesen Blog schreibe, scheinen die Kellner und Gaeste davon ebenso eine gelassene Ahnung zu haben wie in Lissabon oder Biel. In Witten, Houston und Berlin eher weniger.</p>
<p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/digital/author/rooneywayne/">rooneywayne</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/digital">Digital/Pausen</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Jürgen Klopp, oder: der Trainer als Führungsspieler?</title>
		<link>http://blogs.faz.net/digital/2013/04/05/jurgen-klopp-oder-der-trainer-als-fuhrungsspieler-212/</link>
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		<pubDate>Fri, 05 Apr 2013 08:00:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>rooneywayne</dc:creator>
		
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		<description><![CDATA[<p>Es ist Jürgen Klopp als Anzeichen von Arroganz vorgehalten worden, dass sein Gesicht bekannter ist als das Gesicht irgendeines Spielers seiner Mannschaft. Aber könnte darin ein Symptom für eine neue Rolle des Trainers liegen ? <a href="http://blogs.faz.net/digital/2013/04/05/jurgen-klopp-oder-der-trainer-als-fuhrungsspieler-212/"></a></p><p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/digital/author/rooneywayne/">rooneywayne</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/digital">Digital/Pausen</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Das Gesicht von Borussia Dortmund, dem beliebtesten und am meisten faszinierenden Namen im deutschen Fußball heute, ist das Gesicht des Trainers Jürgen Klopp – und dies in einem doppelten Sinn. Einmal weil man davon ausgehen kann, dass Jürgen Klopp von mehr Fans und Fußball-Laien erkannt wird als irgendeiner seiner Spieler, die uns Zuschauer in diesem Frühling öfter als einmal pro Woche begeistern, ob sie nun Götze, Reus, Lewandowski oder Hummels heißen (und selbst wenn ihr Spiel einmal 0:0 endet). Zugleich ist Klopp aber auch das Gesicht des BVB, weil der gutaussehende Mittvierziger mit dem Dreitage-Bart und dem gelbschwarzen Schal zum Emblem für all das geworden ist, was seine Mannschaft so erfolgreich und sympathisch gemacht hat: für Intensität und Willen zum Erfolg, die auch dann und gerade mitreißend sind, wenn sie einmal über die Stränge schlagen; für eine immer neu überraschende Intelligenz und Schönheit des Spiels; und für ein Selbstbewusstsein, das sich bisher noch nie zur selbstzufriedenen Arroganz verhärtet hat. Die Photographen-Rudel, von denen Klopp an der Seitenlinie verfolgt wird, wollen Bilder von ihm als “Borussia Dortmund kompakt” schießen, einer Marke, deren Charme sich allenfalls eingefleischte Schalke-Anhänger entziehen konnen.</p>
<p>Was die Intensität angeht und den Grad der Berühmtheit, ließe sich – eine Etage höher und globaler in der Fußball-Welt – Jürgen Klopp mit José Mourinho vergleichen, dem portugiesischen Trainer von Real Madrid, der mit dem FC Porto und mit Inter Mailand die Champions League gewonnen hat und bisher auf allen Stationen seiner Karriere spektakulär erfolgreich war. Aus dem Star-Ensemble seiner Spieler erreicht nur Cristiano Ronaldo die Popularität von Mourinho; wie Klopp identifiziert sich Mourinho bedingingslos mit seinen Mannschaften, auch und vor allem in Momenten der Niederlage. Allerdings ist er soviel häufiger schon mit seinem (tatsächlich kaum überhörbaren) Selbstbewusstsein angeeckt, dass Mourinho inzwischen für manche Zartbesaitete zu einem Symbol der Arroganz geworden ist. Offensichtlich aber gibt es einen wechselseitigen Respekt oder gar eine Empathie zwischen Klopp und Mourinho, was damit zu tun haben mag, dass beide – mit Stolz und manchmal etwas adoleszenter Freude – diesen neuen Star-Status angenommen und weitergespielt haben, wie es ihn früher für Trainer im Fußball (und in irgendeinem anderen Sport) wohl einfach nicht gegeben hat.</p>
<p>Solche Konvergenz, die möglicherweise eine Schwelle in der Geschichte des Sports markiert, bedeutet aber keinesfalls, dass José Mourinho und Jürgen Klopp als Trainer-Typen zu verwechseln sind. Mourinhos Stärke ist es bisher vor allem gewesen, Gruppen von herausragenden, entsprechend egozentrischen und sportlich nicht unbedingt komplementären Spielern zu erfolgreichen Mannschaften zu machen – wobei ihm alle, auch die ästhetisch am wenigsten ansprechenden Mittel zur Erfüllung seiner jeweiligen Strategien und Ziele recht waren. Klopp hingegen hat junge Spieler mit einer wirklich neuen, atemberaubend schnellen und außergewöhnlich schönen Konzeption des Fußballs zu Siegern und Stars gemacht und vielen von ihnen so zu einem Glanz verholfen, der vor allem an die Möglichkeit gebunden ist, sich einander zu begeistern. Doch es geht mir nicht darum, Klopp als einen potentiellen Trainer-Idealtyp gegen Mourinho auszuspielen – mit der überalterten Mannschaft von Inter Mailand etwa die Champions League gegen Barcelona und die Bayern gewonnen zu haben, war gewiss eine singuläre Leistung. Was vielmehr deutlich wird an diesem Vergleich, ist die Komplexität und Variabilität der Trainer-Rolle im gegenwärtigen Fußball, welche wohl der Hauptgrund für ihre neue Attraktivität ist. Vielleicht lässt sie sich am besten mit einer elementaren Typologie begreifen.</p>
