Home
Digital Twin

Digital Twin

Das Netzweltblog

Journalisten jenseits ihrer Grenzen

| 1 Lesermeinung

Die Digitalisierung macht es niemandem einfach, vor allem nicht den Journalisten. Dennoch steht in Frage, ob wirklich alles in Frage gestellt werden soll. Überlegungen zu einer Fragwürdigkeit.

© Gage SkidmoreGlenn Greenwald, Journalist

Die Digitalisierung ist eine ganz harte Sache. Da führen sich die Hauptdarsteller weicher Professionen, beispielsweise Journalisten, schon mal selbst in die Irre. “Kann jemand gleichzeitig Journalist und Aktivist sein?” (Quellenangabe später) Oder, anders: Wie genau lässt sich Berichterstatterarbeit produktiv gestalten, wenn man sich bei den Ansprechpersonen zur Digitalisierung nur zwischen schweigsamen Unternehmen und geheimen Behörden entscheiden kann; über kurz oder lang also an Aktivisten gerät, die ihrerseits plötzlich nicht nur Digitalisierung erklären, sondern auch, was es mit der Schweigsamkeit und Geheimniskrämerei der eigentlichen Gestalter auf sich hat.

Als Glenn Greenwald zum Jahreswechsel aus Brasilien zugeschaltet in Hamburg sprach, habe er – wurde wenige Stunden später auf “Zeit Online“ vorwurfsvoll geschrieben – an einer angeblich unpassenden Stelle einmal “Wir” gesagt. Die Frage, was er damit meinte, wurde nicht geklärt. Unter dem Leitsatz “Kann jemand gleichzeitig Journalist und Aktivist sein?” sprudelten die Zeit-Autoren Kai Biermann und Patrick Beuth drauflos: „Grenze überschritten“, „mit den anwesenden Hackern gemein gemacht, mit den Aktivisten und Bürgerrechtlern“, „preaching to the choir“, und so weiter. Zur naheliegenden Feststellung, dass Gleen Greenwald zu aufmerksamen und engagierten Vertretern der Zivilgesellschaft sprach, oder einfach zu (s)einem journalistischen Publikum, kamen Beuth und Biermann nicht, die Frage ließen sie gar nicht zu.

Stattdessen formulierten sie am Ende, als Geisel an den Text gehangen, die Frage, ob es „überhaupt verwerflich“ sei, wenn Greenwald selbst die Grenze zwischen Journalismus und Aktivismus zieht. Schließlich sei es die „Frage zur Zukunft des Journalismus“,  ob es „Meinung und mehr Position“ braucht. „Braucht es Journalisten, die auch jenseits ihrer Artikel und Berichte für etwas eintreten?“ Zuerst einmal: Wer ist „es“? Zum zweiten: Wenn man nicht für etwas eintritt, warum sollte man es dann aufschreiben? Was macht Themen denn wichtig und interessant? Lässt sich die Frage nach Meinung und Position nicht einfach damit vom Tisch wischen, dass man sagt, im Journalismus braucht es eben Vernunft, damit kommt der Sinn – auch wenn alles auswechselbar ist, beispielsweise durch andere Perspektiven? Deswegen redet man doch von Pluralität in Medienhäusern und der Medienlandschaft.

Zum Glück für deutsche Journalisten ist Glenn Greenwald nicht sehr nachtragend. Im abschließenden Medienkapitel seines Buchs erwähnt er Biermann und die Diskussion in Hamburg – an der er sich am nächsten Morgen beteiligt hatte – nicht. Kam aber dennoch auf die Frage nach dem Aktivismus: „Das Justizministerium hatte (…) entschieden, dass die Zusammenarbeit mit einem Informanten zum Zwecke des ‚Diebstahls‘ geheimer Informationen über die ‚journalistische Arbeit‘ hinausgehe.“ Das Verhalten des Ministeriums hing „also davon ab, was nach Ansicht des Justizministeriums unter Journalismus zu verstehen war und was über die Grenzen rechtmäßiger Berichterstattung hinausging.“ „Vor diesem Hintergrund bedeuteten die Bemühungen einiger Medienleute, mich aus der Gemeinschaft der Journalisten auszuschließen (…) eine potenzielle Bedrohung für mich.“

Was Greenwald hier explizit schreibt, war auch damals in Hamburg schon klar, weil die Diskussion längst so lief. Worauf Ole Reißmann von Spiegel Online die Zeit-Autoren allerdings erst hinweisen musste.

Hier kann man sich einmal ansehen, wie Kai Biermann eigentlich mit der großen und für Greenwald gefährlichen Frage umgeht. Ein Drei-Minuten-Zusammenschnitt seines Auftritts mit Markus Beckedahl auf der Republica. Man achte mal auf die gewählten Worte, Adressaten und Appelle. (Eigentlich ein Fun-Fact: Über die Veranstaltung, bei der er selbst als Redner auftrat, schrieb er danach eine Jubelarie. Mein Fazit fiel anders aus, ohne dass ich behaupte, mein Text sei nicht auch als Folge subjektiver Erlebnisse enttäuschter persönlicher Erwartungen entstanden.)

(Bild)

0

1 Lesermeinung

  1. Leider wahr...
    …und wird in nächster Zeit mit Sicherheit an Brisanz gewinnen.

Kommentare sind deaktiviert.