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Beobachtungsposten zwischen Rabatten: Die Promenade

29.07.2009, 07:21 Uhr  ·  Die Promenade ist ein öffentlicher Spazierweg besonderer Art, denn dort wandeln Menschen, die sich gegenseitig beobachten. Bestückt mit harmlosen Bänken, Brünnchen und Bepflanzung ist sie eine besonders ergiebige Forschungsstation für anthropologische Feldstudien. Nicht zuletzt in der Kurstadt Meran – dort gibt es nicht nur eine Promenade, die Stadt wird von einem regelrechten Promenadennetz überzogen.

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Für das maßvolle urbane Ausschreiten in unkommerzieller Umgebung wurden früher einmal eigene Bahnen geschaffen. Im Gegensatz zum Schaufensterbummel, der die Bewegung von Ware zu Ware zum Inhalt hat, und auch im Gegensatz zur Wanderung, die der Bewunderung möglichst unberührter Landschaft dient, ist der Spaziergang auf der Promenade eher einer von Mensch zu Mensch.

Die angemessene Bewegung ist langsames Voranbummeln, körperliche Anstrengung ist nicht erwünscht. Man möchte nicht außer Atem geraten, der Schweiß soll nicht fließen, kurz: Die rundherum zivilisierte Anmutung soll nicht zerstört werden. Die hohe Zeit des Promenierens ist die Zeit nach dem Abendessen; gutgekleidet, die Damen perfekt frisiert, die Kinderchen in Lackschuhen und sauberen weißen Söckchen, begibt man sich zwecks Verdauungsspaziergang ein wenig unter Menschen.

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Denn die Promenade ist ein Ort der Begegnung, ein Ort, an dem man sich zeigt und andere sich zeigen. Anderen Menschen, ihrem Aussehen, ihrer Kleidung, ihrer Gestik und Sprache haftet immer ein Faszinosum an, stundenlang kann man Vorübergehende beobachten, das ist spannender als Fernsehen. Man bildet einen Blick aus für die Fein- und Grobheiten, teilt ein, läßt sich vom ersten Eindruck verführen oder abstoßen. Ein Eindruck immerhin, der niemals dem Zufall überlassen ist: Wer hier entlangläuft, hat sich und sein Äußeres darauf vorbereitet. 

Zur Bewunderung des Mitmenschen gibt es an Promenaden viele Bänke. Man kann sich dort niederlassen und die Vorübergehenden präsentieren sich einem in ihrer ganzen Pracht. Welche Formenvielfalt die zweigeschlechtliche Vermehrung doch innerhalb einer Spezies erlaubt! Was die Exemplare mit sich anstellen, um attraktiv zu wirken. Wie es dann regelmäßig schiefgeht. Wie sich dann seltsamerweise doch ein Socken-in-Sandalenträger findet, um mit der Socken-in-Sandalenträgerin eine Socken-in-Sandalenfamilie zu gründen.

Doch die Bank hat noch andere Vorteile. Denn die Promenade ist eine städtische, oft eine kurstädtische Einrichtung, und bietet in Form von Kurpromenaden gut gepflegt, mit zahlreichen Bänken versehen, rabattengespickt, brünnchenübersäht, baumgesäumt den Kurzatmigen und Fußlahmen ein Forum. Zwischen Eiscafe, Konzertmuschel und Wandelhalle läßt sich kalorienreich und anstrengungsarm der Tag vertrödeln in seligem Nichtstun. Es bleibt das gute Gewissen, auch bei der dritten Torte noch etwas für die Gesundheit zu tun, man ist ja auf Kur.

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Ein besonders dichtes Promenadennetz spannt sich durch Meran. Am Kurhaus befindet sich die breite, palmenbestandene Winterpromenade. Dort ist es recht warm, weshalb sie sich in der kühleren Jahreszeit anbietet, während die Sommerpromenade als baumüberwachsenes Labyrinth in der heißen Jahreszeit Schatten und Kühle spendet. Es schließt sich auf der einen Seite die wilde Gilfpromenade mit ihrer üppigen Vegetation an, mir persönlich die liebste, auf der andern Seite die Passerpromenade. Und oberhalb der Stadt verläuft die Tappeinerpromenade. 

