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	<title>Digital/Pausen</title>
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	<description>Hans Ulrich Gumbrecht, Literaturprofessor in Stanford und einer der einflussreichsten Intellektuellen Deutschlands, nutzt die Flexibilität des elektronischen Mediums für intellektuelle Momentaufnahmen an seinen verschieden Aufenthaltsorten</description>
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		<title>&#8220;Aus dem verregneten Offenbach&#8221; &#8212; zur Metereologisierung elektronischer Kommunikation</title>
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		<pubDate>Fri, 14 Jun 2013 08:00:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>rooneywayne</dc:creator>
		
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		<description><![CDATA[<p>Seit Jahren -- und mit wachsender Tendenz -- durchziehen Anmerkungen zum Wetter die e-Mails in Deutschland. Kein Adressat kann sie brauchen. Sagen sie etwas über die Absender aus? <a href="http://blogs.faz.net/digital/2013/06/14/aus-dem-verregneten-offenbach-zur-metereologisierung-elektronischer-kommunikation-292/"></a></p><p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/digital/author/rooneywayne/">rooneywayne</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/digital">Digital/Pausen</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>“Aus dem verregneten Offenbach, herzlich grüßend, Ihr Hermann Nuber,” so endete die Mail eines mir persönlich noch unbekannten Kollegen, die heute morgen einging [nur den Namen habe ich verändert], und sie hätte natürlich [je nach offzieller Tagesschau-Wetterlage] auch “aus dem regnerischen Hof,” “Mönchengladbach” oder “Hamburg” kommen können. Denn nichts Außergewöhnliches liegt in dem Wortlaut vom “regnerischen Offenbach” – sehen wir man einmal von einem kleinen Bestätigungs-Effekt ab, weil ich mir schon seit Wochen vorgenommen hatte, über Mail-Metereologisierung zu schreiben. Niemand, der im Ausland regelmäßig elektronische Korrespondenz aus Deutschland liest, wird drei Beobachtungen abstreiten: solche Mini-Wetterberichte sind dort seit einigen Jahren zum festen rhetorischen Bestand der e-Mail-Rhetorik geworden; als Trend markieren sie ein deutsches Sonderphänomen [das natürlich nicht durch gelegentliche Wetteranmerkungen von Brasilianerinnen oder Ugandern in Frage gestellt wird]; und die Tendenz ist steigend [man spricht ja längst darüber, und ich weiß von mindestens einer deutschen Vorgesetzten, die aus ästhetischen Gründen ihren Mitarbeitern “Wetterberichte” in der Dienstkorrespondenz untersagt hat].</p>
<p>Was hinter diesen so schnell beliebt gewordenen Formulierungen steckt, frage ich mich nun schon seit einiger Zeit. In den allerwenigsten Fällen [zumal bei transkontinentaler Kommunikation] sind sie ja von irgendwelchem praktischen Wert für den Empfänger. Tatsächlich sagen sie nur etwas über die Absender aus, etwas, das die Absender nicht unbedingt zu sagen beabsichtigen, aber wohl auch nicht bestreiten oder ableugnen würden, wenn es ihnen bewusst wäre. Um eine Antwort zu finden, verlasse ich mich auf eines der wenigen Verfahren, welches [bis vor kurzem jedenfalls] zum Ausbildungsrepertoire von Literatur- oder Sprachwissenschaftlern gehörte, das heisst: ich konzentriere mich auf die zur Formel gewordene Form dieser Formulierungen. Zunächst fällt auf, dass zu ihr eine Partizipial-Konstruktion gehört [“verregnet”], während Relativsätze [“aus Offenbach, wo es heute regnet”] kaum vorkommen, und ein ganzer Absatz über das momentane Wetter [“wenn ich durch mein Fenster in Offenbach blicke, denn sehe ich dichte Regentropfen…”] zu einer anderen Gattung gehört, die mich eher an ein poetisches Talent des Geschäftspartners [oder natürlich an eine unglückliche Berufung in dieser Hinsicht] denken lässt &#8212; vielleicht aber auch an eine individuelle Stimmung, die man mit der Gattung der klassischen Tangos assoziieren könnte Doch zum elektronischen Wetterbericht gehört fest die Partizipialkonstruktion [“verregnet”], deren Wirkung sich nur verstärkt, wenn an der Stelle des Partizips ein Adjektiv steht [“aus dem regnerischen Offenbach”]. Anders gesagt: der elektronische Wetterbericht vollzieht sich auf einer stilistischen Ebene, die den Deutsch-Lehrern meiner Generation überhaupt nicht gefiel. Sie heisst [oder hieß] “Nominalstil,” und ich habe traumatische Erinnerungen an mittelmäßig oder schlecht benotete Klassenarbeiten, wo dieses Wort in roter Tinte und mit Ausrufungszeichen [“Nominalstil!”] mehrfach vorwurfsvoll am Rand aufschien.</p>
<p>Was aber, will ich im Blick auf die elektronischen Wetterberichte [und vielleicht sogar mit der Chance auf späte Selbstheilung eines Gymnsialtraumas] fragen, was soll denn so verurteilenswert sein am “Nominalstil”? Eine erste Antwort [an die ich mich noch gut erinnere] heisst, dass man eben auch Verben [“Zeitwörter,” sagten jene älteren Deutschlehrer, die noch den nationalsozialistischen Druck zur Vermeidung un-deutschen Wortguts verinnerlicht hatten], dass man eben auch Verben benutzen sollte – als ob sich aus aus der prozentual ausgewogenen Verteilung von verschiedenen Wortklassen besondere textuelle Schönheit ergäbe. Eher war wohl etwas falsch am Nominalstil selbst, an der Kombination von Substantiven [“Sommer”] oder Namen [“Offenbach”] mit Adjektiven [“regnerisch”] oder Partizipien [“verregnet”], statt mit Relativsätzen und Verben [“wo es gerade regnet”], und die zu vermeidende Wirkung des Nominalstils kam als seine “Schwerfälligkeit” zur Sprache. Dies [“schwerfällig”] ist nun allerdings ein unklarer metaphorischer Bezug, so dass ich unnachgiebig weiterfragen muss, was denn meine Lehrer mit diesem Bild meinten – und warum ich [wird mir gerade deutlich] ja tatsächlich ihr Urteil teile: “aus dem verregneten Offenbach” klingt wirklich schwerfällig [nicht schwerfälliger freilich als “aus dem sonnigen Augsburg,” während man sich “aus dem schwülen Sao Paulo” oder auch “aus dem sommerlich hellen Cherbourg” kaum vorstellen kann]. </p>
<p>Noch einmal also: was ist denn nun “schwerfällig” am “Nominalstil”? Ich denke [aber dazu hatten weder meine Deutschlehrer am Gymnasium eine Meinung noch der schwerkriegsbehinderte Akademische Rat vom Germanistischen Seminar der Universität München, aus dessen “Einführung in die literaturwissenschaftliche Stil-Analyse” ich noch einen Proseminarschein habe], ich denke, die berühmte “Schwerfälligkeit” des “Nominalstils” ist dem Umstand geschuldet [dies ist nun wieder eine sehr modern-germanistische Lieblings-Formulierung, welche jüngere Kollegen gerne zum Ausdruck der Bewunderung mit den Namen von “unter tragischen Umständen” verstorbenen Kollegen verbinden wie: “Walter Benjamin geschuldet”], um also endlich meiner heute überhand nehmenden Tendenz zu stilistischen Selbstkommentaren zu widerstehen: die “Schwerfälligkeit des Nominalstils” ergibt sich wohl aus dem Eindruck – um bei unserem Beispiel zu bleiben &#8212;  dass eine statistisch überdurchschnittliche Wahrscheinlichkeit von Dauerregen-Tagen substantiell [und das heisst: bis auf weiteres alternativenlos] zu Offenbach gehört. Natürlich würde die Kollegin mit einem Hang zu elektronischen Wetterberichten sofort ripostieren [auch dieses Fechter-Verb steht hoch im deutschen Kurs], dass sie es so überhaupt nicht gemeint hat, oder [etwas aggressiver im Ton und mit dem Hauch einer Kompetenz in analytischer Philosophie], dass mit Partizipien oder Adjektiven vollzogene Prädizierungen nicht notwendig eine permanente Verbindung zwischen den von ihnen aktualisierten Eigenschaften [“Tendenz zum Dauerregen”] und dem Gegenstand der Beschreibung [schon wieder: Offenbach] unterstellen. Aber dieser Eindruck, behaupte ich, stellt sich unabhänging von den Absichten des Schreibers oder Sprechers ausnahmslos ein: “aus dem verregneten Offenbach” klingt entschiedener – und deswegen auch viel vorwurfsvoller, eigenartig vorwurfsvoll – als “aus Offenbach, wo es heute regnet” – vielleicht ja nur, weil der berühmte Nominalstil das Einschieben von adverbialen Formulierungen wie “heute” schwer bis unmöglich macht [“Offenbach, wo es heute regnet,” klänge durchaus anders].</p>
<p>Wer also “aus dem verregneten Offenbach” schreibt, der wirkt, als ginge es um ein schwer erziehbares Kind oder einen unverbesserlichen Erwachsenen, über die man sich mit Recht beklagen und über die man ein moralisches Urteil haben mag. Und hier liegt der stilistische Hase wohl endlich begraben: die Metereologisierung elektronischer Korrespondenz bringt – nicht zuletzt aufgrund des für sie typischen Nominalstils – einen Eindruck von Moralisierung hervor, der umso vorwurfsvoller klingt, je jahreszeitlich instabiler das Wetter ist. Wenn sich Briten über den Regen in London beklagen, klingt das eher angenehm ironisch [und etwas obsessiv], weil sich die Unterstellung heraushören lässt, dass es auf den Britischen Inseln – schicksalshaft sozusagen – ohnehin immer regnet, während etwa die Klage über ausbleibende Regenfälle im kalifornischen Winter wegen der permanent prekären Wasserversorgung etwas durchaus Plausibles hat.</p>
<p>Einen in der deutsche Sprache aufgewachsenen E-Mail-Benutzer aber kann die Moralisierung des Wetters von Offenbach [Husum oder Magdeburg] nerven, weil sie Teil einer umgreifenden Moralisierung des Alltags zu sein scheint. Und diese allgemeine Moralisierung mag ihrerseits zu tun haben mit einer über die Jahre allenthalben erfolgten Höher-Legung von Erwartungen. Der Versorgungsstaat nimmt für sich in Anspruch, dem Bürger die Erfüllung all seiner Wünsche zu schulden, und deshalb reagiert dieser Bürger moralistisch, wenn das Wetter in Offenbach nicht seinen Wünschen entspricht. </p>
<p>Zur impliziten, nicht intendierten, aber doch wohl symptomatischen Moralisierung des Meterologischen gesellt sich – erschwerend, befürchte ich – die Konnotation eines bestimmten sozialen Milieus. Wer vom “verregneten Offenbach” [Würzburg oder Dortmund] schreibt, klingt unvermeidlich so, als ob er klage, weil er sich nach einem Biergarten oder nach einem Weinfest an der Mosel sehnt. Wenn Offenbach verregnet ist, dann lässt sich aus dem Biergarten zwar immer noch ins Bierzelt ausweichen, aber es ist uns ja allen klar, dass das Bier am allerbesten im feierabendlichen Freien schmeckt, das würden “der Grieche” oder “der Italiener,” die unsere Biergarten längst gepachtet haben, jederzeit bestätigen.</p>
<p>Mittlerweile glauben die Enkel jener Deutschen, die in der Adenauerzeit mit dem Volkswagen die  Adria und wenig später mit dem Opel Kadett die Costa Brava und dann [unter Brandt schon] den Peleponnes erschlossen, das Beste von Adria, Costa Brava und Peleponnes in Offenbach, Kiel und auch in Suhl heimisch gemacht zu haben. Der vom Italiener gepachtete Biergarten ist das Mittelklassen-Biedermeier unserer Zeit &#8212; und sein Pommes-Geruch durchzieht die Metereologisierung der Korrespondenz. Etwas bedrohlich ist diese sich ausdehnende Stimmung, weil an ihren sozialen Rändern kaum mehr Platz bleibt [nicht einmal “im heute endlich wieder sonnigen Berlin”].</p>
<p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/digital/author/rooneywayne/">rooneywayne</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/digital">Digital/Pausen</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Richtiges Pensionsalter?</title>
		<link>http://blogs.faz.net/digital/2013/06/07/richtiges-pensionsalter-281/</link>
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		<pubDate>Fri, 07 Jun 2013 08:00:48 +0000</pubDate>
		<dc:creator>rooneywayne</dc:creator>
		
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		<description><![CDATA[<p>Wann soll man in den Ruhestand treten? Individueller Beliebigkeit scheinen objektive Sachzwänge gegenüberzustehen. Kann die Moral weiterhelfen? <a href="http://blogs.faz.net/digital/2013/06/07/richtiges-pensionsalter-281/"></a></p><p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/digital/author/rooneywayne/">rooneywayne</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/digital">Digital/Pausen</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Vor zwei Wochen schrieb mir ein besonders hochgestellter, trotzdem befreundeter und nur etwas weniger betagter Kollege aus Deutschland, um mit den allerbesten Absichten Trost zu spenden. Es gebe “ein Leben danach,” und überhaupt sei ja die Verabschiedung aus unserem Beruf gar nicht so einschneidend wie bei Chirurgen oder Richtern zum Beispiel. Schließlich – der Kollege nutzte die ganze Palette von Motiven einschlägigen Zuspruchs – schließlich sei es ja durchaus legitim und an der Zeit, einen Gang zurückzuschalten [die Worte “im Alter” vermied er]. Und das war nur ein &#8212; verbal besonders reichhaltiger &#8212; Fall unter vielen. Denn auf einen “bevorstehenden großen Tag” wollen mich derzeit wohl die Hälfte der zwischen deutschem Morgen und deutschem Abend ankommenden Mails einstimmen. Ich bin nicht wirklich überrascht: wer einmal Beamter war, kann wohl nie vergessen, dass die “Vollendung des fünfundsechzigsten Lebenjahres,” wie es in der Amtssprache heißt, trotz aller einschlägigen Sonderregelungen weiterhin die nationale Schwelle zum Altenteil mit absolutem Anspruch markiert. Außerdem stecke ich mitten in einer komplizierten bürokratischen Prozedur für angehende Senioren, die den Beamtenstand verlassen, aber dennoch auf die Auszahlung einer &#8212; vom eifersüchtig-beleidigten Staat auf groteskes Niveau heruntergestuften &#8212; Rente nicht verzichtet haben.</p>
