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Das Netzweltblog

Neue soziale Normen oder neue soziale Netzwerke?

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Anders als Mark Zuckerberg behauptet, hat sich die Sensibilität fürs Private nicht geändert. Das zeigen aktuell britische Jugendforscher und ein amerikanisches Radioexperiment.

© Robert ScobleWas Mark Zuckerberg verrät: Dass er im Zentrum eines Netzwerkes steht, wie jeder andere Mensch. Aber Facebook weiß mehr, erklärt das Wissen über das Privatleben anderer sogar zur neuen sozialen Norm, und behält es doch wieder als Geheimnis für sich.

Große IT-Konzerne wie Google, Facebook oder Amazon sind nicht nur dafür bekannt, bekannte und beliebte Produkte herzustellen. Sie produzieren ebenso Zitate, die nicht sonderlich beliebt sind und wohl gerade deswegen sehr bekannt gemacht werden. Von Googles Eric Schmidt ist bekannt, dass man, was man nicht über sich im Internet sehen wollte, vielleicht gänzlich unterlassen sollte. Von Mark Zuckerberg ist bekannt, dass Privatsphäre nichts anderes sei als eine überholte soziale Norm. Die Chefstrategen sind sich einig, doch stimmt auch, was sie sagen?

Autoren der Oxford-Universität sind dieser Frage nachgegangen. Der Titel ihres Arbeitspapiers lautet „A New Privacy Paradox„, mit ihm verwiesen sie auf ihre Hypothese, deren Gültigkeit sie im Verlauf des Textes allerdings widerlegen: Nein, Jugendlichen ist ihre Privatsphäre nicht egal. Es gibt keine neue soziale Norm. Es ist stattdessen eher umgekehrt: Unter den 14- bis 17-jährigen sind sich 94 Prozent darüber bewusst, welche Privatsphären-Einstellungen sie in den sozialen Netzwerken ihre Wahl vorfinden. Dagegen hätte nicht einmal ein Drittel der Nutzer älter als 64 Jahre jemals einen Blick in die Einstellungen geworfen.

So gilt es zumindest für die hier untersuchten Briten. Wobei die Autoren – die im Forschungsstand gerade einmal drei empirische Studien aufführen und selbst darüber verwundert sind, dass sie nicht mehr fanden -, sagen, dass sich diese Ergebnisse mit anderen, darunter einer Studie mit deutschen Teilnehmern, deckten. Die weiteren Ergebnisse fallen nur in einem Aspekt weiter ins Gewicht: Wenn Nutzer ihre Fähigkeiten, mit Computern umzugehen, als hoch einschätzen, geben mehr als drei Viertel auch an, ihre Privatsphären-Einstellungen zu kennen. Wer sich aber ohnehin von Computern überfordert sieht, lässt auch die Einstellmöglichkeiten in den Onlinediensten links liegen. Das betrifft immerhin mehr als zwei Drittel der Nutzer, die ihre Fähigkeiten als gering einschätzen.

Mehr handfeste Erkenntnisse sind nicht zu nennen. Die Autoren sagen zudem, dass sie nur nach persönlicher Achtsamkeit, also einer Haltung gefragt haben, statt tatsächliches Verhalten zu beobachten. Darüber hinaus erwähnen die Autoren mit keiner Silbe, ob „checked or changed privacy settings“ denn auch bedeutet, dass sich die Nutzer für strengere Privatsphären-Einstellungen entschieden haben, nachdem sie die Einstellmöglichkeiten fanden.

Auch diese Studie reproduziert also einen Wissensstand, den sie selbst im Forschungsstand sehr interessant aufschlüsselt: Es gibt demographische und andere Faktoren, nach denen sich messen ließe, ob Menschen im Internet ihre Privatsphäre etwas bedeutet – aber jedesmal wenn man nachforscht, kommen etwas andere Ergebnisse heraus. Nur der auch medial wichtigste Punkt konnte mehrfach und eindeutig belegt werden: Heutige Jugendliche sind nicht freizügiger, nur weil sie das Internet aktiv nutzen. Unter allen Internetnutzern sind sie eher die vorsichtigen. Und nein, die Masse der Informationen, die heute freiwillig geteilt wird, gerade unter jungen Menschen, widerspricht der Sensibilität fürs Private nicht.

Es gilt also doch ein Status-Quo. Die Unternehmen machen Vorschläge, mit denen sich die Nutzer auseinandersetzen, woraufhin die Unternehmen nächste Vorschläge unterbreiten. Bis ein Unternehmen soziale Vernetzung auf anderer Basis anbietet. Ein Beispiel dafür könnte „Five“ sein. Statt weiterhin „Privatsphäre“ auf das zu beschränken, was Nutzer in den Einstellungen ändern können, zeigt das Unternehmen, worum es eigentlich geht: Jeder ist eingeladen, im Five-Lab seinen Facebook-Account mit der gigantischen Datenbank des „World Well-Being-Projekts“ zu verbinden.

© FiveMein persönliches Ergebnis der Facebook-Analyse durch Five-Lab.

Die Idee dahinter ist bestechend. Im Mittelpunkt der Aktion steht nämlich nicht die Sammlung von Daten, sondern ihre verborgene Analyse. Über Profildaten lassen sich Vergleiche anstellen. Der Einzelne wird durch seine Abweichungen kenntlich gemacht. Auf Vollständigkeit kommt es dabei nicht an, auf Logik kann ohnehin verzichtet werden. Weil die Unternehmen die Daten im Geheimen auswerten bestehen keine Rechenschaftspflichten. Die Unternehmen lassen ihre Nutzer allgemeine Geschäftsbedinungen unterschreiben, in denen überhaupt nicht steht, was mit den Daten geschieht. Das Modell heutiger sozialer Netzwerke ist somit eine große Lüge. Sieht man, in welche Matrizen die Five-Lab-Analyse die eigenen Facebook-Posts zwängt, stellen sich sofort Fragen – und zwar ganz persönliche. Dass genau diese Impulse nun als Werbung für eine neue Art sozialer Netzwerke genutzt wird ist spannend.

Dass Wolfgang Michal in der heutigen (11.06.) F.A.Z. behauptet hat, Snowden habe bislang gar nichts enthüllt, da wir von ihm nur wissen, dass Menschen von der Geheimdienstspionage betroffen sind, aber niemand sagen kann welcher Mensch genau und wie, wird so ein wenig verständlicher. Es gibt also zwei Möglichkeiten, den Ausforschungen und Analysen Einhalt zu gebieten: 1. Durch eine neue Art von Vernetzung, die Spionage prinzipiell unterbindet. Oder, 2., durch das Nachhören und Nachlesen eines konkreten Einzelschicksals. Der Radiomoderator Steve Henn hat sich dieser Prozedur unterzogen, bis ihm seine Überwacher sagten: Wir wissen, was du im Internet gemacht hast, wir können nun deine Storys schreiben, ehe du sie selbst publizierst. Nachhören sehr empfohlen.

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1 Lesermeinung

  1. Ich schätze
    ..das Zuckerberg uns beibringen wollte, was Ehrlichkeit des Geschäftslebens betrifft. Sie haben das Rad erfunden. Wir sind es. Sie sind in allem Gebildeter als andere, dabei hat die Erde schon vor Ihnen gegeben. Durch sie wird aber nichts besser, global nicht.

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