<p>Dazu schlage ich eine Unterscheidung von drei Rollenkomponenten vor. Einmal gibt es die Temperamentslage der Trainer (welche vor allem Mourinho und Klopp verbindet): extreme Intensität auf der einen und auf der anderen Seite Gelassenheit, die vermeiden muss, von Spielern und Fans als Distanz oder gar Apathie aufgefasst zu werden. Aus dem jeweiligen Temperament ergeben sich dann ganz verschiedene Modalitäten des Motivierens einer Mannschaft, wie sie jedem Fußball-Fan vertraut sind. Zum zweiten lassen sich Stilarten der strategischen Kompetenz unterscheiden: es gibt – heute vielleicht mehr denn je &#8212; Trainer, die zu ästhetisch erregender Innovation fähig sind (Klopp zum Beispiel) und andere, die sich durch die Fähigkeit auszeichnen, für bestimmte Spiele und Situationen jeweils eine singuläre Lösungen oder sogar eine List zu finden (das genau ist eine Stärke von Mourinho). Schließlich scheint die Vor-Geschichte der Trainer als Fußball-Spieler von Bedeutung zu sein: sowohl Mourinho als auch Klopp haben solche Erfahrung erworben, ohne je – wie manche ihrer Kollegen &#8212; Weltstars gewesen zu sein.</p>
<p>Stabile Konfigurationen zwischen jeweils besonderen Eigenschaften aus diesen drei Dimensionen zu entdecken, Konfigurationen, die möglicherweise in bestimmten historischen Phasen des Fußballs dominant gewesen sein könnten, ist erstaunlich schwer. Man mag den Eindruck haben, dass Trainer mit der Fähigkeit, die Ästhetik des Spiels zu verändern, als aktive Spieler eher unscheinbar waren: das galt immerhin für den Holländer Rinus Michels (“Fußball total”) und den Argentinier Helenio Herrera (“catenaccio”), die Väter des modernen Fußballs, und es gilt heute für Jürgen Klopp oder Joachim Löw. Doch der als genialisch-skurril erinnerte Wiener Ernst Happen jedoch und Pep Guardiola als Maß aller Trainer-Erwartungen unserer Gegenwart widerlegen diese These zunächst. Ebensowenig kann man einen bestimmten Intensitätsgrad mit Stilkreativität assoziieren: was Klopp über die Stränge schlagen lässt, mag Löw als sichtbares Engagement an der Seitenlinie fehlen. Aber vielleicht trifft es wenigstens zu, dass listige Strategien (Sepp Herberger und Otto Rehagel) einerseits und andererseits das autoritätsstiftende Charisma vormaliger Weltstars (Franz Beckenbauer, Johan Cruijff oder Diego Maradona) für die ganz großen Erfolge heute nicht mehr ausreichen. Der Glaube an kurzfristige Motivationsschübe (das Vertrauen auf den Trainer als “Notnagel”) ist im Schwinden begriffen, während langfristig ausgelegte, ja geradezu nachhaltige Grundkonzeptionen wie die von Arsène Wenger, Sir Alex Ferguson und natürlich auch Pep Guardiola und Jürgen Klopp mehr gefragt sind als je zuvor – und dies nicht nur, weil die genannten Trainer erstaunlicherweise alle auf Angriffsfußball setzen.</p>
<p>Ob die Erfolgsspanne dieser langfristig innovativen Konzeptionen ein empirisches Maximum hat oder sich im Prinzip auf unendlich stellen lässt, ist nur eine von vielen Fragen und impliziten Hypothesen, die eine vom neuen Status der Trainerrolle angeregte Typologie produzieren kann. Aber auch die Vergangenheit bietet kaum viele Gewissheiten &#8212; mit anderen Worten: die Geschichte des Trainers (nicht allein im Fußball) ist wohl noch zu schreiben. Uruguay war die Mannschaft, welche – als Sieger bei den Olympischen Spielen 1924 in Paris, 1928 in Amsterdam und dann bei der ersten Weltmeisterschaft 1930 in Montevideo – den Fußball zu einer internationalen Attraktion machte, und der lokalen Mythologie zufolge war es damals noch ihr Kapitän José Nasazzi, der für Motivation und auf spezifische Gegner eingestellte Strategien sorgte, während der Trainer Alberto Suppici vor allem dadurch berühmt wurde, dass er gnadenlos Spieler aus der Auftstellung strich, die sich nicht an den “Zapfenstreich” hielten (wie man damals – und auch 1954 noch – in Deutschland sagte). Als erste wirklich herausragende Trainergestalt ist dann Vittoria Pozzo in die Fußball-Geschichte eingegangen, der die italienische Mannschaft zu den Weltmeisterschaften 1934 und 1938 führte. Er verfolgte offenbar seit dem Ende seiner bei Grasshoppers Zürich begonnenen Spielerkarriere die Vision von einer neuen, komplexen Führungsaufgabe, welche in der faschistischen Kultur des Duce Mussolini massive offizielle Sympathie fand, obwohl sich Pozzo nie ganz von der nationalistischen Politik seines Landes und seiner Zeit vereinnahmen ließ. Zu dieser Vision gehörte die wohl erste nicht ausschließlich auf Abwehr oder Angriff bezogene Spielkonzeption (genannt “Il Metodo”), in der man unschwer einen Vorform des um die Mitte des zwanzigsten Jahrhundert weltweit dominierenden WM-Systems entdecken kann.</p>
<p>Aber was hat sich im Vergleich zu solch charismatischen Trainern aus der Geschichte des Fußballs in der jüngsten Vergangenheit verändert, warum kann man behaupten, dass Gestalten wie Ferguson und Wenger, Mourinho und Klopp eine Schwelle markieren? Negativ formuliert, heißt die Antwort, dass das Spiel seit den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts und dann beschleunigt seit der Jahrtausendwende ein Niveau an athletischer Leistung, Schnelligkeit und strategischer Komplexität erreicht hat, welches ausschließt, dass ein einzelner Spieler – ein “Führungsspieler” wie Ferencs Puskás, Alberto di Stefano, Franz Beckenbauer und vor allem Pelé – seine Mannschaft prägt und Spiele durch individuellen Willen und individuelle Intuitionen entscheidet. Die talentiertesten Fußballer der Gegenwart können nur dann glänzen, wenn die für sie je angemessene hochdifferenzierte Funktion in einem System erfunden, markiert und freigehalten wird. Lionel Messi und Andrés Iniesta sind Weltstars geworden, weil Guardiola und seine Nachfolger dem Stil des FC Barcelona solche angemessenen Systemstellen eingeschrieben haben; und genau dies scheint Mourinho für Cristiano Ronaldo und Mesut Özil bei Real Madrid nicht zu gelingen.</p>
