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Zwischen Escada und Bling-Bling: Das Goldkettchen

12.08.2009, 17:45 Uhr  ·  Normalerweise gehen Trends den Weg von der Subkultur hinauf in die Haute Couture und von dort in die Massenmode. Manchmal aber gehen sie auch ganz seltsame Wege – die Goldkette etwa: Die findet man heute nur noch an älteren Damen und jüngeren Hip-Hoppern.

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Das Dahinscheiden des ehemals großen Modehauses Escada hinterläßt wohl keine besonders große Lücke in der deutschen Kreativlandschaft. Daß Fuchsia eine Farbe ist, die manche Menschen sogar anziehen, haben wir nun nach dreißig Jahren verstanden. Aber wir müssen, da führt kein Weg drumherum, über die Achtziger Jahre reden, über die ostentative Form des Luxus, die eigentlich eine pervertierte ist und vor allem unvernünftig teuer. Wir müssen, so leid es mir tut, über Lametta reden, über Goldknöpfe und Goldkettchen.

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Eigentlich bin ich in dem Bewußtsein aufgewachsen, daß dicke Goldketten etwas sind, was vor allem gut unter Brusthaar versteckt um die Hälse südländischer Machos zu finden ist. Kleiner, dicker und nicht mehr ganz junger Machos, um genau zu sein. In längerer Form fand sich das auch um großmütterliche Hälse, wenn sie sich stadtfein machte, um bei M. Schneider essen zu gehen. Aber die dicke Version, also das, was man als Panzerkette bezeichnet, die sei, so war ich mir immer sicher, ein Phänomen nicht ganz geschmackssicherer Kreise.

Überhaupt ist Gold ja immer ein bißchen schwierig. Es ist laut und irgendwie protzig. Es muß schon sehr gut bearbeitet sein, um nicht nach Weihnachtsbaum auszusehen. Aber scheinbar ist genau der Lamettalook der angestrebte: Man kann sich Escada-Kundinnen eigentlich nie anders vorstellen als schwer behängt, dazu gern fisseliges Blondhaar und mindestens ein Kleidungsstück in Pink. Und immer, immer älter als fünfzig. Dabei muß das einmal anders gewesen sein. Mit Staunen kann man aus dem Süden der Republik vernehmen, daß all diese Escada-Trägerinnen auch einmal jung gewesen sein müssen. Aber Geschmack, denkt man sich, können die keinen gehabt haben. Sonst hätten sie nicht ausgerechnet zu einer Marke gegriffen, deren Logo mit den zwei E aussieht wie schlecht von Chanel kopiert.

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Das Goldkettchen an sich schlug aber noch ganz andere Karrierepfade ein. Um seine heutige Position zu begreifen, müssen wir in die Ferne schweifen und die Entstehung einer Subkultur beobachten: Fern von München und seinen Escada-Trägerinnen, in Amerika, befreite es sich aus dem Brusthaarbiotop und wanderte schichtweise nach oben über die Pullover, und zwar die Pullover afroamerikanischer Sprechsänger. Vermutlich geht dabei alles auf Mr. T zurück, der den B.A. aus dem A-Team spielte. Mr. T ist eine Art persönliche Kunstfigur des Schauspielers Laurence Tureaud, arbeitet als Türsteher in einem Nachtclub und sammelt die goldenen Hinterlassenschaften prügelnder Gäste auf. So weit, so wild. Das Vorbild Mr. T beeindruckte die Rapper von Run-DMC so sehr, daß sie die Goldkette für sich adaptierten: Nicht im Konglomerat, sondern einzeln, dafür von der Dicke eines durchschnittlichen Gartenschlauchs. Das war Anfang der Achtziger. Run-DMC waren in ihrem Genre musikalisch und modisch stilprägend, und seitdem ist die Goldkette im Verbund mit Brilliantohrring und Zahnschmuck das beliebteste Accessoire zum allgegenwärtigen Sportstyle. 

Während sich also Hip-Hopper die nächsten 25 Jahre als Zeichen erstarkenden Selbstbewußtseins und monetärer Potenz mit Bling-Bling umgeben und auch der südländische Macho nach wie vor unverdrossen das Kettchen ins Gewölle versenkt, macht die goldene Kette in Mitteleuropa eine Krise durch. Anfang der Neunziger zuckt die Panzerkette nocheinmal kurz, als sie Hip-Hop-beeinflußt über die Pret-A Porter-Laufstege getragen wird, dann wird es finster. Der Goldknopf verschwindet in der Versenkung des Minimalismus. Fuchsia ist eine Unfarbe. Man mag dieses Ostentative nicht mehr, und den so offensichtlich nach außen gekehrten Reichtum überläßt man den seltsamen Menschen in den Hip-Hop-Videos. Man läßt es nicht mehr krachen und gibt sein Geld, wenn man es sich leisten kann, lieber Prada. Währenddessen inseriert Escada unverdrossen in Modezeitschriften und tut so, als würden diese trutschigen Blazer, Kostümchen und Rüschenfummel tatsächlich von jemand anderem getragen als den Großmüttern deutscher Volksmusik-Schlagerstars. Menschen also, die einem nicht zwangsläufig als besonders stilbegabt auffallen.

Nun kommt noch schnell die Herbstkollektion von Escada in die Schaufenster, bevor die Marke endgültig verschwindet. An den Taschen baumeln Goldkettchen, die Kleider tun raubtiergemustert, die Kostümjäckchen brüllen fuchsiafarben und berüscht quer über die Freßgass arglose Passanten an. Escada sieht immer noch ganz genauso aus, wie man es sich in seinen schlimmsten Träumen vorstellt. Überraschungen sind nicht vorgesehen, auch wenn die Firmenleitung immer wieder gern beteuert hat, man werde nun aber wirklich umdenken und einen neuen Weg beschreiten. Escada gehört nicht zu den Dingen, die man haben will. Und das in einer Branche, die genau davon lebt: Daß man Dinge kauft, nicht weil man sie braucht. Ein paar Schaufenster weiter baumeln ebenfalls die goldenen Kettchen, das sieht dann so aus:

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Und weil Chanel eben Chanel ist, weil es das Original ist und nicht der Abklatsch, kann es eine Tasche verkaufen, die bereits im Februar 1955 entworfen wurde – ohne groß umdenken zu müssen. Die 2.55 ist die erste Tasche mit Schulterriemen überhaupt, auch damals waren die Kettchen ein klein wenig vulgär. Angeblich sind das genau die gleichen Ketten wie die Schlüsselketten der Aufseherinnen in dem Mädchenpensionat, in dem Coco Chanel aufwuchs. Ob das nun stimmt oder nicht: Wenn man das weiß, sieht man die Tasche mit einem Mal ganz anders, da treten Gold und Bling in den Hintergrund und etwas diffus beunruhigendes kommt zum Vorschein. Und es könnte sein, daß das der Unterschied ist zwischen legendärer Mode und DOB, Damenoberbekleidung, also das, was Escada nunmal leider ist. Nein, war.

 

Veröffentlicht unter: modeding

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Redakteurin im Reiseblatt der F.A.Z.