<p>Sonst [mit Ausnahme dieser Rentenberechnung] habe ich keinerlei Anlass zu berechtigter Klage. Einerseits hat die Arbeitnehmer der Vereingten Staaten, zu denen ich gehöre, ein Beschluss des Obersten Gerichtshofs von allen institutionell auferlegten Altergrenzen befreit, und andererseits weiß ich es zu schätzen, wie mich die gutgemeinten Trostworte aus Deutschland an eine  Ästhetik erinnern, die dem Leben Formen gibt. Denn in einer Gegenwart, wo es zur selbstgewählten Regel geworden ist, beständig sein “Leben zu ändern,” um mit Rilke und Sloterdijk zu reden, wo die Sequenz von Ausbildungen, Berufen und Abschnittspartnern [alle im Plural!] kein Ende mehr hat, sollte man sich durchaus über die Möglichkeit freuen, auf Jahrzehnte der Arbeit zurück- und auf einen Herbst der Freizeit vorausblicken zu können. Um nichts anderes scheint es den trostspendenden Mails zu gehen. Anders gesagt: im ersten Anlauf erweist sich die Frage nach dem “richtigen” Moment der Pensionierung als ein Luxusproblem, weil sie sich ja nur denen stellt, welche die Wahl haben. Darin liegt ein ehemaliges Privileg, das nun dabei ist, zum Anspruch zu werden, denn aus wirtschaftlichen, politischen und rechtlichen Gründen sind während der vergangenen Jahrzehnte immer mehr Personen in seinen Genuss gekommen. Und wie es mit Privilegien so geht: eigentlich kann einem niemand helfen bei der individuellen Wahl des Pensionierungszeitpunkts.</p>
<p>Ganz anders stellt sich die Lage aus der Perspektive jener Institutionen dar, welche die Auswirkungen des Privilegs abzufedern haben – so anders, dass man sich fragen kann, ob das “richtige” Problem des Pensionierungsalters erst hier einsetzt.  Etwa mit dem Dilemma der Universität in Kalifornien, an der ich unterrichte. Da es sich um eine private Universität handelt, sind erstens die Gehaltsunterschiede zwischen den Dozenten desselben akademischen Status – Lehr-leistungsbezogen, heißt es – viel größer als bei staatlichen Bildungssystemen. Da zweitens die Altersversorgung in den Vereinigten Staaten weitgehend von persönlicher Initiative und Investition abhängt, erscheint unmittelbar plausibel, was auch tatsächlich der Fall ist: fast alle Dozenten mit geringeren Einkommen stehen aus Versorgungsgründen unter einem Druck, ihre Pensionierung lange – wenn nicht für immer – aufzuschieben. Da man nun drittens (und davon lässt sich bei uns leichter sprechen als zum Beispiel in Deutschland) davon ausgehen kann, dass im Durchschnitt die Lehre der Dozenten mit den geringsten Einkommen über Jahrzehnte am schlechtsten bewertet worden ist, sind anspruchsvolle Universitäten mit hohen Studiengebühren gezwungen, eine für die Qualität ihres Angebots fatale Logik zu durchbrechen. Stanford belohnt deshalb Emeritierungen vor dem siebzigsten Geburtstag mit zwei außer der Reihe gezahlten Jahresgehältern. Für mich hat dieses Angebot – neben seinem finanziellen Gehalt – in angenehmer Weise die aggressive Komplexität der Entscheidung über den Emeritierungs-Zeitpunkt reduziert, wie sie sich aus einer Umwelt ohne bindende Pensionsschwelle ergibt. Ich gebe ein Privileg auf, das mich wohl langfristig nervös gemacht hätte – und lasse mir diesen Schritt vergolden, während alle Lasten der Lösung vom Universitätshaushalt zu tragen sind.</p>
<p>Außerdem kann man sich – bei guter Stimmung und am Sonntagmorgen zumindest &#8212; zugute halten, dass ein solcher Schritt beiträgt zur Freisetzung von institutionellem und intellektuellem Raum für Kollegen der nachfolgenden Generationen. Sähe allerdings die demographische Situation der Vereinigten Staaten so aus wie in den meisten Gesellschaften der Europäischen Union, dann stellte sich die Gegenfrage, nämlich ob es den geburtenschwachen Generationen unserer Kinder und Enkel zuzumuten ist, den Unterhalt heute noch durchaus arbeitsfähiger, aber schon aus dem wirtschaftlichen Prozess abgezogener Mittsechziger &#8212; möglicherweise auf Jahrzehnte &#8212; zu bestreiten. Natürlich wird nur den wenigsten von uns Alten die Spannung zwischen dem Wert der Räumung von Arbeitsplätzen und dem Wert eines fortgesetzten Beitrags zur Volkswirtschaft wirklich zum existentiellen – das heißt: zum persönlichen &#8212; Dilemma. Man redet in dieser Generation graugewordener Sandkastenrevolutionäre zwar gerne (und tendenziell immer zuviel) von “Ethik” und “Moral,” doch wenn sich ein Dilemma stellt, so scheint dies – in Abwandlung eines französischen Sprichworts – immer nur das “Dilemma der anderen” zu sein.</p>
<p>Worauf ich hinaus will, ist ein überraschender Eindruck von Paradoxie. Entscheidungen über das richtige Pensionsalter sind – nicht prinzipiell, aber unter den gegenwärtigen demographischen und wirtschaftlichen Bedingungen &#8212; zugleich immer zu einfach und immer zu schwer. Auf individueller Ebene sind sie für viele von uns nicht nur einfach, sondern tatsächlich zu einfach, weil aus der Vielfalt möglicher Lösungen die belastende Komplexität von Beliebigkeit zu werden droht. Auf institutioneller Ebene hingegen – und das heißt: aus der Perspektive von Politikern und Gesetzgebern – fallen Entscheidiungen nicht nur schwer, sondern zu schwer, weil der objektive Widerspruch zwischen dem Ziel, Arbeitsplätze zu schaffen, und dem Ziel, eine wirtschaftliche Überlastung zukünftiger Generationen zu vermeiden, bis auf weiteres nicht aufhebbar ist. </p>
<p>Vorerst letzte Volte des Problems: im streng logischen Sinn handelt es sich dabei bloß um den Eindruck einer Paradoxie. Eine wirkliche Paradoxie, so wird der Begriff seit Aristoteles definiert, liegt nur dann vor, wenn Positionen und ihre Gegen-Positionen innerhalb desselben Bezugssystems auftauchen. Was aber die Frage nach dem “richtigen Pensionalter” angeht, so gehört die diagnostizierte “Beliebigkeit” zur Privatsphäre (wahrscheinlich zur Privatsphäre einer Mehrheit von Personen meiner Generation), während ausschließlich Politiker mit der objektiven “Unmöglichkeit” einer Lösung konfrontiert sind. Ein Dilemma innerhalb der Konstellation von Paradoxie erlebt also allein, wer – in “staatsbürgerlichem Bewusstsein” &#8212; seine private Entscheidung mit der gesellschaftlichen Lage zu vermitteln sucht. Aber sind wir nicht alle angehalten, uns genau um diese Vermittlung zu bemühen? Etwas beschämt will ich zugeben, dass ich – außerhalb von Oberseminaren – ganz gut damit lebe, solche [“ethisch motivierten”] Vermittlungs-Verpflichtungen einzuklammern. Sollte es meinem eingangs erwähnten – hochgestellten &#8212; Freund in Deutschland darum gegangen sein, genau dies – durch seine tröstende Teilnahme – zu verändern?</p>
<p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/digital/author/rooneywayne/">rooneywayne</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/digital">Digital/Pausen</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Tango, Montevideo, Buenos Aires und die Unfassbarkeit des Begehrens</title>
		<link>http://blogs.faz.net/digital/2013/05/31/tango-montevideo-buenos-aires-und-die-unfassbarkeit-des-begehrens-276/</link>
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		<pubDate>Fri, 31 May 2013 08:00:41 +0000</pubDate>
		<dc:creator>rooneywayne</dc:creator>
		
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		<description><![CDATA[<p>Argentinien und Uruguay, die Länder des Tangos, sind uns ferner gerückt im vergangenen Jahrhundert. Verkörpert ihr Tanz die Unfassbarkeit des Begehrens? <a href="http://blogs.faz.net/digital/2013/05/31/tango-montevideo-buenos-aires-und-die-unfassbarkeit-des-begehrens-276/"></a></p><p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/digital/author/rooneywayne/">rooneywayne</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/digital">Digital/Pausen</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Wann genau und wo der erste Tango getanzt wurde, weiß niemand – und die Frage nach einer Erfinder-Figur ist deshalb unpassend. “1850-1900, Argentinien und Uruguay” vermerkt die Wikipedia unter “kulturellem Ursprung.” Ähnlich vage sind die Auskünfte, was die Formengeschichte des Tangos angeht: “Polka, Flamenco, Habanera, Milonga,” der Berliner “Schieber,” meinen viele Fachleute, sollte dazukommen und der “Flamenco’” gestrichen werden (was ich überzeugend finde). Immerhin scheint festzustehen, dass viele, nicht allein lateinamerikanische Gesten der Choreographie im Tango verschmolzen sind (seit eigenen Jahren lieben es die selbsternannten “Kulturwissenschafter” ja, Phänomene dieser Art “hybrid” zu nennen), und außerdem stellt niemand die traditionelle Annahme in Frage, dass der Tango von billigen Kneipen und Bordellen der Vorstädte von Buenos Aires seinen Ausgang nahm &#8212; zu einer Zeit, als in Folge eines lange nicht versiegenden Stroms hektischer Einwanderung (Argentinien, glaubte die Welt damals, sei ihre Zukunft) mehr als drei Viertel unter den dort Ansässigen und gerade Angekommenen Männer waren. Kein Wunder also, dass auf historischen Zeichnungen (Photos waren in diesem Milieu unerschwinglich) oft zwei Männer Tango tanzen, was gewiss zur Suggestion für eine Tango-Renaissance in der Schwulenszene wurde – die freilich längst übertrumpft ist von der Ermutigung des sogennanten  “Gay Tango,” dass keinesfalls so etwas wie ein “Schwulen-Ausweis” vorzulegen sei, wenn zwei (vermeintlich oder wirklich) heterosexuelle Männer zusammen Tango tanzen wollen.</p>
<p>Außerhalb der in Deutschland immer noch existierenden “Tanzschulen” und des in Australien so beliebten “balldroom dancing,” in Buenos Aires und in Montevideo vor allem, sollen die Choreographien der beiden Tango-Tänzer (welchen Geschlechts auch immer) gerade nicht aufeinander abgestimmt sein. Das führt zu einer grundsätzlichen Asymmetrie, zu einer Asymmetrie der Bewegungsformen und zu einer Reaktion aus sanfter Gewalt: einer der beiden Tänzer, bei Paaren aus zwei Geschlechtern vor allem der Mann, legt dem anderen oder der anderen seinen eigenen Rhythmus und die eigenen Schrittfolgen auf (“comando” nennt man dies ganz unverstellt im argentinischen Spanisch). Daraus folgt notwendig eine Nähe der Körper, vor allem der Hüften, die erotisch aussieht und Begierde weckt. Und diese Wirkung wird noch gesteigert durch ein Repertoire von Tango-typischen Gesten: durch das zwischen die Beine der Partnerin geschobene Knie (das an den “Schieber” erinnert), durch das bis zur Körpermitte geschlitzte Kleid, durch Momente, wo beide Oberkörper beinahe horizontal übereinander einzuhalten scheinen. Doch was wie Leidenschaft aussieht und immer Leidenschaft erregen kann, soll sich in einer eigentümlichen Distanz vollziehen. Nach drei Minuten, wenn der Tango zuende gegangen ist, trennen sich die nur auf Zeit verschlungenen Körper wieder und gehen ihrer eigenen Wege, auch ihrer eigenen erotischen Wege. Die Form des Tangos lässt so alle Arten von Begierde auflackern, aber seine Form hält die Begierde nicht fest. Vielleicht erklärt diese Bedingung, warum die berühmten professionellen Tango-Paare von Buenos Aires, die für wenige Augenblicke und wie plötzlich in einem Restaurant oder einer Bar erscheinen, typischerweise Männer und Frauen im letzten Lebensdrittel sind (nie werde ich Elvira y Virulacio vergessen, zwei mindestens siebzig Jahre alte Tänzer, die vor einem Vierteljahrhundert in der Nähe der Calle Corrientes auftraten), und es mag ebenfalls mit der Flüchtigkeit der Begierde zu tun haben, dass nicht wenige Argentinier und Uruguayer erzählen, sie hätten den Tango von ihren Großeltern gelernt.</p>
<p>Vor zehn Tagen war ich in Montevideo, jener Stadt, deren schöner Name Vorstellungen von besseren Tagen heraufbeschwört, wie sie die heruntergekommenen Fassaden ihrer Avenidas gesehen haben müssen (es könnte die Zeit vor 1930 gewesen sein, als man Uruguay “die Schweiz Lateinamerikas” nannte, dort den hundertsten Jahrestag der Unabhängigkeit von Argentinien feierte, für einige Wochen auf den ersten “Wolkenkratzer” des Subkontinents stolz war und eingeladen hatte zur ersten Fußball-Weltmeisterschaft, welche am Ende die gastgebende Nationalmannschaft vor mehr als siebzigtausend Zuschaürn mit 4:2 gegen Argentinien gewann). Meine beiden Freunde in Montevideo haben ein langes Leben zusammen verbracht und zeigten mir (nach einem kleinen kulturellen Ereignis in der deutschen Botschaft) “Fun-Fun,” ein Restaurant mit Bar im alten Hafen der Stadt, vor hundert Jahren angeblich von Holländern gegründet, &#8220;Fun-Fun,&#8221; das sich angestregte Authentizität nicht leisten kann, weil es auf jeden der wenigen Touristen angewiesen ist. An den Wänden hängen vergilbte Photos von Stars aus den dreißigen Jahren, an die sich auch hier niemand erinnert, neben Billigversionen von den Trikots beliebter Fußballclubs aus der ganzen Welt. Plötzlich stand ein junges Paar auf der winzigen Plattform neben unserem Tisch, der voll von Tellern und Gläsern war, zwei alte Männer setzen ein, auf dem Bandoneón und der Gitarre zu spielen, die Tänzer waren vollkommen schön, weshalb wir alle wussten, dass sie sich so bewegten, wie es anders nicht sein konnte im Tango, mit dem blau schimmernden Kleid und dem violett schimmernden Hemd, für eine kurze Enklave der Zeit, an deren Ende niemand denken wollte.</p>
