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Digital Twin

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Das Netzweltblog

Wie alles begann

Den meisten Menschen entgeht, dass sie im Begriff sind, Geschichte zu schreiben. So auch im heutigen „Video der Woche“, das wir von nun an wöchentlich im Blog „digital twin“ vorstellen. Da hinterlässt niemand einen Fußabdruck, wie Neil Armstrong 1969 auf dem Mond. Überhaupt ist da kaum Bewegung, auch sprachlich nicht. Das Video ist nur durch seine ungelenke Machart interessant: Man sieht einen jungen Mann, den Blick leicht verschüchtert nach unten gerichtet. Die Trainingsjacke, die er anhat, ist eine Beleidigung für die Augen. Im Hintergrund bewegen Elefanten apathisch ihre Rüssel durchs Bild, während der Mann sagt: „Alles klar, also wir stehen hier vor den, äh, Elefanten. Äh. Das coole an ihnen ist, dass sie sehr, sehr, sehr lange, äh, Rüssel haben, und das ist cool. Und das ist so ziemlich alles, was zu sagen ist.“ Das war’s. 18 Sekunden Banalität, betitelt: „Ich im Zoo.“ („Me at the zoo“)

Zugleich aber auch das erste Video, das jemand bei der Videoplattform Youtube hochgeladen hat. Dieser jemand war Jawed Karim, Mitgründer von Youtube, damals 26 Jahre alt, und ein Jahr später schon Multimillionär, als Google sich das Unternehmen einverleibte. Karim steht selbst vor der Kamera. Ein Freund, Yakov Lapitsky, filmte die Szene im Zoo von San Diego am 23. April 2005, etwa eine Woche nachdem die Gründer Karim, Chad Hurley und Steve Chen Youtube registriert hatten. Lapitsky hatte keine Ahnung wie die Seite funktionierte und wie erfolgreich sie binnen weniger Monate werden sollte.

Das war Anfang 2005 auch nur schwer vorstellbar. Damals war das Internet in Deutschland noch keine hellerleuchtete Vollgaspiste, sondern ein Schotterweg. Es gab zwar schon ISDN und DSL, nicht aber mit den heutigen Bandbreiten und schon gar nicht in jedem Haushalt. StudiVZ war noch nicht gegründet, Facebook steckte hierzulande noch im Dornröschenschlaf, und wenn es jemand benutzte, dann um aus Eitelkeit ein paar Bilder vom vergangenen Urlaub oder Besäufnis hochzuladen. In die Timelines ergoss sich noch subjektiver Weltschmerz, keine choreographierten Berufspostings. Zwitschern war den Vögeln vorbehalten.

Eine Frage der Ausrüstung

Hinter Youtube steckte zwar eine revolutionäre Idee, aber kaum jemand besaß die Technologie, um Videos hochzuladen. Dazu benötigte man eine Digitalkamera mit USB-Anschluss und ein Videoverarbeitungsprogramm, was nicht zur Standardausrüstung eines Computers gehörte. Und auch wenn in den folgenden Monaten die Zahl der Nutzer bei Youtube in die Höhe schnellte und schon im Juli 2006 jeden Tag etwa 65000 neue Videos eingestellt wurden – „Me at the zoo“ war der denkbar unscheinbarste Anfang.

Er richtete sich nicht an die Öffentlichkeit, Youtube hatte ja noch kein Publikum, eher an imaginäre Kunden: Seht her, scheint Karims Blick auszusagen, hier könnt ihr jeden Quatsch hochladen! Werdet euer eigener Regisseur! Ein Werbeclip, der im Gestus größtmöglicher Unverbindlichkeit daherkommt. Heute hat das Video über 17 Millionen Klicks, aber damals konnte Karim noch nicht davon ausgehen, dass sein zur Schau gestellter Dilettantismus ihn über Nacht berühmt machen würde. Mittlerweile muss jeder damit rechnen, der eine noch so verwackelte Episode seines Lebens bei Youtube hochlädt. Das Videoportal hat, zusammen mit anderen Plattformen, nicht allein die Unterhaltungsindustrie revolutioniert, sondern auch unseren Begriff von Öffentlichkeit.

Das Internet vergisst nie

Berühmtheiten entstehen über Nacht, wie man im Fall des Supermarktangestellten #AlexFromTarget beobachten konnte. Jeder kann ins Scheinwerferlicht geraten, auch ungewollt. Hat ein virales Video eine bestimmte Schwelle überschritten, verbreitet es sich in seismographischen Wellen um den Globus. Es geht ein ins kollektive Gedächtnis, und das Internet vergisst nie.

Wer zu Streetart verarbeitet wird, hat es geschafft. © karljonsson, flickrStreetart in Schweden.

Das ist die Kehrseite eines Starkults, den Youtube durch seinen voraussetzungslosen Zugang erst ermöglicht hat. Eine Riege von Computerspielenerds, Komikern und hybriden Mischformen hat das Portal und eine hollywoodgleiche Fanbasis erobert, etwa LeFloid, Gronkh oder die Gruppierung Y-Titty. Möglich war das, weil sie ab 2007 durch das Youtube-Partnerprogramm mithilfe von Werbeclips Geld verdienen konnten und die Einnahmen steigen, je mehr Zuschauer man versammelt. Zugleich aber ist das ein gigantisches Geschäft für Google: Es ist ein offenes Geheimnis, dass der Konzern 45 Prozent aller Werbeeinnahmen für sich behält. An jedem Videohit verdient Google etwa genauso viel wie sein Urheber – ohne dessen Risiko mitzutragen.

Auch die Nutzer kommen nicht umsonst in den Genuss der Videos, denn mit jeder Sucheingabe, mit jedem Klick weiß Google mehr über ihre Präferenzen. Da die Klickzahlen in die Milliarden gehen, hat sich Google längst ein Weltwissen über das, womit sich Menschen im Alltag ablenken, angeeignet. Für all diese Entwicklungen steht „Me at the Zoo“ . Es war also doch ein großer Schritt, wenngleich auch nicht unbedingt einer für die Menschheit.

 

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