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Twitter hat fast alles verspielt

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An Twitter wurden einstmals Liebeserklärungen gerichtet. Dann entdeckte das Unternehmen den vermarktbaren Nutzer und verlor das Netzwerk aus dem Blick. Twitter ist inzwischen aufgewacht. Aber Rettung bedeutet das nicht.

© worldpayzinc.comAllen geht es gut, ausser Twitter. Das Unternehmen zahlt für jeden Tweet Geld. Pro Quartal summieren sich die Kosten auf ein Minus von mehr als hundert Millionen Dollar.

Zum Glück wurden Infografiken erfunden. Denn den Journalisten fehlen die Worte. Twitter verdient nicht nur kein Geld, sondern macht pro Monat rund 40 Millionen Dollar Verlust. Die Meldung der Deutschen Presseagentur fiel knapp aus. Die Kollegen bei Spiegel Online war die Agenturmeldung zu kurz, sie haben sie noch ein wenig verlängert, mussten aber auch ab dem fünften Satz passen, schrieben also im sechsten: „Bei Twitter kann man bis zu 140 Zeichen lange Nachrichten absetzen, die auch Links zu Websites, Bildern oder Videos enthalten können.“

Die Infografiken sind tatsächlich auch nicht informativer, aber anschaulicher, insbesondere, seit sie Infoclips sind. In einer Minute Internet werden auf Twitter 236.100 Tweets geschrieben. Twitter häuft in jeder dieser Minuten einen kleinen Schuldenberg von 1236 Dollar an. Ob die Zahlen exakt stimmen ist ein bisschen egal. Aus ihnen lässt sich auch grob schlussfolgern, dass Twitter in acht Jahren kein Geschäftsmodell fand. Wer Twitteraktien hat, wird sich dafür interessieren.

Gänzlich irrelevant ist diese Sachlage allerdings auch nicht für die 255 Millionen Menschen die ihren Twitteraccount regelmässig nutzen. Denn die Suche nach einem Geschäftsmodell hat ganz Twitter in Mitleidenschaft gezogen. Heute sagt Twitterchef Dick Costolo „Es gibt nur wenige Unternehmen, die diese Reichweite haben.“ Aber schon Anfang des Monats stellte @nzben fest: „Interessant, wie das langsame Wachstum von Twitter zusammenfällt mit dem Vorgehen gegen freie Twitterapps. Als hinge beides zusammen.“

In der Tat. Der einzige weithin zitierte Satz aus der Investorenkonferenz bezieht sich auf die Mitgliederzahl des Dienstes. Sie bedinge die Reichweite und damit das ökonomische Potenzial von Twitter, sollte das wohl heißen. Herauslesen lässt sich aus dieser Botschaft: Twitter hat das Netzwerk wiederentdeckt, nachdem es über Jahre im medialen Erfolg schwelgte und nichts anderes als eine Masse an Usern sah, die sich einzeln portioniert an die Werbewirtschaft verhökern ließ. Ob die Widerentdeckung des Netzwerks aber ausreicht, um noch einmal dessen Möglichkeiten auszuschöpfen, ist sehr fraglich.

© TwitterDer Versuch, jegliche Kommunikation auf die offiziellen Wege von Twitter zu lenken, ist schon 2013 gescheitert. Ende vergangenen Jahres sank die Nutzeraktivität auf Twitter.com um mehr als zehn Prozent.

Twitter hat in den vergangenen Jahren alles dafür getan, dass die Nutzer den Dienst nur noch über die eine offizielle App verwenden oder die offizielle Twitter-Webseite nutzen. Niemand sollte auf Um- oder Abwegen den baldigen Werbetweets entgehen dürfen. Diese Restriktionen haben sich nicht ausgezahlt. Schon beim vorherigen Quartalsreport zeigte sich, dass Twitter nicht nur kein Geld verdient, sondern weltweit schrumpft. Ende 2013 sank die Nutzeraktivität von Twitter.com um elf Milliarden Klicks im Vergleich zum Vorquartal. Twitter wurde etwas mehr als dezimiert.

Twitter konnte dagegenhalten, mehr Accounts und mehr Umsatz verkünden. Aber die interessanten Entwicklungen zeigen steil nach unten. Schon vor anderthalb Jahren galten per Twitter verbreitete Links als relativ wertlos. Die Timeline wird offenbar doch eher als Stimmungsbarometer, denn als Tageszeitung verwendet. Wer sich heute bei Twitter anmeldet, kann über jeden Follower dankbar sein. Denn viele Nutzer sind nicht mehr auf der Suche nach interessanten Autoren.