<p>Später sah ich die beiden im Stehen Pommes frites essen, zwischen der Tür, aus der es kalt hineinzog, und der Theke, ohne Blicke füreinander. Er sprach mit aufregend gescheitelten, sie mit wohlig angetrunkenen Männern, aber da sang schon Olga, an die sich meine Freunde aus ihrer Jugend erinnerten, Olga, vorgestellt als “Legende des Tangos von Montevideo,” in einem tief ausgeschnittenen schwarzen Kleid, das wohl zu einer anderen Zeit ihres Lebens gehört haben musste. Olgas Stimme, stellte ich mir vor, war einmal  umarmende Wärme gewesen, und sie sang von Liebe, Begehren und Schicksal natürlich, während sie feierlich zwischen den Tischen schritt, Gästen wie vertraut durchs graue Haar strich und den nächsten Tango mit dem Bandoneisten und dem Gitarristen absprach. Nach Olga kam nichts als kalte Aufzugmusik aus den gnadenlosen Lautsprechern von “Fun-Fun,” die Kellner wollten mehr Bestellungen, und wir standen schon an der Tür, auf dem Weg zum Parkplatz, fast auf der Flucht, uns zu schnell verabschiedend, um noch nach Adressen zu fragen, so als ob alles eine Überdosis gewesen wäre.</p>
<p>Zwischen dem alten Hafen und Carrasco, wo Lisa und Isaac wohnen, hatte Carlos Gardel, der große Carlos Gardel, dessen Stimme den Tango nach Hollywood brachte, bevor er am 24. Juni 1935 bei einem Flugzeugunfall in Medellín mit vierundvierzig Jahren starb, ein Haus für seine Mutter gekauft, eine Wäscherin aus Toulouse. Niemand weiß, wie beim Tango, wo Carlos Gardel geboren ist, in Toulouse, Montevideo, oder Buenos Aires – und wann genau. Von beiden Seiten des Rio de la Plata, von Montevideo und von Buenos Aires, hat er mit patriotischen Worten gesprochen, für beide Nationalmannschaften, die von Uruguay und die von Argentinien, ist er 1930 aufgetreten, und nie hat ihn jemand mit einer Geliebten gesehen. Doch in beiden Städten, sagt man bis heute, dass seine Stimme immer schöner wird (“cantás cada vez mejor, Carlitos”).</p>
<p>Im Jahr seines Todes, schon ein Weltstar, sang Carlos Gardel von der “Nacht, wenn Du mich lieben wirst, aus dem dunklen Blau des Himmels &#8212; und die Sterne voll Eifersucht auf uns blicken, wenn ein geheimnisvoller Strahl sich in Dein Haar einnistet, wie ein Glühwürmchen, das sieht: Du bist mein Trost.” Es gibt Texte, die schön sind, weil sie zuviele Worte haben und zuviele Gefühle, und andere, die – auf die Vergangenheit gewandt – lebendig werden aus Erinnerungen, Erinnerungen, die hinter der Gegenwart zurückbleiben, weil sie nie deutlich und voll genug gewesen sind. So ein Lied ist “Caminito: (“Kleiner Weg”) von 1926, einer der berühmtesten Tangos aus dem Repertoire von Carlos Gardel: “Mit Disteln bedeckter kleiner Weg, / die Hand der Zeit hat deine Spuren verwischt. / Ich möchte zu Boden fallen an deiner Seite, / damit die Zeit uns beide umbringen kann.” Immer liegt Erfüllung in der Vergangenheit, sie ist nicht mehr fassbar und nie fassbar gewesen, sie weckt Begierde, die nicht zu haben ist. Jorge Luis Borges hat einmal geschrieben, dass damals schon, 1926, der Tango gestorben war. </p>
<p>Für Borges ist der Tango nicht die Verkörperung und die Stimme des Begehrens, sondern ihr in die Ferne gerückter, unfassbarer Gegenstand. Wie beinahe alles in Montevideo und Buenos Aires<br />
&#8211; wo ich eines Tages mit Tanja und Jan sein werde, um ihnen zu gratulieren.</p>
<p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/digital/author/rooneywayne/">rooneywayne</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/digital">Digital/Pausen</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Was auf dem Spiel stand in Wembley</title>
		<link>http://blogs.faz.net/digital/2013/05/24/was-auf-dem-spiel-steht-in-wembley-268/</link>
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		<pubDate>Fri, 24 May 2013 08:00:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>rooneywayne</dc:creator>
		
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		<description><![CDATA[<p>Das Endspiel zwischen Borussia Dortmund und Bayern München hat weltweit ein ungewöhnliches Interesse geweckt. Welche -- gar nicht spezifisch deutsche -- Faszination liegt in der Rivalität dieser Mannschaften? <a href="http://blogs.faz.net/digital/2013/05/24/was-auf-dem-spiel-steht-in-wembley-268/"></a></p><p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/digital/author/rooneywayne/">rooneywayne</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/digital">Digital/Pausen</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Santiago de Chile, wo ich bis Mitte Juni bleibe, befindet sich jetzt im Winter, und über Nacht fällt das Thermometer manchmal in die Nähe des Gefrierpunkts. Die Stimmung auf den Avenidas und in den Cafés könnte kaum verschiedener sein vom europäischen Frühsommer – mit einer heißen Ausnahme: auch hier kommen dieser Tage die meisten Gespräche beim Champions League-Endspiel an, obwohl das Land eigentlich nicht zu den klassischen Fußball-Nationen Südamerikas gehört. Anscheinend geht eine besondere Faszination vom deutschen Finale aus, und selbst beim Schreiben kann sich ein echter BVB-Fan (“echt,” wie in “ächte Liebe,” ist ja sehr dortmunderisch, was oft vergessen wird), ächte Liebe jedenfalls kann und will sich dem authentischen Interesse des tiefen Südens nicht entziehen. Aber was macht die besondere Lebhaftigkeit dieses Interesses aus? Was steht auf dem Spiel? Um das spezifisch Deutsche an der Begegnung, von der im Land von Jürgen Klopp und Jupp Heynckes soviel und in staatstragend-gehobenem (oder gar wissenschaftlichem) Ton gesprochen wird, geht es der südlichen Hemispháre nicht. Kann es überhaupt etwas anderes sein, das die Attraktivität des deutschen Endspiels ausmacht?</p>
<p>Es geht um den Fußball, und dieser Satz, hoffe ich, ist weniger Sepp Herberger-banal, als er zunächst aussieht. Gemeint ist der Fußball als vielfarbiger, intensiver, exuberanter Enthusiasmus, mit dem es im frühen einundzwanzigsten Jahrhundert wohl kein anderer globaler Enthusiasmus aufnehmen kann. Keinesfalls gemeint sind dagegen der FIFA-Imperialismus, unter dem alle konkurrierenden Begeisterungen verschwinden sollen, gemeint ist nicht der Fußball als “wirtschaftliches Phänomen,” das eigentlich keine Berge versetzt (im Vergleich zur Mode- oder zur Auto-Industrie etwa) und – schon gar nicht – so etwas Verblasenes wie “Sport als Ausdruck kultureller Identität.” Nichts bewegt heute – für kurze eineinhalb Stunden und die Woche davor – soviele Gemüter, soviele Beine, Arme und Stimmen in sovielen Lándern wie ein weltweit übertragenes Fußballspiel. Ich weiß, das klingt wie eine allzu starke Behauptung, doch wer könnte eine Gegenbehauptung aufstellen, ohne Erkenntnisansprüche auf “wahre” oder gar “tiefe Bedeutung” zuhilfe zu nehmen? Dieser Samstag in Wembley ist – ganz empirirsch gesehen – ein Ereignis, bei der die Zukunft des Fußballs als singulärem Enthusiasmus unserer Gegenwart auf dem Spiel steht.</p>
<p>Erstens und vor allem hat die Faszination damit zu tun, dass sich in Borussia Dortmund und Bayern München – mehr als vielleicht je zuvor – zwei ganz verschiedene Typen von Begeisterung zeigen. Warum haben die Bayern in der zuende gehenden Saison soviel besser (nicht nur erfolgreicher) als früher gespielt? An spektakulären neuen Spielern allein kann es nicht gelegen sein, denn die Transfer-Ereignisse waren heuer eher weniger sensationell als sonst (aber deutlicher auf funktionale Ergänzung ausgerichtet). Vor allem hat die Mannschaft eine ausgeglichene und anhaltende Perfektion erreicht. Die Zuverlässigkeit der Abwehr und die Effizienz des Angriffs sind den einschlägigen Idealwerten denkbar nahe gekommen, und daraus ist eine Schönheit des Spiels entstanden, die man &#8212; ganz ohne Ironie &#8212; “apollinisch” nennen kann. Dagegen hat die Abwehr von Borussia Dortmund ihre im vorausgehenden Meisterjahr ziemlich zuverlässige Stärke verloren. Das Drama von Spielen mit Torlawinen (2012 schon angedeutet in einem 4:4 beim Heimspiel gegen Stuttgart) hat sich mehrfach – zu oft eigentlich – wiederholt. Sieg- oder Ausgleichstore, die in einem – “dionysischen” &#8212; Rausch der letzten Spielminuten gelangen (oder verhindert wurden), sind zum Markenzeichen geworden: im Champions League-Viertelfinale gegen Málaga, im Halbfinale gegen Madrid und auch beim Bundeslige-Unentschieden in Wolfsburg. Nichts ist unmöglich für diese Mannschaft, nicht einmal eine peinliche Heimniederlage gegen Hoffenheim zum nationalen Saisonausklang. Wegen dieses Kontrasts liebt man Bayern wie das schönste Model auf dem Laufsteg &#8212; und Borussia wie die Tanzstundenfreundin eines ewigen Schlussballs. </p>
<p>Diese beiden Formen enthusiastischer Liebe sind natürlich nicht neu, aber in ihrem archetypischen Gegensatz sehr ansteckend – bis nach Chile, das sich sonst gerne als “Ende der Welt” ansieht. Doch neben dem Ton (“flavor” ist das anglo-amerikanische Wort, das mir hier fehlt) des Fußball-Dramas und der Fußball-Liebe geht es zweitens um die Zukunft einer Fußball-Ästhetik, wie sie derzeit vor allem in Deutschland zu erleben ist (ohne mit einem “Wesen des deutschen Fußballs” zu tun zu haben). Es ist ein Fußball, der das über gut fünf Jahre dominierende Tika-Taka des FC Barcelona und der spanischen Nationalmannschaft herausgefordert hat, das lange Ballhalten mit dem plötzlich tödlichen Pass auf den unvergleichlichen Lionel Messi, ein Fußball, der kollektive athletische Hochform verbindet mit dem Risiko ebenso schneller wie direkter Ball-Stafetten und langer Pässe in Richtungen und auf Ráume, mit denen die andere Mannschaft nicht gerechnet hatte, ein Fußball der Bewegung schließlich, in dem kein Protagonist unersetzlich bleibt. In dieser Hinsicht haben sowohl Borussia Dortmund wie Bayern München – mit je verschiedener Tonalitát eben &#8212; ein Versprechen von Schönheit zum Stil werden lassen, das schon minutenweise bei einigen Spielen der deutschen Mannschaft 2010 in Südafrika aufgeschienen war. Sollten die Konkurrenten von Wembley den Limit ihrer – apollinischen und dionysischen – Möglichkeiten erreichen, statt in Vorsicht oder Nervosität zu erstarren, dann wird genau dieser Stil weltweit Resonanz finden und, für die nächsten Jahre jedenfalls, zu einer internationalen Signatur werden, auf die Trainer setzen.</p>
<p>In einer ganz anderen Dimension stehen drittens die Erzähl-Bögen von zwei weiteren Dramen auf dem Spiel, Dramen, die weit über einzelne Spiele und Spielzeiten hinausgehen. Im Gegensatz zu jenen Jahrzehnten, wo sie ein stagnierender “Abonnementsmeister” waren, haben die neuen Bayern einen Bogen dynamischen Fortschritts aufgenommen, welcher sich der Perfektion nähert – und genau innerhalb dieser Logik vielleicht die Grenze des im Fußball Möglichen verschieben wird (andere Motivationen als die so sich fortsetzende Steigerung kann der Schritt von Heynkes zu Guardiola kaum gehabt haben). Eine Niederlage in Wembley würde die Bayern nicht entscheidend zurückwerfen (das ist ja auch nach den Niederlagen von 2010 und 2012 gegen Inter wie Chelsea nicht geschehen), aber sie könnte die Dynamik einer begonnenen Entwicklung erstarren lassen. Dies wáre dann jene Rückkehr zur Langeweile der national ohnehin dominierenden Bayern, welche als Potential (und Kehrseite einer apollinischen Ästhetik) das Spiel dieser Mannschaft immer begleitet. Das entsprechende Potential der Borussia (und das andere Gesicht des dionysischen Rauschs) ist – tatsáchlich &#8212; die Tragödie eines sich zur Katastrophe beschleunigenden Zusammenbruchs. Sie steht permanent am Horizont des Dortmunder Spiels und macht die Vermutung  schwer abweisbar, dass die Energie jener unvergesslichen Schlussmomente, wo sich das Unmögliche nicht aufgrund einer Entwicklung sondern im Rausch ereignet, dass solche Energie erst auf der Flucht vor drohenden Tragödien frei wird. Zusammenbrüche hat es in der Geschichte von Borussia Dortmund immer wieder gegeben, mit der größten Fallhöhe nach dem Champions League-Gewinn von 1997. Zwischen weniger dramatischen Amplituden ist die Geschichte des Erzrivalen Schalke 04 nach einem ähnlichen Rhythmus verlaufen. Vielleicht muss die Frage nach den Gründen für solche Affinitäten unbeantwortet bleiben (die üblichen soziologischen Ansátze finde ich jedenfalls kaum überzeugend). Erstaunlich genug ist ja schon, dass genau auf dieser Ebene bestimmte Unterschiede über Generationen hinaus &#8212; und also sehr nachhaltig &#8212; zur Identität verschiedener Clubs gehört haben.</p>
