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Ding und Dinglichkeit

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Keine Frage, die Welt ist voller dinglicher Phänomene. Um viele davon wird einiges Gewese gemacht, etwa um Autos, Mobiltelefone, Schuhe. Das sind die

Standorttreue Bräuner: Die Poolliege

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Der Hotelpool, vordergründig ein Ort der Entspannung, ist ein umkämpftes Gebiet. Besonders die Fraktion der ehrgeizigen Bräuner verteidigt hartnäckig die einmal eroberte Liege. Es gibt immer mehr Gäste als Platz am Pool, und das kann nur zu Konflikten führen.

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Für jeden Gast im Hotel gibt es einen Stuhl im Speisesaal, ein Bett im Zimmer und einen Parkplatz für sein Auto. Doch eins gibt es nicht für jeden Gast: Eine Liege am Pool. Sie ist hart umkämpftes Gut und wird mit allen Tücken, derer ein erholungssuchender Mensch fähig ist, erobert und verteidigt. Warum die Liege am Pool begehrter ist als die weiter entfernte Liege auf der Wiese, habe ich bislang nicht klären können. Sie ist es aber. Deshalb stürzen sich bereits vor dem Frühstücksbüfett die Damen und Herren von der Bräunungsfraktion hinunter ans Becken, lassen nonchalant ihr Handtuch fallen und markieren auf diese Weise ihr Revier.

Wir kommen gleich, sagt das Handtuch, wir sind nur eben noch kurz unterwegs. Wagen Sie es bloß nicht, uns wegzuräumen, das wäre sehr, sehr unhöflich und unsere Besitzer werden sich entsetzlich aufregen. Vielleicht macht die Dame auch eine Szene. Gehen Sie einfach still woanders hin. Oder stehen Sie morgen früher auf als wir. Dann werden wir allerdings übermorgen noch früher aufstehen als Sie. Wir sind fähig, sagt das Handtuch, auch mitten in der Nacht aufzustehen. Wir sind zu allem fähig.

Die Besatzung der Poolliegen besteht meist aus den ehrgeizigen Bräunern, das sind die, die nicht einfach nur nebenbei braun werden, sondern deren Urlaubshauptzweck in einer Verdunkelung der Hautfarbe besteht. Und sie gehen nach einem genauen Plan vor: Das zunächst noch zusammengefaltete, gekonnt achtlos plazierte Handtuch wird später über das Plastikgewebe gebreitet und bietet einen schweiß- und sonnenölsaugenden Untergrund. Am oberen Ende der Poolliege befindet sich meist ein Sonnendach an einem Gelenk, das dem Kopf Schatten spendet. Dann werden die Schlappen abgestreift, der Körper in Badekleidung ausgebreitet und der Sonneneinstrahlung feilgeboten. Der Rest des Tages wird ein Turnus aus Sonnen, Schwimmen und Nachcremen eingehalten, ab und an wird sich gewendet.

Dieser Ablauf darf keinesfalls dadurch gestört werden, daß nicht die gewohnte Poolliege verfügbar wäre, sondern irgendeine andere. Eventuell, das wäre schlimm, nur eine im Schatten. Der ehrgeizige Bräuner ist standorttreu und reserviert sich immer die gleiche Liege, die nach wenigen Tagen bereits als Eigentum angesehen wird. Dann streckt er sich aus, schließt die Augen und träumt von fest zugewiesenen Liegen mit Namensschildchen, die gleich beim Buchen des Zimmers vergeben werden. Es müßte einen Liegenplan geben, träumt der ehrgeizige Bräuner, für den man sich eintragen kann und demgemäß man ganztägig Anspruch auf eine Liege haben könnte.

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Daß direkt am Pool die Kinder am lautesten kreischen und gerne auch spritzen, nehmen die ehrgeizigen Bräuner mit stoischer Ausdruckslosigkeit hin. In welcher Umgebung die Bräunerei stattfindet, ist weitgehend egal. Ab und an sollen einige von ihnen das Hotel verlassen haben, so hört man. Weit können sie nicht gekommen sein, denn man muß sich auf der Straße ankleiden und das macht Streifen. Man sieht das an den gescheckten Körpern der Wanderer, Spaziergänger, Cafésitzer und Sesselliftfahrer, die gegen Nachmittag verschwitzt am Pool einfallen und bleiche Stellen entblößen. 