<p>Die Verantwortung und das Potential des “Führungsspielers” ist also auf den Trainer übergegangen. Seine &#8211; neue &#8211; Herausforderung (sagt mein Freund Jan Söffner) rückt ihn als den einen Protagonisten, welcher den den funktionierenden Zusammenhang einer Mannschaft stiftet, mindestens  ebenso deutlich ins Zentrum der Aufmerksamkeit wie seine Spieler, die ihn verkörpern. Eine ganze, noch im Beruf stehende Trainer-Generation mag von dieser Aufgabe überfordert sein. Wo sie aber als Chance eingelöst wird, scheint nicht bloß eine nie dagewesene Aura der Trainer auf. Mit ihr entsteht auch eine transformierte Ästhetik des Fußballs, der eine andere, vielleicht intellektuellere, aber nicht nicht weniger intensive Faszination unter den Zuschauern entspricht.</p>
<p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/digital/author/rooneywayne/">rooneywayne</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/digital">Digital/Pausen</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Was verheißt &#8220;Franziskus&#8221;?</title>
		<link>http://blogs.faz.net/digital/2013/04/01/was-verheist-franziskus-204/</link>
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		<pubDate>Mon, 01 Apr 2013 08:00:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>rooneywayne</dc:creator>
		
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		<description><![CDATA[<p>Als Emblem der Demut und des sozialen Engagements hat man die Namenswahl des neues Papstes gedeutet. In der historischen Gestalt des Heiligen Franziskus aber steckt ein interessanteres Potential. <a href="http://blogs.faz.net/digital/2013/04/01/was-verheist-franziskus-204/"></a></p><p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/digital/author/rooneywayne/">rooneywayne</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/digital">Digital/Pausen</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Einem im historischen Sinn “aufgeklärten,” aber intellektuell und existentiell heute eher müde wirkenden Verständnis zufolge erinnern wir uns zum Osterfest an einen charismatischen Menschen namens Jesus, der von sich als “Sohn Gottes” sprach und dessen Lehren die grausamen Umstände seines Kreuzestodes nun schon fast zweitausend Jahre überlebt haben. Im orthodoxen – und provokanteren &#8212; Blick der katholischen Theologie hingegen wird Jahr für Jahr zum Osterfest das Ereignis der Fleischwerdung Gottes neu gegenwärtig &#8212; und dadurch die vergangene Präsenz Gottes unter den Menschen, mit ihrer ganzen Herausforderung für ihren Alltag.</p>
<p>Dass nun heuer die Rituale dieses Höhepunkts im Kirchenjahr von Franziskus, dem eben gewählten neuen Papst aus Argentinien, verkörpert werden, macht im Rückblick den Moment des Zurücktretens von Benedikt XVI. zu einer bewussten Entscheidung und strategischen Wahl. Denn die öffentlichen Gesten von Ostern, welche der Papst ausfüllen muss, lassen unvermeidliich sein Naturell und sein Programm sichtbar werden – so dass er der Welt schnell vertraut werden muss. Im Fall von Jorge Mario Bergoglio, dem ehemaligen Kardinal von Buenos Aires, scheinen dies vor allem, wie inzwischen bis zur Banalität oft betont worden ist, seine Solidarität mit den Armen der Welt und seine natürlich aussehende Bescheidenheit zu sein (wobei bemerkenswert ist, wie während der letzten Jahre – nicht allein im Bezug auf den Papst sondern selbst hinsichtich der deutschen Nationalspieler – “Bescheidenheit” durch den ethisch anspruchsvolleren Begriff der “Demut” ersetzt worden ist). Ein Kardinal, der zum Chemie-Techniker ausgebildet war, bevor er aufs Priesterseminar ging, der zuhause mit der U-Bahn fuhr, sich meistens sein Essen selbst kochte und Anhänger einer Fußball-Mannschaft mit proletarischer Tradition ist, ein solcher Kardinal musste wohl erst einmal zu einem Papst werden, der nicht in dem für ihn ausgestatteten Palast wohnen will und der sehr direkt, ja einfach volksnah wirkt.</p>
<p>All diese Anzeichen wollen die nun schon so lange von ihrer Kirche frustrierten politisch Linken unter den Katholiken und die internationalen Medien als “Kehrtwende zur Weltoffenheit” und als Programm eines “sozialen Engagements” deuten, und fast sind sie bereit, dem neuen Papst angesichts solcher heute besonders hoch im Kurs stehender Tugenden seine Feindschaft gegenüber der Homosexuellen-Ehe, sein Festhalten am Zölibat und noch einige andere Sünden gegen den Geist von Weltlichkeit und Liberalität nachzusehen. Die entschlossene Weltoffenheit des Papstes, kommentiert man, werde garantiert durch seine Zugehörigkeit zum Jesuitenorden, von dessen Mitgliedern ja auch das Tragen weltlicher Kleidung und die Ausübung eines nicht seelsorgerischen Berufs erwartet wird; und seinen Willen zum Sozialprogramm bestätige die Wahl des Namens “Franziskus,” nach jenem Heiligen, mit dem die Sorge um die Armen erst zu einer Dimension kirchlicher Wirklichkeit geworden war.</p>