<p>Viertens geht es am Samstag um die Zukunft von zwei sehr unterschiedlichen  Modalitäten des Zuschauens. Im Beben der gelben Wand auf der Dortmunder Südtribüne können Fans dem Traum vom Aufgehen in einem kollektiven Körper, zu dem auch ihre Mannschaft gehört, denkbar nahe kommen. Ihr Rhythmus und ihre Stimmung geben selbst Pay TV-Übertragungen aus Dortmund einen Schuss von realer Präsenz. Und man überzieht wohl den bestehenden Gegensatz nicht über die Maßen mit der Intuition, dass in der Münchner Allianz-Arena umgekehrt live-Ereignisse von einer Dynamik intelligenter Distanz durchschossen werden. Gewiss, die Polarität dieser beiden Formen des Zuschauens existiert schon lange, schon seit jenen Zeiten im dritten und im letzten Viertel des zwanzigsten Jahrhundert wenigstens, wo sich das Ende der live-Faszination unter dem Druck immer längerer Fußball-Sendezeiten abzuzeichnen schien. Die damals totgesagte live-Faszination hat freilich nicht bloss überlebt, sondern ein starkes Comeback durchlaufen, und auf dem Spiel steht mittlerweile, ob sich die beiden Möglichkeiten weiter auseinanderentwickeln werden, und ob es am Ende zur Dominanz der einen oder der anderen kommt. Hintergrund der vierten Faszination und Frage ist der Gegensatz zwischen zwei grundsátzlich gegebenen Reaktionen auf eine sich allein im Bewusstsein vollziehende Alltagswelt, die immer dominanter geworden sind in unserer Welt elektronischer Medien. Im Stadion sein, als Teil der Zuschauer-Präsenz, ist Kompensation für ein immer abstrakter und distanzierter werdendes Leben &#8212; was umgekehrt die Möglichkeit einer wachsenden Annährung von live-Ereignissen an medienvermittelte Ereignisse keinesfalls ausschließt.</p>
<p>Gefragt habe ich mich auch, ob – Hand aufs Herz – all diese Fragen nicht bei jedem wichtigen Fußballspiel, ja bei jedem sportlichen Großereignis anstehen und nur immer wieder anders beantwortet werden. Als ein Potential sind sie natürlich stets gegeben, aber ich habe den Eindruck, dass Fußball-Fans weltweit den eigentlich kaum zu steigernden Kontrast zwischen den Konfigurationen von Bayern München und Borussia Dortmund spezifisch faszinierend finden. Samstagnachmittag kurz vor drei werde ich in einem der japanischen Restaurants von Santiago das Finale sehen und unter keinen Umständen zufrieden sein, wenn nicht Borussia Dortmund gewinnt. Dass es dabei um ein ein “deutsches Endspiel” geht, interessiert mich nicht einmal am Rande – denn wie sollte mir dies über eine mögliche Niederlage von Borussia Dortmund hinweghelfen?</p>
<p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/digital/author/rooneywayne/">rooneywayne</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/digital">Digital/Pausen</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Lyrik als Form für die Gegenwart</title>
		<link>http://blogs.faz.net/digital/2013/05/17/lyrik-als-form-fur-die-gegenwart-257/</link>
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		<pubDate>Fri, 17 May 2013 08:00:41 +0000</pubDate>
		<dc:creator>rooneywayne</dc:creator>
		
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		<description><![CDATA[<p>Nie seit der Antike wohl hat Lyrik weniger Leser gehabt als heute. Was kann es bedeuten, dass zugleich ihre Faszination und ihr Ansehen gestiegen sind? <a href="http://blogs.faz.net/digital/2013/05/17/lyrik-als-form-fur-die-gegenwart-257/"></a></p><p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/digital/author/rooneywayne/">rooneywayne</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/digital">Digital/Pausen</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Wer als halbwegs gebildeter Zeitgenosse an Lyrik denkt, an Gedichte oder an Poesie, der erwartet wohl vor allem den Ausdruck “individueller Gefühle,” so ekstatisch “individuell” im typischen Fall, dass sie sich nicht im sozialen Medium der Sprache artikulieren lassen. Ohne es wirklich erklären oder auch nur plausibel machen zu können, glaubt man dann weiter, dass die besonderen, “prosodisch” genannten Formen solcher Texte (Vers, Rhythmus, Reim, Strophe) diese Unmöglichkeit, diesen Schwund des transparenten Ausdrucks ausgleichen können, indem sie Modalitäten von Kommunikation erschließen, welche nicht auf die Dimension des Sinns beschränkt sind.</p>
<p>Für viele Gedichte, die in der westlichen Kultur zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts, in der kulturgeschichtlichen Epoche der Romantik also, geschrieben worden sind, trifft eine solche Erwartung im großen Ganzen auch zu. Denn das war jene Zeit, in der sich das seit der Renaissance dominierende Selbstbild der Menschen als einem gegenüber der Welt der Dinge exzentrischen “Subjekt” zur “Individualität” steigerte, das heißt: zur einer erlitteten und zugleich zelebrierten Exzentrizität innerhalb der Gesellschaft. Aus Sicht der Individualität schien plausibel, dass die besondere Form-Dimension von Gedichten jener spezifischen – individuellen &#8212; Exzentizität zum Ausdruck verhelfen sollte. Historisch langfristig jedoch ist die so zu beschreibende romantische Prämisse des Verstehens von Gedichten viel spezifischer und begrenzter, als man heute allgemein annimmt. Sie hatte eigentlich bis hin zur Zeit um 1800 nie gegolten, und sie steht auch bei den besten Gedichten unserer Gegenwart keinesfalls im Vordergrund.</p>
<p>In der europäischen Tradition setzt Lyrik während des achten und siebten Jahrhunderts vor der Zeitenwende ein als von der Lyra, der Leier, begleiteter Sprechgesang, der sich an die Götter wendet. Und was könnte die Funktion der prosodischen Sprachformen gewesen sein? Sie alle lassen sich alle dem Begriff “Rhythmus” unterordnen. Wenn immer wir von “Rhythmus” sprechen, beziehen wir uns – meist ohne es zu wissen – auf Möglichkeiten, Phänomenen eine stabile Form zu geben, die sich, wie Sprache, nur in Zeitlichkeit, das heißt: in beständiger Veränderung, verwirklichen. Vers, Reim, Strophe nun geben der Sprache Form, indem sie je bestimmte Abfolgen von Klängen in Schleifen der Wiederholung bringen. So unterbrechen sie den alltäglichen Ablauf von Zeit, während dieser zugleich sich fortsetzt. Eine solche Unterbrechung von Zeit schafft in der Geschäftigkeit des Lebens Momente der Konzentration und der  Aufmerksamkeit – der Konzentration auf die Götter zum Beispiel. Zugleich suggeriert sie, dass im Stillstand der laufenden Zeit Momente der Vergangenheit oder auch entfernte Gegenstände präsent werden können. Eben deshalb sind Zaubersprüche in allen Kulturen prosodisch gefasst: sie sollen Vergangenes oder Entferntes, zuallererst die Götter, heraufbeschwören und in die Gegenwart bringen.</p>
<p>Am Beginn der antiken Lyrik machten die Gesänge Sapphos, der legendären Priesterin von der Insel Lesbos, Göttinnen und Götter, weibliche Schönheit, aber auch Situationen von Schmerz und Eifersucht gegenwärtig. Ein gutes Jahrhundert später beschworen die Gedichte des Pindar Siege und Sieger bei den athletischen Spielen Griechenlands herauf, zusammen mit den Göttern, welche die Siege – durchaus mit physischer Unterstützung – möglich gemacht haben sollten. Solche Texte waren Medien religiöser Konzentration, zu der ein Potential kollektiver Extase gehörte. Ich bin freilich überzeugt, dass die Geste des Heraufbeschwörens und die Funktion der Vergegenwärtigung nicht nur in der griechischen Antike, sondern in all ihren historischen Kontexten die Lyrik begleitet, ja ausgemacht haben. Was sich geschichtlich veränderte, waren die gesellschaftlichen Situationen des Heraufbeschwörens und die so vergegenwärtigten Objekte. </p>
<p>Nie wohl haben Dichter sexuelles Erleben und seine Sinnlichkeit den Lesern näher gebracht, als es Catull oder Ovid im antiken Rom gelang. Die Minnelyrik des Mittelalters gab höfischen Festen ein Hochgefühl erotischer Spannung, wie es in der Wirklichkeit jener Epoche gar nicht existiert haben mag. Das Inszenieren von Stimmungen, vor allem von Stimmungen, für die es institutionalisierte Erwartungen gab, scheint die dominante Funktion von Gedichten in den Jahrhunderten der frühen Neuzeit gewesen zu sein. Solche “Gelegenheitsgedichte” zum Lob von Monarchen und Philosophen, zu Ritualen wie Taufe oder Begräbnis, zu aristokratischer Geselligkeit und zum Trinken unter Kumpanen waren eine Stärke des Zeitalters der Aufklärung, wie sie im reduzierten Format von Poesie-Alben (durch die man sich gegenwärtig macht und gegenwäertig hält) oder in Liedern für Geburstagskinder das zwanzigste Jahrhundert erreicht haben. Nur weil nach 1800 und bis heute Lyrik als Ausdruck prekärer Individualität zur Norm und zentralen Erwartung wurde, konnte der Eindruck einer Gegenstrebigkeit zwischen Lyrik und Aufklärung entstehen. Dabei ist das Individualitäts-Paradigma im neunzehnten Jahrhundert bald von einer Steigerung abgelöst worden, die zu unserer Modernität führen sollte. In den Gedichten der “Fleurs du mal” (der “Blumen des Bösen”) von Charles Baudelaire aus dem Jahr 1857 zum Beispiel bannt ein beweglicher Beobachter, der keinen festen Platz mehr in der Gesellschaft hat, die flüchtigen Eindröcke einer sich beschleunigenden Welt. </p>
<p>Seit der Romantik spätestens hatte Lyrik die Musik und ihre Verkörperung durch Rezitation immer weiter hinter sich gelassen, um schließlich in freien Versen, Proagedichten und Bildgedichten auch die Gesten des Heraufbeschwörens und die Funktion des Vergegenwärtigens aufzugeben. Damit schien bis über die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts hinaus – im Sinn einer geschichtlichen “Logik” – ein Endpunkt erreicht zu sein, wo die moderne Lyrik, als Lyrik reduzierter Prosodie, zu einem sprachphilosophsichen Experimentierfeld geworden war – oder alternativ zu einer gutgemeinten Lieblingsform politisch und moralisch erbaulicher Belehrung. Doch entgegen allen – vergangenen – Erwartungen hinsichtlich der Zukunft von Dichtung ist es mittlerweile schon Jahrzehnte her, seit eine mit Begeisterung Prosodie-bewusste und prosodisch elaborierte Lyrik in die Literatur unserer Zeit zurückgekehrt ist, zusammen mit Institutionen und Ritualen lyrischer Rezitation (durch die wohl zuerst die Kultur der späten Sowjetunion in den Jahren ihrer politschen und wirtschaftlichen Agonie von sich reden machte). Inzwischen sind Seminare und Workshops beliebt geworden, welche Techniken zum Schreiben von prosodisch gebauten Gedichten vermitteln – und dies allein wäre in den eineinhalb Jahrhunderten zwischen dem romantischen Paradigma individuellen Ausdrucks und jenem der politischen Gesinnungslyrik kaum vorstellbar gewesen.</p>
<p>Doch ich behaupte nicht, dass diese Rückkehr zum Form-Repertoire der Lyrik und seinen Funktionen ein quantitativ bemerkenswerter Trend unserer Zeit sei. Im Gegenteil: bis heute beeindruckt mich eine 1995, bei der Verleihung des Nobelpreises an den irischen Lyriker Seamus Heaney, beiläufig gelesene Bemerkung (nicht nur ich halte Heaney för den vielleicht bedeutendsten lebenden Gedichtautor), nach der kein Lyriker der Gegenwart allein von den Einnahmen für seine Bücher und für Lesungen leben könnte. Die “Rückkehr zur Lyrik,” wenn man sich auf so eine so gängige Formulierung überhauot einlassen will, ist bemerkenswert wegen der Kompetenz und des Prestiges derer, die sie vollziehen – keinesfalls wegen ihrer Zahl. Richard Rorty, einer der großen philosophischen Autoren des vergangenen Jahrhunderts, sagte in einem Gespräch wenige Wochen vor dem Tod auf die Frage, was er an seinem Leben ändern wollte, wenn er eine zweite Chance bekäme, dass er in einem zweiten Leben mehr Gedichte auswendig lernen würde. Was er denn ausgerechnet Gedichten abgewinnen könne, fragte sein nicht wenig überraschter Gesprächspartner weiter, um die Antwort zu provozieren: “nichts kann man von ihnen lernen, aber sie klingen schön, und deswegen hätte ich sie gerne für mich gehabt.” Doch woher kommt diese neue Lyrik-Begeisterung?</p>
<p>Wer die Zeit aufbringt, sich auf einen &#8212; sprachlich ja meist  komplexen – lyrischen Text zu konzentrieren, der unterbricht die heute ebenso endlos wie ziellos verlaufende Zeitlichkeit des Alltags. Und ein solcher Ansatz zur Aufmerksamkeit wird beim Lesen oder Rezitieren eines Gedichts zu jener anderen, sozusagen archaischen Aufmerksamkeit, welche zum Aussetzen der fließenden Zeit führt und zum Heraufbeschwören von vorher abwesenden Dingen und Stimmungen. Lyrik als Form ist eine Signatur unserer Gegenwart, weii sie für Momente das erhält und an das erinnert, was dieser Gegenwart am meisten fehlt, nämlich Form, Ruhe, Konzentration und wohl auch Gelassenheit &#8212; in einer elektronisch erregten Umwelt von vielfältigen, ziellosen, zentrifugalen Bewegungen ohne Richtung. Lyrik kann ihre Leser noch festhalten in verkörperten Formen, die einst das Wesen menschlicher Existenz waren – aber vieleicht nicht mehr lange bleiben. Sie macht gegenwärtig, was bald unumkehrbare Vergangenheit sein könnte.</p>
<p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/digital/author/rooneywayne/">rooneywayne</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/digital">Digital/Pausen</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Hoeneß vergessen?</title>
		<link>http://blogs.faz.net/digital/2013/05/10/hoeness-vergessen-250/</link>
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		<pubDate>Fri, 10 May 2013 08:00:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>rooneywayne</dc:creator>
		
