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Digital Twin

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Das Netzweltblog

08. Mai. 2015
von Jonas Jansen

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Kampf der Spiele-Klonkrieger

Hin und her in der Entwicklerszene: Streit gab es nicht nur um Pong.© mbiebusch on FlickrHin und her in der Entwicklerszene: Streit gab es nicht nur um Pong.

Vor ein paar Tagen wurde das Spiel „Threes“ aus dem digitalen Verkaufsraum für alle Android-Apps, dem Google Play Store, entfernt, weil es zu gut war. Threes stammt von Asher Vollmer und ist ein Spiel, bei dem man Blöcke verschiebt, fusioniert und so Punkte erzielt; in seiner Einfachheit ist es leicht zu lernen, aber schwer zu schlagen – es hat also alle Zutaten, um in der U-Bahn oder Wartezimmer für perfekte Ablenkung zu sorgen.

Allerdings tauchte nur wenige Tage nach der Veröffentlichung im Netz ein Spiel namens „2048“ auf, das heute mehr Leuten bekannt ist als Threes, aber genauso funktioniert. Weil der Ableger so erfolgreich war, gab es innerhalb kürzester Zeit weitere Klone des Klons. Wenn man heute nach 2048 in Apples App-Store sucht, findet man dutzende ähnliche Apps, Threes taucht nicht mehr auf. Vollmer und sein Entwicklerkollege Greg Wohlwend wollten das zumindest im Google Play Store ändern und fügten 2048 als Suchbegriff hinzu. Was dazu führte, dass Google das Originalspiel als Klon identifizierte und löschte.

Ein Jahr hat Vollmer für die Entwicklung seines Spiels benötigt. In seiner Wut blieb ihm nichts anderes übrig, als darüber zu twittern, ein verärgerter Ruf des Entwicklers, nicht der erste seit der Veröffentlichung von Threes im Jahr 2014: Denn die Klone blieben, auch nach mehreren wütenden Blogposts von Vollmer und seinem Partner Wohlwend. Sogar, nachdem sie 2014 mit dem „Apple Design Award“ ausgezeichnet wurden. Vollmer und Wohlwend sagen zwar, eine Kopie sei für Spieleentwickler das größte Kompliment. Wenn sie aber so kurz nach dem Original herauskomme, schade sie den Machern nur. Das Ergebnis: weniger Umsatz, geringerer Bekanntheitsgrad und das schale Gefühl, dass die eigene, mühsame Arbeit zunichte gemacht wurde.

Wo Inspiration aufhört und das Plagiat anfängt

Dieses Problem haben zahlreiche Videospiele, wie ein Vortrag der Wissenschaftler Christian Katzenbach und Lies van Roessel bei der Re:publica in dieser Woche zeigte. Der Experte für Urheberrecht und die Game-Forscherin haben dort erste Ergebnisse einer Langzeitstudie zu Kopien in der Spieleindustrie vorgestellt – und im Publikum, das einer Internetkonferenz angemessen mit digital vernetzten Personen besetzt war, kannten mehr Leute „2048“ als „Threes“. 

Der Fall des Blockspiels ist nur das aktuellste Beispiel in einer langen Geschichte von Streitigkeiten um Ideen, Copyrights und die Frage, wo Inspiration aufhört und das Plagiat anfängt. Bereits der Spieleklassiker „Pong“ aus dem Jahr 1972 war ein Grund für Streit: Die Firma Magnavox warf dem Pong-Erfinder Atari vor, die Idee „Tischtennis auf einem Bildschirm“ sei von einem ihrer Entwickler gestohlen. Die Pong-Automaten wurden ebenfalls hundertfach kopiert, damals noch als eigenständige Konsolen, nicht in Form von Software. Auch Pacman, Tetris, Tiny Towers und andere Spieleklassiker inspirierten Entwickler, Plagiate zu entwickeln, um vom Erfolg des Prototyps zu profitieren. Heute muss eine App nicht mal wahnsinnig erfolgreich sein, um kopiert zu werden: Der deutsche Programmier Martin Pittenauer zum Beispiel hat erfahren müssen, dass sein Spiel „Rules!“ innerhalb kürzester Zeit nahezu identisch unter dem Namen „The Rules“ als Browserspiel zu finden war.

Blappy Flirds, Fly Birds, und Tapping Birds

Nicht mehr im App-Store: Flappy Bird© Screenshot: Flappy Bird/jjansenNicht mehr im App-Store: Flappy Bird

Spiele aus den App-Charts laden Nachahmer ein. Der wohl prominenteste Fall kommt aus Vietnam: Noch heute findet man Tausende Plagiate von „Flappy Bird“ bei Microsoft, Apple oder Google. Der Entwickler Dong Ngyuen hatte 2013 mediale Aufmerksamkeit dadurch bekommen, dass er sich über zu viel Aufmerksamkeit für sein Spiel beklagte, bei dem man einen Vogel mit Fingertippen an Röhren vorbeimanövriert. Zwischenzeitlich verdiente er nach eigenen Angaben knapp 50000 Dollar am Tag einzig mit Werbebannern, die in der kostenlosen App eingeblendet wurden. „Flappy Bird“ wurde millionenfach heruntergeladen und gespielt. Doch die Aufmerksamkeit von allen Seiten und der Hass, der ihm seitens Spieler (zu schwer, keine Updates, mehr Funktionen!), Eltern (meine Kinder werden süchtig) und Entwicklern (zu viel Ideen geklaut!) entgegenschlug, wurde Ngyuen zu viel, weshalb er das Spiel am 9. Feburar 2014 aus allen App Stores entfernte – Klone gibt es aber zu genüge, worüber sich der Entwickler natürlich auch beschwerte.

Game Over: An der Röhre gescheitert© Screenshot: Flappy Bird/jjansenGame Over: An der Röhre gescheitert

Ngyuen wurde ebenfalls vorgeworfen, sich bei anderen Spielen bedient zu haben: Sein Vogel erinnere an eine Mischung aus dem Twitter-Vogel und Angry Birds, die grünen Röhren sähen exakt so aus wie bei den alten Super-Mario-Spielen. Die Entwicklerleistung liegt vor allem im Gameplay: ein Fingertippen auf das Smartphone-Display hält den Vogel in der Luft. Das macht das Flappy Bird zwar außergewöhnlich simpel, aber auch schwer zu spielen. Allerdings musste Nguyen die Erfahrung machen, dass sich diese Spielphysik kaum urheberrechtlich schützen lässt. Bei seinem nächsten Spiel „Swing Copters“ sicherte er sich deshalb den Namen, damit nicht wie im Fall von Flappy Bird in den virtuellen Einkaufszentren Blappy Flirds, Fly Birds, Tapping Birds und ähnliche Klone auftauchen konnten.

Rennen, hüpfen und ducken wird wohl noch erlaubt sein

Die Forscher Katzenbach und van Roessel haben in Interviews mit Entwicklern versucht herauszufinden, warum es bei Spielen so viel schwieriger ist, Urheberrechtsfragen zu klären, als bei anderen Medien. „Unsere Erfahrung war, dass Spieleentwickler keine Ahnung von Urheberrecht haben und auch nicht mit Juristen reden“, sagt Katzenbach. Bei dem kreativen Prozess ein Spiel zu entwickeln, spielt das Urheberrecht eine untergeordnete Rolle. Van Roessel berichtet, dass es schwierig war, die 25 Interviewpartner für ihre Studie zu finden, weil viele Entwickler nur ungern über das Thema reden. Denn Copyright-Streitigkeiten tragen sie meist außergerichtlich aus. Die Sorge ist groß mit Gerichtsentscheidungen einen Präzedenzfall zu schaffen, der die Entwicklung neuer Spiele behindern würde.

Look at the Highscore© Screenshot Flappy Bird/jjansenLook at the Highscore

Außerdem stehen viele Entwickler meist auf beiden Seiten: Mal lassen sie sich selbst über die Maßen inspirieren, mal werden ihre eigenen Konzepte übernommen. Sie sind Opfer und Täter zugleich. „Und jedem Entwickler ist klar: Core Mechanics wie Sprünge dürfen niemals geschützt werden“, sagt Katzenbach. Die klassische Steuerung von Jump`n`Run-Spielen wie rennen, hüpfen, ducken, Münzen sammeln ist so etabliert – niemand würde auf die Idee kommen, sie zu schützen. Auch die First-Person-Sicht und generelle Optik in Ego-Shootern wie „Call of Duty“ wäre ohne Vorbilder wie „Castle Wolfenstein“ niemals möglich gewesen.

Die Forscher, die am Berliner „Alexander-Humboldt-Institut für Internet und Gesellschaft“ (HIIG) die Spieleindustrie untersuchen, wollen herausfinden, wie sich die Entwickler selbst organisieren, wenn die Rechtssprechung keinen ausreichenden Rahmen schafft. In der Spielebranche gibt es oft eine Art ethischen Code, an den man sich halten soll, und den der Branchenverband „Internationale Spieleentwickler-Vereinigung“ (IGDA) bereits 2003 so festgeschrieben hat:

«One must avoid any outright stealing of other’s work. It is not fair to them and you would likely find yourself in trouble eventually.» IGDA

«Even if you were only inspired by someone else’s work then consider giving them some credit.» IGDA 

Auf der Re:publica-Bühne argumentierten Katzenbach und van Roessel mit dem Beispiel des universellen Spieleklassikers Schach: Als regelbasiertes Spiel ist die Idee „Schach“ nicht geschützt. Spiele, die das Prinzip aufgreifen, aber den Stil verändern, sind es allerdings. Zum Beispiel Harry-Potter- oder Simpsons-Schachfiguren. Denn sie sind namensrechtlich geschützt. Das Problem für die Entwickler aber besteht darin, dass sich die Spielerfahrung trotzdem gleicht: Ob man nun Schach mit normalen Figuren oder mit Bart und Homer Simpson spielt, macht wenig Unterschied; es geht um die gleichen Züge, die gleiche Taktik. Für den Nutzer macht es keinen Unterschied, wer die Idee hatte, wenn das Spielprinzip dasselbe ist. Und genau das ist das Problem für die Macher von „Threes“: Für sie geht ein Jahr Arbeit verloren, sobald jemand 2048 herunterlädt. Der Spieler hingegen spart 1,99 Euro.