<p>Aber vielleicht unterbietet eine solche – zunächst einfach plausible und sicher auch zutreffende &#8212; Deutung das Potential des Namens “Franziskus” und auch das Persönlichkeits-Potential von Jorge Mario Bergoglio aus Buenos Aires, so sehr auch er selbst sich zuerst als Mann der Demut und als Fürsprecher der Armen verstehen will. Gerade in unserer unmittelbaren Vergangenheit sind Papstnamen über die sehr allgemeinen ersten Erwartungen hinaus zu erstaunlich präzisen Verheißungen geworden. Zunächst ging es Papst Franziskus allerdings um Diskontinuität und Innovation, ja tatsächlich um eine Kehrtwende, denn noch nie hatte es einen Papst mit diesem Namen gegeben &#8212; und da der neue Papst sogar den Zusatz “der Erste” zurückwies, wurde klar, dass diese Wahl nicht einmal reihenöffnend und also möglicherweise traditionsbildend vestanden werden sollte. Darin lag ein programmatischer Unterschied zu seinem Vorgänger, der sich mit dem Namen Benedikt XVI. gerade in eine ehrwürdige (und chronologisch für lange Zeit unterbrochene) Reihe von Vorgängern eingeschrieben hatte. Der heilige Benedikt von Nursia sollte, das war nach der Wahl des deutschen Papstes sofort deutlich geworden, für Gelehrsamkeit stehen und für eine im Bezug auf auf ihn, als Begründer der christlichen Form des Mönchtums, aufscheinende institutionelle Kontinuität. Da der heilige Benedikt im fünften und sechsten Jahrhundert gelebt hatte, in der historischen Übergangszeit der Auflösung der römischen Reiches, gilt er darüberhinaus als der “letzte Römer” und als “Vater des Abendlandes” (welchen Paul VI. Im Jahr 1964 offiziell zum Patrion Europas erhob). Deshalb liegt die Vermutung auf der Hand, dass im zentralen Anliegen des Pontifikats von Benedikt XVI., nämlich in der Re-Missionierung des dechristianisierten Europa, ein Potential seines Papstnamens Wirklichkeit wurde, welches viel allgemeinere und viel vagere erste Erwartungen überbot.</p>
<p>Doch wofür könnte nun &#8212; neben Demut, sozialem Engagement und dem Ereignis einer Umkehr &#8212; der Name “Franziskus” stehen? Wie Benedikt von Nursia gehörte Franziskus von Assisi, der im späten zwölften und frühen dreizehnten Jahrhundert lebte, einer Zeit profunder historischer Veränderung an, nämlich dem zuerst in Italien einsetzenden Übergang vom Mittelalter zur frühen Neuzeit, zur Entstehung der Städte und zu einer vorher unbekannten Form der auf persönlichen Gewinn konzentrierten ökonomischen Rationalität, aus der eine neue, sozialstrukturelle, und sich schnell radikalisierende Form von Armut als Opfer hervorging. Es war die Erfahrung dieser neuen Modalität von Elend, welche Franziskus, den Sohn wohlhabender frühbürgelicher Eltern, bewog, ein Luxus-Leben und hochfliegende Träume von ritterlichem Heldentum aufzugeben, um mit seinem Vermögen den Armen zu helfen, Leprakranke zu pflegen &#8212; und immer mehr wie eine ihrer Ursprungs-Welt entfremdete Gestalt zu wirken (in seiner Heimatstadt wird eine mit Flicken bedeckte Kutte aufbewahrt, die der – einst wohlhabende – junge Mann getragen haben soll). All diese in der Legenden-Tradition vielfach belegten und variierten Motive lassen sich wie selbstverständlich der Gestalt des heiligen Franziskus als Patron des sozialen Engagements zuordnen.</p>
<p>Doch es gibt einige andere Episoden, welche über die Symmetrie dieser allegorischen Beziehung hinausgehen. 1207 zum Beispiel soll der fünfundzwanzigjährige Franziskus mehrere Tuchballen aus dem Besitz seiner Vaters zur Restauration einer Kirche verkauft haben und dafür von ihm öffentlich zur Rede gestellt worden sein. Da entledigte sich Franziskus vor den Augen der Umstehenden all seiner Kleider, sagte “von jetzt an nenne ich nur noch einen Vater, den im Himmel” &#8212; und rannte nackt aus der Stadt. Diese Nackheit aber war nicht allein – gesellschaftlich – skandalös; sie erneuerte und vergegenwärtigte zugleich – theologisch – die Nacktkeit der göttlichen Schöpfung, die Nacktheit von Adam und Eva im Paradies, in dem als Bezugsrahmen alle Menschen, alle Tiere, alle Gegenstände und alle Phänomene als von Gott Geschaffene zu “Schwestern” und zu “Brüdern” wurden.</p>
<p>So gestimmt sang und (lesen wir) tanzte der heilige Franziskus in seinem “Lied vom Bruder Sonne” (auf deutsch meist “Sonnengesang” genannt) das leidenschaftlich liebende Lob Gottes &#8212; nicht mehr, wie es bis dahin alle theologisch Gebildeten und religiös Berufenen getan hatten, im gelehrten Latein, sondern im Italienisch seiner Zeit, in jener Sprache, welche den einfachen Menschen zugänglich war und, so glaubte Franziskus wohl, selbst den Tieren und Dingen:</p>
<p>Gelobt seist du, mein Herr, mit allen deinen Geschöpfen,<br />
zumal dem Herrn Bruder Sonne;<br />
er ist der Tag, und du spendest uns das Licht durch ihn.<br />
Und schön ist er und strahlend in großem Glanz,<br />
dein Sinnbild, o Höchster […]</p>
<p>Gelobt seist du, mein Herr, durch unsere Schwester, Mutter Erde,<br />
Die uns ernähret und trägt<br />
Und vielfältige Furechte hervorbringt<br />
und bunte Blumen und Kräuter.</p>
<p>Mit dem Akt der Schöpfung und der Welt als seinem Ergebnis soll der Wille des geistigen Gottes zu einer irdisch materiellen Konkretheit geworden sein, in deren Existenz das Lob Gottes schon Gestalt hat, bevor es in Worte gerinnt. Dieses Motiv konvergiert mit der Fleischwerdung Gottes als einem zugleich erschreckenden und wunderbaren Hereinbrechen in die Welt und mit seiner Aufhebung durch Kreuzestod, österliche Auferstehung, Himmelfahrt und Pfingsten. Das Leben und das Vermächtnis von Franziskus ist eine Konkretisierung Gottes durch die irdische Welt und umgekehrt eine ekstatische Durchdringung der irdischen Welt mit Gottes Kraft.</p>
<p>In dieser Sicht werden die Gesten des sozialen Engagements im Leben des heiligen Franziskus noch gesteigert und vielleicht überboten durch den Gestus irdischer Konkretheit, der durch sie zieht. Heute wirkt dieser Gestus der Konkretheit wie ein existentielles Gegen-Programm zu einer – zu unserer &#8212; Welt, wo Gespräche zum elektronisch-körperlosen “Austausch von Informationen” verkommen sind, Liebe zum “Ausdruck von Wertschätzung,” Fortpflanzung zur “Fusion von genetischem Material,” Reisen zum “Surfen auf dem Web,” Essen zur “Kalorienaufnahme,” gemeinsames Arbeiten und Spielen zur “wechselseitigen Serviceleistung” und die Sorge um andere zum “Versicherungsvertrag.” In dieser unserer Welt könnten die Gesten des neuen Papstes aus Anzeichen für das Aufheben sozialer Hierarchien zu Kondensationspunkten wiedergewonnener irdischer Konkretheit und Nähe werden. Dann scheinen sie Gott gegenwärtig zu machen, statt bloß auf ihn zu verweisen oder an ihn zu erinnern – gegenwärtig für jene Menschen jedenfalls, die (wie der neue und der alte Franziskus) an seine Existenz glauben wollen.</p>