Der Nachmittag bis zum frühen Abend ist die Rush Hour des Hotelpools. Die Ehrgeizigen haben die heißesten Stunden des Tages schon in zielführender Reglosigkeit genutzt, ihr Werk voranzubringen, haben Sonnenschirme und Bikiniträger verschoben, da kommen die, denen ihre Körperfarbe augenscheinlich egal ist. Den ganzen Tag über hatten sie besseres zu tun, nun wollen plötzlich alle auch eine Liege, aber natürlich haben sie keine reserviert. Selbst schuld. Sie plantschen ein bißchen herum, sitzen auf den Liegen irgendwo ganz weit hinten auf den billigen Plätzen und spielen Karten, manche haben sogar Bücher dabei.

Nur selten sieht man den alten Pooladel etwas anderes lesen als Zeitungen, Zeitschriften und anderes leicht zu hebendes, denn schnell erlahmen einem die Arme, schnell drückt es am Ellenbogen, auf den man sich stützt. Die Poolliege ist nur in einer Position wirklich bequem, und das ist im Liegen, also wird der Urlaub konsequent im Liegen verbracht. Es ist auch die Position, in der die Maximalhautfläche der UV-Einstrahlung ausgesetzt wird, in der man also am effektivsten bräunt. Und darum geht es, denn die Nachbarn und Kollegen sollen nur rechtschaffen neidisch werden auf die gesunde Farbe, die man sich angeschafft hat. Dann fragen sie, wie es war, und man sagt, man habe sich herrlich erholt.

Dennoch befindet sich der reine Bräunungsurlaub auf dem Rückzug. Das hat vermutlich mit der Erfindung der Wellness zu tun, die neben der Hautfarbe viele weitere Optimierungsangebote für erholungsbedürftige Körper macht. Aber auch damit, wie meine Generation geprägt wurde von den Lederkörpern auf den Poolliegen, von der fleckigen Haut, auf der Goldschmuck glänzt, von den Kettchen im lockigen Brusthaar. Ich lief mit meinem Gummitier an den Liegen vorbei, auf denen sie lagen, seit dem Morgen schon, ich sprang ins Wasser, spritzte dabei ein wenig und sie verzogen keine Miene. Ich mußte an Schildkröten denken, denen man den Panzer weggenommen hat.

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56 Lesermeinungen

  1. Und Tiroler Nussöl. Das war...
    Und Tiroler Nussöl. Das war das Mittelchen der Wahl für die Schildkrötenleiber.

  2. Das Phänomen kenne ich aus...
    Das Phänomen kenne ich aus den Strandurlauben meiner Kindheit. Da wurden in aller Frühe, mittels Handtuch, Sonnenschirm, Klappstuhl, Faltliege etc., die Claims am Sandstrand abgesteckt, als ginge es um Goldschürfrechte in Klondyke.
    Neben den Lederhäuten gab es dann noch die Krebsroten, deren oberste Hautschicht sich, einer Schlange gleich, allmählich abschälte. Es gab wirklich Menschen, denen hing die Haut in Fetzen herunter. Brrr, ich glaube mir ist schlecht.

  3. anderl: Nußöl? Riecht das...
    anderl: Nußöl? Riecht das nicht widerlich?
    .
    Goya, es gab eine Zeit, da wollten alle so braun sein wie die Leute in der Lätta-Werbung. Und zwar ohne Rücksicht auf Verluste. Temporäre Krebsigkeit ist da noch das kleinere Übel, langfristig wird die Haut dick, grob und faltig. Das wird dann gern in Kombination mit fisseligem totgebleichten Haar getragen, warum auch immer. Ich tu mir schwer, dieses Ideal zu verstehen. Aber es gibt heute noch Frauen, die sind auf dem besten Weg dorthin.