08. Mai. 2015
von Jonas Jansen

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24. Apr. 2015
von Morten Freidel
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„Googles weiße Weste hat Flecken bekommen“

© Fritz SchumannKämpft für mehr Datenschutz: Jan Philipp Albrecht.

Die EU-Kommission hat Beschwerde gegen Google eingelegt. Warum?

Es geht darum, dass Google möglicherweise eigene Produkte oder die von Partnerunternehmen bevorzugt, zum Beispiel indem es sie in den Suchergebnissen nach vorne stellt, während das, was die Konkurrenz anbietet, nach hinten rückt. Das wäre natürlich schon ein sehr harter Eingriff. Sollte es sich bewahrheiten, verstieße das gegen den fairen Wettbewerb.

Sie spielen auf den Dienst Google-Shopping an, wo man Waren direkt bestellen kann, statt auf die Seiten von Drittanbietern weitergeleitet zu werden.

Natürlich spielt das eine große Rolle, da sieht man die Bevorzugung am ehesten. Wir müssen aber davon ausgehen, dass auch andere Bereiche der Google-Suche Wettbewerbsverzerrungen enthalten können.

Erleichtert Google-Shopping den Verbrauchern nicht ihren Einkauf?

Sicher. Man kann es aber auch andersherum betrachten: Mittlerweile wird sehr viel über die Plattform Google gefunden und gekauft. Jemand, der ein Produkt im Internet anbieten möchte, kann Google also nicht einfach ignorieren. Deshalb ist er eindeutig darauf angewiesen, dass er dort die gleichen Chancen hat wie jeder andere Konkurrent.

Glauben Sie, dass Googles Vorsprung uneinholbar ist?

Ich glaube jedenfalls nicht, dass es gelingen wird, kurzfristig eine Alternative zu Googles Suchmaschine aus dem Boden zu stampfen. Völlig unabhängig davon, ob das langfristig möglich sein sollte: Wir benötigen ein allgemeines Regelwerk für Suchmaschinen. Es muss klar sein, dass Google als immens wichtiges Portal mit einem solch hohen Marktanteil neutral bleibt und nicht die eigenen Produkte bevorzugt. Dann nämlich haben Anbieter schlichtweg keine Chance mehr, im Markt noch vorzukommen.

Die Google-Suche ist personalisiert, auf den jeweiligen Nutzer zugeschnitten. Sie bezieht frühere Anfragen mit ein und den momentanen Standort. Das ist für den Nutzer auch von Vorteil. Ist eine neutrale Suche nicht unpraktisch?

Es ist vollkommen klar, dass Google seine Suchdienste nach eigenen Kriterien betreibt. Das heißt, mir werden eben keine komplett neutralen Suchergebnisse angezeigt. Dann aber müssen die Wettbewerbs- und Datenschutzbehörden die Möglichkeit bekommen, die dahinterstehenden Algorithmen zu überprüfen. Nur so können sie entscheiden, ob es fair zugeht, ob Google sich an die Regeln des Wettbewerbs hält und an den Datenschutz. Zurzeit haben sie keinen Einblick. Deshalb glaube ich, dass wir in absehbarer Zeit nicht umhinkommen, Google zur Offenlegung seiner Algorithmen zu verpflichten. Sonst kann man Rechtsverstöße und Diskriminierungen nicht ausschließen.

Einige IT-Experten sagen, eine Offenlegung von Algorithmen werde wenig ausrichten. Googles Vorsprung seien Daten, keine Algorithmen.

Es stimmt, dass Google erhebliche Macht hat. Neunzig Prozent Marktanteil in Europa bei Suchmaschinen kann man nicht einfach über Nacht einholen. Das liegt sicher daran, dass viele Google gern nutzen; und es kann selbstverständlich auch nicht Aufgabe der Wettbewerbshüter sein, nach den Interessen von Googles Konkurrenten zu handeln oder Unternehmen künstlich klein zu machen. Sondern nur, einen fairen Markt für alle zu garantieren. Es liegt im Interesse des Gesetzgebers, dass grundlegende Regeln eingehalten werden. Offenbar ist das derzeit nicht der Fall, deshalb müssen wir handeln.

Die Dominanz von Microsoft hat der Markt in den vergangenen Jahren aufgeweicht. Könnte das mit Google nicht auch passieren?

Das halte ich für sehr naiv. Der Markt kann nicht darauf vertrauen, dass marktbeherrschende Stellungen oder sogar Monopole sich einfach in Luft auflösen. Ganz im Gegenteil: Die Dynamik, die sich gerade auch bei Google zeigt, ist eher, dass Unternehmen den Wettbewerbsvorteil, den sie durch Marktbeherrschung haben, immer weiter ausbauen können. Darunter leidet die Vielfalt von Anbietern im Netz erheblich – und damit die Möglichkeit für den Verbraucher, die für sich beste Wahl zu treffen, und für Wettbewerber, überhaupt noch sichtbar zu sein. Hier braucht es das scharfe Schwert des Wettbewerbsrechts. Ansonsten werden wir erleben, dass viele Wirtschaftszweige zusammenbrechen. Das kann nicht im Sinne der europäischen Wirtschaft sein.

Nach den Enthüllungen Edward Snowdens veranlasste Albrecht eine Untersuchung des Innenausschusses im EU-Parlament.© Europäisches ParlamentNach den Enthüllungen Edward Snowdens veranlasste Albrecht eine Untersuchung des Innenausschusses im EU-Parlament.

Welche Wirtschaftszweige meinen Sie?

Wir reden nicht nur von der Automatisierung und Digitalisierung industrieller Abläufe oder von Dienstleistungsprodukten. Tatsächlich wäre davon die gesamte Produktion betroffen. Übrigens auch alle Medieninhalte. Man muss sich nur überlegen, was künftig aus der Hand eines Unternehmens wie Google angeboten werden kann und was eine solche Suchinfrastruktur deshalb an Preisabsprachen oder Wettbewerbsverzerrungen hervorbringen kann. Es ist unsere Aufgabe, dem vorzubeugen, egal, ob es für Googles Konkurrenten nun gut ist oder nicht. Einige Fragen geraten unter den EU-Abgeordneten auch jetzt erst in den Fokus der Debatte.

Zum Beispiel?

Etwa, ob wir nicht auch neue Gesetze brauchen, um die Neutralität der Suche, die Google nur vorgibt, tatsächlich zu garantieren. Also Regeln zu „Plattformneutralität“ und „Suchmaschinenneutralität“. Damit Google und andere wichtige Plattformen nicht sagen können: Wir machen jetzt mal Verträge mit diesem und jenem Unternehmen, und in Zukunft kosten deren Produkte bei uns weniger als die der Konkurrenz, oder zugespitzter: Die Konkurrenz muss Gebühren zahlen, um noch vorzukommen. Wenn das Schule macht, wird der Markt erheblich beeinträchtigt.

Warum wird das erst jetzt diskutiert?

Ich glaube, durch das Wettbewerbsrechtsverfahren ist vielen EU-Abgeordneten klargeworden, dass Google keine unparteiische Suche ist, sondern ein gemanagtes Schaufenster, ein Unternehmen mit eigenen Interessen. Es ist deutlich geworden, dass uns Google nicht einfach nur den Weg im Internet zeigt, ohne selbst etwas dazu zu sagen. Und dass die weiße Weste von Google ein paar Flecken hat.
Jan Philipp Albrecht ist Abgeordneter der Grünen im Europäischen Parlament.

Jan Philipp Albrecht ist Abgeordneter der Grünen im Europäischen Parlament.

Die Fragen stellte Morten Freidel.

24. Apr. 2015
von Morten Freidel
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14. Apr. 2015
von Jonas Jansen
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Keine Trolleranz!

Nicht beeindruckt: Troll-Guru Adler King© Zero TrolleranceNicht beeindruckt: Troll-Guru Adler King

Adler King ist ein selbsternannter Guru, der ein wenig aussieht wie Nosferatu aus dem Spielfilm von Friedrich Wilhelm Murnau. Und als Guru macht King, was ein Guru so macht: Er spricht zu seinen Jüngern und versucht, Irrgläubige auf den rechten Pfad zu führen. Dazu steht er etwa vor einem beruhigenden Hintergrund, auf dem Wellen an den Strand schäumen oder vor einem langsam schmelzenden Eiszapfen, gerade so, als sei er in einen Windows-Bildschirmschoner hineingelaufen. King hat ein Programm aufgelegt, das er „Zero Trollerance“ nennt. Das Ziel: Sexistische Trolle dazu zu bringen, ihren Hass auf Frauen über Twitter doch einfach sein zu lassen. Laut Guru King geht das in sechs Schritten: Kein Verleugnen (des Hasses), kein Internet, kein Ärger, keine Angst, kein Hass, kein Troll. So sollen die Trolle lernen, mit Frust umzugehen und sich im Netz anständig zu verhalten – in dieser Online-Selbsthilfegruppe und in nur sechs Tagen.

