Digital Twin

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Das Netzweltblog

Das analoge Silicon Valley

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Die Technologiegiganten verkaufen uns eine schöne neue Welt. Die alte ist ihnen wenig wert. Google und San Francisco feilschen im Streit um privaten Busverkehr um einzelne Dollar.

Ja, „es fühlt sich fantastisch an, 10 zu sein“, überall auf der Welt. Facebook war diese Botschaft einigen Aufwand wert, wahrscheinlich haben ein Dutzend Familien eine wunderschöne Geburtstagsfeier spendiert bekommen, damit dieses Video entsteht. Die Unbekümmertheit, die es von Beginn an ausstrahlt, hängt wohl mit einem einfachen Umstand zusammen: Alle sind beisammen, feiern miteinander, niemand schert sich um Abwesende oder den nächsten Tag. Kein Zehnjähriger kommt auf den Gedanken, ein Smartphone zu zücken, um Essensbilder zu teilen oder andere fröhliche Momente durch den Einsatz der Technik zu entzaubern.

Das ist das Kalkül des Films. Apple hatte kürzlich die Familienzusammenkunft zu Weihnachten ganz ähnlich inszeniert. Ein Junge, der Weihnachten im größeren Kreis der Familie verbringt, aber nicht von seinem iPhone lassen kann. Am Ende, so die Botschaft, brauchte er es, um einen Film über seine Familie zu drehen – der die Familie natürlich noch mehr vereint. Das iPhone im Bild, so lautet dann auch der Titel des Werbefilms, sei ein „Missverständnis“.

iPhones können das Familienleben verschönern, Vernetzung bringt Freude. Auch Google hat derartige Videos im Programm, sie zeigen, dass Tabletcomputer Wege aus der Angst aufzeigen und den Kontakt zu Mädchen herstellen können. Wenn das aber die Welt ist, die durch neue Technologien herbeigeführt werden kann, stellen sich seit einigen Monaten immer mehr Menschen die Frage, wo diese Welt beginnt. Die Grenze verläuft, diese Diskussion wird inzwischen intensiv geführt, in unmittelbarer Nachbarschaft zum Silicon Valley, in den Bushaltestellen San Franciscos.

Üblicherweise droht jedem, der die öffentlichen Bushaltestellen für etwas anderes als öffentlichen Nahverkehr nutzt, ein Bußgeld. Der „GBus to MTV“, der Google Bus nach Mountain View, allerdings, nahm sich das Recht, die Haltestellen dennoch zu nutzen. Auch wenn zu lesen war, dass schon einmal Steine gegen diese Busse geschleudert wurden, verlief der Bürgerprotest bisher recht aufgeräumt. Auf Sperrungen folgen Protestgesänge, in der Hoffnung, dass die Medien das Theater dokumentieren.

© heart-of-the-city.orgÖffentlicher Nahverkehr / GBus

Denn der eigentliche Grund des Protests sind weniger die Busse als ihre Wirkung. Es gebe einen Zusammenhang zwischen privatem Busverkehr und dem Anstieg der Mietpreise, heißt es nicht allein von Seite der Aktivisten. Auf der anderen Seite gehe es um den Transport mehrerer zehntausend Menschen pro Tag, nicht jeder von ihnen sei Milliardär, sagen die von dem Protest betroffenen. Auf die Forderung der Aktivisten, für die Nutzung der öffentlichen Infrastruktur eine Milliarde Dollar pro Jahr zu verlangen, reagierte die Stadt nun mit einem Pilotprogramm ab Juli. 1 Dollar pro Halt sollen die Technologiegiganten zahlen, wenn sie die Haltestellen nutzen.

Nun sucht Google neue Wege, beispielsweise per Schiff. Was die Fahrtdauer von 40 Minuten, die ein Bus braucht, wohl entscheidend verlängern würde. Die Zeit, bis das Programm beginnt, überbrückt Google, in dem es seine Mitarbeiter anhält das gegenwärtige und inzwischen eingespielte System zu erhalten (und den einen Dollar zu akzeptieren). Die für den Mitarbeitertransport zuständige Abteilung bei Google hat dafür extra einen Sprechzettel vorbereitet, der in die Öffentlichkeit gelangte: Man solle erwähnen, stolz auf die Stadt zu sein. Man kümmere sich um die Nachbarschaft und schütze überdies das Klima. Die Gelegenheiten für derartige Gespräche zwischen Mitarbeiter und Mitbürger werden allerdings seltener. Im Januar hat Google damit begonnen, das eigene Personal an den Bushaltestellen mit Sicherheitspersonal weiter von der Bevölkerung abzuschirmen.

© heart-of-the-city.orgWohnraum, der in den vergangenen zehn Jahren „geellised“ wurde.

Dieses Kalkül der Abschirmung ist auch, was die Aktivisten eigentlich kritisieren. Die Busse sind eher das sichtbare Artefakt des Wandels, dem ihre Stadt unterliegt. Auch hierbei sind Mietpreise nur das eine. Der Verlauf der Räumungen auf einer Webseite der Aktivisten zeigt es in Zahlen: Elftausend Wohnungen seien in den Jahren des Booms seit 1997 geräumt worden, ohne dass wirtschaftliche Missstände der Mieter dafür ausschlaggebend gewesen seien. Siebentausend Mal haben Vermieter Eigenbedarf angemeldet, dreieinhalbtausend Mal kam ein kalifornisches Gesetz zur Anwendung. Der Ellis Act erlaubt es Vermietern, Verträge zu kündigen, wenn Gebäude alternativ genutzt werden sollen. Dieser Vorgang geht häufig mit einem Wechsel des Eigentümers einher, dem wiederum häufig Sanierungsarbeiten folgen. Auf diese Weise sei die Stadt einmal umgekrempelt worden, um den gehobenen und teuren Ansprüchen der gut verdienenden Mitarbeiter der Silicon-Valley-Unternehmen zu genügen.

In der vergangenen Woche kam es zu einem weiteren Tiefpunkt in der Auseinandersetzung: Protestierende klingelten beim dem Google-Mitarbeiter Anthony Levandowski, verteilten Flugblätter und beschimpften ihn. Er baue mit an einer Welt der Überwachung, hieß es. Die Dramatik des Ganzen steckt im Detail: Google feilscht mit San Francisco um jeden einzelnen Dollar und behauptet zugleich vor aller Welt, an einer schönen neuen Welt mitzuwirken.

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