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		<description><![CDATA[<p> Über Uli Hoeneß sei zuviel geschrieben worden, meinen die Feuilletonleser, ganz unabhängig von der Meinung über seinen "Fall." Sollte in ihm eine noch nicht zur Sprache gekommene Faszination stecken? <a href="http://blogs.faz.net/digital/2013/05/10/hoeness-vergessen-250/"></a></p><p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/digital/author/rooneywayne/">rooneywayne</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/digital">Digital/Pausen</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Dass sich Politiker beeilen, Abstand zu nehmen von einem zu hoher nationaler Bewunderung und Beliebtheit aufgestiegenen Prominenten, der sich selbst der Steuerhinterziehung angeklagt hat, kann niemanden überraschen, denn sie haben ja – glücklicherweise &#8212; keine wirkliche Alternative. Dass andererseits Bürger mit besonders hohen Einkommen immer wieder versuchen, den ihnen abgeforderten, aggressiven Steuersätzen zu entgehen, ist zu verurteilen – und zugleich sehr plausibel. Auch dass der (Selbst)Angeklagte  mit Erklärungen aufwartet, die eher der Begrenzung des schon entstandenen Schadens dienen sollen als der bedingungslosen Wahrheitsfindung, darf man wohl als normal abbuchen, so wenig überzeugend der etwas wehleidige Verweis auf eine angebliche Spielleidenschaft und das von ihr ausgelöste Syndrom von Reue und Schlaflosigkeit gerade im Fall des eher ausgebufft wirkenden Uli Hoeneß erscheint. Wenn schließlich Wolfgang Schäuble das ohnehin Offensichtliche explizit macht, indem er sagt, wie allein der ruhige Schlaf des reinen Gewissens eine moralisch bedenkliche Reaktion wäre, scheint ein Moment öffentlicher Turbulenz zuende gebracht.</p>
<p>Nichts ist außergewöhnlich, strittig und also interessant geblieben am “Fall Hoeneß” als steuerrechtlich-politischem Fall, weshalb jene Feuilletonleser recht haben mögen, die sich mittlerweile sehr deutlich über die fortgesetzte Intensität der Berichterstattung beklagen. Oder kommen in ihr doch bemerkenswerte Dimensionen zum Vorschein &#8212; zum Vorschein noch ohne hinreichende Fokussierung auf ihren Symptomwert für gegenwärtig sich vollziehende Veränderungen in Gesellschaft und Kultur? Eine solche Frage lenkt unseren Blick von der potentiellen Straftat und ihren institutionell deutlich festgelegten Folgen auf die Gefühle, welche sie in der deutschen Öffentlichkeit geweckt hat. Eines von diesen Gefühlen kam wohl nicht ganz unerwartet auf, doch es verdient, meine ich, Erwähnung, weil es nicht so ausschließlich “bajuwarisch” ist, wie es der selbsternannt aufgeklärte Norden und Westen des Landes  wahrhaben wollen. “Liaba Uli, mia sog’n vergelt’s Gott für ois!” war auf einem Fan-Plakat beim Halbfinal-Heimspiel des FC Bayern gegen Barcelona zu lesen – und vollkommen zufällig ist der Zusammenhang zwischen dem lauwarm-monarchischen Gefühl und den südlichen Dialekt-Wörtern natürlich nicht, die es zur Sprache brachten. Aber steht hinter der Sehnsucht nach Eltern-Gestalten, denen wir großzügig vergeben können, weil sie so gut für uns gesorgt haben, steht hinter dem Wunsch nach persönlichen Ausnahmen von der Gleichheit des Rechts, nicht doch ein durchaus überregionaler Traum von Hierarchie und familiärer Nähe? Ein Traum, der intensiviert wird von einer elektronischen Welt, wo Gleichheit ebenso kalt und unnahbar wird wie die wirtschaftliche Ungleichheit, welche gerade in dieser Welt ungeahnte Höchstwerte erreicht hat? Uli Hoeneß, das habe ich bei aller Fußball-Distanz zum FC Bayern selbst einmal erfahren, als ich um Allianz Arena-Karten für eine Verwandte im Rollstuhl bat, Uli Hoeneß verfügte über einen Apparat der Wohltätigkeitsproduktion, dessen historische Vorgänger die aufgeklärten Monarchien des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts waren. Und lieber nehmen die meisten von uns ja immer doch Freikarten aus der symbolischen Hand einer Vaterfigur entgegen als per Zuweisung seitens der Sozialfürsorge.</p>
<p>Auf der anderen Seite dieser Großzügigkeit des Vergebens, welche vergangene Gunsterweise [gemeinsam mit Gott]  “vergilt,” stellt sich bei den entschiedenen Hoeneß-Feinden ein disproportional scharfes Gefühl der Empörung ein. Es ist disproportional und auch dysfunktional, weil man angesichts der längst bewährten staatlichen Institutionen in Deutschland ja davon ausgehen kann, dass Recht auch ohne das Lautwerden und den Druck kollektiv moralischer Urteile geschieht. Die Psychoanalytikerin Julia Kristeva sieht im Hang zur Empörung einen neuen europäischen Trend, den sie als “negativen Narzissmus” interpretiert. Wer glaubt, dass er wirtschaftlich und im sozialen Status zu kurz kommt, der kann sich stolz auf die Brust klopfen, solange er überzeugt ist, frei von jenen Lastern zu sein, die er bei den Schwer-Reichen und Hoch-Prominenten entdeckt. Nichts könnte in Tonalität und Stimmung verschiedener von der befriedigten Sehnsucht nach Elternfiguren sein als solch scharfe moralische Entrüstung, doch zugleich bewähren sich die beiden Verhaltensmuster als Formen der Kompensation: als Kompensation gegenüber einer schalen Kälte der Gleichheit und als Kompensation gegenüber dem von Ungleichheit entfachten Feuer des Neids.</p>
<p>Das Bedürfnis nach Wärme und das Bedürfnis nach Empörungsanlässen können erklären, warum der sonst so banale “Fall Hoeneß” eine erstaunlich intensive und nachhaltige Resonanz hervorgebracht hat. Aber eine wirkliche Entdeckung sind auch diese beiden Einstellungen nicht. Überraschend war allein die Einsicht, dass sich Uli Hoeneß, ohne den es den eisig strahlenden FC Bayern von heute nicht gäbe, in seiner persönlichen Krise als Auslaufmodell erweist. Auf dem Präsidentensessel ist er jedenfalls nur – bis auf weiteres – sitzengeblieben, weil sein Unternehmen stark genug ist, um sich auf Distanz von dem Unglück zu halten, das ihm widerfahren ist (oder das er herausgefordert hat). Karl Heinz Rummenigge mag rotbäckig-freundlich an die Nibelungentreue glauben, welche er seinem Präsidenten schwört – aber unter den großen Fußball-Figuren der Vergangenheit hat Franz Beckenbauer bereits erkannt, dass er mit seinen Weggefährten im Museum der Erinnerungen gelandet ist. Denn Beckenbaüue antwortete auf die Frage, ob er für die potentielle Rolle des Interimspräsidenten bereitstünde, ja nicht mit einem sonoren “nein,” sondern stellte nur trocken fest, dass er nicht bereitstehen könne, solange die Frage nach einem Hoeneß-Ersatz gar nicht auftauche.  </p>
<p>Am Tag der errungenen Bundesliga-Meisterschaft sagte Sportchef Matthias Sammer im “Sportstudio,” es sei seine Aufgabe, die Mannschaft und ihre Leistung gegenüber allen Interferenzen und aller Unruhe abzuschotten  &#8212;  zu inhaltlich weniger minimalistischen Stellungnahmen lässt er sich kaum je verleiten, das gehört zur Logik einer Rolle, die er mit einer gewissen Eleganz kreiert, indem er sie spielt. Der unterkühlte Sammer, ob er nun die Gallionsfigur für eine Riege unsichtbarer Funktionsäquivalente ist oder jener Mann, der temporär das Keyboard der Macht bedient, repräsentiert die neue Gegenwart und Zukunft des FC Bayern – und vielleicht die Zukunft des Berufssports als Interhaltungsindustrie überhaupt. Seine Erfolgsformel ist eine Konfiguration aus Sachkompetenz, verwalteter wirtschaftlicher Stärke und emotionsneutralisierender Distanz – und diese Kombination bekommt dem “Produkt,” bekommt der Leistung der Mannschaft, ihrer Aura und den Spieler- wie Funktionärsgehältern sehr gut. </p>
<p>Es passt zu diesem allerneuesten FC Bayern, dass durch Unabhängigkeit und Erfolg ermöglichte Ruhe für die Fortsetzung der Erfolge wichtiger geworden ist als öffentlich zur Schau gestellte Freundlichkeit &#8212; aber auch als altertümliches Machtgebaren. Lakonisch teilte man einem der erfolgreichsten Trainer der Vereinsgeschichte mit, dass ihn ein noch mehr Erfolg vesprechender Nachfolger ablöst; der Transfer von Mario Götze nach München wurde – in emotionsfreiem Stil &#8212; gerade zu jenem Moment angekündigt, als dies dem einzigen nationalen Konkurrenten international hätte schaden können. Wer möchte sich vorstellen, dass ein solches Unternehmen dem gefallenen Monarchen aus der Vergangenheit die Treue halten wird – einmal ganz abgesehen davon, wie problematisch das aus vielen Gründen wäre? Dass dieser Monarch den neuen Stil seines ehemaligen Unternehmens nicht mehr versteht, zeigte er – selbst nach der Selbstanzeige noch &#8212; einmal mehr mit der polternden Geste, sich während des Bundesliga-Spiels gegen Dortmund bei einem Basketball-Match in München sehen zu lassen.</p>
<p>Scheitern kann dieses auf maximale Stabilität und natürlich maximalen Erfolg ausgerichtete Unternehmen nur noch an dem “Produkt” der Mannschaft, die in einer Sphäre operiert, wo die Möglichkeiten der Risiko-Minimierung spezifisch begrenzt sind. Ein eben nicht nicht ganz auszuschließender Schlimmst-Fall war ja schon die Niederlage des FC Bayern gegen Chelsea im Champions-League Endspiel des vergangenen Jahres, und 2013 ist die Spannung aus zwei Gründen noch viel höher: einmal weil das Bayern-Modell derart erfolgreich weiterentwickelt wurde, und darüber hinaus weil Borussia Dortmund ein gefährlicherer Gegner zu sein scheint. In dieser Konfrontation steckt die Frage, ob auch das Dortmund der Gegenwart ein Auslaufmodell aus der Hoeneß-Ära ist oder eine alternative Zukunft der Sport-Unterhaltung. Das auf allen Websites und Souvenir-Produkten der Borussia sichtbare Motto “Echte Liebe” klingt zunächst nach Auslaufmodell.  Andererseits verweist es auf eine vielleicht entscheidende Differenz. Die Dortmunder Mannschaft ist gegenüber ihren Fans – programmatisch – gerade nicht abgeschottet, und sie spielt in einem Stil, der Risiko in Kauf nimmt, um die Partizipation des Publikums zu maximieren. Um noch eine andere altmodisch klingende Metapher ins Spiel zu bringen: aus dieser Nähe der Mannschaft zu ihren Anhängern, aus dieser Form des Unternehmens können Funken der Inspiration entstehen, wie sie zu den Möglichkeiten des FC Bayern nicht gehören. Dazu bedarf es eines Ausnahme-Trainers, der Publikums-Inspiration nicht allein in Energie umsetzt, sondern in immer neue sportliche Varianten einer grundsätzlich erfolgreichen und vor allem mitreißenden Spielweise.</p>
<p>Dass die Bayern dieses andere System immer wieder durch ihre Operationen auf dem Transfermarkt zu schwächen versuchen, ist ihr gutes Recht, hat aber in den vergangenen Jahren Dortmund eher gestärkt. Diese Mannschaft scheint weniger von einzelnen Starspielern abhängig als ihr Konkurrent, aber deutlicher von der singulären Trainergestalt. Sollte sich Jürgen Klopp entscheiden, langfristig auf das Dortmunder Modell und Unternehmen zu setzen, dann könnte sich die Zukunft der Borussia  ähnlich der großen Vergangenheit von Manchester United entwickeln. Sie begann mit der dramatischen Dezimierung dieser Mannschaft durch einen Flugzeugunfall im Jahr 1958, bei dem acht Spieler ums Leben kamen. Der jenem Unglück gewidmete Erinnerungs-Kult begründet noch heute eine spezifische Nähe zwischen der Mannschaft von Manchester United und ihren Fans, welche Matt Busby, ein der Innovation fähiger, geduldiger Trainer über Jahrzehnte in eine Permanenz sportlichen (und lange Zeit auch wirtschaftlichen) Erfolgs umsetzte. Durch Busbys Nachfolger, Alex Ferguson, wurde die Tradition – wiederum über Jahrzehnte – bis in die Gegenwart verlängert, und es ist gewiss kein Zufall, dass nun ausgerechnet Jürgen Klopp als möglicher Nachfolger von Ferguson im Gespräch war. Die Störanfälligkeit des Manchester/Dortmund-Modells liegt höher als bei der Isolierungs-Strategie von Bayern München, was durch ein intensiveres Potential der Fan-Aktivierung wenigstens zum Teil ausgeglichen wird.</p>
<p>Eher als der Vergangenheit (Borussia) oder der Zukunft (Bayern) zu gehören, repräsentieren wohl beide Formen neue Möglichkeiten des Kapitalismus in der Unterhaltungsindustrie. Keine von ihnen hat Platz für einen kraftvollen Patriarchen wie Uli Hoeneß. Indem sein “Fall” eben dies sichtbar gemacht hat, allein im Blick auf die Geschichte und Zukunft des Fußballs also, ist er interessant – und gibt uns gute Gründe, Uli Hoeneß zu vergessen.</p>
<p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/digital/author/rooneywayne/">rooneywayne</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/digital">Digital/Pausen</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Kann Stress zu Intensität werden?</title>
		<link>http://blogs.faz.net/digital/2013/05/03/kann-stress-zu-intensitat-werden-247/</link>
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		<pubDate>Fri, 03 May 2013 08:00:46 +0000</pubDate>
		<dc:creator>rooneywayne</dc:creator>
		