Laut seiner Seite Zerotrollerance.guru hat das Programm bereits über 18000 Teilnehmer, darunter etwa @wordoftherod69, der im fünften Video „Zero hate“ mit seiner „feministischen Zumbatanzgruppe“ sein Trolltum überwunden hat. Und Adler King brüllt den Trollen im Video entgegen: „Auch du kannst nett sein!“ Doch die gesamte Aufmachung der Filme und der Seite ist mit seinem funky Intro, den amateurhaften Hintergründen und der motivierenden Ansprache so deutlich überdreht, dass es leicht als Persiflage auf missionarische Videos auf Youtube erkennbar ist. Auch die 18000 Teilnehmer auf der Website sind ausgedacht, Adler King ein Schauspieler.

Denn dahinter steckt das „Peng!-Collective“, eine Gruppe von deutschen Aktivisten, die Ende 2013 mit der Sabotage-Aktion einer Veranstaltung des Ölkonzerns Shell bekannt wurden, sich im vergangenen Jahr bei der re:publica als Google ausgaben, dort vier Produkte vorstellten oder zum vergangenen Weihnachtsfest manipulierte Grußkarten mit Abschiebungs-Botschaft im Namen von Bundeskanzlerin Angela Merkel verschicken. Für manche dürfte das Peng-Kollektiv also der Archetyp des Trolls sein, sie selbst verstehen sich als Aktionskünstler. Mit „Zero Trollerance“ wollen sie sich humorvoll gegen sexistische Trolle wenden und ihren Stil imitieren. „Wenn man sich über Sexismus beschwert, verdrehen viele die Augen und sagen: ‚Du hast zwar recht, aber du nervst'“, sagt Jean Peters, einer der Gründer des Kollektivs. Deshalb sei die Aktion nun „schlichte Diskursarbeit“. Es gehe darum, das Thema  in satirischer Form aufzugreifen, nicht mit der „Nörgelstimme“, wie Peters sagt.

Ein Algorithmus erkennt, welche Twitter-Accounts Sexismus verbreiten.© Peng!-CollectiveEin Algorithmus erkennt, welche Twitter-Accounts Sexismus verbreiten.

Dafür hat Peng! rund 10000 Twitter-Profile identifiziert, die „ein brutales, sexistisches und gewalttätiges Verhalten aufweisen“, und selbst 160 gefälschte Profile bei Twitter angemeldet, die diese unter Namen wie @trollcoachyan oder @trollcoachmira  wie Spam-Bots mit Links zu den Videos ihres Gurus bombardieren sollen. Weil Twitter solche Spam-Accounts in der Regel schnell blockiert, hoffen die Aktivisten, dass aus der Gruppe der anonymen Unterstützer weitere Personen Fake-Accounts anlegen, um die Gegen-Troll-Aktion weiter laufen zu lassen. Von heute an soll das nach Willen des Kollektivs sechs Tage laufen.

Allein: Was das bringt, ist unklar. Das ist ohnehin ein Problem im Umgang mit Trollen: Es gibt noch keine echte Lösung für den Umgang mit Online-Beleidigungen. Von „don’t feed the troll“ über blockieren bis zum zurückärgern, wie es einige Medien betreiben, gibt es viele Varianten. Die Autorin Lindy West hat kürzlich einen ihrer schlimmsten Trolle konfrontiert – und es geschafft, dass er sich für seine Hassausbrüche entschuldigt hat.

Man kann nicht mit jedem reden und auch nicht jeder Störenfried hat es verdient, dass man ihn ernst genug für eine Diskussion nimmt. Ob aber zurücktrollen die Lösung ist?

14. Apr. 2015
von Jonas Jansen
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24. Feb. 2015
von Jonas Jansen
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Reddit fragt, Edward Snowden antwortet

Edward Snowden mit dem Reddit-Alien und einem Gruß an Oscar-Gewinnerin Laura Poitras.

Edward Snowden hat auf der Internetseite Reddit für Aktivismus geworben um das etwas untergegangene Thema der massenhaften Überwachung wieder ins Bewusstsein der Gesellschaft zu rücken. „Vergesst nicht: Nicht das Gesetz verteidigt uns, sondern wir verteidigen das Gesetz. Und wenn Gesetze unseren Moralvorstellungen widersprechen, haben wir sowohl das Recht als auch die Pflicht, das wieder gerade zu rücken“, schrieb Snowden als Antwort in einem „Ask Me Anything“, einem populären Format auf Reddit, das auch schon der amerikanische Präsident Barack Obama genutzt hat und bei dem bekannte und unbekannte Persönlichkeiten für ein paar Stunden live auf Fragen der Nutzer antworten.

Gemeinsam mit den Journalisten Glenn Greenwald und Laura Poitras, die gerade erst für ihren Dokumentarfilm über Snowden, „Citizen Four“, den Oscar erhalten hat, beantwortete Snowden die Fragen bei Reddit. Es ist nicht das erste Mal, dass Edward Snowden in einer Art Livechat Fragen beantwortet, doch ist es sein erster Auftritt auf der wohl reichweitenstärksten Plattform derzeit.

Snowden glaubt, dass sich Regierungen heutzutage viel mehr Sorgen darum machen, das Verhalten der Bürger zu kontrollieren, als sich mit dem Missmut der Bürger über ebenjene Kontrolle auseinanderzusetzen. Der Whistleblower warnte jedoch auch davor, dass in der Gesellschaft eine Selbstzufriedenheit und ein Fatalismus gegenüber den Geheimdiensten zu spüren sei, weil die meisten Lebensbereiche durch Technik deutlich bequemer würden. „Doch wenn Regierungen mehr darüber nachdenken was sie technisch tun können, statt zu prüfen, was sie tun sollten, dann entfernen sich Gesetze immer weiter von der Moral.“

Ob er etwas anders machen würde, wenn er die Zeit zurückdrehen könnte, wollte ein Fragesteller bei Reddit wissen. Snowden bestärkte jeden, der in seinem Land Unrecht beobachte darin, etwas dagegen zu tun. „Lasst es in eurem Land nicht zu“, schrieb Snowden. Er hätte früher etwas sagen sollen, vielleicht wären dann die Spionage-Programme der Geheimdienste etwas weniger tief verwurzelt gewesen. „Wenn man der Regierung mehr Macht oder Autorität zugesteht, ist es exponentiell schwieriger, das wieder rückgängig zu machen.“ Sobald Geld für eine Abhörmaßnahme genehmigt sei – und sei diese noch so unwirksam – sei es kaum noch zu verhindern, dass ebenjenes Spionageprogramm weitergeführt werde.

Wir wollten von Edward Snowden wissen, wie er zum russischen Sicherheitssoftwareanbieter Kaspersky Lab steht, der in den vergangenen Wochen mehrfach mit Berichten über Hackerangriffe auf sich aufmerksam gemacht hat. Das Geschäftsmodell der Firma besteht darin, weder zu sagen, wer Angriffe gestartet hat, noch wer die Opfer von Hackerattacken sind. Jedoch legen einige Informationen in Quellcodes die Vermutung nahe, dass die NSA hinter Attacken auf 500 Ziele steckt, darunter Nuklearforschungsinstitute, Banken, Telekommunikationsfirmen und Medien. Wir fragten, welche Enthüllung Snowden als Enthüllungsexperte am wichtigsten einschätzt. Für Snowden war die Meldung, dass die NSA millionenfach SIM-Karten manipuliert hat, die wichtigste Nachricht der vergangenen Tage. Damit habe der Geheimdienst nicht nur das niederländische Unternehmen Gemalto, sondern auch Millionen Kunden betrogen, indem er die SIM-Karten gänzlich ausgetauscht hätte. (Mehr zu dem Fall im „Maschinenraum“ von Constanze Kurz.)

Snowden schreibt weiter: Unsere Regierungen – und speziell die Sicherheitsorgane – sollten niemals den kurzzeitigen Vorteil der Überwachung einiger weniger Ziele als wichtiger einstufen, als die Kommunikation eines globalen Systems zu schützen. Und das würde doppelt gelten, wenn wir – als westliche Gesellschaft – abhängiger von Kommunikation und Technologie seien, um wirtschaftlich produktiv zu sein, als unsere „Gegner.“ Seine Antworten ließen durchblicken, dass er sich immer noch als Patriot begreift und mit westlichen Werten identifiziert, auch wenn er in den Augen vieler Amerikaner als Verräter gilt.

Ein Nutzer wollte von Snowden wissen, ob man Wladimir Putin glaube könne, wenn er sagt, dass er innerhalb Russlands nicht spionieren würde und ob es dafür eine Bestätigung gebe. Snowden antwortete, dass es keine Beweise dafür gebe, dass er es nicht tue. Das sei ein Teil des Problems weltweit. Man könne nicht die Gesetze in einem Land reformieren, die Hände abklopfen und weitermachen, als wäre alles in Ordnung. „Wir müssen sicherstellen, dass unsere Rechte nicht nur auf dem Papier festgesetzt werden, denn diese Sicherheiten verschwinden in der Minute, in der unsere Kommunikation mit Routern in ein anderes Land übertragen werden. Der einzige Weg um sicherzustellen, dass die Menschenrechte im digitalen Raum respektiert werden, ist, die Rechte durch Systeme und Standards festzusetzen, statt durch Politik und Vorschriften.“

Nach gut zwei Stunden musste Snowden wieder weg, auf seiner Profilseite bei Reddit kann man alle Antworten nachlesen. Darunter auch einige lustige Antworten. Nicht zu schlagen war für den Whistleblower übrigens doch sein vielleicht größter Widersacher. Das „Ask Me Anything“ mit Barack Obama ist immer noch das erfolgreichste Frage-Format auf Reddit.  Snowden musste sich dahinter einreihen. Vor ihm liegen Bill Gates, Richard Attenborough und der „Mann mit den zwei Penissen“. So ist es nunmal, dieses Internet.

