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Scheinnachrichten verbreiten sich im Internet sekundenschnell. Warum wollen wir sie glauben?

Letzte Woche verbreitete sich ein Foto auf Twitter, das direkt aus Aldous Huxleys Roman „schöne neue Welt“ in die schöne neue Welt des Internets gekommen schien: Es zeigt einen Platz in der chinesischen Metropole Peking, eingehüllt in dichte Smogschwaden, und eine riesige LED-Leinwand, auf der ein Sonnenuntergang abgebildet ist. Die Nachricht, die chinesische Regierung lasse die Sonne angesichts der massiven Umweltprobleme in Pekings jetzt virtuell untergehen, war einfach zu schön, um sie für unwahr zu erklären, und so schaffte sie sogar den Sprung in die klassischen Medien. Bis sich herausstellte, dass auf dem dystopisch angehauchten Foto zwar eine Stadt zu sehen ist, die im Smog versinkt, auf dem Bildschirm aber nur eine Werbung aus der Tourismusregion Shandong, und das etwa zehn Sekunden lang.

Ungefähr im selben Zeitraum ging ein Video viral. Ein Mann mit dem T-Shirt-Aufdruck „#Freiheit“ erklärt halb ironisch, halb ernst, er werde sich heute mal mit dem iPhone befassen, und vielleicht auch mit dem NSA-Skandal. Nachdem er die Ortungsdienste seines Handys ausgeschaltet hat, ruft er Siri auf und fragt das Sprachprogramm nach „Christentum“ und „Buddismus“. Siri zeigt den Wikipedia-Eintrag beider Religionen an. Anschließend fragt der Mann nach „Islam“. Siris Antwort: „Verrat mir zuerst, wo Du bist. Aktiviere dazu in den Einstellungen unter ‚Datenschutz’ sowohl die Option ‚Ortungsdienste’ als auch unter ‚Ortungsdienste’ die Option ‚Siri’“.

Wieviele Augen mögen sich angesichts dieser Pointe vor den Bildschirmen geweitet haben, die eigentlich schon beim dreißigsten Chaos Computer Congresses zum Jahreswechsel entdeckt wurde, und zwischen den Vorträgen, gewissermaßen auf dem Pausenhof, in einem Podcast versendet wurde? Inzwischen haben mehrere Blogs klargestellt, dass es sich um einen Übersetzungsfehler handelt, und nicht um die neueste Perfidie von Geheimdiensten. Wer Siri zum Beispiel nach „Islamismus“ fragt, bekommt einen Wikipedia-Artikel angezeigt, obwohl zu vermuten steht, dass der Begriff bei Mitarbeitern der westlichen Geheimdienste noch deutlich eher die Alarmglocken klingeln lässt als „Islam“. Das englischsprachige Siri verweist den Nutzer bei der Frage nach „Islam“ korrekt auf den Wikipedia-Artikel und wenn die Ortungsdienste im Deutschen eingeschaltet sind, zeigt Siri Moscheen in der Nähe an. Vermutlich haben die Siri-Übersetzter die Frage nach der Religion also versehentlich gleichgesetzt mit der Frage nach Gotteshäusern. Und wer wollte überhaupt ernsthaft glauben, dass die Geheimdienste den Handynutzern, die sie überwachen, gleichzeitig ein riesengroßes Warnschild hinhalten: Achtung, Überwachung im Vollzug? Sollten sie nicht zu deutlich subtileren Methoden fähig sein?

Anders gefragt: Warum gehen wir mit Hunderttausenden davon aus, dass wir Zeuge einer Entdeckung werden, die die geheimdienstliche Durchseuchung von Apple-Produkten zeigt oder den verzweifelten Versuch der chinesischen Regierung, Normalität auf LED-Bildschirme zu projezieren? Vermutlich, weil es so wahrscheinlich wirkt. Denn die aggregierten Falschmeldungen fügen sich passgenau in die aktuelle Nachrichtenlage ein. Wer weiß, dass die NSA mittels manipulierter Radiowellen auch Computer hacken kann, die gar nicht mit dem Internet verbunden sind, wird die Nachricht, dass Siri bei der Frage nach Islam Standortdaten versendet, achselzuckend zur Kenntnis nehmen. Sie verhällt sich zu Snowdens Enthüllungen wie Science Fiction zur Erfindung des Rads. Und wem bekannt ist, dass China sich derzeit in einer Weise industrialisiert, die die europäische Industrialisierung wie ein Sandkastenexperiment aussehen lässt, der glaubt gerne, dass der Staat seinen Bürgern inzwischen auch den Sonnenuntergang vorgaukelt, damit sie auf dem Weg vom Fließband nach Hause ohne Murren die verpestete Luft einsaugen, die sie dort herstellen.

Nachrichten umgeben uns, im Sekundentakt. An manchen Tagen bestehen wir ganz aus ihnen. Sie führen ein Eigenleben in unseren Handys, sozialen Netzwerken und Köpfen. Das Internet verbreitet sie wie seismographische Wellen über den Globus, das Getöse verleiht ihnen zusätzliche Glaubwürdigkeit. Schon im antiken Griechenland wurden Abstimmungen in der Polis nicht gewonnen, weil die Mehrheit dafür war, sondern weil die Gruppe, die eine bestimmte Entscheidung vertrat, lauter schrie als ihre Gegner.

Gestern Nacht twitterte das Kollektiv Anonymous, die Webseite des Nachrichtensenders CNN sei von einer Spezialabteilung von Assads Truppen, der Syrischen Elektronischen Armee, gehackt worden. Dabei erwähnte es den Account eines im Twitteruniversum noch unbekannten Computerentwicklers aus Kanada, der im Windschatten von Anonymous schlagartig berühmt wurde. „Anonymous hat mich genannt“, twitterte er, „und jetzt explodiert die Zahl meiner Erwähnungen“. Vielleicht ist das ein weiterer Grund für unsere Schwäche, Scheinnachrichten Glauben schenken zu wollen: Indem wir sie bei Twitter weiterverbreiten und auf den sozialen Börsen mit unseren Freunden teilen, können wir mit der Produktionsmaschine verschmelzen, und einen Teil der Aufmerksamkeit für uns abzweigen. Wir wittern ein virtuelles Land der unbegrenzten Möglichkeiten, und hinter jedem zweiten Tweet persönlichen Ruhm. Was spielt es da noch für eine Rolle, ob eine Nachricht wahr ist? Ein bisschen unterhalten sollte sie allerdings.

(Bilder via flickr; Jed Sundwall)

 

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2 Lesermeinungen

  1. Der Autor dieses schöngeschrieben, aber faktenfreien Artikels könnte zur Kenntnis nehmen,
    Dass die Frage längst geklärt ist, warum wir so gerne Unsinn glauben oder Urban Legends weiterverbreiten: Weil die Menschen lieber glauben statt wissen und an diesem Glauben selbst dann festhalten, wenn man ihnen Beweise dafür vorlegt, dass der Glaube falsch ist.

    Das einzige, was das Internet zu dieser Menschheitskonstante beiträgt, ist die Umlaufgeschwindigkeit neuer Legenden. Nichts sonst.

    Was gibts sonst neues aus der uralten Welt der virtuellen Realitätserfindung?

    Gruss,
    Thorsten Haupts

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