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„Ich fühle mich nicht ausgebeutet“

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Er ist einer der bekanntesten deutschen Video-Blogger und Komiker, den das Internet bislang hervorgebracht hat: Borja Schwember alias „Dr. Allwissend“. Im Interview spricht er über seinen Werdegang und das Geschäftsgebaren von Youtube/Google.

Ihre Kunstfigur „Dr. Allwissend“ beantwortet den Zuschauern auf Youtube einfache Fragen, erklärt Begriffe oder Phänomene wie zum Beispiel das Zeitreisen. Wie ist sie entstanden?

Am Anfang war „Dr. Allwissend“ nur der Kanalname, der passte einfach zu dem ersten Video, das ich gemacht hatte. Die Fragen der Zuschauer habe ich erstmal nur so im Scherz beantwortet, die meisten waren auch nicht wirklich ernst gemeint. Irgendwann gab’s dann aber auch welche, bei denen ich dachte: die könnte man durchaus auch sinnvoll beantworten. Und dann habe ich angefangen Videos zu machen, die eine Mischung aus Unterhaltung und Wissensvermittlung – so kleine Botschaften – darstellen. Das kam ganz gut an, deswegen habe ich einfach weiter gemacht. Die Figur entstand also überhaupt erst aus der Interaktion mit den Zuschauern.

Wie muss man sich die durchschnittliche Arbeitswoche eines Youtuber-Vloggers vorstellen?

Eine durchschnittliche Arbeitswoche hatte ich schon lange nicht mehr (lacht). Wenn ich ein Video mache, gehe ich die Kommentare durch, nehme mir eine schöne Frage aus der sich vielleicht was machen lässt, fange an mich in das Thema einzulesen und zu recherchieren. Dann schreibe ich ein Script, was für Aussenstehende wohl eher langweilig ist, aber die meiste Zeit in Anspruch nimmt. Beim Drehen trage ich das dann Wort für Wort vor.

Wort für Wort?

Ja, viele denken ich würde das stichpunktartig machen, aber eigentlich gehe ich sehr planmäßig vor. Es kann natürlich sein, dass ich mal einen Satz im Eifer des Gefechts anders formuliere, aber grundsätzlich lege ich vorher fest, was ich sagen will. Meistens geht das auch nicht anders, zum Beispiel wenn ich Pseudo-Dialoge mit mir selbst führe. Das kriegt man spontan ja gar nicht hin.

Woher kommen Ihre Ideen?

Ja, woher kommen Ideen?

Wann haben Sie gemerkt, dass Sie von Ihrer Arbeit leben können?

Seit ungefähr anderthalb Jahren. Ich hatte vorher noch einen Job in der Geschäftsstelle eines Wissenschaftsvereins, der irgendwann auslief. Und dann habe ich gemerkt, dass ich mir eigentlich gerade gar keinen neuen suchen muss.

Empfinden Sie sich als Star der deutschen Youtube-Szene?

Nein, nein. Es gibt ganz andere Kaliber, zum Beispiel Y-Titty. Die funktionieren als Teenie-Stars, die haben so ein bisschen den Boygroup-Effekt, stehen in der Bravo, drehen eigene Musikvideos – bei mir ist das noch nicht ganz so schlimm (lacht). Ich bin ja auch schon ein bisschen älter. Meine Zuschauer rennen mir nicht kreischend hinterher.

Auch nicht auf Szene-Veranstaltungen wie dem Webvideopreis?

Da ist natürlich mehr los, klar. Beim Videoday im letzten Jahr wars besonders schlimm. Ich konnte kaum durch die Gänge laufen, ohne dass mich irgendwer um ein Autogramm gebeten hat. Als ich dann aber rausgegangen oder später nach Hause geflogen bin, kannte mich wiederum kein Mensch. Es ist eine Parallelwelt.

Das Publikum bei Youtube ist im Schnitt sehr jung. Stellen Sie sich irgendwie darauf ein?

Schwierige Frage. Ich weiß noch wie mir das erste Mal jemand geschrieben hat, er sei gerade in die sechste Klasse versetzt worden. Ich dachte: wie bitte?! (lacht). Ich war ganz erschrocken, dass ich so junge Zuschauer habe und dachte, ich muss aufpassen, was ich sage und ein familienfreundliches Programm machen. Aber die Zuschauer gestalten es ja mit und deswegen geht es sowieso häufig um Themen, zu denen sie einen Bezug haben. Trotzdem: Ich mache auch viele eigensinnige Sachen. Man muss kein Kinderprogramm auf Youtube anbieten, um erfolgreich zu sein.

Die Internetseite socialblade.com erstellt eine Rangliste der erfolgreichsten Vlogger und schätzt, wieviel sie im Monat verdienen. Wenn man sich das so anschaut–

–(lacht) ganz vertrauenswürdige Zahlen.

Der Youtuber „iBlali“ zum Beispiel soll zwischen 30000 Euro und 300000 Euro monatlich verdienen. Was liegt näher an der Wahrheit?

Die Schätzungen basieren ja auf Einnahmen, die man durch Werbespots erzielt. Alles total ungenau und so ziemlicher Quatsch. Man muss schon ein ziemlich hohe Clickzahlen im Monat erreichen, um alleine davon leben zu können. Deswegen gehen die meisten noch direkte Kooperationen mit Werbekunden ein: Zum Beispiel, indem sie Productplacements unterbringen oder am Ende des Videos auf eine Kampagnenseite verlinken. Das mindert den Druck, nur für die Clickzahlen und den Mainstream produzieren zu müssen.