 

 

24. Feb. 2015
von Jonas Jansen
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22. Feb. 2015
von Jonas Jansen

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Ein Großvater mit Demenz lacht über „Jackass“

Demenz ist eine furchteinflößende Krankheit. Nicht nur für die Menschen, über deren Gedächtnis sich ein immer dichter werdender grauer Schleier legt, sondern auch für ihre Angehörige, die sehen, wie sich Familienmitglieder oder Freunde verändern. Kleine Momente der Klarheit oder Freude werden umso wichtiger, je bedrückender der Alltag wird.

Deshalb ist das folgende Video der Kanadierin Ashley Migneault unser Video der Woche: ein nur knapp 30 Sekunden langes Amateurvideo, gedreht in einer außergewöhnlichen und doch alltäglichen Situation. Ein älterer Herr sitzt auf einer Couch, eingewickelt in eine rote Wolldecke, er schaut fern, und lacht dabei.

Der Mann ist Migneaults Großvater, an Demenz erkrankt. Im Fernsehen läuft der Film Jackass 3. Diese Kombination macht das Video in den Maßstäben des Internets so besonders und ist ein Grund, warum  es keine zwölf Stunden nach dem Upload bei Reddit sehr beliebt ist. Denn Jackass verbindet kaum jemand mit älteren Menschen, der derbe Slapstickhumor der Sendung ist schließlich scheinbar eher für eine jüngere Zielgruppe geeignet. Jackass lief zwischen 2000 und 2002 auf MTV, professionelle Stuntmänner filmten sich bei waghalsigen Aktionen, bei denen sie sich häufig auch verletzten.

Manche waren gefährlich, andere einfach dämlich: Die Macher versuchten mit Rollschuhen über einen Kanal zu springen, rasten in Einkaufswagen die Straße hinab oder überprüften, wer es am längsten mit einem wildgewordenen Bullen aushält. Eine Zeitlang lief die Sendung sehr erfolgreich, auch die später folgenden Kinofilme amüsierten zahlreiche Menschen.

Dass ausgerechnet so ein derber, meist primitiver Humor einen alten, dementen Mann zum Lachen bringt, ist eine nur scheinbar erstaunliche Geschichte, denn Migneault hat dafür eine einleuchtende Erklärung: Komplizierten Handlungssträngen könne ihr Großvater nicht mehr folgen. Die kurzen, sketchartigen Clips jedoch stimulieren etwas in seinem Gedächtnis, das ihm ganz offensichtlich Freude bereitet.

Das liegt zum einen daran, dass Jackass sich in der Tradition der alten Slapstick-Filme verortet, wenn sein Humor auch deutlich weniger subtil ist. Migneaults Großvater ist mit Filmen von Laurel und Hardy aufgewachsen und hat offenbar ein Faible für komische Videos, wie Migneault bei Reddit schreibt. Als sie klein gewesen sei, hätten sie gemeinsam Pannenshows im Fernsehen angeschaut (die Vorläufer der heutigen Fail-Videos bei Youtube). Ihr Großvater liebe Mr. Bean, “Kevin allein Zuhause” sei sein Lieblingsfilm.

Vor zwei Jahren sei er an Demenz erkrankt, berichtet Migneault. Zuerst habe er sich nicht mehr an seine Banknummer erinnern können oder habe vergessen, seine Tabletten zu nehmen. Ein Jahr später habe man  ihm den Führerschein abgenommen. Mittlerweile wisse er, dass irgendwas mit ihm nicht stimmt, schreibt Migneault, könne sich aber nicht erklären, was. Doch die Gags aus Jackass, die funktionieren auch für ihn noch. Das Video hat das Potential, sich in den nächsten Tagen viral zu verbreiten. Es berührt durch seine Authentizität – ein Seltenheitswert in der inszenierten Welt des Internets. Nutzer auf Youtube und Multiplikatorenseiten wie reddit, die sich ihr dauerhaft aussetzen, wissen das besonders zu schätzen.

Dabei gibt es viele  Videos bei Youtube, die zeigen, wie bestimmte Reize in fortgeschrittenen Krankheitsstadien für einen kurzen Moment den Schleier des Vergessens lüften können: etwa das eines älteren Herrn im Seniorenheim, dessen Blick zu Beginn abwesend, fast apathisch ist. Als aber Musik aus seiner Jugend durch die Kopfhörer schallt, reißt er die Augen auf. Sein Körper bewegt sich im Takt, er summt sogar mit. Über 10 Millionen Mal wurde seine Geschichte innerhalb von drei Jahren angeklickt.

Und dann ist da noch die Geschichte von Gladys Wilson, zum Zeitpunkt der Videoaufnahme 87 Jahre alt und an Alzheimer erkrankt. Wenn man sich das Video anschaut, sieht man ihren erschreckenden Verfall, wie die Krankheit dem menschlichen Körper zusetzt – bis die alte Frau plötzlich lächelt. In dem Moment erinnert sie sich offenbar an etwas aus ihrer Vergangenheit. Etwas, das ihr gefällt.

 

22. Feb. 2015
von Jonas Jansen

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21. Feb. 2015
von Jonas Jansen
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Ich war dein Vater!

Wer ist hier wessen Vater und vor allem: wann?© JD Hancock / FlickrWer ist hier wessen Vater und vor allem: Wann?

In einer weit, weit entfernten Galaxie namens Wikipedia kämpfen Sprach-Ritter um die Macht des Wortes. Wo Star-Wars-Fans auf Wikipedianer treffen, begegnen sich Nerds im positiven Wortsinn: Die einen kennen sich aus mit der Geschichte um Luke Skywalker und wissen genau, wer zuerst geschossen hat (Han Solo!), die anderen streben danach, dass nicht nur Experten verstehen können, worum es im Star-Wars-Universum geht und was das mit dem Schuss bedeuten soll. Hintergrund ist eine Szene aus dem ersten Teil der Filmsaga von 1977, „Krieg der Sterne“: In einer Kneipe trifft der Weltraumstreuner Han Solo auf Kopfgeldjäger Greedo, für den die Begegnung tödlich endet. Da es verschiedene Filmfassungen gibt, streiten sich Star-Wars-Fans bis heute mit dem Regisseur George Lucas darum, wer von den beiden als erster geschossen hat.

Weil sich die Gruppen der Fans und Wikipedianer nicht selten überschneiden, gab es bereits sogenannte „Edit-Wars“ um den Todesstern des Imperiums: Man stritt sich darüber, mit welchem Hyperantrieb das Ungetüm betrieben wird, die Aussage „groß genug, um mit einem Stern verwechselt zu werden“ etwa überstand die Qualitätskontrolle der englischsprachigen Wikipedia-Jedis nicht. Auch wegen solcher Änderungskriege gibt es einen eigenen Wikipedia-Artikel, warum man sich nicht ziellos um jedes Detail streiten sollte.

Der Kampf um Kleinigkeiten ist jedoch lebenswichtig für die Wikipedia. Diskussionen, die für Außenstehende kleinlich wirken können, braucht die Enzyklopädie um möglichst genau und korrekt zu sein. Doch was bei historischen Ereignissen oder Personen leicht nachzuprüfen ist, wird im Fiktionalen kompliziert. Ein besonders schwieriger Fall ist Star Wars: Als reiche es nicht, Filme zu haben, deren frühe Episoden aus den 70er und 80er-Jahren zeitlich mitten in der Krieg-der-Sterne-Geschichte beginnen und neueren Streifen, die früher spielen, aber später produziert wurden, nein: Erfinder George Lucas hat sein ganzes Universum auch noch eine Vergangenheit gesetzt, die eher wie eine ferne Zukunft  aussieht.

Auf diesem Bild ausnahmsweise nicht Solo: Han.© KylaBorg / FlickrAuf diesem Bild ausnahmsweise nicht Solo: Han.

Um zu verstehen, warum Star Wars in der Wikipedia eine besondere Rolle einnimmt, ruft man am besten den englischsprachigenWikipedia-Artikel von Palpatine auf, der in den ersten Filmen (Episode IV -VI) als Imperator auftaucht, während sich in den Episoden I bis III, den späteren Filmen, seine Entwicklung vom Senator zum dunklen Sith Lord vollzieht. Geschrieben ist dieser Artikel in der Gegenwartsform, um zu zeigen, dass die Figur eine fiktionale ist. Jacob Brogan lehrt Schreiben an der Georgetown University und hat sich in einem lesenswerten Artikel im Atlantic damit auseinandergesetzt: In der literarischen und filmischen Welt werden nach seiner Ansicht Geschichten auch deshalb in der Gegenwartsform erzählt, um den Eindruck der Unmittelbarkeit zu erzeugen. Man soll die Geschichte miterleben, als wäre man selbst dabei. Artikel über reale Personen stehen in der Wikipedia dagegen in der Vergangenheitsform. Taten oder Erlebnisse realer Personen sind abgeschlossen und werden auch so erzählt.

Für die echten Star-Wars-Kenner, Leute wie die Nerds aus der Sitcom-Serie „The Big Bang Theory“ gibt es ohnehin seit Jahren eigene Wikis, sie heißen „Wookieepedia“ oder „Jedipedia“. Dort schreiben Fans für Fans. Doch wer in der Wikipedia Science-Fiction beschreibt, muss eine „Außenperspektive behalten“. Das bedeutet nicht allein, das Präsens durchzuhalten, sondern auch die Rolle der beschriebenen Charaktere einzuordnen. Muss es also in den Einträgen zu Star Wars „Han schießt zuerst“ oder „Han schoss zuerst“ heißen? War Darth Vader Lukes Vater oder ist er das? Wenn es nach Wikipedia geht, schießt Han Solo in der Gegenwartsform. Der berühmte Darth-Vader-Satz „Ich bin dein Vater“ dürfte den Wächtern auch gefallen.