<p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/digital/author/rooneywayne/">rooneywayne</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/digital">Digital/Pausen</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></content:encoded>
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		<item>
		<title>&#8220;Konservativ&#8221; ist &#8220;links&#8221; geworden</title>
		<link>http://blogs.faz.net/digital/2013/03/22/konservativ-ist-links-geworden-2-191/</link>
		<comments>http://blogs.faz.net/digital/2013/03/22/konservativ-ist-links-geworden-2-191/#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 22 Mar 2013 09:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>rooneywayne</dc:creator>
		
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		<description><![CDATA[<p>Wenn es den Linken heute um die Bewahrung eines sozialen Besitzstands geht und den Rechten um dessen Aufhebung, wer ist dann wirklich "konservativ"? Und was liegt daran? <a href="http://blogs.faz.net/digital/2013/03/22/konservativ-ist-links-geworden-2-191/"></a></p><p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/digital/author/rooneywayne/">rooneywayne</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/digital">Digital/Pausen</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Es gibt eine Trägheit von institutionellen Strukturen und Verhaltensformen, die nicht verschwinden wollen, obwohl sie längst ihre Funktionen verloren haben und das kulturelle Umfeld verschwunden ist, in dem sie eine Rolle spielten (und nicht weiter auffielen). Daran dachte ich jedesmal, wenn ich im vergangenen Dezember zu dem protzigen neuen Hotel zurückkam, wo in Charkiw, der ostukrainischen Millionenstadt, freundlicherweise ein Zimmer für mich reserviert worden war. Wie bei allen protzigen Hotels der Gegenwart bestand sein Haupteingang aus einer Serie von Glastüren, die sich bei Annäherung einer Person von außen oder von innen automatisch öffnen und hinter ihr wieder schließen konnten. Doch von den vier Doppel-Glastüren des Palace-Hotels von Charkiw funktionierten drei nicht, wovon Gäste und Besucher durch einen beachtlichen Parcours aus Warnungs- und Hinweisschildern in Kenntnis gesetzt wurden. Bei der Ankunft mit meinem schweren Koffer stellte ich mir etwas verärgert vor, dass die Schikane vorübergehende Konsequenz eines technischen Defekts sein musste. Am nächsten Morgen aber bewegte sich wieder nur eine der vier Türen, und ich war fasziniert von der Vermutung, dass der jetzt funktionierende Eingang am Vortag noch zu den blockierten gehört hatte. Schließlich fragte ich an der Rezeption &#8212; ohne eine Antwort zu bekommen. Das sei schon immer so gewesen, eine Entscheidung der Geschäftsführung wohl – und niemand gab mir das in einem Hotel zu erwartende Versprechen auf spätere Auskunft und Abhilfe. Beides, verstand ich da plötzlich, das aggressive Positions-Halten ebenso wie die Begrenzung des Eingangsraums, waren Muster aus der Sowjetkultur, die mittlerweile fast ein Vierteljahrhundert überlebt hatten. Den Roten Platz in Moskau durften Passanten ja auch nur entlang von Bahnen abschreiten, die in den Boden gezeichnet waren, zulässige Alternativen gab es nicht, selbst für die kleinsten Touristen-Gruppen. Und die komplementäre Anonymität war jedem Angestellten als das drohende Gesicht des Staats ins individuelle Gesicht geschrieben.</p>
<p>Weil die Sowjetkultur aber derart durchherrscht war von der institutionellen Furcht vor Wahlmöglichkeiten, Veränderungen und Ereignissen, wirkte sie am Ende wohl wie die groteske Umkehrung der Ursprungs-Identität von Sozialismus, Kommunismus und allen Bewegungen, die sich für “links” hielten. “Links sein,” das hatte seit der Zeit der Jakobiner in der französischen Revolution geheißen, auf Veränderung und Fortschritt zu setzen, mit dem spezifischen Ziel, in einer alle Hierarchien aufgebenden Gesellchaft der Zukunft zu leben. Erst als diese vorwärtsgerichtete Dynamik existierte und man ihr also widerstehen konnte, wurde es überhaupt möglich, (“auf der anderen Seite” sozusagen) “konservativ” und also “rechts” zu sein, das heißt: gerade auf die Beibehaltung ererbter gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Unterschiede zu setzen. Die sozialistischen Staaten des zwanzigsten Jahrhunderts – nicht nur in Osteuropa – mögen dann an der Angst gescheitert sein, das auf dem Weg zur Gleichheit jeweils Erreichte schon zu verlieren, bevor sie bei dem als Ende der Geschichte imaginierten Zustand von Gleichheit angekommen waren.</p>
<p>Aus dem Staatsozialismus entstandene und nun übriggebliebene Verhaltensmuster der nicht eingestandenen Furcht (dysfunktionale Einschränkungen des Bewegungsraums zum Beispiel) könnten von der (politisch gesehen) “neokonservativen” Umwelt der heutigen Ukraine aktiviert werden, wo – nooh stärker und sichtbarer als in Russland – jede individuelle Inititiative zur Profitmaximierung und mithin zur Aufhebung eines einst erreichten Grads an Gleichheit brachialste Ermutigung findet. Anders formuliert: es sind die um einige Oligarchen gescharten (“rechten”) Neokonservativen, die radikale Offenheit für Veränderung oft um den Preis der Zerstörung des Bestehenden durchsetzen und so möglicherweise (“linke”) – und wie gesagt: sicher vorbewusste &#8212; Reaktionen institutioneller Trägheit auslösen.</p>