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		<description><![CDATA[<p>Stress-Vermeidung ist zu einem unserer höchsten Werte und zu einer unserer striktesten Verpflichtungen geworden. Nun stellt sich die Frage, ob der Kult dieses Werts existentielle Intensität blockiert. <a href="http://blogs.faz.net/digital/2013/05/03/kann-stress-zu-intensitat-werden-247/"></a></p><p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/digital/author/rooneywayne/">rooneywayne</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/digital">Digital/Pausen</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>“Mach Dir aber bitte keinen Stress”  &#8212; gibt es irgendeinen Satz der deutschen Sprache den man heute öfter hört? Wer ihn gebraucht, unterwirft sich der ebenso strengen wie allgemeinen Verpflichtung, “locker” zu sein so bedingungslos, dass die implizite Spannung zwischen zur Schau gestellter Großzügigkeit und ihrem moralisch-ernsten Appellcharakter leicht zum double bind gerät. Letztlich sollen diese Worte ja bedeuten “Du brauchst Dich nicht zu bemühen,” so als sei jede freiwillige Anstrengung oder gar das, was man früher “Pflichtbewusstsein” nannte, ein unter allen Umständen zu vermeidender Exzess. Stressfrei, wird vorausgesetzt, kann allein der Feierabend sein, und als “die wichtigsten Tage des Jahres” können allein Urlaubstage gelten.</p>
<p>Die uns allen so evidente und gerade deshalb strikt geheim zu haltende Erfahrung, dass opulent zur Verfügung stehende und dann mit Optimierungseffekt durchzuplanende Freizeit sich oft als stressvoll erweist, will ich vorerst in Klammern setzen, um die Frage anzuvisieren, ob die allgegenwärtige Stress-Warnung nicht mittlerweile eine potentielle Dimension glücklichen Lebens verpestet hat – eine Dimension, die Martin Heidegger zum Beispiel in Briefen der zwanziger und dreißiger Jahre gerne – zeittypisch und für heutige Leser etwas peinlich – “Existenzfreude” nannte. Im Vergleich zu jener Zeit sind unsere Ansprüche ans permanente Glück sehr unnachgiebig und die einschlägige Investitions- oder gar Risikobereitschaft minimal geworden. Letzte Woche erst sagte ein Kollege unseren fest vereinbarten Termin unter Verweis auf den Stress ab, welchen ein verregnetes Wochenende, meinte er, über ihn gebracht hatte. Auf der anderen Seite haben Sie alle schon gehört (und vielleicht auch gesagt), dass Stressgefahr der entscheidende Grund ist, um sich einen Kinder-Wunsch zu versagen (oder auf höchstens ein Kind zu reduzieren &#8212; dessen Leben dann nach Hubschrauber-Manier beständig zu überwachen und optimieren ist); um gerade nicht das Studienfach zu wählen, für dessen Inhalt man sich leidenschaftich interessiert; oder um ein ehrgeiziges sportliches Ziel aus dem Horizont des Möglichen zu streichen. Ein Leben mit doppelten Ärmelschonern ist in unserer Gegenwart zum Leben der Weisheit mutiert.</p>
<p>Den peinlichen Heidegger-Begriff der “Existenzfreude” als Gegenpol zu solchen Stress-geleiteten Reaktionen will ich nun durch das heute einigermaßen gängige Wort “Intensität” ersetzen und fragen, wie es kommt, dass sich die Furcht vor Stress und die Strategien der Stress-Vermeidung allenthalben so lückenlos vor die Freude an Intensität geschoben haben. Aber was genau meinen wir, wenn wir “Intensität” sagen, und wie unterscheidet sich Intensität von Stress? Anders gesagt: ist eine Einstellung denkbar, die hilft, Stress hinter uns zu lassen und für Intensität offen zu sein? Physikalisch wird Intensität als Kraft pro Raumeinheit definiert, also als ein Aspekt zahlreicher Phänomene, der sich – steigend oder sinkend – ganz auf einer Skala der Quantifizierung erfassen läßt. Dass Intensität in der menschlichen Existenz stets Steigerung bedeutet und deshalb zu einer qualitativen Differenz allenfalls über Quantifizierung werden kann, haben Gilles Deleuze und Félix Guattari vor drei Jahrzehnten in ihrem Buch Mille Plateaux deutlich gemacht. Doch nicht jede Steigerung des Existenzgefühls wird als Intensität erfahren. Man kann sich auf Grund existentieller Steigerung auch überfordert fühlen oder das – möglicherweile für unsere Zeit besonders charakteristische &#8212; Gefühl haben, dass eine sich nach Kraft und Geschwindingkeit immer steigernde Bewegung nicht in das Zurücklegen eines Raums umschlägt oder in irgendeine andere messbare Auswirkung. Das genau geschieht ja in der Schluss-Szene von Becketts Godot den beiden Protagonisten, die “sich bewegen, ohne von der Stelle zu kommen.”</p>
<p>Wenn wir von “Intensität” reden, dann muss also die Selbsterfahrung einer existentiellen Steigerung verbunden sein mit der Selbsterfahrung oder Fremderfahrung einer Form von Veränderung. Eigenartigerweise allerdings ist die hier wirksame besondere Form der Selbsterfahrung nicht identisch mit dem, was wir sonst Selbst-Beobachtung oder Selbstreflexivität nennen. Intensität ist kein Messen einer Leistung durch das Bewusstsein. Sie ist, meine ich, das nicht begrifflich, sondern allein quantitativ zu fassende Gefühl einer Steigerung der Körperfunktionen (stärkeres Atmen, größere Muskelspannung, schärferes Sehen) verbunden mit den Intuitionen einer (nicht notwendig linearen) Richtung im Raum und eines (möglicherweise sehr fernen) Endes in der Zeit, welche gemeinsam die Körpersteigerung erst zu einer Form machen. Eben durch diese Formqualität unterscheidet sich Intensität von den Eindrücken des Überfordert-Seins, der leerlaufenden Mobilität oder des Gestresst-Seins. Durch Intensität in diesem Sinn sind die Spieler einer Mannschaft oder die Musiker eines Orchesters untereinander und mit ihrem Publikum verbunden, und das gilt analog auch für einen charismatischen Redner mit seinen Hörern und für jede sexuelle Interaktion, die zu erotischem Erleben wird.</p>
<p>Was kann man tun, damit sich Momente von Intensität einstellen? Ich denke, sie lassen sich vor allem nicht über Intentionen oder aktive Strategien heraufbeschwören. Fast nichts steht Intensität so diametral im Weg wie ein einschlägiger Wille oder gar eine Verpflichtung. Aber es ist andererseits doch möglich, offen zu sein für Steigerungen der Körpergefühle und Körperfunktionen, vielleicht sogar konzentriert und entschlossen, sie aufzunehmen und wirken zu lassen, sobald sie kommen. Dass sie je kommen, lässt sich nie und von niemandem provozieren oder herbeiführen, es könnte immer auch gerade nicht geschehen &#8212; so dass Intensität stets und notwendig das Ergebnis eines Ereignisses und seines Umschlagens ist, das Ereignis eines Spürbar-Werdens und sich nach außen-Stülpens eines sonst &#8212; von außen &#8212; nicht zu beherrschenden oder gar zu steuernden Energie-Potentials.</p>
<p>Vielleicht könnte es eine weitere Entfaltung des von unserer philosophischen Tradition erstaunlich unterbelichteten Phänomens und Begriffs der Intensität ja sogar ermöglichen, der Beantwortung einer Frage näher zu kommen, welche seit der Poetik des Aristoteles die Geister fasziniert hat. Es ist die Frage, wie – ohne sadistische Akzente, muss man freudianisch aufgeklärt hinzufügen – die Erfahrung eines schrecklichen und zerstörenden Schicksals anderer Menschen in der Tragödie zum ästhetischen Genuss werden kann. Eine erste Reaktion macht uns klar, dass das positive Gefühl von Intensität, wie es eine Tragödie auslöst, als rein quantitatives nicht im Konflikt mit dem Verlauf ihrer Handlung stehen muss – einmal ganz abgesehen davon, ob die von Aristoteles zuerst lancierte Vermutung wirklich immer aufgeht, dass die von der Tragödie ausgelösten Reaktionen von Furcht und Schrecken die Zuschauer von ihrer Anfälligkeit gegenüber Furcht und Schrecken befreien. </p>
<p>In der deutschen Literatur hat wohl kein Autor Intensität als eine positive Wirkung von existentieller Steigerung so gesteigert wie Heinrich von Kleist. Von seinen ersten überlieferten Briefen an, die er als Jugendlicher schrieb, schlägt Intensität als eine existentiell positive Dimension immer wieder durch – zum Beispiel in den Beschreibungen vom Überfall einer Postkutsche im deutschen Mittelgebirge oder von den verwahrlosten Geistesgestörten in einem Würzburger Krankenhaus. Später wird diese Simultanität von negativem Schicksal und Intensität, welche sich nie in einem Widerspruch verfängt, spürbar an einigen von Kleists großen Protagonisten: bei Penthesilea etwa, die an ihrer Liebe zu Achill zugrunde geht und doch entschlossen ist, sich der existentiellen Intensität des Liebens und Sterbens ganz zu öffnen; und vor allem bei Michael Kohlhaas, der dem Moment seiner Hinrichtung als Moment des endgültigen Scheiterns mit positiver Intensität entgegenlebt. </p>
<p>In einer solchen Hochstimmung hat Kleist auch seinem Freitod entgegengelebt, gemeinsam mit Henriette Vogel, die bereit war, mit ihm zu sterben – als Augenblick einer selbstzerstörenden Intensität, die durch nichts zu überbieten war und allein deshalb schon endgültig sein musste. Die wenige Stunden vor ihren Toden geschriebenen Liebeslitaneien der beiden zum Sterben Bereiten haben eine bis heute ihre Leser berührende Intensität des Glücks absorbiert, der niemand nachfahren kann. </p>
<p>Und doch gibt es eine Lehre aus dieser extremen Situation: dass nämlich die Möglichkeiten, die positiven Möglichkeiten des menschlichen Lebens versäumt, wer – im extremen Gegensatz zu Henriette Vogel, Heinrich von Kleist und seinen Protagonisten – der Vermeidung schmerzvoller Momente alle Schichten der Existenz unterstellt. In solcher Vermeidung als Lebengesetz liegt eine Logik, die langfristig Stress-Anfälligkeit steigert, ohne je den Ausgleich intensiver Momente in Aussicht zu stellen.</p>
<p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/digital/author/rooneywayne/">rooneywayne</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/digital">Digital/Pausen</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Adolf Hitler und andere Tierfreunde</title>
		<link>http://blogs.faz.net/digital/2013/04/26/adolf-hitler-und-andere-tierfreunde-240/</link>
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		<pubDate>Fri, 26 Apr 2013 08:00:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>rooneywayne</dc:creator>
		
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		<description><![CDATA[<p>Seit langem glauben Tierfreunde, die Moral auf ihrer Seite zu haben - und diese Überzeugung ist in unserer Gegenwart der ökologischen Sorgen und Werte nur intensiver geworden. Gibt es Gründe für mehr Ambivalenz? <a href="http://blogs.faz.net/digital/2013/04/26/adolf-hitler-und-andere-tierfreunde-240/"></a></p><p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/digital/author/rooneywayne/">rooneywayne</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/digital">Digital/Pausen</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Gegen Tierfreunde habe ich ein Vorurteil. Der Begriff war für mich schon immer gefärbt von Assoziationen und Bildern, die abstossend und manchmal furchterregend wirkten, oder auch auf banale Weise grotesk. Etwa von einer einsamen alten Frau, die den in seinen Käfig gesperrten Kanarienvogel beim Namen nennt (“Hansi” im Zweifelsfall) und nur zu ihm noch spricht, um jeden Ton, den er von sich gibt, und auch sein Schweigen für eine Antwort zu nehmen. Sie schreibt ihm Dankbarkeit zu, Lebensfreude zum Beispiel, vielleicht sogar so etwas wie Verschmitztheit und Charme &#8212; vor allem aber grenzenloses Einverständnis. Nichts ist dagegen einzuwenden, im Gegenteil, wenn es der alten Frau denn hilft, ihr Leben einigermaßen gut gelaunt zuende zu bringen. Ungeheuer aber sieht diese im wörtlichen Sinn grenzenlose Vermenschlichung aus, wenn man sich überlegt, dass in ihr, unbelichtet sozusagen, auch ein weniger unschuldiger Traum vom menschlichen Zusammenleben steckt, wo die anderen – schweigend – immer nur die Bestätigung eigener Gefühle und Ansichten verkörpern sollen.</p>
<p>Die zweite Folge von Tierfreunde-Bildern setzt in meinem Kopf mit der Erinnerung an ein Bundesligaspiel der siebziger Jahre im Gelsenkirchener Parkstadion ein und mit den Polizei-Schäferhunden, deren Schnauzen allzu leidenschaftliche Fans davor abschrecken sollten, das Spielfeld zu stürmen. Wenn sie bellten, dann stiegen aus diesem Schnauzen kleine Wolken von Schäferhund-Atem auf, und ich dachte an den sarkastisch-resignierten Satz, den ich einmal von einem Freund gehört hatte und nie mehr vergessen kann: “German shepherds are wonderful with the blind &#8212; and terrible with Jews.” Da ist wieder dasselbe Problem, nun in seiner erschreckenden Version, von der grenzenlosen Projektion eigener Werte und eigener Erwartungen auf Tiere. Was man seit jeher in Schäferhunde hineingelegt hatte, Disziplin und Treue, Aggression und Gnadenlosigkeit, waren ja tatsächlich Grundwerte des Nationalsozialismus, und so gehört die Schäferhündin Blondie, die Bormann seinem Führer Hitler 1934 geschenkt hatte, mehr als nur ein Attribut zu dieser Gestalt. Auf dem Internet sind von Eva Braun aufgenommene Privatfilme zugänglich, welche die befremdliche Wärme und Zärtlichkeit vergegenwärtigen, die Hitler seinem liebsten Hund angedeihen ließ. So trug der erste von vier Welpen, die Blondie warf, denselben Namen “Wolf,” mit dem sich Hitlers Freunde und Vertraute an ihn wandten, und nur um auszuschließen, dass sie in die Hände der sowjetischen Eroberer fiele oder von hungernden Deutschen geschlachtet würde, brachte es der Besitzer über sich, sie am 29. April, dem Tag seines eigenen und des Selbstmords von Eva Braun, mit einer Zyankalikapsel töten zu lassen.</p>