Darth Vader etwa ist kein mächtiger Jedi-Ritter, den es zur  dunklen Seite der Macht getrieben hat, sondern er wird höchstens „als ein solcher beschrieben“. Distanz zum Berichtsgegenstand ist wichtig in der Wikipedia-Welt. Was in der deutschen Ausgabe recht kurz abgehandelt wird, füllt in der englischsprachigen Version einen ganz eigenen langen Wikipedia-Artikel über Stilfragen. Der Text über Palpatine wird darin als besonders gutes Beispiel für einen Artikel gelobt. Zu Beginn wird genau erklärt, dass es sich um einen fiktionalen  Charakter handelt, der Text beschreibt, wie Palpatine dargestellt wird, nämlich als mächtiger Manipulator. Kann dieser Mann real sein? Ausgeschlossen, auch für den Star-Wars-Neuling.

Im Präsens: Han Solo weiß, wer zuerst geschossen.© walknboston / FlickrIm Präsens: Han Solo weiß, wer zuerst geschossen hat.

Dass die Hüter der Wikipedia so penibel darauf achten, dass die Grenze zwischen Realität und Fiktion durch eine Ungenauigkeit in der Beschreibung nicht verschwimmt, erscheint nur konsequent. Doch erstaunlicherweise halten die Wikipediaautoren ihre eigenen Vorgaben nicht ein: Betrachtet man die englische Wikipedia, in der es viele lange Artikel zu Star Wars gibt, fallen bei unwichtigeren Personen die Regeln weg. Dort schreiben eher Fans statt Wikipedia-Textexperten, Leute, die sich auch mit den kleinsten Nebenrollen auskennen. Die ahmen vielleicht den enzyklopädischen Stil nach, ohne seine Feinheiten zu beherrschen. Während Jabba the Hutt im Präsens vorgestellt wird, steht die Geschichte des Kopfgeldjägers Jango Fett im „in-universe style“, als handele es sich um eine reale Person. Kein Wunder, dass über dem Artikel  der Hinweis prangt, dass doch bitte jemand diesen Zustand ändern möge.

Blickt man nach Deutschland, grenzt Wikipedia die Nachforschungen gleich drastisch ein, denn „im Allgemeinen werden nur sehr wenige eigenständige Artikel über fiktive Gegenstände, Figuren oder Begriffe in der deutschsprachigen Wikipedia geduldet“, so heißt es dort. Und so werden die Figuren aus Star Wars (einem weithin bekannten Film) auch deutlich kürzer abgehandelt. Es gibt keinen eigenständigen Artikel zu Luke Skywalker, stattdessen eine Liste mit den Star Wars-Figuren. Der Wüstenplanet Tatooine hat keinen eigenen Artikel als „fiktiver Ort im Star Wars Universum“ wie in der englischen Version, sondern taucht nur in der Liste „Orte in Star Wars“ auf. Um den Frevel komplett zu machen: Alle Personen sind in der Vergangenheit beschrieben, ob sie Luke Skywalker oder Han Solo heißen, Chewbacca oder Darth Vader. Real dürfte trotzdem keiner von ihnen sein.

21. Feb. 2015
von Jonas Jansen
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16. Feb. 2015
von Morten Freidel

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Wie alles begann

Den meisten Menschen entgeht, dass sie im Begriff sind, Geschichte zu schreiben. So auch im heutigen „Video der Woche“, das wir von nun an wöchentlich im Blog „digital twin“ vorstellen. Da hinterlässt niemand einen Fußabdruck, wie Neil Armstrong 1969 auf dem Mond. Überhaupt ist da kaum Bewegung, auch sprachlich nicht. Das Video ist nur durch seine ungelenke Machart interessant: Man sieht einen jungen Mann, den Blick leicht verschüchtert nach unten gerichtet. Die Trainingsjacke, die er anhat, ist eine Beleidigung für die Augen. Im Hintergrund bewegen Elefanten apathisch ihre Rüssel durchs Bild, während der Mann sagt: „Alles klar, also wir stehen hier vor den, äh, Elefanten. Äh. Das coole an ihnen ist, dass sie sehr, sehr, sehr lange, äh, Rüssel haben, und das ist cool. Und das ist so ziemlich alles, was zu sagen ist.“ Das war’s. 18 Sekunden Banalität, betitelt: „Ich im Zoo.“ („Me at the zoo“)

Zugleich aber auch das erste Video, das jemand bei der Videoplattform Youtube hochgeladen hat. Dieser jemand war Jawed Karim, Mitgründer von Youtube, damals 26 Jahre alt, und ein Jahr später schon Multimillionär, als Google sich das Unternehmen einverleibte. Karim steht selbst vor der Kamera. Ein Freund, Yakov Lapitsky, filmte die Szene im Zoo von San Diego am 23. April 2005, etwa eine Woche nachdem die Gründer Karim, Chad Hurley und Steve Chen Youtube registriert hatten. Lapitsky hatte keine Ahnung wie die Seite funktionierte und wie erfolgreich sie binnen weniger Monate werden sollte.

Das war Anfang 2005 auch nur schwer vorstellbar. Damals war das Internet in Deutschland noch keine hellerleuchtete Vollgaspiste, sondern ein Schotterweg. Es gab zwar schon ISDN und DSL, nicht aber mit den heutigen Bandbreiten und schon gar nicht in jedem Haushalt. StudiVZ war noch nicht gegründet, Facebook steckte hierzulande noch im Dornröschenschlaf, und wenn es jemand benutzte, dann um aus Eitelkeit ein paar Bilder vom vergangenen Urlaub oder Besäufnis hochzuladen. In die Timelines ergoss sich noch subjektiver Weltschmerz, keine choreographierten Berufspostings. Zwitschern war den Vögeln vorbehalten.

Eine Frage der Ausrüstung

Hinter Youtube steckte zwar eine revolutionäre Idee, aber kaum jemand besaß die Technologie, um Videos hochzuladen. Dazu benötigte man eine Digitalkamera mit USB-Anschluss und ein Videoverarbeitungsprogramm, was nicht zur Standardausrüstung eines Computers gehörte. Und auch wenn in den folgenden Monaten die Zahl der Nutzer bei Youtube in die Höhe schnellte und schon im Juli 2006 jeden Tag etwa 65000 neue Videos eingestellt wurden – „Me at the zoo“ war der denkbar unscheinbarste Anfang.

Er richtete sich nicht an die Öffentlichkeit, Youtube hatte ja noch kein Publikum, eher an imaginäre Kunden: Seht her, scheint Karims Blick auszusagen, hier könnt ihr jeden Quatsch hochladen! Werdet euer eigener Regisseur! Ein Werbeclip, der im Gestus größtmöglicher Unverbindlichkeit daherkommt. Heute hat das Video über 17 Millionen Klicks, aber damals konnte Karim noch nicht davon ausgehen, dass sein zur Schau gestellter Dilettantismus ihn über Nacht berühmt machen würde. Mittlerweile muss jeder damit rechnen, der eine noch so verwackelte Episode seines Lebens bei Youtube hochlädt. Das Videoportal hat, zusammen mit anderen Plattformen, nicht allein die Unterhaltungsindustrie revolutioniert, sondern auch unseren Begriff von Öffentlichkeit.

Das Internet vergisst nie

Berühmtheiten entstehen über Nacht, wie man im Fall des Supermarktangestellten #AlexFromTarget beobachten konnte. Jeder kann ins Scheinwerferlicht geraten, auch ungewollt. Hat ein virales Video eine bestimmte Schwelle überschritten, verbreitet es sich in seismographischen Wellen um den Globus. Es geht ein ins kollektive Gedächtnis, und das Internet vergisst nie.

Wer zu Streetart verarbeitet wird, hat es geschafft. © karljonsson, flickrStreetart in Schweden.

Das ist die Kehrseite eines Starkults, den Youtube durch seinen voraussetzungslosen Zugang erst ermöglicht hat. Eine Riege von Computerspielenerds, Komikern und hybriden Mischformen hat das Portal und eine hollywoodgleiche Fanbasis erobert, etwa LeFloid, Gronkh oder die Gruppierung Y-Titty. Möglich war das, weil sie ab 2007 durch das Youtube-Partnerprogramm mithilfe von Werbeclips Geld verdienen konnten und die Einnahmen steigen, je mehr Zuschauer man versammelt. Zugleich aber ist das ein gigantisches Geschäft für Google: Es ist ein offenes Geheimnis, dass der Konzern 45 Prozent aller Werbeeinnahmen für sich behält. An jedem Videohit verdient Google etwa genauso viel wie sein Urheber – ohne dessen Risiko mitzutragen.

Auch die Nutzer kommen nicht umsonst in den Genuss der Videos, denn mit jeder Sucheingabe, mit jedem Klick weiß Google mehr über ihre Präferenzen. Da die Klickzahlen in die Milliarden gehen, hat sich Google längst ein Weltwissen über das, womit sich Menschen im Alltag ablenken, angeeignet. Für all diese Entwicklungen steht „Me at the Zoo“ . Es war also doch ein großer Schritt, wenngleich auch nicht unbedingt einer für die Menschheit.

 

16. Feb. 2015
von Morten Freidel

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30. Dez. 2014
von Stefan Schulz
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„Wir sind passive Konsumenten – wie unsere Eltern!“

Roboter und Musik, das passt ganz gut© Stefan SchulzRoboter und Musik, das passt ganz gut

Der Chaos Communication Congress begann in diesem Jahr mit einer Überraschung. Als erdgeist und Geraldine de Bastion – es gelten auch die jeweils selbst gewählten Hacker- und Künstlernamen – die Veranstaltung eröffneten, meldeten sich rund tausend von dreitausend im Saal Anwesende bei der Frage, wer denn zum ersten Mal zu der seit nunmehr 30 Jahren veranstalteten Hackerkonferenz gekommen sei. Und wenige Minuten später stellten sich die Neulinge die nächste Frage selbst: Sind sie auf einer Hackerkonferenz?