Was Twitter gänzlich unterschätzte, ist die naheliegende Versuchung, Twitter zum direkten Kommunizieren zu benutzen. In Direktnachrichten an andere Nutzer lassen/ließen sich aus unerfindlichen Gründen keine Links senden. Es gibt bis heute keine Möglichkeit von Gruppenchats. Spontane Nachrichten an Unbekannte sind gänzlich unmöglich. Langezeit wurden gelesene Nachrichten nicht als solche markiert, was heillose Verwirrung stiftete.

Es kann als unternehmerisches Unvermögen gewertet werden, dass WhatsApp 19 Milliarden Dollar bekam und sich für Twitter kein Investor mehr zu interessieren scheint. Seit geraumer Zeit kommt hinzu, dass in der öffentlichen Kommunikation immer mehr Missmut geäußert wird. Die Erfindung des Shitstorms ging auf Twitter zurück. Statt sich damit zu befassen, besteht bis heute das Problem, dass sich nicht sagen lässt, ob bei Twitter gerade der echte Vorsitzende des Bund Deutscher Kriminalbeamter seine Follower als „hirnamputiert“ mit „kleinem Schwanz“ beschimpft. Wie sehr das Maß verloren gegangen ist, zeigt auch Kanzleramtschef Peter Altmaier, für den Twitter „die schärfste Waffe der Demokratie“ ist.

Twitters jüngster Rettungsversuch lautet nun: Facebooknachahmung. Die Aufmachung der Profilseiten ist der Facebooks bis auf Details nachempfunden. Dieses Prinzip hat allerdings schon bei StudiVZ nicht funktioniert. Wem an Netzwerkkommunikation mit Unbekannten zu liegen scheint, weicht derzeit auf App.net aus. Die „Alpha“-App wurde Twitter in seinen Prinzipien nachempfunden, wird allerdings kostenpflichtig betrieben, was sich für Nutzer tatsächlich doppelt auszahlt. Alle Inhalte bleiben Inhalte des Nutzers und kein Profitkalkül stört die Weiterentwicklung der Technologie, die auf Netzwerkeffekte setzt, statt auf Aufmerksamkeitsbündelung.

App.net ist ein Projekt für unendlich viele Nischen, kein Dienst für die millionenfache Verbreitung von Selfies, die sich im Nachhinein als Werbeveranstaltung herausstellen. Aus Twitters Niederlage lässt sich vielleicht gerade diese Lehre ziehen: Netzwerkkommunikation richtet sich an Abwesende und Unbekannte, eine Öffentlichkeit im eigentlichen Sinne braucht sie dafür nicht. Facebook hatte das rechtzeitig verstanden, sich auf Nutzer, ihre Verbindungen und Kommunikation von unterwegs konzentriert. Eine Broadcast-Funktion für unadressiertes Massenkommunizieren steckt in WhatsApp, ein Megaphone braucht niemand.

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1 Lesermeinung

  1. Twitter leidet an Silicon Valley
    Das Problem bei Twitter ist, dass ganz im Stil des SV zu viele Checks auf Zukunftsfantasien gezogen wurden. Die Folge ist Druck und Panik, den Fantasien zu entsprechen. Die Umsätze sind ja für so eine simple Applikation eigentlich blendend: „revenues rose 119.7% year/year to $250.5 mln vs the $241.71 mln consensus.“ Die Erwartung für 2014: “ in-line guidance for FY14, sees FY14 revenues s of $1.200-1.250 bln“ Da laufen also circa 900 Millionen Euro aufs Konto – damit müsste sich das Unternehmen eigentlich ein profitables Leben machen und in aller Ruhe die Sache weiterentwickeln können. Wieso klappt das nicht? Die Personalkosten sind extrem inflationiert. Und zusätzlich müssen den Angestellten riesige Aktienpakete versprochen werden, damit sie nicht abhauen. Die Mechanismen gleichen denen vor 15 Jahren, als ebenfalls viele Geschäftsmodelle am eigenen Größenwahnnsinn erstickt sind, der von seiten der Investmentbanker in die Unternehmen injiziert wurde.

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