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Abschied vom Schlüssel

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Passwörter kann man vergessen, genauso wie Haustürschlüssel. Unser Gesicht werden wir allerdings nie ausschalten. Es gibt fulminante Fortschritte in der Biometrie zu vermelden.

© Flickr/terrykimura (cc)Gesichtserkennung ist eine grenzenlose Technologie

Wissenschaftliche Durchbrüche lassen sich nur selten szenisch gut beschreiben. Im Falle Joseph Aticks klappt es aber ganz instruktiv: Eines Morgens betrat er sein Labor und der Computer begrüßte ihn beim Vornamen. Er erkannte außerdem alle anderen im Raum: „Ich sehe Joseph. Ich sehe Norman. Ich sehe Paul.“ Es klingt wie im Film, man muss es wohl nicht ganz glauben. Die „New York Times“ wählte für die Szene die Form der etwas lockeren Nacherzählung.

Die anderen markanten Stationen in Aticks Leben wurden dafür mit Ernsthaftigkeit und Fakten unterlegt: Geboren in Jerusalem, als christliches Kind mit Eltern griechischer und französischer Vorfahren, kam er nach Amerika. Als Junge weckte eine Verletzung, die seine Sehkraft beeinträchtigte, sein Interesse am Sehen. Als Schulabbrecher, der nie eine Universität als Student besuchte, wurde er mit 17 Jahren Doktorand in Stanford. Letztlich machte ihn der Anteilserlös vom Verkauf seines Unternehmens für mehrere Milliarden Dollar reich.

Das ist der Rahmen dessen, worüber Natascha Singer am Sonntag in der „New York Times“ schrieb: Die Gesichtserkennung ist fertig. Von nun an kann die Menschheit auf Wohnungsschlüssel, Flughafensicherheitspersonal und Passwörter verzichten – „face it“. Das letzte Problem ist noch der Preis, auf der einen Seite. Und auf der anderen Seite neuerdings die wachsende Furcht der Wissenschaftler, die sich beim Erfinden nämlich bislang wenig um den gesellschaftlichen Nutzen ihrer Arbeit kümmern konnten, weil sie es andauernd mit den interessierten Blicken von Geheim- und Sicherheitsdiensten zu tun hatten.

Die wiederum haben die Wirtschaft im Blick. Natascha Singer zitiert einen Israeli, der vierzig Jahre für das israelische Militär gearbeitet hat, zuletzt als Chef des Militärgeheimdienstes. Dann gründete Aharon Zeevi Farkash „FST Biometrics“, ein Unternehmen, das Menschen identifiziert. Sein Credo lautet: „Der Markt verlangt nach komfortabler Sicherheit.“ In einer New Yorker Nachbarschaft mit 1600 Mietparteien betreibt FST Biometrics computergesteuerte Türen, die aufgehen, wenn sich ihnen jemand nähert. Das System arbeitet mit Gesichtskontrolle, zieht aber zusätzlich noch Erkenntnisse aus dem Registrieren von Bewegungen.

Eine weitere Installation wird von einer Privatschule in Los Angeles betrieben. Die Technologie soll Fremde aus der Schule fernhalten und registrieren, wer zu spät kommt. „Wenn ein Mädchen um 8:05 Uhr kommt, registriert die Tür, dass sie zu spät ist. Das System lässt sich also nicht nur für bessere Sicherheit nutzen, sondern auch für mehr Disziplin.“ Es sei eben eine Tür mit Bildungsauftrag, sagt Farkash. Das nächste Projekt Farkashs liegt auf der Hand: Seine Systeme sollen die mühseligen und lang dauernden Sicherheitschecks am Flughafen hinfällig werden lassen.

Seit Januar 2001 sind die Vorzüge der Technologie bekannt. Beim Super Bowl XXXV bewies ein Unternehmen der Polizei von Tampa, dass sich Menschenmassen in einem Stadion identifizieren lassen, ohne dass irgendjemand davon etwas mitbekommt. Joseph Aticks war zu dieser Zeit schon Unternehmer. Sein Unternehmen hieß „Visionics“, sein Produkt „FaceIT“. Aber schon damals „dämmerte mir, dass es sich nicht um unschuldige Maschinen handelt“, sagte er. Dann geschah der Terror vom 11. September, mit maßgeblichem Einfluss auf Forschungsziele und -budgets.