  4. Das andere Extrem ist dann...
    Das andere Extrem ist dann „Europa in 10 Tagen“, vorzugsweise von asiatischen Touristengruppen durchgeführt. Entspannung findet man nur kurz in der Nacht, denn tagsüber müssen ja Kilometer zurückgelegt und Fotos für die Daheimgebliebenden geschossen werden. Wobei… letztens sah ich einen Bericht im Fernsehen von einer Rotel-Tour durch Italien. Das fand ich auch schlimm, die Schlafkabinen erinnerten mich an japanische Kapselhotels, die durch die Landschaft bewegt werden.
    Wer es nicht kennt: http://www.rotel.de

  5. @ Andrea Diener: das sieht...
    @ Andrea Diener: das sieht dann irgendwann so aus: http://www.grillsportverein.de/upload_neu/2008/08/5997_lederhaut_2.jpg

  6. Ha! Nussöl! Kenne ich auch...
    Ha! Nussöl! Kenne ich auch noch, wurde aber in den späten 70ern von Piz Buin (gibt es das noch?) verdrängt. Ich als Bayer und Teilzeitbergbewohner habe sowas natürlich nie gebraucht.

  7. Streifen stören nur, wenn...
    Streifen stören nur, wenn frau am Ende des Sommers in ein tief rückendekolltieres Abendkleid schlüpft. Dann ist es aber auch schon egal, ob das Spagettiträgerkleidstreifen oder Bikinioberteilstreifen sind…
    das einzige was nervt: wenn du vom Wandern kommst und dich eine Stunde berechtigterweise ausstrecken möchtest, ist keine einzige Liege frei.

  8. Ist Ihnen einmal aufgefallen,...
    Ist Ihnen einmal aufgefallen, dass es in unserer Kindheit noch diese netten Rentner gab ? Also, diese dicklichen, gutmütigen. Irgendwie freundlich und „gebend“
    A la: “ Hier mein Sohn, du trägst jetzt die Verantwortung für die Firma“ oder “ Ach, liebes Fräulein, nehmen sie´s ruhig, denn ich kanns in meinem Alter eh nicht mehr gebrauchen“
    Diese Generation konnte irgendwie noch geben. Nun ist sie ausgestorben oder zumindest fast ausgestorben. Die jetzigen älteren Damen & Herren entstammen der Wohlstandsgeneration nach dem Krieg. Und die fighten reflexartig für jede Liege, für jedes leckere Stückchen am „Büffeh“, für jeden denkbaren Vorteil sogar gegen Kranke und vor Allem gegen Kinder. Sie fighten bis zu ihrem viel zu späten Ende.
    Die „Best Ager“, „Generation Mallorca“ und wie diese weniger netten, überpuderten, älteren Damen und Herren noch so betitelt werden, haben mich schon seit Jahren in Urlaube hinter einem privaten Zaun vertrieben. Denn als normal fühlender Mensch im mittleren Alter, mit der Bereitschaft zu teilen, kann man diese Gestalten nicht um sich ertragen.

  9. Doctor Snuggles, Sie ersparen...
    Doctor Snuggles, Sie ersparen uns aber auch gar nichts. Zarte Gemüter sollten den Link bitte erst nach der Mahlzeit anklicken.
    .
    Die asiatische Gewalttour ist wirklich hart. Ich befand mich einmal in der Situation, fünf Tage mit dem Bus durch Irland zu fahren, das ist ja nun halbwegs übersichtlich. Aber am Ende wußte ich schon nicht mehr, welches Foto ich jetzt wo gemacht hatte. Am besten in Erinnerung blieben mir die freien Nachmittage, an denen wir nichts gesehen hatten und ziellos herumgelaufen sind.

  10. ...oh Don, meine...
    …oh Don, meine Kindheitserinnerungen an die Berge fangen immer mit Piz Buin & Ovomaltine vor meinem geistigen Auge an…ich war halt ein Kind aus dem Hessenland und wurde damit dauerhaft eingeschmiert….also mit Piz Buin, nicht mit Ovomaltine :-)

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