Auf die kurze Eröffnung folgte eine Keynote von Alec Empire, der als Musiker kam, sich dafür sogar ein wenig entschuldigte, aber für viele gut Nachvollziehbares berichtete. Das Internet sei zur Beute weniger Konzerne verkommen, die das simple Gefallen nähren, aber Kreativität lähmten und Politik ausmerzten. Und darauf folgte ein sprachwissenschaftlicher Vortrag von Maha, der im Sinne der Veranstaltung von einer maschinenlesbaren Regierung träumte, von den Regierenden aber nur ein PDF zur „Digitalen Agenda“ bekam. Er las es, mit aufwendiger Computerunterstützung, und zeigte auf: Im Regierungstext steht nichts drin, nicht einmal die Begriffe haben Sinn. Wir alle, so lautete die erste Botschaft des Musikers und des Philologen, hätten nun also ein Internet – aber es kam auf Kosten der Leidenschaft, der Freiheit, der Empathie und des bewussten Mitdenkens. „Wir sind passive Konsumenten – wie unsere Eltern!“

Anders als im vergangenen Jahr, als der Snowden-Schock noch deutlich zu spüren war, gab sich der CCC in diesem Jahr wieder ein Motto. Es lautete, grob übersetzt: „Neue Hoffnung.“ Und diesem kitschverdächtige Versprechen verschrieben sich einige Redner. Julia Reda, für die Piratenpartei Mitglied des Europaparlaments, berichtete von den Möglichkeiten eines neuen Urheberrechts. Eine verständige Zukunft für Künstler und Hacker schien möglich. Will Scott, ein Uniabsolvent aus Washington, erzählte von seiner Zeit als Dozent an einer Technischen Hochschule in Pjöngjang. Es ging um wissbegierige Studenten in Nord Korea, nicht um fiese Hacker, die angeblich Hollywoodstudios angreifen.

Bill Scannell berichtete von seiner Arbeit auf dem Teufelsberg, der NSA-Field-Station-Berlin. Optimismus war bei diesem Bericht über Geheimdienstarbeit vor dreissig Jahren allerdings kaum zu finden, dafür eine Menge Galgenhumor. Es wurde also zumindest gelacht. Ohne viel Gelächter erklärte der Hamburger Physiker Michael Büker, was mit den 15000 Atombomben geschieht, die heute nicht mehr als politische Drohkulisse benötigt werden, die aber eben auch nicht verschwanden. Ihre Anzahl sank. Zuweilen besaßen allein Amerika und die Sowjetunion mehr als 70000 Atomwaffen. Nun sind es bedeutend weniger, aber in mehr Händen und es bleibt bei der grundlegenden Logik: Es kommt auf jede einzelne Atomwaffe an.

Deprimierend wurde es am dritten Nachmittag im großen Saal. Katharina Nocun und Maritta Strasser, beide hauptberuflich politische Aktivisten, beschrieben Sinn, Wille und Inhalt sogenannter „Freihandelsabkommen“, die weder mit Handel noch mit Freiheit viel zu tun hätten, aber teuflische Details in internationalen Abkommen versteckten. Der bereits medial viel gescholtene „Investorenschutz“ sei demnach keine Klausel, über die sich verhandeln ließe, sondern zentrales Anliegen in Abkommen dieser Art. Sie ermächtigten Unternehmen, Staaten zu verklagen, wenn „legitime Erwartungen“ an die Prosperität einer Investition nicht erfüllt würden.

Das Szenario schilderten die Aktivistinnen so: Sollte Europa die Abkommen mit Kanada (Ceta) und Amerika (TTIP) in jetziger Form beschließen, stünde jedes künftige Gesetz in Gefahr, „legitime Erwartungen“ von Investoren zu enttäuschen. Die dann möglichen Klagen würden jedoch nicht Gerichten vorgelegt, sondern Anwälten, die im kleinen Kreis über die Strafen befänden. Am Fall Argentinien könne man es derzeit studieren. Das beinah bankrotte Land musste sich mit mehr als 40 Urteilen derartiger Privatgerichte auseinandersetzen, die dem Land mehre Milliardenstrafen aufbürdeten. Nun müsse Europa aufpassen. Die angestrebte Datenschutzreform, drohe wie jede andere Verbesserung des Verbraucherschutzes, „legitime Erwartungen“ zu enttäuschen.

Je nach Interesse ließen sich im mehrere hundert Veranstaltungen umfassenden Programm gute, hervorragende und spektakuläre Vorträge finden. Einen von ihnen hielt David Kriesel, ein in Bonn geborener Systemingenieur, der in amerikanischen Laboren für „kreative Maschinen“ studierte und heute dem Hobby nachgeht, ein Fachbuch über neuronale Netze zu schreiben. Er berichtete von seiner Auseinandersetzung mit Xerox. Die amerikanische Firma setzt 22 Milliarden Dollar im Jahr damit um, die Unternehmen und Behörden der Welt mit Kopierer und Scannern auszustatten.

Kriesel erhielt einen Hilferuf in einer merkwürdigen Sache: Jemandem war aufgefallen, dass der Grundriss eines Gebäudes plötzlich andere Quadratmeterwerte aufwies, nachdem das Dokument gescannt wurde. Kriesel beschrieb erst einmal das Problem im Detail: Der Scanner komprimiert das Bild. Besteht es aus Text, speichert das Gerät jeden Buchstaben als Bilddatei und merkt sich, wo er im Dokument vorkam. Nach dem Scannen enthält das digitale Dokument zwar noch so viele „a“, „f“ und „y“ wie seine analoge Vorlage. Aber es zeigt tatsächlich immer nur dasselbe kleine Bildchen „a“, „f“ und „y“ an – immer wieder dasselbe dort, wo es hingehört. Wehe aber, es kommt dabei zu dem Fehler, dass die Maschine eine „6“ als „8“ erkennt und infolge eine „8“ im Dokument platziert, wo ursprünglich eine „6“ zu finden war.

Der Fehler ist tückisch – man sieht ihn nicht. Das angezeigte Zeichen ist nicht verschwommen, unleserlich oder unkenntlich. Es sieht perfekt aus, ist aber schlicht falsch. Acht Jahre verbarg sich der Fehler im System, die Nutzer konnten nichts gegen ihn tun. Betroffen war die ganze Welt. In Amerika ist „xerox“ auch ein Verb, verwendet für das Scannen und Kopieren. Ehemalige Offiziere, die im Publikum sitzen und Kriesels Vortrag hören, rieben sich Augen und Ohren: „Die Bundeswehr nutzt eigentlich nur Geräte von Xerox.“ Kriesel hatte den dazu passenden Kommentar in seinem Vortrag: Irgendwann im Verlaufe der Auseinandersetzung mit den Medien, gestand der Vize-Chef von Xerox gegenüber der BBC ein: „Ja, im Normalmodus kann der Fehler vorkommen. Aber den verwendet fast niemand, außer das Militär und Ölbohrinseln.“

Kriesel hatte zu dieser Zeit schon beschrieben, dass der Fehler nicht nur im „Normalmodus“ vorkomme, sondern selbst dann, wenn Nutzer in höchster Qualitätsstufe scannen. Ein Disaster, wie etliche, die in anderen Vorträgen beschrieben wurden. Archive kontaktierten Kriesel, die ihre Bestände digitalisierten und die Originale vernichteten. Unternehmen fragten, ob es ein Fehler sei, eingehende Post bei Ankunft zu digitalisieren und im Haus per Mail weiterzuschicken. Kriesel beantwortete diese Fragen und er berichtete davon, wie es sich anfühle, plötzlich einen Weltkonzern öffentlich vorzuführen und auf hunderte Presseanfragen pro Tag antworten zu müssen, was nicht nur eine belastende, sondern auch unbezahlte Arbeit ist.

Vorstände und Sprecher des Chaos Computer Clubs: heckpiet, erdgeist, Linus Neumann, Constanze Kurz und Frank Rieger (v.l.) beim "Jahresrückblick"© Stefan SchulzVorstände und Sprecher des Chaos Computer Clubs: heckpiet, erdgeist, Linus Neumann, Constanze Kurz und Frank Rieger (v.l.) beim „Jahresrückblick“

Ist die Idee der Veranstaltung also aufgegangen, folgte auf die „Sprachlosigkeit“, mit der Tim Pritlove den Congress im vergangenen Jahr eröffnete neue Hoffnung? Auch die Idee, die Veranstaltung diesmal unter das Motto „A new Dawn“ zu stellen, stammte von Pritlove. Kritik blieb nicht aus. Schon im vergangenen Jahr mokierten sich Journalisten darüber, dass sich Kollegen, die auftraten, mit Aktivisten gemein machten. In diesem Jahr folgte journalistische Kritik, die dem Congress und dem veranstaltenden Chaos Computer Club unterstellte, Foren für wirtschaftliche Interessen und für Aufrufe zur Selbstjustiz zu bieten. Erstaunlich harte Urteile über eine Veranstaltung, die mehr als 10.000 Menschen versammelt, von denen einige nicht eine Veranstaltung in den Sälen besuchten und andere nicht einen Schritt in den Keller wagten, in dem zu Tausenden gebastelt, geforscht und gefeiert wurde. Alles wuselte, 1152 Besucher haben in der Organisation geholfen, mit rund 14.000 geleisteten Arbeitsstunden.

Frank Rieger thematisierte es auf der Bühne: Auch er, als Sprecher der Organisation, überblicke das Geschehen nicht. Das könne er für das Sprecher-Team sagen. Darüber hinaus repräsentiert niemand niemanden, das Chaos bleibt Programm. Es ergab sich somit wie immer: Die Aufzeichnungen der 186 Hauptveranstaltungen stehen im Internet zur Verfügung, sie dienen der Unterhaltung, der Lehre und im nächsten Jahr der Erinnerung, wenn viele Redner kommen und mit Verweis auf ihren vorangegangenen Vortrag erzählen, was sie seit dem so trieben.

