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Das Netzweltblog

Wer was zu sagen hat, kann ewig reden

Seit eineinhalb Jahren interviewt Tilo Jung Menschen. Aus der Improvisation entwickelte sich ein Format mit Sendeplatz im Fernsehen. Das Programm heißt programmatisch "jung und naiv".

© jungundnaiv.deJournalismus ausschließlich per Video; da müssen die Frisuren sitzen. Tilo Jung spricht mit Sascha Lobo im Stasimuseum Berlin über das Wesen der Überwachung.

Der Medienwandel liegt auf der Hand, sprichwörtlich. Die Kameras, mit denen Tilo Jung Gespräche aufzeichnet, um sie ins Internet zu stellen, wiegen 74 Gramm. Ihre längste Kante misst sechs Zentimeter. Für den Journalismus, den Jung mit ihnen betreibt, gilt, was schon Surfer vor Jahren sagten, als sie die neuen Kameras auf ihre Bretter klebten: Sie machen es nicht leichter, Surfer in Aktion zu zeigen. Sie ermöglichen überhaupt erst die Perspektive, als Zuschauer mit durch die Wellen zu jagen.

Ganz so weit treibt es Jung nicht. Seine Gespräche mit Regierungssprecher Steffen Seibert, dem ehemaligen Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück oder dem damaligen amerikanischen Botschafter in Deutschland Philip Murphey filmte er nicht aus Ego-Perspektive. Und doch hatte die Kamera ihre Wirkung. „Viele wundern sich über sie und denken. ,Das ist ja gar kein Fernsehen, das muss ich nicht ernst nehmen‘“, sagt Jung. Was die Situation meistens entspannt, führte im Falle Steinbrücks zu einer Anekdote. „Da passe ich doch gar nicht rein“, sagte dieser nämlich. „Womit er vielleicht sein Ego meinte“, vermutet Jung heute.

Selbst ausschließlich schreibende Journalisten haben heute alles dabei, was man für Videos braucht: Stefan Schulz im Gespräch mit Tilo Jung über seinen Journalismus.

Dass Gesprächspartner die Technologie verkennen, die in der Lage ist, kinotaugliche Bilder zu produzieren, kommt Jung gelegen. In größtmöglicher Distanz zum Fernsehen strebt er danach, erst gar keine Interviewsituation aufkommen zu lassen und selbst nicht als Journalist verstanden zu werden. In kurzen Vorgesprächen weist er seine Gäste darauf hin, dass er die Rolle eines Naiven spielt und dass sich die Sendung an politisch Desinteressierte richtet. Danach überlässt er es seinen Gästen, mit seinem gespielten Mangel an Kompetenz und Professionalität umzugehen. Da er seine Gesprächspartner obendrein duzt und am liebsten so lange mit ihnen spricht, wie sie Geduld mit ihm zeigen, entstehen Filme, die den üblichen Fernsehgewohnheiten widersprechen.

Im Grunde ist seine Tätigkeit ohnehin besser mit der eines Podcasters zu vergleichen, so neu, eigenwillig und abhängig vom Internet ist sie. Und darüber hinaus hat Jung seine ersten Erfahrungen nicht beim Fernsehen, sondern in einer Zeitungsredaktion gesammelt. Seit einem Schülerpraktikum in einer städtischen Pressestelle schrieb er viele Jahre lang für den „Nordkurier“, für den er von seiner Schule, als Austauschschüler in Texas und als Wehrdienstleistender berichtete. Den Weg vom „recht unabhängigen Reporter“ zum Redakteur ging er anschließend allerdings nicht. „Weil ich keinen Chef haben wollte“, wie er sagt.

Stattdessen stand ein Wechsel nach Berlin, zu einem Studium der Betriebswirtschaftslehre und etlichen Jobs in Start-up-Unternehmen, an. Es war die Zeit von studiVZ, wo Jung als Kundenbetreuer das geschäftsgetriebene Internet kennenlernte. Für „Spreadshirt“, „Zalando“ und „Absolventa“ arbeitete er in den Public-Relations-Abteilungen und bemerkte nach vier Semestern, dass die Realität, in der Businesspläne wöchentlich umgeworfen werden, und dröge Vorlesungen zum selben Thema kaum zueinanderpassen. Er verließ die Universität mit der Idee, selbst Gründer zu werden.

Nach der Gewalt auf der Straße: Die Journalisten Tilo Jung und Maxim Eristavi unternehmen einen Stadtspaziergang durch Kiew.

Es waren Umwege, die ihn zur Entwicklung des Formats „Jung & Naiv“ brachten. Um für ein Projekt mit dem Sender Arte das Arbeiten vor der Kamera zu üben, nahm Jung mit seinem Mobiltelefon Gespräche auf. Für das damalige Format nahm er die Verheißungen des Internets ernst und bat Zuschauer unter dem Motto „Ich stelle den Gast, ihr die Fragen“ um Mitarbeit. Das sei allerdings eine Enttäuschung gewesen, sagt Jung heute: „Die Leute stellten nicht die Fragen, die sie hätten stellen können.“ So kam er auf die Figur des Naiven, der er bis heute versucht treu zu bleiben. Vorbildhaft sei der amerikanische Entertainer Steven Colbert, der seinerseits den konservativen Fernsehmoderator Bill O’Reilly parodiert. Jung aber parodiert nicht, er spielt „den Normalo“, der grundlegende Fragen stellt, dann aber geduldig zuhört.

Entsprechend abhängig sei der Erfolg jeder Episode von seinem Gast, sagt Jung. „Menschen, die wirklich etwas zu erzählen haben, können ewig reden. Wer nur eine Agenda verfolgt, langweilt schnell.“

Spricht Jung über das Fernsehen, kritisiert er die Resultate der Suche vieler Sender nach neuen Formen scharf. Mitmachsendungen wie die ZDF-Talkshow „Log in“ seien eine Mogelpackung, die nicht transparent mache, nach welchen Regeln das Publikum zur Geltung komme. Sendungen wie „Klub Konkret“ seien der ARD zu teuer und zu effekthascherisch produziert, dafür dass letztlich doch nur Straßenumfragen gemacht und Meinungen wiederholt würden, sagt Jung.

2013 sammelte er per Crowdfunding sechstausend Euro. Zudem bekam er von Google Deutschland im vergangenen Wahlkampfjahr ein Stipendium. „Jung & Naiv“ sei heute gut aufgestellt, sagt Jung. Inzwischen erscheine jede dritte Folge auf Englisch. Über seine eigene Rolle im Medienbetrieb ist sich Jung noch nicht im Klaren. Siebentausend Youtube-Abonnenten habe er. Was ihm wenig, aber dann auch wieder viel erscheint, weil er unter Kollegen und Politikern häufig erkannt wird. Nun arbeitet er daran, auch ernst genommen zu werden. In zu vielen Gesprächen, sagt er, gehe es um die Form und nicht um die Inhalte.

 

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