<p>Gegen das, was man “Tierliebe” nennt, spricht dies alles so wenig wie Hitlers Essgewohnheiten gegen den Vegetarismus,. Aber umgekehrt wirkt es doch erschreckend plausibel, dass ein absoluten Gehorsam voraussetzender und jeden Widerspruch ausschließender Diktator eine größere Nähe und Bindung zu diesem Tier fand als vielleicht zu irgendeinem Menschen im Lauf seines glücklicherweise eher kurzen Lebens. Mir fehlt die zoologische Kompetenz und vor allem die alltägliche Vertrautheit mit Tieren, um all diese Vorurteile zu einem gerechten Urteil werden zu lassen – oder aus guten Gründen auszuräumen. Zur Entdeckung ihres persönlichen Ursprungs bräuchte ich die Hilfe eines Psychoanalytikers, und ohne ihn weiß ich allein, dass mir die Angst vor Tieren und die Ungelenkigkeit im Umgang mit ihnen schon als Kind peinlich waren, weshalb ich in der Sexta des Gymnasiums freiwillige die Aufgabe übernahm, im Auftrag des Biologielehrers ein grünliches Monatsheftchen mit dem Titel “Der kleine Tierfreund” an meine Mitschüler zum Preis von dreißig Pfennigen zu verteilen.</p>
<p>Erst in den vergangenen Jahren ist die alte Peinlichkeit zu einem intellektuellen Insuffizienzgefühl geworden – seit nämlich in einer gewandelten philosophischen Grundstimmung ein Bezug auf Tiere mit systematischer Absicht geläufig wurde, so geläufig, dass er nun fast eine Verpflichtung ist. Es geht um mehr als nur die in einer Zeit sich schärfenden ökologischen Bewusstseins politisch korrekte Verpflichtung, traditionelle Prämissen über einen hierarchisch übergeordneten Status des Menschen auf diesem Planeten oder gar im Universum aus vielfältigen Perspektiven zu überdenken &#8212; und zu lockern. In der Primatenforschung finden natürlich alle Beobachtungen und Thesen politisch korrekten Applaus, welche Anlass geben, die traditionell unterstellte Distanz zwischen Beschreibungen des menschlichen Bewusstseins und Beschreibungen seiner Primaten-Äquivalente zu reduzieren. Doch dabei bleibt ja – anthropozentrisch genug – impliziert, dass Tiere jedenfalls “so etwas wie” ein Bewusstsein haben. Die Struktur solcher Erwartungen verändert dann erst ein Buch wie Julia Fischers im vergangenen Jahr erschienene “Affengesellschaft,” das auf der Grundlage langjähriger Feldforschung zeigt, wie Funktionen oder wenigstens Teilfunktionen bestimmter menschlicher Bewusstseinsleistungen unter Primaten durch komplexe (und den Menschen nicht zugängliche) Muster von sozialem Verhalten abgedeckt werden .</p>
<p>Erst mit dieser Verschiebung des Blickwinkels setzt eine De-Anthropozentrisierung ein, meine ich, durch welche die bisher existierende Kontinuität zwischen Kanarien-Müttern oder Schäferhund-Vätern auf der einen und Verhaltensforschung auf der anderen Seite definitiv durchbrochen wird. Allein hinter dem Vorzeichen von Diskontinuität werden die Grenzen der dem Menschen durch anatomische und physiologische Voraussetzungen gegebenen Möglichkeiten und die Frage nach der bloßen Vorstellbarkeit solcher funktionalen Äquivalente zu seriösen und schwierigen Themen, während die einem bestimmten Typ von Tierfreund so lieben Sätze von der Überlegenheit der Tiere gegenüber den Menschen immer nur sagen wollen, dass Tiere “bessere Menschen” seien – nach den auf sie projizierten normativen Ansprüchen ihrer Besitzer jedenfalls. Als dieser traditionellen Position geometrisch entgegengesetzt verstehe auch den in Princeton lehrenden Peter Singer, der “animal rights” nicht einfordert, weil er unterstellt, dass Tiere den Menschen so ähnlich sind, sondern gerade weil wir eine unüberbrückbare Verschiedenheit zwischen ihnen nicht ausschließen können. Ob und wie ein Tier beim Schlachten “leidet,” werden wir nie wissen, und gerade deshalb, meint Singer, brauchen wir “animal rights.”</p>
<p>In den Zusammenhang jener Perspektivenverschiebung gehört auch Robert Musils berühmte Formulierung von der “Intelligenz eines Rennpferds,” die man, meine ich, über Jahrzehnte als ironisch missverstanden hat. Sie wiederum kann zu der Frage führen, ob nicht in jene Beobachtungen, welche zu dem vor einem halben Jahrhundert so beliebten (und heute nur noch zögernd verwandten) Begriff von den “kollektiven Handlungen” geführt haben, eine dem Bewusstsein nicht zugängliche Form von Koordinations-Intelligenz eingeht. Adam Smith, der schottische Aufklärer und Begründer eines Diskurses über den Kapitalismus, lenkte einmal den Blick seiner Leser auf nebeneinander rennende Hunde, deren Bewegungsanpassung durch kein Training und keinen Drill je von einem Menschen zu erreichen wäre. Und in noch höherem Nass gilt für Vogelschwärme.</p>
<p>Schließlich wendet eine Spekulation des kanadischen Philosophen Ian Hacking die neue Faszination der Tiere ganz auf den Menschen zurück. Hacking setzt die zum banalen Bildungswissen gehörende These, dass am Anfang des engen Kontakts zu den sogenannten “Haustieren” Interessen an ihrer potentiellen Nützlichkeit gestanden sein müssten (Hunde können dem Schutz der Menschen, Bienen ihrer Ernährung dienen) einer neuen Skepsis aus. Wäre es nicht denkbar, dass solchen von früher Rationalität gestalteten Beziehungen eine Freude &#8212; vielleicht sogar eine wechselseitige Freude – an der Wärme der Körper oder an jenen verschiedenen, nicht unter praktische Funktionen zu subsumierenden Verhaltensformen vorausgegangen sein könnten, für die wir das Wort “Spiel” verwenden? Diese Frage weckt in meiner Vorstellung ein Bild vom Leben des frühen Homo sapiens, der nur wenige wache Stunden des Tages für Aufgaben des Überlebens gebraucht haben soll, während der größere Teil seiner Zeit frei blieb für eine von Augenblick zu Augenblick immer wieder erfüllbare Nähe zur unbelebten und zur belebten physischen Umwelt, für eine Nähe, mit der uns keine Begriffe und Erinnerungen mehr verbinden und wohl je verbunden haben. Von dort kommen die Sehnsucht und der Traum, wie ein Tier zu sein, zu fliegen etwa wie ein Vogel, ohne Gedanken an ein Ziel und mit dem Wind in den Flügeln.</p>
<p>Vielleicht ist eine Ahnung von diesem Bild, eine Ahnung, dass es möglich sein müsste, in Freiheit ein Teil der Umwelt zu sein, vielleicht ist eine solche Ahnung der unsichtbare Urgrund aller Utopien in der menschlichen Kultur, eine Ahnung an die wir uns gerade heute gewiss nicht zufällig wieder annähern, in einer Gegenwart, wo selbst die reichlich zur Verfügung stehenden Stunden der Freizeit blockiert sind von Plänen und Absichten, die uns mobil halten und weder zum ersehnten Ziel führen noch Glück stiften.</p>
<p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/digital/author/rooneywayne/">rooneywayne</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/digital">Digital/Pausen</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Am Ende der Ideologien steht Politikmüdigkeit</title>
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		<pubDate>Fri, 19 Apr 2013 08:00:16 +0000</pubDate>
		<dc:creator>rooneywayne</dc:creator>
		
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		<description><![CDATA[<p>Über nichts regt sich der anspruchsvolle Bürger mehr auf als über Politikmüdigkeit. Aber zeigt sie nicht nur, dass wir endlich vom Zeitalter der Ideologien erlöst sind? <a href="http://blogs.faz.net/digital/2013/04/19/am-ende-der-ideologien-steht-politikmudigkeit-233/"></a></p><p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/digital/author/rooneywayne/">rooneywayne</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/digital">Digital/Pausen</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Wenn die Themen ausgehen in einer halb-privaten Konversation, kann man heute immer auf die Klage über Politikmüdigkeit zurückkommen &#8212; und das Gespräch wenigstens bis zum Schweigen nach dem dann schnell sich einstellenden Konsens weiterbewegen. Denn ganz ohne Problem bezieht ja der aufgeklärte Mittel-Bürger des einundzwanzigsten Jahrhunderts (und wer gehörte nicht zu dieser Mehrheit?) eine kritische Beobachterposition außerhalb der Gesellschaft, schreibt sich selbst all die zivilen Tugenden zu, die er leider den anderen absprechen muss – und zeigt sich besorgt. Bezugspunkt der Sorge sind vor allem die international seit langem zurückgehenden Prozentzahlen der Beteiligung bei transnationalen, nationalen und regionalen Wahlen, aber man kann auch die alltäglichen Gespräche über Poliitk ins Visier nehmen, die tatsächlich eigenartig müde und sehr selten geworden sind – und (warum nicht?) auch gleich noch die eigene Unterhaltung, in der, wie sie so dahinplätschert, nichts so sehr fehlt wie eine Leidenschaft, an die man sich fast wehmütig erinnert. Vielleicht ist es aber gar nicht so, wie oft unterstellt wird, dass nämlich den Politikern der Gegenwart, die in Deutschand zum Beispiel Merkel, Westerwelle oder Schäuble heißen, eine Aura abgeht, über die ihre Vorgänger vor einigen Jahrzehnten, Brandt und Schmidt, Adenauer und Strauß, ganz natürlich zu verfügen schienen; vielleicht sind die Nachfolger “objektiv,” wenn man das Wort noch benutzen will, gar nicht so schlecht, sondern sehen nur in unseren Augen langweilig aus, in den matten Augen von denen, als deren Vertreter sie im Bundestag sitzen.</p>
<p>Politik reisst uns eigentlich nur noch mit, wenn wir solche Beobachtungen moralisch wenden, um uns über die zu entrüsten, denen es in Wirklichkeit genauso geht wie uns – und irgendwann stellt sich die Erkenntis ein, dass Politikverdrossenheit vor allem ein unvorhergesehener Nebeneffekt des Endes der Ideologien ist, von dem wir doch vor gar nicht so langer Zeit alle geträumt hatten. Das große Zeitalter der Ideologien, der politischen Ideen, welche Gemüter erhitzten und Berge versetzen wollten, war die frühe Mitte der vorigen Jahrhunderts, von der Vorphase der Sowjetrevolution bis hin zu jener Studentenrevolte von 1968, die sich so jugendlich ernst nahm. Davor war die Zeit seit den bürgerlichen Revolutionen bis zum Jahr 1917 gefüllt gewesen von vielen einzelnen, sich oft mittelfristig einander neutralisierenden Fort- und Rückschritten auf dem Weg jener Befreiung von gesellschaftlichen und politischen Hierarchien, zu der die Aufklärung mit Donnerhall geblasen hatte. Erst nach dem ersten Weltkrieg hatte sich endlich der Status des vor dem Gesetz gleichen und sozial unabhängigen Bürgers zum Normalfall in den europäischen und amerikanischen Nationen entwickelt. Und sobald also “Freiheit” und “Befreiung,” die damals schon seit über einem Jahrhundert vom allerintensivsten Pathos aufgeladenen Begriffe, ihrer konkreten Bezüge und ihrer Programmatik entleert waren, wurden sie aufgeladen mit imaginären Feinden und Unterdrückern, die sich im Alltag keinesfalls entdecken und konfrontieren ließen: mit Kapitalismus und Klassenfeinden, mit unterlegenen, aber gefährlichen Rassen, denen das Recht aufs bloße Leben abgesprochen wurde, aber auch mit kommunistischen Verrätern als Bedrohung der eigenen Freiheit – und am Ende sogar mit einer ganzen Elterngeneration, die wir in der Vergangenheit ihrer Jugend verstrickt sehen wollten. Die italienischen “Brigate Rosse” und die “Rote Armee Fraktion” des deutschen Herbsts gaben jener Epoche ihrer groteske und weiterhin  bedingungslos gefährliche Leichenstarre, deren Gesicht noch heute – wie ein Spuk und schwacher Nachhall – über Kuba, Venezuela oder Nordkorea aufflackert.</p>
<p>Wirkliche, individuell und kollektiv verkörperte Feinde können mehr konkrete Befürchtungen, aber nie ähnliche Feuer der aggressiven Leidenschaft und der Angst entfachen wie jene imaginären Feinde, welche die Ideologien ausmachten &#8212; und von Ideologen über Mikrophone und Radios ins Grenzenlose gesteigert wurden. Ihr singuläres Vernichtungspotential entluden sie, wenn immer es einem ihrer Propheten einfiel und gelang, einen Schatten der imaginären Feindbilder über eine Gruppe von Menschen in der eigenen Gesellschaft zu werfen. Solche Momente waren der Ursprung jener Genozide, mit denen als Narben das zwanzigste Jahrhundert vergangen ist. In der Welt, die wir “Westen” nennen, sind sie spätestens seit 1989 nicht mehr vorgekommen, und damit hat sich eine historisch einmalige  – einmalig aggressive und reaktive – Intensität in der politischen Partizpation abgekühlt.</p>
<p>Unter parlamentarisch-demokratischen Bedingungen sind ideologische Positionen mittlerweile zu Splitterparteien an den Rändern verkümmert. Das Spektrum unserer unvergleichkich breiten “Mitte” hingegen ist besetzt von “politischen” Institutionen, die sich um generalisierte Individual-Probleme kümmern: um Krankenversicherung, Kosten und Inhalte der Ausbildung, Steuern. Für Außen- oder gar Militärpolitik gibt es nur noch über die Vermittlung von wirtschaftlichen Belangen Interesse, und zum einzigen Anliegen von kollektiver Relevanz ist der Schutz der Umwelt geworden. Im Verhältnis zu dem aber lässt sich in den Gegenwart kaum ein imaginärer Feind ausmachen, weil fast alle Verantwortlichen für einschneidend-irrversible Umweltschäden längst das Zeitliche gesegnet haben. So geht es in der Politik jetzt nur um Steuern, Ausblidung und Versorgung, Versorgung, Ausbildung und Steuern &#8212; und keiner käme mehr auf den Gedanken, selbst Opfer einer Verschwörung zu sein. Allenfalls die “Gier der Reichen” hat man als kollektive Bedrohung angepeilt und ereifert sich nun in Debatten über eine Diätetik von Einkommensgrenzen, die allzu starken Appetit  zähmen sollen. Im großen Ganzen aber sind wir schon zufrieden mit den Politikern, die wir wählen, und werfen ihnen nie vor, die Feinde bestimmter sozialer Gruppen oder gar der ganzen Gesellschaft zu sein. Der jeweils nächsten Politiker-Riege trauen wir sogar zu, dass sie bessere Lösungen und Strategien für schon lang anstehende Probleme findet. Mehr denn je sind aus der Politikerklasse “Menschen wie du und ich” geworden.</p>