Heute, 13 Jahre später, hat sich einiges verändert. Beispielsweise sind Menschen ständig mit mindestens zwei Kameras in der Hosentasche unterwegs. Moderne Mobiltelefone haben das Passwort längst durch Gesichtserkennung ersetzt. Fingerabdruckscanner wurden verbaut. Die Biometrie ist als Sicherheitstechnologie etabliert. Die Gesichter sind längst in den Datenbanken hinterlegt. Den Menschen entgleiten heute die Möglichkeiten, sich unkenntlich und unbekannt zu machen. Anders als GPS, Coockies und Internetverbindungen, „lässt sich ein Gesicht nicht ausschalten“, schreibt Singer. Der ständigen Kombination von Online-Identität und Offline-Präsenz steht heute nicht mehr viel im Wege.

Wenn demnächst die Datenbrille kommt, steht fest, was das bedeutet. Denn entgegen der Ansage, Google wolle keine Apps zur Gesichtserkennung zulassen, forscht das Unternehmen intensiv an Gesichtserkennung. In der Software „Picasa“ ist sie verbaut, selbst in Googles Videoplayer auf dem Handy gehört Gesichtserkennung zum Kern der Anwendung, damit Kunden schnell Wissenswertes zu Hollywood-Stars findet. Gesichtserkennung ist längst eine Jedermann-Technologie. Erkannt werden Gesichter in bewegten Bildern in Echtzeit. Die Apps, die die Arbeit erledigen, brauchen gar keinen Zugriff auf die Brillen. Sie brauchen nur die Bilder. Dass Googles Datenbrille das teilen von Bildern und das Liveübertragen von Videos unterbindet ist schwer vorstellbar.

Die Qualität der Bilder wird dabei immer besser: Schon heute sind die Chips, die die passenden Bilder liefern, beeindruckend leistungsstark und winzig (Beispiele, die sich kaufen lassen). Das Einzige, was es nicht gibt, sind Regeln oder überhaupt eine öffentliche Diskussion darüber, wie diese Technik eingesetzt wird und wann ausdrücklich nicht. Dieser fehlenden öffentlichen Diskussion stehen wiederum Interessen von Unternehmern gegenüber, beispielsweise der von Paul Schuepp, dem Chef des Unternehmens Animetrics: „Guidelines at this stage could stymie progress in a very promising market, and could kill investment.“

Hier nochmal der Link zum grandiosen Text in der „New York Times“.

Lesehinweis: Facebooks Fortschritte in der Gesichtserkennung.

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5 Lesermeinungen

  1. Auf Wohnungsschlüssel verzichten
    Am besten eine Tür aus Edelstahl ohne jede Möglichkeit des Eindringens für die Feuerwehr oder den Rettungsdienst. Die sind dann auch biometrisch erfasst oder haben andre technische Möglichkeiten sich einen Zugang zu verschaffen? Dann kann man es auch so lassen wie es ist.
    Für die elektronische Türsicherung benötigt man natürlich noch eine 100% sichere Stromversorgung.
    Ich habe Zweifel das dies in Deutschland zu machen ist.
    Oder man hat immer ein Akku oder Notstromaggregat für die Haustür dabei.

    • Mehr Phantasie wagen...man braucht keine ausfallsichere Stromversorgung für so etwas
      da reicht eine Pflanze hinter der Tür – oder im Extremfall eine Zitrone und zwei metallische Elektroden – oder irgendwo eine Solarzelle, die Helligkeit bekommt – z.B. die Taschenlampe des „Besuchers“.
      Diese „Technik“ ist eben nicht mehr energiehungrig.
      Faszinierend, was da schon geht – und erschreckend!
      Zu Ende gedacht – wenn das überhaupt geht – werden wir überall von Maschinen betrachtet und erkannt. Und wir wissen es nicht einmal. Denn „Kameras“ können klein sein wie ein Stecknadelkopf – oder für die Jüngeren ein Globulon.
      Versehen mit ein weinig Energie (Solarzelle) können diese Geräte die Information via Netzwerktechnik schnell transportieren und autark bewerten. Heidenei – was ist die Gegenmaßnahme? Analogous Twin? Also ein „Gesicht“, dass sich natürlich bewegt, ein Avatar, der meine Biometrie trägt? Das ist leicht herstellbar! Und was nun?
      Wer war nun am Ort des Geschehens? Ich oder mein Avatar?
      Und: Wenn mir jemand übel will, dann schaff er einen weiteren Avatar von mir und begeht Straftaten – war ich das selbst oder ein x-beliebiger Avatar?
      Konsequenzen?
      Das althergebrachte Buchrecht wird zu starr für die technische Entwicklung. Bislang konnte eindeutig festgestellt werden, ob eine Person an einem Ort war, oder nicht – Bild, Zeuge, ggfs. DNA.
      Und in Zukunft?
      Kann man nicht die DNA synthetisieren? Und dann Partikel mit aufgeprägter DNA am Ort des Geschehens hinterlassen? Die sythetisierte DNA in primitiver Form gibt es bereits. Das wird angewendet, um Edelmetalle zu schützen, indem man sie mit synthtisiertem DNA-Material bestreicht und später ausliest.
      Weitergedacht: Gesichtserkennung plus Avatartechnologie plus synthetisierter DNA – das ganze „natürliche“ Identifizierungs-Konstrukt platzt Niemand kann mehr mit Sicherheit sagen, welche „Person“ irgendwo war! Es wird Doppelgänger-Phänomene geben – und die Polizei wird der Gesichtserkennung glauben – das ist ja so toll.
      Also: Die ethische Problematik in dieser Erfindung ist – hier nur kurz angerissen – gewaltig.
      Aber die Politik ist erst bei „Neuland“ angekommen und will „Google“ stoppen – merkt aber nicht, dass Google aus 1990 ist! Die Technologie ist erhebliche weiter – die Politik in ihrer Bräsigkeit verliert den Anschluß immer mehr. Die Gesetzgebung ist aus dem letzten Jahrtausend!