30. Dez. 2014
von Stefan Schulz
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29. Dez. 2014
von Stefan Schulz
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Damals auf dem Teufelsberg

Teufelsberg soll zum Mahnmal werden, als Erinnerung an die "Macht des Wissens"© Matt Biddulph / Flickr (cc)Teufelsberg soll zum Mahnmal werden, als Erinnerung an die „Macht des Wissens“

Worum ging es im Kalten Krieg? Auf diese Frage hatte Bill Scannell, der vor dreissig Jahren für zwei Jahre in einer der „geheimsten Abhöranlagen“ der Amerikaner gearbeitet hat, gleich im ersten Satz seines Vortrags eine Antwort: „The Hill“, die NSA-Field-Station-Berlin auf dem Teufelsberg, sei dazu da gewesen, zu wissen, dass die anderen wissen, dass wir wissen, dass sie wissen, was wir über sie wissen. Später formulierte er es verständlicher: Natürlich ließ sich damals, 1984, ein Wetterbericht für Moskau in der Zeitung lesen. Dann wusste man, was alle wissen, nämlich wie das Wetter in Russland wird. Aber, sagte Scannell, wenn man denselben Wetterbericht erhielt, weil man Kreml-Offiziere abhörte, die über das Wetter sprachen – dann hatte man nicht nur Wissen über das Wetter, sondern auch darüber, was die Sowjets über das Wetter wissen. „Man wusste, was sie wissen, ohne dass sie wussten, dass man das über sie weiß. Der Wetterbericht wurde eine streng geheime Sache.“

So war es im Kalten Krieg. Scannell erzählte eine Dreiviertelstunde Anekdoten vom Krieg, in dem er nie zur Waffe greifen musste, „weil das mit der Macht des Wissens verhindert“ worden sei. Und er sprach darüber, was junge Amerikaner unter sich, besser ausgebildet als ihre Vorgesetzten, so trieben. Sie wetteten miteinander, was bei russischen Militärübungen passiere. Er werde nicht vergessen, sagte Scannell, wie ein Kollege einmal eine Hubschrauberkollision korrekt vorhersagte. Sie malten sich die Kopfhörer an, um ihren Kollegen bunte Kreise rund um die Ohren zu verpassen, die sich nicht so einfach abduschen ließen. Eine ungeschriebene Regel lautete: Wenn die Deutschen Zusatzschichten einlegten, weil so viele deutsprachige Gespräche zu transkribieren waren, kamen sie in FDJ-Uniform, weil es am schwer gesicherten Tor zur Abhöranlage lustig aussah.

In einem Fall schaffte es Bill Scannell mit einem eher aus Witz geschriebenen Bericht, die ganze Anlage mit mehreren hundert Mitarbeitern, in Alarmzustand zu versetzen. Ein ähnlicher Gag gelang auch dem damaligen Präsidenten Ronald Reagan. Als er noch seine Stimme auf Temperatur brachte, das Mikrofon für seine wöchentliche Radioansprache aber schon offen war, sprach er darüber, die Geduld mit den Sowjets zu verlieren und „in fünf Minuten mit dem Angriff zu beginnen“. Kurz darauf befanden sich alle amerikanischen Abhörposten in höchster Alarmbereitschaft. „Witzig, wie wenig wir darüber wissen, wie nah wir damals der nuklearen Mitternacht kamen“, sagt Scannell heute.

Obwohl während des Vortrags viel gelacht wurde, ließ das Publikum Scannell den Humor am Ende nicht durchgehen. Die Meldungen am Saalmikrofon waren durchweg kritisch. Scannell musste sich fragen lassen, ob er seine Verantwortung damals nicht verstanden habe, wie es überhaupt sein könne, dass die Sicherheit der Welt in den Händen weniger Uniabsolventen lag, die sich darüber lustig machten, dass ihre Vorgesetzten hin und wieder mit ihnen „das größere Bild“ besprechen wollten. „Glauben Sie wirklich, dass Sie den Krieg verhindert haben?“, lautete die letzte Frage aus dem Publikum. Ja, sagte Scannell, es war die Zeit, in der die politische Führung der Sowjetunion mehrere Wochen verheimlichte, dass das Staatsoberhaupt, Konstantin Tschernjenko, gestorben war.

„Wir haben dafür gesorgt, dass der Westen einen kalten Kopf behielt“, sagte Scannell. Die NSA sei damals, anders als heute, keine Behörde außer Rand und Band gewesen, sagte er bereits in seinem Vortrag. Wir haben „gezielt überwacht“ – „smart spying“. Heute richte sich die Überwachung nicht mehr gegen politische und militärische Ziele, sondern gegen alle. „Ein Geheimdienst, der alles über jeden weiss, verhinder aber keine Kriege. Er ist ein Mittel der totalitären Kontrolle“, sagte Scannell. Die verwaiste Anlage Berlin Teufelsberg solle nun ein Mahnmal werden, es stehe für die Macht des Wissens, Kriege zu verhindern. Würden die Dienste ihre Waffen dagegen gegen die richten, die sie schworen zu verteidigen, „sind wir alle verloren“.

29. Dez. 2014
von Stefan Schulz
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28. Dez. 2014
von Morten Freidel
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Überwachung mit Tradition

Draußen Dunkelheit, drinnen düstere Themen: der 31. Chaos Communication Congress.© Kass3tteDraußen Dunkelheit, drinnen düstere Themen: der 31. Chaos Communication Congress.

Seit den Snowden-Enthüllungen versucht die Öffentlichkeit herauszufinden, welche Abhörprogramme die NSA vor ihr geheim hält. Jahrzehnte zuvor war der Geheimdienst selbst so unbekannt, dass nicht einmal das amerikanische Justizministerium etwas mit ihm anzufangen wusste. Als James Bamford, ehemaliger Mitarbeiter der NSA, Anfang der achtziger Jahre entschied ein Buch über die verborgene Organisation zu schreiben, fiel ihm ein Dokument in die Hände, das alle illegalen Aktivitäten der NSA festhielt. Es war vom Justizministerium in Auftrag gegeben worden, und gelangte zum Schluss: die NSA müsse eine kriminelle Organisation sein.

Bramford brachte das in seinem Vortrag am zweiten Tag des 31. Chaos Communication Congress auf folgende Formel: Früher habe die Abkürzung NSA „never say anything“ bedeutet, erst seit Snowden „not secret anymore“. Wie sich das auf ihre Arbeit auswirkte, machte Bramford mit humorvollen Folien deutlich, die den Ernst seiner Ausführungen aber nur mühsam übertünchen konnten. Denn unter dem Deckmantel ihrer geheimen Identität konnten amerikanische Geheimdienste fast hundert Jahre lang die eigenen Bürger überwachen.

Ein ganz normaler Besuch

Die Maßnahmen begannen 1920, lange vor dem Internetzeitalter, und lange bevor amerikanische Haushalte flächendeckend mit Telefonen ausgestattet waren. Natürlich gab es zu dieser Zeit noch keine NSA, und kein raumschiffartiges Hauptquartier in Maryland. Allerdings existierte eine Organisation mit dem klandestin angehauchten Namen „Black Chamber“, die in einem Haus in Manhattan untergebracht war. Ihr Leiter, Herbert Yardley, suchte eine Lösung für das Problem, nach der Kriegszensur im Ersten Weltkrieg keine Telegramme mehr abfangen zu können. Also nahm er Kontakt zu den großen Kommunikationsanbietern auf und bat sie, ihm zu helfen.

Man muss sich das ganz banal vorstellen: Yardley betrat zusammen mit Mitarbeitern das Bürohaus der „Western Union“ und, Zitat Yardley: „es war einfacher, als ich mir vorgestellt hatte. Nachdem unsere Mitarbeiter alle ihre Karten auf den Tisch gelegt hatten, war Präsident Carlton gerne bereit, uns zu helfen.“ Erst 1929 beendete Außenminister Henry Stimson die Überwachungsmaßnahmen und löste das „Black Chamber“ auf. Die amerikanischen Bürger blieben aber nur kurzzeitig vom Zugriff der Geheimdienste verschont. Nach dem Zweiten Weltkrieg ging das Spiel, das sich in Bamfords Vortrag ausnahm wie ein absurdes Theaterstück, von vorne los: Preston Corderman, seinerzeit Chef des amerikanischen Militärgeheimdienstes, klopfte abermals an die Pforten der großen Telekommunikationsunternehmen. Nachdem ITT sich weigerte, die geforderten Telegramme zu liefern, ging auch er zur Western Union. Dort erklärte man sich unter Protest bereit, sollte der Generalstaatsanwalt die Maßnahmen nachträglich billigen. Mit dieser Info ging Corderman zurück zu ITT, die dann ebenfalls mitmachten.

Hinter der Fassade eines Fernsehunternehmens

Wie sah die Überwachung aus? Die Mitarbeiter des Geheimdienstes versteckten sich hinter der Fassade eines Fernsehunternehmens in New York: Jeden Tag nach Mitternacht holten sie an den Hintertüren der Unternehmen die Telegramme ab, machten Kopien und gaben sie vor der nächsten Frühschicht zurück. Die Zusammenarbeit der NSA mit dem amerikanischen Telefonanbieter Verizon, eine der ersten Enthüllungen Snowdens, hat demnach eine gewisse Tradition.

Wird hier abgehört? Unwahrscheinlich. Ein Blick in den Hauptverteilerraum beim 31c3. © Stephan KamborWird hier abgehört? Unwahrscheinlich. Ein Blick in den Hauptverteilerraum beim 31c3.