<p>Niemand kann diese Entwicklung im Ernst bedauern, Etwas optimistisch lässt sie sich ja sogar als Endpunkt einer kollektiven Befreiungsbewegung deuten, die in Wellen seit der frühen Neuzeit fortgewirkt hat. Aber es liegt, aus historischer Perspektive gesehen, eine beinahe paradoxale Logik im Erreichen von großen Zielen. Alexandre Kojève hat sie in seiner berühmten Interpretation von Hegels Geschichtsphilosophie entfaltet. Wenn ein lange hochgehaltenes Ziel endlich erreicht ist (wenn zum Beispiel der Geist und die Materie sich wieder vereingt haben), setzt ein Motivationsverlust ein, der Kojève im Blick auf Hegel fragen ließ, ob die Menschen am Ende der “Geschichte” &#8212; und Beginn einer großen Müdigkeit &#8212; nicht wieder in einen Naturzustand zurückfallen müssten, weil sie sich aus der Natur nur durch beständige Anstrengung erhoben haben. Politikmüdigkeit ist ein Symptom dafür, dass wir nun schon einige Zeit aus der Epoche der Ideologien herausgetreten sind und &#8212; im sozialdemokratistischen Europa vielleicht sogar aus der Epoche der “Politik” &#8212; weil es kollektive Ziele und imaginäre Feinde gar nicht mehr gibt, und fast alle damit zufrieden sind.</p>
<p>Das muss uns nicht berunruhigen. Angesichts der fortlaufenden Zunahme von Politikmüdigkeit wird bloß eines Tages die Frage aufkommen, ob sich Politiker bei zehn Prozent Wahlbeteiligung noch “Volksvertreter” nennen sollten.</p>
<p>ü</p>
<p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/digital/author/rooneywayne/">rooneywayne</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/digital">Digital/Pausen</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Dekantieren am Abgrund</title>
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		<pubDate>Fri, 12 Apr 2013 08:00:14 +0000</pubDate>
		<dc:creator>rooneywayne</dc:creator>
		
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		<description><![CDATA[<p>Der Wein und seine gepflegten Rituale erobern die Welt. Welche Funktion haben sie -- und müssen Wein-Zeremonien wirklich so weihevoll sein, wie sie sich geben? <a href="http://blogs.faz.net/digital/2013/04/12/dekantieren-am-abgrund-228/"></a></p><p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/digital/author/rooneywayne/">rooneywayne</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/digital">Digital/Pausen</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Selbst wenn Sie ein eingeschworen-exklusiver Biertrinker, ein Nichtalkoholker (erstaunlich übrigens, wie wenig freiwllige Nichtalkoholiker man in einer Gegenwart des boomenden Vegetarismus trifft) oder ein halb bis ganz professioneller Wein-Connaisseur sind, selbst dann kennen Sie – vom Zuschauen wenigstens – das mulmige Gefühl einer kulturellen Mehrheit, aus deren Peinlichkeits-Perspektive ich schreiben will. Noch nie ist ja soviel auswärts gegessen worden wie heute, durchaus auch in Lokalen, die sich für “anspruchsvoll” halten und wie Pilze aus den Baulücken oder durch Räumungsverkäufe freigewordenen Kubikmetern der Innenstädte schießen. Und das Prädikat “anspruchsvoll, verdient sich ein Restaurant, global, kann man sagen, vor allem durch seine Weinkarte. Darauf will ich hinaus, und da genau fängt eben das mulmige Gefühl an.</p>
<p>Denn die meisten Gäste sind, Hand aufs Herz, von den Weinkarten, die ihnen keine Sekunde später als die Speisekarte gereicht werden, ganz und gar überfordert. Der Normalkunde vermag zu unterscheiden zwischen Schaum-, Weiß- und Rotweinen (welches Wissen angesichts des Umfangs vieler Weinkarten allerdings eines eigenen Inhaltsverzeichnisses bedarf, um zur Anwendung zu kommen) &#8212; und natürlich auch zwischen den verschiedenen Preisen. Wie der Wein, den ich am Ende auswähle, schmecken wird, das kann ich mir – vage, im besten Fall und als eigentlich begeisterter Weintrinker – höchstens in einem von zehn Fällen vorstellen. Natürlich, ich sollte den Kellner fragen oder gar einen der ordensbeladenen Sommeliers heraufbeschwören. Für oder gegen diese Mutprobe entscheidet sich der Gast je nach Temperament. Die Schüchternen bestellen mit verkniffenen Lippen (und mit der Angst im Hals, den Weinnamen falsch auszusprechen) selbst eine Marke, die sie kennen und immer schon sauer fanden, oder auch, um einen guten Eindruck zu machen, eine teure Sorte &#8212; wenn sie sich nicht ohnehin gleich dem Zufall ergeben. Wer Risiko liebt, kann natürlich auch ein Gespräch mit dem Oberkellner oder dem Sommelier beginnen, bei man entweder schweigt und dann keine Chance hat, die sofort einsetzende Suada zum Halten zu bringen &#8212; oder redselig von eigenen Weinerlebnissen berichtet (“in Iphofen, wo ich meinen Rotwein kaufe”), mit der kaum zu elimierenden Gefahr, sich bis auf die Knochen zu blamieren. Nichts ist jedenfalls schwerer und mutiger, als sich der ja nicht nur gut gemeinten Empfehlung zur allerteuersten Flasche zu verweigern.</p>
<p>Irgendwann kommt die Flasche dann zum Tisch, womit ueberhaupt erst der zentrale Akt der Wein-Passion anhebt – und ein Abgrund sich öffnet, der jeden mühsam erworbenen sozialen Status verschlingen kann. Der Wein wird dekantiert, das heißt vorsichtig aus der Flasche in ein bauchiges Gefäß gegossen, und weil dies erstaunlich viel Zeit in Anspruch nimmt, ohne dass der Sinn des Rituals jedem Kunden evident ist, kommt schon wieder die Gefahr auf, eine falsche Frage zu stellen. Am schlimmsten wäre es natürlich, darauf zu bestehen, dass der Sommelier den dekantierten Wein sofort ins Glas gießt. Denn damit hätten Sie preisgegeben, dass Sie Ihren teuren Wein nicht atmen lassen wollen und ihn also wirklich nur gewählt haben, um Eindruck zu schinden. </p>
<p>Wer hingegen bis dahin alle Klippen umschifft und noch zehn Minuten Geduld hat, der nähert sich dem rettenden Ziel der Probe im doppelten Sinn des Worts. Endlich wird der kostbare Tropfen (den natürlich seit den Rheinwein-seligen Zeiten von Konrad Adenauer niemand mehr so nennt) eingeschenkt, “wer mag probieren,” sagt der Sommelier ausnahmsweise leutselig, und zu antworten “die Dame!” gilt weniger als ein Zeichen galanter Perfektion denn als strafwürdiges Desinteresse (weil man sich bei jeder Stufe der Zeremonie das Recht verdienen muss, die teure Sorte bestellt zu haben). In den Vereinigten Staaten mehr noch als in Europa, ist es wichtig, zunächst mit leichtem Druck auf das untere Ende des Glases den Wein, als sei man ein wenig ungeduldig, in leicht kreisende Bewegung zu schwenken. Man fasst die Flüssigkeit respektvoll-ernst ins Auge, hebt das Glas unter die Nase, riecht, ohne das Riechen in ein Geräusch umschlagen zu lassen, führt es endlich zum Mund – und nippt. Danach der stille  Moment der Reflexion, begleitet von einer verhaltenen Mundbewegung. Schiefgehen kann nicht mehr viel. Jetzt allerdings zu sagen, dass der Wein “korkt,” entspricht einem willfährigen Lösen der Notbremse im ICE – alle kommen aus dem Rhythmus, sind frustriert und können doch erstmal nichts dagegen tun. Peinlicher sind auch hier Ausrufe aus dem Register der Adenauer-Zeit wie “kostbares Tröpfchen” oder, protzig statt lauschig: “ganz vorzüglich” und “Donnerwetter!” Als zulässig gelten allein Semantiken (dieses Plural in ihr Lexikon aufzunehmen, empfehle ich den wahren Weinkennern) des Sublimen – oder beredte Sprachlosigkeit. “Mein Gott,” “nicht zu fassen,” alternativ ein einvernehmliches aber nur leichtes Nicken hin zum Sommelier, die beglückte Sekunde in den Augen der Gattin oder ein Ausdruck fassungslosen Transfiguriert-Seins (das den meisten Gästen eher schwer fällt).</p>
<p>An dieser Stelle ließe sich nun der in der Populär-Soziologie so beliebte “Bewohner eines anderen Sterns” herbeizitieren (oder auch der “gute Wilde” aus dem Zeitalter der Aufklärung), die dieses Ritual befremdlich oder lächerlich fänden angesichts seiner evidenten Dysfunktionalität. Aber das wäre nicht weniger banal als die früher viel gebrauchte Beschreibung des Fußballs als “zweimal elf erwachsene Männer, die einem Ball hinterherrennen.”  Rituale, nicht nur Rituale der gesellschaftlichen Distinktion, erscheinen prinzipiell funktionslos außerhalb ihres jeweiligen Kontexts – und deshalb immer potentiell lächerlich. Was das Weinritual zu einem extremen Fall dieser Gattung macht, ist die Asymmetrie zwischen der Komplexität seiner internen Struktur, welche über Jahrhunderte unter Weinkennern entstanden ist, und dem heute zu beobachtenden demographischen Sog einer Partizipation, dem sich aus guten Gründen kaum ein sozial Ehrgeiziger entziehen möchte. Ich weiß von einem jungen Kollegen aus Brasilien, der in einer Favela aufgewachsen war – und sich als Strategie des Erfolgs auf der akademischen Karriereleiter in einem nicht überteuerten Kurs zum Weinkenner ausbilden ließ – mit Erfolg. Seine Option finde ich überzeugender und auch sympathischer als den Fallschirmabsprung eines Opel-Händlers aus Witten, der – ganz ohne alle Konkurrenz, aber “als Allererster” &#8212; den Beaujolais Primeur eines Jahrgangs in seine Heimat an der Ruhr bringen wollte. Aber welches unter stets vielen zur Verfügung stehenden Ritualen in einem bestimmten geschichtlichen Moment zum Magneten für sozial Ehrgeizige wird, das scheint nicht bloß auf den ersten Blick zufällig – sondern lässt sich wohl nur in wenigen Fällen überhaupt erklären.</p>
<p>Übel nehme ich den Weinkennern am Ende nur die – wenn man es genau nehmen will: unverantwortliche – Beschreibungssprache, die sie kultivieren. Warum ist eigentlich um Designer-Krawatten, Designer-Kleinstmöbel oder Designer-Schreibgeräte, als Artikel in vergleichbarer Preislage, ein solcher Diskurs nie entstanden, der Adjektive und Substantive in litaneiischer Unendlichkeit reiht, ohne dass sich deren (nach dem Prinzip: je mehr, desto besser) akkumulierte Bedeutungen je zu einer inhaltlichen Konfiguration zusammenfügten und im Ernst mit unseren prinzipiell – aus physiologischen Gruenden eher unterkomplexen – Geschmackseindrücken assoziieren ließen? Hilft irgendjemanden die Rede vom “leicht rauchigen Waldbeeren- und kräftig säuerlichen Kirschengeschmack mit mild verzögertem Abgang”? Sie mag niemandem helfen, aber sie hat ihren Grund. Denn es ist eine weitere Folge der Assymetrie zwischen Wein als einer höchst differenzierten, historisch gewachsenen Kulturtechnik und der überwältigend breiten Partizipation heute, dass eine verwirrende Zahl von Wein-Sorten auf dem Markt sind, unter denen einige – und dagegen ist natürlich nichts einzuwenden &#8212; astronomische Preise erzielen. Für einen Wein aber kann sich der Kunde nicht – wie für Krawatten oder Möbel – “auf den ersten Blick” entscheiden. Wenn der Wein-Konsument endlich weiß, worauf er sich eingelassen hat, ist es zum Umtausch zu spät. Die Anbieter sind also zum differenzierenden Beschreiben gezwungen – und ich will gar nicht in Abrede stellen, dass sie selbst all das zu schmecken glauben, wovon sie so wortreich reden und schreiben. Grundsätzlich stellt sich deshalb &#8212; wieder einmal &#8212; die Frage, ob differenzierte Urteile und Erinnerungen des Schmeckens und des Geschmacks je in Sprache übertragen werden können.</p>
<p>Wir stoßen hier auf ein objektives Dilemma. Goethe zum Beispiel, der zeit seines Lebens gerne Wein trank und deshalb ein Kenner gewesen sein muss, hub zwar oft (nicht immer mit seinem besten Versen) zum Lob des Weins an (“der Frankenwein ist ganz gewiss / ein Vorgeschmack zum Paradies”), blieb aber dabei durchaus unspezifisch. Natürlich, kann man einwenden, er musste ja auch keinen Wein an den Kunden oder Gast bringen. Aber vielleicht sollten wir Wein-Laien einfach darauf verzichten, die jeweils volle Komplexität des Angebots durchsortieren zu wollen &#8212; und uns auf die wenigen Unterscheidungen verlassen (und die Namen aus dem Gedächtnis: mein Freund Klaus zieht “1968er güldene Abtsleite” vor), welche uns ohnehin zur Verfügung stehen, zusammen mit dem Urteil der Spezialisten, an die wir diese Wörter und Namen als Bestellung weitergeben. Allzu lange Wort-Kaskaden machen den Geschmack ja taub. </p>
<p>In Santiago de Chile, wo ich diesen Blog schreibe, scheinen die Kellner und Gaeste davon ebenso eine gelassene Ahnung zu haben wie in Lissabon oder Biel. In Witten, Houston und Berlin eher weniger.</p>
<p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/digital/author/rooneywayne/">rooneywayne</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/digital">Digital/Pausen</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></content:encoded>
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