<p>Ein Chiasmus hat sich also vollzogen. Verhaltensweisen und mit ihnen Prädikate, die über eineinhalb Jahrhunderte auf dem Schachbrett des politischen Lebens stabil an sich gegenüberstehende und einander ausschließende Positionen gebunden waren, haben nun die Seiten gewechselt. Die für soziale Gleichheit und deshalb ursprünglich für Veränderung engagierte Linke war (viel früher wohl, als die Zeitgenossen es wirklich verstanden hatten) von der Position der Veränderung zur Position der Bewahrung und Selbstbewahrung (“konservativ”) gezogen; während die für soziale und wirtschaftliche Hierarchien stehenden (und deshalb zunächst konservativen) Protagonisten als “Neokonservative” unserer Zeit auf unbegrenzte Offenheit zur Veränderung und sogar zur Zerstörung des Bestehenden drängen. Eben diese Bewegung war im Carkiwer Hoteleingang zu einer grotesken Verdichtung gelangt. Wo die neokonservativen Milliardäre absteigen, die ihr Land umstülpen wollen, da kam die vergangene Zukunft des Sozialismus als anale Geste zum Vorschein.</p>
<p>Eine Variante dieses Chiasmus zeichnet sich unter etwas anderen Voraussetzungen auch im ehemaligen Westen ab, im “kapitalistischen Westen” des kalten Krieges. Zur Trägheitssymptomatologie gehört es dort, dass die eher “linken,” sozialdemokratischen (früher sozialistischen) Parteien weiter von Veränderung reden, vor allem wenn sie sich von ihren öffenntlich “konservativ” genannten Antagonisten absetzen wollen. An den leidenschaftlichen Diskussionen und Initiativen zur Beschränkung von Höchstgehältern etwa und zur Beibehaltung quantitaiv progressiver Besteuerungsysteme wird jedoch deutlich, dass der heute wohl breiteste, ja massivste Konsens innerhalb der Europäischen Union die Beistimmung zu einem erreichten sozialdemokratischen Grad gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Gleichheit ist, den man nicht “radikal” nennen will, der jedoch – weit mehr als um die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts – zu einer bemerkenswerten Meßigung von Einkommensunterschieden geführt hat. Aus dieser Perspektive gesehen ist ganz Europa im internationalen Vergleich – eigentlich unanabhängig von den jeweils regierenden Parteien – eine homogen sozialdemokratische Zone. Jener erreichte Grad an Gleichheit (oder Ent-Hierarchisierung) wird zwar nie, wie das in der kommunistischen Ideologie für die “klassenlose Gesellschaft” vorgesehen gewesen war, als “Ende der Geschichte” gefeiert; doch die gegenwärtige Erwachsenengeneration verhält sich ihm gegenüber in einer Weise, die man ohne weiteres mit dem Begriff und dem Pathos eines “Ende der Geschichte” assoziieren kann. Nichts Prinzipielles soll mehr verändert werden, und andere Strukturen der Verteilung (wie die in den Vereinigten Staaten oder in China dominierenden) gelten als exzentrisch oder gar illegitim in Europa. Die europäische Linke, die sozialdemokratisch gewordene Linke ist im prägnanten Sinn des Wortes konservativ geworden, weil sie mehr als oberflächliche Veränderungen grundsätzlich ausschließen will – und höchstens noch kleine Schritte (sozusagen) zur Vervollkommnung des erreichten Gleichheitsgrades zulässt. So ist sie hinsichtlich sozialer und wirtschaftlicher Strukturen bei eine Einstellung angekommen, in der sie an das Verhältnis der Grünen zur “Natur” kopiert – und hat wohl deshalb die Grünen zum permanenten Koalitionspartner erkoren, statt sie – wie zunächst – als “Neokonservative” stigmatisieren zu wollen.</p>
<p>Vielleicht liegt in dieser Situation dann aber doch eine Verwirklichung des seit dem frühen neunzehnten Jahrhundert versprochenen “Endes von Geschichte,” eine Verwirklichung, die sich gegenüber den starken, Kontrasten, den scharfen Konturen und dem Pathos ihres am Anfang existierenden Bildes in angenehmer Weise gewandelt hat. Schwer vorstellbar und kaum akzeptabel ist – wie gesagt &#8212; in Mittel- und Westeuropa der Gedanke geworden, dass sich die Grundstrukturen dieses Zustands je wieder verändern könnten oder sollten. Dies genau wagen eigentlich nicht einmal mehr die traditionellen, weiter “konservativ” genannten Parteien und Positionen zu fordern, die sich als Komponenten einer politischen “Mitte” verstehen. Von der Eröffnung der Möglichkeit deutlicher struktureller Veränderungen – einschließlich der Möglichkeit von mehr Hierarchie, von einer Rückkehr zu mehr Hierarchie – sprechen allein die Neokonservativen der Gegenwart, denen in Europa allgemein ein Minderheitenstatus zukommt. So wie links konservativ ist, ist rechts jetzt veränderungsorientiert geworden. Darin liegt aber kein Verrat jeweils tradtioneller Grundwerte und Grundpositionen – sondern einfach nur eine historische Verschiebung.</p>
<p>Im interesse der soliden sozialdemokratischen Mehrheit läge es dann aber, den Diskurs der Polarisierungen von ”links” und “rechts,” von “progressiv” und “konservativ” aufzugeben. Das wäre ein Schritt, mit dem sie – im Sinn des Endes von Geschichte – alternativenlos werden könnte (oder wenigstens alternativenlos aussähe).</p>
<p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/digital/author/rooneywayne/">rooneywayne</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/digital">Digital/Pausen</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Wie klassische Musik fasziniert, heute</title>
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		<pubDate>Fri, 15 Mar 2013 09:00:27 +0000</pubDate>
		<dc:creator>rooneywayne</dc:creator>
		