Es war interessant zu erfahren, dass die Chefs der Telekommunikationsanbieter immer auf einer offiziellen Erlaubnis des Generalstaatsanwalts beharrten. Zu groß war ihre Sorge, nachträglich für die Kooperation mit dem Geheimdienst verurteilt zu werden. Allerdings lieferte niemand aus der Regierung ein solches Dokument. Nur General Dwight D. Eisenhower, später Präsident der Vereinigten Staaten, setzte einen Brief auf, in dem er seine „Wertschätzung“ zum Ausdruck brachte. Später folgte ein Dokument der Truman-Regierung, dass der Präsident aber nicht selbst unterschrieb. Den Chefs reichte das nicht, sie begannen jahrelang Druck auf das Pentagon auszuüben. Bevor aber Gesetze erlassen werden konnten, um die Überwachung nachträglich zu rechtfertigen, gaben sie ihre Zusammenarbeit öffentlichkeitswirksam zu. Das dürfte einer der Gründe sein, warum Bush nach den Anschlägen am 11. September 2001 mit dem Patriot Act ein Gesetzespaket erließ, um Abhörmaßnahmen auch ohne richterliche Genehmigung zu ermöglichen.

Wie viel diese zur Terrorabwehr beitragen, konnte Bamford ebenfalls beantworten. Weil Mitarbeiter der NSA im Jahr 2001 Osama bin Ladins Satellitentelefon abhörten, wussten sie, dass Terroristen ins Land gelangt waren, und suchten vergeblich nach ihnen. Nach den Anschlägen auf das World Trade Center stellte sich heraus, dass sich die Terrorzelle im Motel Valencia versteckte hatte. Wenige hundert Meter vom Hauptquartier der NSA entfernt.

28. Dez. 2014
von Morten Freidel
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28. Dez. 2014
von Stefan Schulz
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Der gute alte Brief

Wege ins Licht: Niemand, der auf dem Chaos Communication Congress den Keller betritt, soll sich wie zuhause fühlen.© Stefan SchulzWege ins Licht: Niemand, der auf dem Chaos Communication Congress den Keller betritt, soll sich wie zuhause fühlen.

Alle sind betroffen und man kann sogar von Einzelfallschicksalen berichten. Sandra Bullock beispielsweise. Vor knapp 20 Jahren irrte sie als Angela Bennett, Büroangestellte mit Computerarbeitsplatz, durch ihr Leben und ihre Stadt. Plötzlich erkannte sie niemand mehr und sie fand sich auch nicht mehr zurecht. Drei Jahre später tappte Will Smith als Robert Dean in eine ganz ähnliche Falle. Ihm wurde alles genommen, seine Identität, sein Vermögen und seine Familie, weil ein Behördenleiter, Jon Voigt als NSA-Agent Thomas Reynolds, es so wollte und wusste, welchen Schalter er dafür umzulegen hatte. Die Filme hießen „The Net“ und „Enemy of the State“.

Mit der bloßen Nennung dieser Filmnamen ist bereits zusammengefasst, worum es am Eröffnungstag des 31. Chaos Communication Congress in vielen Vorträgen ging. Nämlich darum, in Netzen gefangen zu sein und als Gegner, wenn nicht sogar als Feind, angesehen zu werden. Genau genommen ging es um Smartphones, die für uns heute unser Leben sortieren. Angela Bennett und Robert Deans hatten noch keins, weswegen die Filme Science Fiction zeigten. Heute ist das entsprechend anders – die Realität des Jedermann. Der Sicherheitsforscher Karsten Nohl erklärte die Einzelheiten auf der Bühne. Spätestens seit seinen spektakulären Vorführungen der Verwundbarkeit von GSM-Netzen vor vier Jahren an selber Stelle wird ihm aufmerksam zugehört.

Die diesjährige Botschaft Nohls lautete: Dem UMTS-Netz geht es wenig besser und LTE-Funkverkehr ist auch angreifbar. Zu dieser Erkenntnis führte den Experten ein raffinierter Umgang mit Technologie, nicht weniger aber auch eine fundierte Recherche, auf deren Pfad ihn Verständnisfragen von Journalisten der „Washington Post“ führten: Wer beliebige Menschen mit Telefonen auf der Welt orten will, wer ihre Telefonate mithören und ihre SMS mitlesen will, muss zuvor keine Sicherheitslücke finden und für sich behalten. Er braucht bloß Geld, um es in Anbieter von Handynetzen zu investieren, die es nur aus einem Grund gibt. Sie bieten Zugang zum SS7-Protokoll, um Daten auszutauschen, die zwischen und innerhalb von Netzen ausgetauscht werden, damit sie funktionieren.

Zu diesen Daten zählen beispielsweise Informationen darüber, in welcher Funkzelle sich ein Telefon befindet, wie der Sicherheitsschlüssel für SMS-Austausch lautet und welche Nummer zu welchem Gerät gehört. Jemanden also zu orten, Telefonate abzuhören oder zu verhindern, und SMS-Nachrichten abzuhören ist fast auf Knopfdruck möglich, wie im Film. Es beginnt damit, den verschlüsselten Funkverkehr einfach aufzuzeichnen. Anschließend wird per SS7 Ort und Sicherheitsschlüssel eines Telefons abgefragt. „Es funktioniert alles aus der Ferne. Man muss sich nicht in der Nähe des Telefons befinden. Man braucht nur Zugang zum Netz“, sagt Nohl.

Nohl führte es auf der Bühne vor. Er nahm ein Telefon in die Hand, wählte eine Nummer und erklärte, dass nun ein zurückgelassenes Telefon in Berlin klingeln würde – man hört das Rufzeichen im Saal. Nach wenigen Klicks auf seinem Computer, der ihm SS7-Zugang zum Handynetz bietet („zu Forschungszwecken“), wählt er dieselbe Nummer noch einmal. Diesmal klingelte ein Telefon, das direkt vor ihm auf dem Rednerpult lag. „Ich könnte das Gespräch an einen Computer umleiten, der das Gespräch an das eigentliche Ziel-Telefon weiterleitet, es aber gleichzeitig auch aufzeichnet“, sagt Nohl.

Diese USSD-Befehle, mit denen sich das Verhalten von Telefonen im Handynetz kontrollieren lässt, lassen sich aus der Ferne auf beliebigen Telefonen aufrufen, wenn die Telefonnummer des Angriffopfers bekannt sei, sagt Nohl. Telefonate abhören und Handys orten schien auf der Bühne noch bedeutend einfacher, als SMS zu lesen. Es gebe nun einfache technische Gegenmaßnahmen, betonte Nohl. Nach den ersten Berichten über seine Arbeit hätten Netzbetreiber bereits zügig reagiert. Einfache Anfragen per SS7, wo sich ein Telefon befinde, würden heute in deutschen Netzen schlicht nicht mehr beantwortet.

Am schönsten ist es im Keller.© Stefan SchulzAm schönsten ist es im Keller.

Dieser Firewall-Ansatz funktioniere jedoch nicht für alle Vorgänge im Netz. Notwendiger Datenverkehr müsse ermöglicht werden, weil Telefonate sonst nicht vermittelt werden können. Für diese Fälle präsentierte Nohl eine App, die auf einigen Android-Telefonen läuft. Ihre Aufgabe konnte er in Kürze erklären: Sie protokolliert den Datenverkehr zwischen Mobiltelefon und Telefonnetz, den Nutzer für gewöhnlich nicht zu sehen bekommen. Sie macht für den Nutzer sichtbar, wann auf das eigene Telefon zugegriffen wird. Schließlich bekomme das Telefon das mit, behalte das Wissen darüber bislang jedoch für sich, sagte Nohl. Wer will, überträgt die auf diesem Wege erstellten Protokolle heimlicher Handyaktivität zusätzlich an gsmmap.org, eine Webseite, die Unsicherheiten aufzeigt und die Netzbetreiber unter Handlungsdruck setzen soll.

Das Versäumnis, das die Karte notwendig macht, ist jedoch kein rein technisches. Wem es anzulasten ist, ist ebenso unklar. Nicht nur in Karsten Nohls Vortrag, sondern schon zuvor, beim themengleichen Vortrag von Tobias Engel, wurde deutlich, worin die Forschungsarbeit mündet: Aufklärung darüber, wie die Mobilfunknetze heute funktionieren. Journalisten wollten von den deutschen Sicherheitsforschern wissen, was es mit dubiosen Service-Angeboten auf sich habe, dass sich angeblich der Aufenthaltsort jedes Mobiltelefons auf der Welt unbemerkt herausfinden ließe. Die technische und unternehmerische Infrastruktur, die Sicherheitsmängel auszunutzen, gab es. Illegal war sie nicht.

Engel ging der Sache nach und präsentierte auf der Bühne eine Karte, auf der rote Punkte leuchteten. Bekannte, die ihm ihr Einverständnis gaben, ließen sich orten, zuweilen sogar mit GPS-Daten, die die Telefone auf Anfrage herausgaben. Hoffnungsvoll wie Karsten Nohl, der über „Selbstverteidigung“ sprach, zeigte sich Tobias Engel nicht. Seine Botschaft lautete stattdessen: SS7 ist bereits Jahrzehnte alt und wird noch mindestens weitere zwanzig Jahre im Einsatz sein. Es ist und bleibt das Protokoll, mit dem die Handynetze auf der Welt miteinander kommunizieren und weltweiten Datenverkehr ermöglichen. Kurz vor Mitternacht zog dann die amerikanische Journalistin Julia Angwin im großen Saal vor 3000 Congress-Besuchern das  dem Tag entsprechende Fazit: In der Diskussion um Datenschutz und Datensicherheit ist „der Brief ohne Absenderadresse ein sehr unterschätztes Kommunikationsmittel“.

28. Dez. 2014
von Stefan Schulz
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