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Damals auf dem Teufelsberg

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Teufelsberg soll zum Mahnmal werden, als Erinnerung an die "Macht des Wissens"© Matt Biddulph / Flickr (cc)Teufelsberg soll zum Mahnmal werden, als Erinnerung an die „Macht des Wissens“

Worum ging es im Kalten Krieg? Auf diese Frage hatte Bill Scannell, der vor dreissig Jahren für zwei Jahre in einer der „geheimsten Abhöranlagen“ der Amerikaner gearbeitet hat, gleich im ersten Satz seines Vortrags eine Antwort: „The Hill“, die NSA-Field-Station-Berlin auf dem Teufelsberg, sei dazu da gewesen, zu wissen, dass die anderen wissen, dass wir wissen, dass sie wissen, was wir über sie wissen. Später formulierte er es verständlicher: Natürlich ließ sich damals, 1984, ein Wetterbericht für Moskau in der Zeitung lesen. Dann wusste man, was alle wissen, nämlich wie das Wetter in Russland wird. Aber, sagte Scannell, wenn man denselben Wetterbericht erhielt, weil man Kreml-Offiziere abhörte, die über das Wetter sprachen – dann hatte man nicht nur Wissen über das Wetter, sondern auch darüber, was die Sowjets über das Wetter wissen. „Man wusste, was sie wissen, ohne dass sie wussten, dass man das über sie weiß. Der Wetterbericht wurde eine streng geheime Sache.“

So war es im Kalten Krieg. Scannell erzählte eine Dreiviertelstunde Anekdoten vom Krieg, in dem er nie zur Waffe greifen musste, „weil das mit der Macht des Wissens verhindert“ worden sei. Und er sprach darüber, was junge Amerikaner unter sich, besser ausgebildet als ihre Vorgesetzten, so trieben. Sie wetteten miteinander, was bei russischen Militärübungen passiere. Er werde nicht vergessen, sagte Scannell, wie ein Kollege einmal eine Hubschrauberkollision korrekt vorhersagte. Sie malten sich die Kopfhörer an, um ihren Kollegen bunte Kreise rund um die Ohren zu verpassen, die sich nicht so einfach abduschen ließen. Eine ungeschriebene Regel lautete: Wenn die Deutschen Zusatzschichten einlegten, weil so viele deutsprachige Gespräche zu transkribieren waren, kamen sie in FDJ-Uniform, weil es am schwer gesicherten Tor zur Abhöranlage lustig aussah.

In einem Fall schaffte es Bill Scannell mit einem eher aus Witz geschriebenen Bericht, die ganze Anlage mit mehreren hundert Mitarbeitern, in Alarmzustand zu versetzen. Ein ähnlicher Gag gelang auch dem damaligen Präsidenten Ronald Reagan. Als er noch seine Stimme auf Temperatur brachte, das Mikrofon für seine wöchentliche Radioansprache aber schon offen war, sprach er darüber, die Geduld mit den Sowjets zu verlieren und „in fünf Minuten mit dem Angriff zu beginnen“. Kurz darauf befanden sich alle amerikanischen Abhörposten in höchster Alarmbereitschaft. „Witzig, wie wenig wir darüber wissen, wie nah wir damals der nuklearen Mitternacht kamen“, sagt Scannell heute.

Obwohl während des Vortrags viel gelacht wurde, ließ das Publikum Scannell den Humor am Ende nicht durchgehen. Die Meldungen am Saalmikrofon waren durchweg kritisch. Scannell musste sich fragen lassen, ob er seine Verantwortung damals nicht verstanden habe, wie es überhaupt sein könne, dass die Sicherheit der Welt in den Händen weniger Uniabsolventen lag, die sich darüber lustig machten, dass ihre Vorgesetzten hin und wieder mit ihnen „das größere Bild“ besprechen wollten. „Glauben Sie wirklich, dass Sie den Krieg verhindert haben?“, lautete die letzte Frage aus dem Publikum. Ja, sagte Scannell, es war die Zeit, in der die politische Führung der Sowjetunion mehrere Wochen verheimlichte, dass das Staatsoberhaupt, Konstantin Tschernjenko, gestorben war.

„Wir haben dafür gesorgt, dass der Westen einen kalten Kopf behielt“, sagte Scannell. Die NSA sei damals, anders als heute, keine Behörde außer Rand und Band gewesen, sagte er bereits in seinem Vortrag. Wir haben „gezielt überwacht“ – „smart spying“. Heute richte sich die Überwachung nicht mehr gegen politische und militärische Ziele, sondern gegen alle. „Ein Geheimdienst, der alles über jeden weiss, verhinder aber keine Kriege. Er ist ein Mittel der totalitären Kontrolle“, sagte Scannell. Die verwaiste Anlage Berlin Teufelsberg solle nun ein Mahnmal werden, es stehe für die Macht des Wissens, Kriege zu verhindern. Würden die Dienste ihre Waffen dagegen gegen die richten, die sie schworen zu verteidigen, „sind wir alle verloren“.

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1 Lesermeinung

  1. NSA außer Rand und Band ...
    Eine interessante Einschätzung allerdings steckt hinter der NSA mehr als nur ein außer Rand und Band sein. Dafür ist ihre Aktivität zu gut organisiert, zu systematisch alles und jeden erfassend.

    Man hat den Eindruck das ganz konkrete Ziele verfolgt werden – und diese sind nicht im Sinne von Demokratie, Freiheit und Rechtsstaat. Das zeigt schon die Nutzung von Geheimgerichten, die niemand kontrollieren kann.

    Die NSA hat den totalen Freibrief für Alles.
    Das ist die größte Gefahr für die Menschenrechte seit 1933.

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