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		<description><![CDATA[<p>Es gibt plötzlich Knall-Effekte im Konzertpublikum der Rüschen und gestärkten Hemden. Ist die "klassische" Musik nach über zweihundert Jahren zu einer existentiellen Heimat geworden? <a href="http://blogs.faz.net/digital/2013/03/15/wie-klassische-musik-fasziniert-heute-171/"></a></p><p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/digital/author/rooneywayne/">rooneywayne</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/digital">Digital/Pausen</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p style="padding-left: 30px; text-align: right;"><em>for my favorite artist, the day after her birthday</em></p>
<p>Für mehrere hundert Millionen Dollar hat meine Universität, an der ich hänge, obwohl ich mich nicht immer mit ihrem Image identifizieren will, mit Spenden, die vor allem aus Kalifornien kamen, hat meine Universität mitten in Silicon Valley eine Konzerthalle für ungefähr tausend Hörer gebaut und im vergangenen Januar eingeweiht, deren Beliebtheit bei ganz verschiedenen Gruppen längst alle Erwartungen übertroffen hat. Dabei lag die Prominenz der Solisten und der Ensembles, die bisher dort gespielt haben, von einigen Eröffnungs-Ausnahmen abgesehen noch gar nicht auf dem für Silicon Valley finanziell leicht möglichen Niveau.</p>
<p>Es gibt jedenfalls, dachte ich ich am vergangenen Sonntagnachmittag, als wir zum ersten Mal bei einem Konzert klassischer Musik in der neuen Bing Hall waren, Anzeichen im Publikum für eine Art von Begeisterung, wie ich sie bisher noch nie gesehen habe – bunte Flecken sozusagen zwischen den noch nicht ganz verwelkten Rüschen bildungsbürgerlicher Konvention, den bedeutungsschweren Mienen der echt Gebildeten und dem Glas Prosecco in der immer zu kurzen Pause. Zum Beispiel sprach einer der Musiker des Streichquartetts (eher unbeholfen als hochkompetent) für die Hörer von seiner besonderen Begeisterung für jedes der vier Stücke auf dem Programm; er und seine Kollegen erlaubten ihren Körpern, sichtbar auf die Musik zu reagieren, die sie uns hören ließen, während der Cellist beinahe laut verschiedene Rhythmen mit seiner Fußbewegung markierte. Nicht zu weit von den alltäglich-bequem gekleideten Musikerin saßen Hörer in Leichtathletik-Hemden, die tief unten den Armen ausgeschnitten waren wie bei einem Marathonlauf; Shorts und Turnschuhe waren gang und gäbe, und selbst in den eher geriatrischen Ballungen des Publikums sah man kaum eine Krawatte oder die Andeutung einer Konzertrobe. Ich wünschte mir, dass dies alles nicht einfach Protestverhalten wäre, aber auch nicht das Bewusstsein, “dass es nun so endlich möglich sei” (wie man “nun auch endlich Rotwein zu einem Forellengericht trinken darf”) – und die Verteilung des Beifalls ließ dann eigentlich das Beste hoffen. Respektvoll schütterer Applaus für die Interpretation eines Stücks von Benjamin Britten am Anfang; derselbe Ton erschöpfter Dankbarkeit für das Streichquartett eines zeitgenössischen Komponisten. Dann plötzlich warme Begeisterung, die wirklich nicht zum Ende kommen wollte, für Mozarts Oboen-Quartett; und zum Schluss eine Beifalls-Explosion mit Knallern schallenden Lachens nach dem dritten Razumovski-Quartett von Beethoven.</p>
<p>Benjamin Britten, dachte ich naiver Konzert-Hörer, das war ein Protokoll des schlechten modernistischen Gewissens vor jeder Harmonie und vor jedem Ansatz eines Rhythmus, in den man sich fallen lassen will – so als müsse es bei der Kunst und ästhetischen Erfahrung vor allem um moralisch gemeintes Verhindern von Bequemlichkeit gehen. Mozart löste, für einen Sekundenbruchteil nur, einen kritisch-historischen Reflex bei mir aus, einen Gedanken wie: “die heile Welt des achtzehnten Jahrhunderts,” und dann verlor ich mich glücklich in den Tonfolgen und Harmonien, in den Wiederholungen mit immer neuen Variationen, wo die schön verhaltene Fülle der Oboen-Stimme zusammenkam mit den Stimmen der drei anderen Instrumente, so dass ich wußte, wie ich mir immer nur diese Stimmen gewünscht hatte, ohne es zu ahnen, immer wieder, immer komplexer bis zu Freudentränen und immer auch, als ob dies alles mein eigener Puls sei.</p>
<p>“Historisch gedacht,” ist es ja erstaunlich und genau das, was wir “klassisch” nennen, dass diese Musik, geschrieben vor mehr als zweihundert Jahren, für Hörer, die den Ton einer Maschine nicht hätten identizifieren und die Funktion eines Tonträgers nicht vorstellen können, dass uns diese Musik aus dem späten achtzehnten Jahrhundert am vergangenen Sonntag in Silicon Valley so traf, aber vielleicht liegt darin gar nicht mehr und nicht weniger als dies: dass etwas richtig ist an dieser Musik (obwohl es so aussehen will, als ob man mit einem solchen Satz all seine intellektuelle Redlichkeit aufs Spiel setzte). Und danach Beethoven, “with lots of craziness,” wie der Violinist sagte, noch viel komplexer als Mozarts Oboe, weniger zart, gegenstrebig manchmal, und gegen Schluss wie das Abheben eines Überschall-Flugzeugs, unendlich beschleunigend, ein Ende also, an dem nichts zuende sein kann, in dem sich nur eine Spannung entlädt – und so lachten tatsächlich nicht wenige Hörer, erschrocken vielleicht und sicher auch erleichtert und erfreut nach dem letzten Takt. Aber darf man lachen, im Ernst: darf man wirklich lachen am Ende eines Beethoven-Quartetts?</p>
