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Facebook & Co. betreiben Experimente, aber keine Wahrheitssuche. Sie suchen praktisches Wissen: Das Verhalten von Menschen ist der Rohstoff der digitalen Gesellschaft.

© kris krügAm Eingang zur digitalen Gesellschaft möge sich bitte jeder eine Leine abholen.

Facebook-User sind Versuchskaninchen, das wissen wir nun. Dass die Versuche am kommunizierenden Objekt alltäglich sind und ohne umfängliche ethische Kontrolle oder überhaupt fach- und sachgerechter Aufsicht durchgeführt werden, verwundert wenig. Heute Morgen gab es dann doch noch einen ungewöhnlichen Hinweis zur Qualität der Forschung: Man könne manche Forschungsergebnisse schon deshalb infrage stellen, weil man nicht wisse, ob der ein oder andere Facebook-Nutzer nicht gleichzeitig in mehreren Versuchsanordnungen Platz fand, die Manipulationen des einen Forschers also die Beobachtungen des anderen unbemerkt verfälschten.

Facebook hat ein wenig Glück, dass die Gesellschaft bis heute nicht akzeptiert, dass die Psyche Teil des Körpers ist oder zumindest in medizinischer Hinsicht nicht unwichtiger. Facebooks Emotionen- und Verhaltensstudien werden wohl nicht mit der ethischen Strenge beobachtet werden, mit der heimliche Verabreichungen „echter“ Wirkstoffe kritisiert wurden. Es ist aber nur eine Frage der Zeit, bis deutlich wird, wie substanziell die postindustrielle, postmaterielle und vermeintlich postideologische digitale Gesellschaft tatsächlich ist.

Vint Cerf, einer der damaligen Väter des Internets und heutige Öffentlichkeitsarbeiter für Google, sagte es in dieser Woche in einer Videobotschaft an das Publikum des Global Media Forums der Deutschen Welle: Da alles nur noch Software ist, ist die Welt eine grenzenlose geworden. „Alles ist möglich.“ Was allerdings auch bedeutet: Es gibt für nichts Rückhalt, alles, was sein soll, muss erfunden werden. Beziehungsweise, darin liegt die Hoffnung derjenigen, die über die Daten bestimmen können: Alles kann erfunden werden.

Es handelt sich bei Facebook jüngstem Fall um Experimente und Forschung im weitesten Sinne, für die wissenschaftliche Wahrheit aber nur eine untergeordnete Rolle spielt. Stattdessen geht es um eine neue Form praktischen Wissens – Folgenreichtum: Beim britischen Geheimdienst „erforschen“ 150 Agenten die Möglichkeiten, Biographien zu zerstören. Google hält die Identität eines Bürgers für den wichtigsten Rohstoff der Zukunft. Womit die industriellen Kategorien Arbeits- und Kaufkraft auf die Plätze verwiesen wurden. Facebook will nun wissen, wie wir uns verhalten, um in unser Verhalten eingreifen zu können: Wan funktioniert politische Mobilisierung? Was ist Ironie? Wann schlägt Gefallen in Begeisterung über? Sind Emotionen ansteckend?

© Dimitris Kalogeropoylos dkalo Bedrohung an die Wand gemalt.

Bisher schickten Staaten und Unternehmen Agenten in entsprechende Ortsvereine und Organisationbüros, um Ursachen von Protesten zu untersuchen, bevor sie aufkommen. Das ist nun vorbei. Geblieben ist die Idee, dass man dieses Wissen im eigenen Sinne nutzen kann. Teilnehmende Beobachtung, ohne selbst beobachtet zu werden, das ist das Versprechen der digitalen Gesellschaft, das die großen IT-Unternehmen und Staaten über ihre Geheimdienste für sich einlösen können und werden. Die Überwachung ist kein Erkenntnis-, sondern ein Kontrollinstrument, so falsch ihre Paradigmen auch sind.

Erschreckend ist nun, was Sheryl Sandberg, die die Geschicke von Facebook bestimmt, dazu sagt: Die Forschung ihres Unternehmens wurde „schlecht kommuniziert“. Damit dürfte sie gemeint haben: Man ärgere sich darüber, überhaupt darüber kommuniziert zu haben. Selbst das bisschen Kommunikation, also die kurzen Ergebnisdarstellungen in öffentlich einsehbaren wissenschaftlichen Journalen, wird sich Facebook künftig doppelt gut überlegen.

Außer Frage steht, dass Facebook und andere Unternehmen diese Forschung weitertreiben werden. Von Google ist seit Jahren, wenn auch kaum öffentlich, bekannt, dass das Unternehmen mit einem zweiten Suchindex, auf den wenige Nutzer kontrolliert umgelenkt werden, Vergleichstests macht, um herauszufinden, wie die Suchergebnislisten angenommen und verwendet werden. Für die Beantwortung der Frage, wann den Nutzern die obersten drei Suchergebnisse reichen und sie erst recht nicht mehr auf den Gedanken kommen, auf Seite zwei zu klicken, gibt es keinen anderen Weg.

Das einzige Erfolgs- und Gütekriterium für Onlinedienste ist das Verhalten der Nutzer, so undurchschaubar es trotz seiner manipulationsanfälligkeit auch bleibt. Auch das werden wir gesellschaftlich lange nicht akzeptieren, ironischerweise, weil wir in einer Bedeutungsfalle mit umgekehrten Vorzeichen gefangen sind. In der digitalen Gesellschaft geht es primär um unser Verhalten. Das gilt nicht auch für diejenigen, die sich selbst keine große Bedeutung zurechnen. Sondern es gilt gerade für diejenigen, Unscheinbaren aber Vielen.

Leseempfehlung: Gespräch mit Dirk Baecker.

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1 Lesermeinung

  1. Die Analyse ist ebenso offenkundig wahr wie diese Wahrheit trivial ist, für jedermann auf Anhieb
    erkennbar und ohne lange Erklärung einleuchtend.

    Die Konsequenz ist ebenso klar – die meisten intelligenten Menschen werden soziale Netzwerke zunehmend meiden (müssen), wollen sie sich einen Rest an Autonomie und nicht manipulierter Privatsphäre erhalten. Facebook wird zum Netz der Dummen, wenn es das nicht heute schon ist.

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