Steht das nicht im Widerspruch zum Anspruch der klassischen Youtube-Szene?

Ich sehe mich nicht ausschließlich als Youtuber, sondern als Unterhalter oder Komiker, wenn man so will. Zum Beispiel trete ich seit kurzem in der Fernsehsendung „Yps – die Sendung“ auf. Youtube ist meine Heimat und das, was mir im Moment am meisten Spaß macht, aber wenn ich mit meiner Arbeit weiter machen will, muss ich meine Ärmchen in verschiedene Richtungen ausstrecken – schon aus Interessse. Im Moment könnte ich allerdings auch einen Singlehaushalt alleine von den Werbeeinnahmen betreiben.

Kürzlich hat die New York Times die amerikanische Vloggerin „Olga Kay“ mit der Aussage zitiert, die Szene kämpfe um ihre Existenz. Die Werbeanzeigenerlöse pro Video seien rückläufig, weil Unternehmen ihre Werbung breiter streuen; der Konkurrenzdruck durch immer neue Vlogger und Googles Expansionspolitik nehme zu.

Man ist als Künstler natürlich sehr abhängig vom Werbemarkt, das merkt man schon an den Preisschwankungen. Es gibt Zeiten, in denen die Werbeerlöse steigen, vor Weihnachten klassischerweise, und eben Phasen, in denen weniger Werbung geschaltet wird und die Preise sinken. Die Logik ist klar: Es wird immer mehr geschaut, es gibt immer mehr Youtuber, und solange nicht auch die Werbebudgets der Kunden steigen, gibt es weniger zu verteilen. Aber ich zuversichtlich, dass der Onlinwerbemarkt weiter wachsen wird.

Werbekunden sind die eine Seite. Auf der anderen Seite wird kolportiert, dass Youtube bzw. Google 45 Prozent der Erlöse behält.

Darüber darf ich leider nicht sprechen.

Also stimmt es, dass Sie vertraglich zum Schweigen verpflichtet sind?

Ich glaube, mittlerweile ist es kein großes Geheimnis mehr, wieviel Google behält. Das lässt sich an diversen Stellen im Internet nachlesen. Aber ja, ich kann dazu nichts sagen.

Auch nicht, wie angemessen Googles Anteil Ihrer Meinung nach ist?

Das kann ich nicht wirklich einschätzen. Ich bin ja nicht über die Ausgaben von Youtube informiert. Aber so weit ich weiß, gibt Youtube immer noch an, keinen Gewinn zu erzielen. Andererseits liest man auch immer wieder, dass sie keine genauen Zahlen veröffentlichen. Ich weiß da wirklich nicht mehr als jeder andere, aus eigener Erfahrung aber zumindest, dass Streamingvideos eine verdammt teure Angelegenheit sind. Irgendwie muss sich eine solche Plattform ja auch finanzieren.

Wie stehen Sie zu Googles ursprünglichem Motto „Don’t be evil?“

Ist das überhaupt noch Googles Motto? (lacht) Ich fühle mich jedenfalls nicht ausgebeutet von Youtube oder Google. Man muss sehen, dass es damals, als Youtube das Partnerprogramm für die Werbeeinnahmen ins Leben gerufen hat, verschiedene Videoplattformen gab, die Werbung vor die Videos geschaltet haben, ohne dass die Nutzer auch nur einen Cent davon gesehen haben. Die Idee, Videomacher an den Werbeeinnahmen zu beteiligen, war also schon ausgesprochen fair. Und sie hat letztlich überhaupt erst dazu geführt, dass aus Youtube das geworden ist, was es jetzt ist. Es ist ein symbiotisches Verhältnis entstanden: Youtuber und Youtube brauchen sich gegenseitig, manchmal ist die Beziehung auch angespannt, klar, aber ich weiß nicht, ob es gerechtfertigt ist, davon auszugehen, dass sich Youtube an mir ein goldenes Badezimmer verdient. Es ist vielleicht eher eine Investition in die Zukunft.

Was unterscheidet Kunst im Internet Ihrer Meinung nach von anderen Kunstformen?

Man kann natürlich die Videoinstallationen, die man irgendwo an die Wand wirft, auch bei Youtube hochladen und dann unterscheidet sich die Kunst vermutlich kaum. Aber der amerikanische Youtuber Ze Frank zum Beispiel hatte eine Zeitlang eine Videoreihe („the show with ze frank, Anm. v. Verf.), in der Zuschauer Videoclips einsenden konnten, die er dann zu Montagen zusammengeschnitten hat. Leute aus aller Welt waren an seiner Show beteiligt – so was kann man natürlich nur im Internet machen.

Wenn Sie heute mit dem Vloggen anfangen würden, glauben Sie, dass Sie nochmal an den Punkt kommen könnten, an dem Sie jetzt stehen?

(lacht) Das kann ich eigentlich kaum beantworten. Ich weiß ja selber nicht wie ich hierher gekommen bin.

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1 Lesermeinung

  1. Interessant..
    .. aber „Vlogger“? Der Mann macht Kurzfilme, da muss man kein idiotisch klingendes Kunstwort für erfinden.

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