Das ist ein ganz besonderes Ding: Fast sechs Kilometer lang, breit und eben, geplant von dem Kurarzt und Botaniker Franz Tappeiner. Durchgängig geschützt von einem ehemals türkisblauen – mittlerweile, wie ich feststellen mußte, dunkelgrünen – Eisengeländer windet sie sich am Berg entlang, es gibt Wege und Stiegen, die sie kreuzen und nach Meran (hinab) oder Dorf Tirol (hinauf) führen. Bewachsen ist der Hang mit mediterraner Flora: Schirmpinien, Lorbeer, Opuntien. Schattige und sonnige Abschnitte wechseln sich ab, hinter jeder der sanften Kurven eröffnet sich ein Ausblick. Die Tappeinerpromenade ist ein großes Glanzstück der Spazierwegskunst, das wird die historische Promenadologie hoffentlich noch erkennen.

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Das wunderbarste an dieser Promenade, die ich in elf Kindheitsurlauben beschritt, waren aber immer die Hunde. Ich lief in meinen weißen Söckchen an der Hand meiner Eltern und studierte die Tiere, ihre Halter und wie sie durch mehr als eine Leine verbunden waren, sondern wirklich zusammenpaßten. Es gab immer sehr exotische Hunde dort zu bestaunen: Absonderlich zurechtgeschorene Riesenpudel, seltsame Dreadlockhaufen, winzige schleifengeschmückte Köter. Auf der Tappeinerpromenade galt der Hund noch als Statussymbol, und es waren nicht selten extravagante Mittvierzigerinnen mit Wallegewändern und großen Hüten, die Mut zum seltsamen Hund zeigten. Was die nun ausgerechnet in Meran suchten, in einer Kurstadt, verstand ich nie. Meran hat einen gewissen morbiden Glanz, aber gewiß keinen Glamour.

Lieber als die Wanderung war mir schon immer der Spaziergang auf der Promenade, denn es gab viel zu sehen. Und es gibt bis heute auf Merans Promenaden viel zu sehen, wenn man ein wenig genauer hinschaut: Eispavillions der Jahrhundertwende, Pflanzenensembles in Tierform, Cafés mit Eiswaffelspendern, die seit den Siebziger Jahren in Deutschland ausgestorben sind. Eine pflanzenüberwucherte Wandelhalle mit Wandgemälden, die Motive sind Orte in der Region. Dinge, die man nur mit dem Charme der Nostalgie verteidigen kann. 

Aber noch immer ist das wichtigste da, was eine Promenade braucht: Menschen. In all ihren schönen und weniger schönen Ausprägungen, in ihren Formen und ihrer Unförmigkeit, Stil und Stillosigkeit setzen sie sich den Blicken der Bankbeobachter aus. Und ich sitze auf der Bank und zerreiße mir das Maul über Hornhaut in Trekkingsandalen, Rucksackgeschwüre über ausladenden Hinterteilen, ganze Geschwader beiger Bermudas. Bermudas treten praktisch nur in Rudeln auf. Ich werfe ein paar verachtende Blicke auf Knatschbunter-Windanorakfamilie, wie kann sich so etwas vermehren? Hat die Natur dagegen keine Schutzmechanismen? Und freue mich gleich darauf über ein paar gut angezogene ältere Herrschaften, die den Griff zum beigen Rentneranorak offenbar erfolgreich vermeiden konnten.

Muß ich mich nun schlecht fühlen ob meiner Häme? Nein, beschließe ich. Ich nutze die Promenade nur zu ihrem ureigensten Zweck: Zum Beobachten anderer Menschen. Wer sagt, daß man sich über seine Beobachtungen nicht austauschen darf?

 

Veröffentlicht unter: öffentliches ding, urlaubsding

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Redakteurin im Reiseblatt der F.A.Z.