<p>Lachen und Weinen haben als Formen des menschlichen Verhaltens über die vergangenen Jahrhunderte erstaunlich viele Philosophen interessiert, und noch erstaunlicher ist es vielleicht, dass sich in ihren Erklärungsversuchen eine deutliche Konvergenz entdecken lässt. Wir lachen oder weinen, wenn es nicht gelingen will, da liegt diese Konvergenz der Einsichten, wenn es nicht gelingen will, uns zu einem Erleben, das heißt: zu einer Wahrnehmung, die vom Bewußtsein registriert wird, in ein Verhältnis der Sinngebung zu setzen. So viel auch in dieser Richtung geschrieben worden ist, Mozarts Quartette, Beethovens Symphonien oder irgendeine andere Musik, sie können für uns einfach nichts “bedeuten,” nichts “darstellen,” sie haben keinen je spezifischen Sinn – als Formen von Musik in je verschiedener Komplexität und mit je verschiedenen Strukturen umgeben sie uns bloß, umgeben uns als sie selbst und nichts sonst, und vielleicht sind die Gefühle, mit denen wir reagieren, das Weinen zum Beispiel und das Lachen am vergangenen Sonntag, Spuren jener Momente, wo wir uns endlich und manchmal gestatten, keinen Sinn mehr zu suchen, nichts identifizieren zu wollen, nichts zu deuten, einfach nur wieder Teil der materiellen Welt zu werden und zu sein, zu der unsere Körper gehören.</p>
<p>Möglicherweise wirkte ihre Musik ganz anders zu Lebzeiten von Mozart oder Beethoven, als der Alltag soviel weniger weniger als heute ein Leben fast ausschließlich des Bewußtseins war, noch nicht (wie das Leben jetzt) ein Leben als Fusion von Bewußtsein und Software, ein Leben, das vor größeren oder kleinen Bildschirmen vergeht. In den Zeiten von Mozart und Beethoven war es noch eine Bedürfnis und eine Utopie, das Leben von der Schwere und Fragilität des Körpers zu befreien, statt den Körper – wie heute &#8212; in Wellness-Studios oder auf dem Tennis-Feld wieder zu finden und in unsere Existenz zurückzubringen. Obwohl davon unter Komponisten während der Jahrzehnte vor und nach 1800 kaum die Rede war &#8212; vielleicht konnten und wollten ihre Hörer in der Musik jener Zeit noch einen Ausdruck und eine Darstellung all dessen entdecken, was sie im Innersten bewegte.</p>
<p>Wenn wir dann aber die bildende Kunst in der westlichen Kultur seit dem frühen neunzehnten Jahrhundert verfolgen, dann entdecken wir, wie das ästhetische Verhältnis zur Welt offenbar immer weniger ausschließlich abhing von ihrer Darstellung, immer weniger von der sogenannten “mimetischen” Funktion der Bilder und Skulpturen und immer mehr von jener direkten Berührung und Aktivierung der Sinne, die sich sonst und zugleich immer weiter aus dem Alltag zurückzogen. Hatten die Bilder früher einmal vor allem räumlich und zeitlich fremde Welten vor die Augen ihrer Betrachter gebracht, so ging es schon den romantischen Malern um die Welt aus besonderen (“subjektiven”) Blickwinkeln, dem Impressionismus und dem Kubismus mit wachsender Intensität um die Berührung der Sinne bei der Erfahrung der Welt – bis hin, im frühen zwanzigsten Jahrhundert, zur Schwelle der sogenannten “großen Abstraktion” (auf deutsch kann man sagen: zur Schwelle der “Gegenstandslosigkeit”), wo Bilder eine Wirklichkeit wurden, die allein sie selbst war, statt etwas darzustellen; wo Kunst unmittelbar gegenwärtige Wirklichkeit war, an der sich die Zuschauer existentiell festhalten konnten – festhalten inmitten einer Welt, die sich zunehmend durch vielfache Vermittlungen entfaltet und immer weiter vom Körper entfernt hatte und bis heute entfernt. In dieser Zeit und unter diesen Bedingungen ist die Musik von Pergolesi und Bach, Haydn, Mozart und Beethoven, ohne dass wir dies zugleich verstehen müssen, eine Kathedrale, eine von Gott verlassene Kathedrale wohl, in der unsere verkörperte Existenz jenen für sie richtigen Raum findet, den sie sonst nicht mehr hat. Denn wer heute nach Florenz, nach Bali oder auf die Osterinsel geflogen und dort abgesetzt wird, der muss sich eigentlich exzentrisch fühlen, wenn er Gebäude, Landschaften und Skulpturen unmittelbar, das heisst: anders als durch sein I-Phone erlebt, anders als mimetisch; so wie wir ja auch einen Hang entwickelt haben, uns am liebsten per Skype zu begegnen und durch Museen großer Kunst  elektronische Photos schießend zu eilen, von denen wir die meisten nie mehr sehen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>In einer Welt, die uns mehr und mehr zuerst mimetisch, zuerst als Bild gegenwärtig wird, brauchen die Bilder der Künstler nichts mehr darstellen oder ausdrücken; manchmal wollen sie, so kann man manche Werke von Gerhard Richter sehen, gerade jene Bilder sein, die nicht mimetisch fungieren und die Welt nicht darstellen, sondern Welt sind. Deshalb sind in der neuen Alltags-Welt, die wir nur noch mimetisch erleben, ästhetische Momente – auch und vor allem beim Hören und Spielen von Musik – zu einer Modalität geworden, welche unsere physische Beziehung zur Welt der Gegenstände bewahrt oder auch erst wieder findet; eine Modalität, die plötzlich und für den den kurzen Augenblick eines Akkords, für einen Augenblick im konkreten Sinn dieses Worts, die primäre Beziehung zur Welt der Dinge wiederentdeckt und bewahren will.</p>
<p>Noch intensiver als die Musik unserer Gegenwart vielleicht scheinen viele Stücke aus dem Repertoire, das wir “klassisch” nennen, diese Ahnung, diese unsere Existenz grundierende Erinnerung zu eröffnen, wieder Teil einer Welt der Dinge zu werden. Genau das könnte die Intuition, die vorbewusste Intuition der Hörer im ausgeschnittenen Marathon-Hemd sein &#8212; die sich zu weinen und zu lachen erlauben, wenn sie Mozart und Beethoven hören.</p>
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<p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/digital/author/rooneywayne/">rooneywayne</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/digital">Digital/Pausen</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></content:encoded>
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