  2. Anti-Human-Einsätze sind dann auch ganz einfach
    Zukünftig kreisen dann zig-tausend Drohnen über uns, die dann mit der US-Black-List verbunden sind und jeden automatisch ermorden, den die USA als Bedrohung ansieht.
    Im Kriegsfall wird dann umgeschaltet: Eine White-List mit den wenigen Personen, die die US-Regierung als lebenswert einstuft wird eingespielt und jeder, der nicht in der Liste ist, wird gekillt.

    PS: Anti-Human-Einsätze sind nichts anderes als Auftragsmorde (gezielte Tötungen).

  3. Die NSA freut sich
    wenn wir unveränderliche biometrische Merkmale nutzen, weil wir zu dumm sind uns eine vierstellige Zahl zu merken oder meinen unser Lebensglück (Lechz!! Komfort!!!) hinge davon ab, dass das Smartphone unser Gesicht oder unseren Fingerabdruck kennt.

    Die NSA verpflichtete Google am 14.9.2009, Apple im Oktober 2012 zur Zusammenarbeit im NSA-Prism-Projekt und Google profitiert auch davon: Straffreiheit bei der Verletzung von Rechten der Bürger. Und sicher bekommt Google so auch eher das eine oder andere öffentliche Projekt … ? Wer glaubt, dass seine biometrischen Daten dennoch auf einem Apple oder Google-Gerät sicher sind, glaubt auch, dass Zitronenfalter Zitronen falten, wenn ihnen langweilig ist.

    Die automatische Gesichtserkennung hat die menschlichen Fähigkeit bereits übertroffen, die Fingerabdruckerkennung sowieso.

    Die CIA besitzt eine Kamera mit der sie aus 100 Metern Entfernung Menschenmassen analysieren kann, d.h. sie weiß innerhalb kürzester Zeit, ob der Journalist xy oder der Menschenrechtsanwalt xy2 sich dort oder dort in einer Demonstration befinden.
    Entsprechend werden dann die „härteren“ Polizeieinsätze auf der anderen Seite des Demonstrationszuges stattfinden.

    Fortschritt? Ja!
    Jeden Scheiß ausprobieren? Nö.

  4. Abschied vom rein m e c h a n i s c h e n Schlüssel bzw. Schließsystem
    Grundsätzlich ist die Entwicklung weg vom rein mechanischen Schließsystem seit mindestens zweieinhalb Jahrzehnten absehbar. Ein Schlüssel ist – funktional gesehen – ein Informationsträger und dient zusammen mit dem Schließsystem der Zugangskontrolle. Das System ermöglicht eine Autorisierung.
    Das geht aber auch mithilfe ganz anderer Technologien, die man in den Suchrichtungen „Was man hat“, „Was man weiß“ und „Was man ist“ findet:
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    Was man hat – Neben dem klassischen Schhüssel sind das auch mikroelektronische Identifikationsobjekte, z. B. Schlüsselchips mit Transponder.
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    Was man weiß – Zugangskontrolle mittels PIN-Code
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    Was man ist – Biometrische Systeme, z. B. solche zur Gesichts- oder Fingerabdruckerkennung.
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    „abschied vom mechanischen schlüssel“ kann man suchen und finden.

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