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Ding und Dinglichkeit

Ding und Dinglichkeit

Keine Frage, die Welt ist voller dinglicher Phänomene. Um viele davon wird einiges Gewese gemacht, etwa um Autos, Mobiltelefone, Schuhe. Das sind die

Subversion mit Nadel und Faden: Das Strickzeug

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Müssen Mädchen stricken können? Wenn es nach meiner Mutter geht: Ja. Wenn es nach mir geht: Nein. Dabei entwickelt die Nadelarbeit, richtig eingesetzt, geradezu politisches Potential.

Bild zu: Subversion mit Nadel und Faden: Das Strickzeug

Gender Mainstreaming war der Westfrankfurter Grundschule, die ich besuchte, eindeutig fremd. In schönster Evaherrmannscher Ordnung marschierten die Mädchen in den ersten Stock zum Handarbeitsunterricht zur gestrengen Frau Lehrerin, während die Jungs im Keller Werkunterricht hatten. Oben also Fäden ver- und entwirren, unten Sägen und Hämmern. 

Mich zog es schon immer zu den exotischen Künsten hin. Und nachdem die Werkbank meines Großvaters schon lange zu meinen bevorzugten Spielplätzen gehört hatte, interessierte es mich durchaus, nun das Mysterium um Nadel, Faden und ihre sachgerechte Verwendung zu lüften. Also spazierte ich mit meiner Mutter in die Stadt und wir kauften Baumwollgarn, aus dem ich krumme und wellige, aber leidlich runde Topflappen häkelte. Deren Ausstellung in einer Vitrine im Schulflur markiert den ersten und bisher einzigen Höhepunkt meiner Handarbeitskarriere.

Nun ist es nicht so, daß es mir an äußerer Motivation gemangelt hätte. „Lern Socken stricken“, forderte mich meine Mutter auf und begründete das mit der leicht surrealen Frage: „Was willst du denn machen, wenn du einen Mann heiratest, der selbstgestrickte Socken tragen möchte?“ Ich erinnere mich nicht daran, wie das Gespräch ausging, aber vermutlich verließ ich irgendwann unter Protest das Wohnzimmer. Als Tochter war ich eine hoffnungslose Fehlbesetzung.

Meine Mutter strickte ständig an etwas, jeden Abend beim Fernsehen. Deshalb sah sie am liebsten Filme, die man auch verstand, ohne hinsehen zu müssen. Aber meine Mutter hatte auch einen Mann geheiratet, der ausschließlich selbstgestrickte Socken trug. Ich nahm mir für mein künftiges Leben dringend vor, das zu umgehen – bislang erfolgreich.

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Häkeln ging ja noch, aber Stricken verstand ich nie. Es ermüdete mich unendlich, Masche an Masche reihen zu müssen, es strengte die Augen an und die Hände. Irgendwann wurden die Maschen immer so eng, daß man Gewalt anwenden mußte, um sie auf der Nadel hin- und herzuschieben, dann bekam ich den Faden nicht durch, dann fiel sie runter, die Masche, dann war wieder alles zu spät. Schwer beeindruckten mich übrigens in diesen Jahren die Abgeordneten der grünen Partei, wie sie in ihren Abgeordnetenbänken saßen und strickten und dabei noch Politik machten, während in ihren Händen die revolutionären Signale der Entindustrialisierung klapperten. Viel hatten die Grünen allerdings nicht mit meiner Mutter gemeinsam, denn bei denen mußten sich die Männer ihre Socken selbst stricken, das hätte es bei uns nicht gegeben. Und revolutionär war meine Mutter auch nicht besonders.

Revolutionär waren auch nicht die vielen militärischen Wach- und Außenposten, die Carl Spitzweg vorwiegend beim Stricken darstellte. Da standen oder saßen sie neben ihren langsam überwuchernden Kanonen irgendwo im Grünen und langweilten sich mangels eines anständigen Krieges fast zu Tode. Was liegt da näher, als zur Nadelarbeit zu greifen? Zu einer der vermutlich friedlichsten und zivilsten Tätigkeiten, die einem so einfallen können, die aber genau deshalb provokant wirkt. Geht man wiederum einige Jahre in der Geschichte zurück, landet man bei den Tricoteuses der Französischen Revolution: Frauen aus Arbeiter- und Mittelklasse, die neben der Guillotine saßen und dort in aller Öffentlichkeit und Seelenruhe ihr Nadelwerk vorantrieben, während nebenan die adeligen Köpfe rollten. Wäre mir in meiner Jugend das revolutionäre Potential des Strickens bekannt gewesen, hätte mich meine Mutter vielleicht eher dazu bringen können, öffentlich oder nichtöffentlich Strümpfe zu stricken. 

In den letzten Jahren avancierte das Stricken zum Lieblingshobby der deutschen Blogosphäre. Einer Erhebung nach sind etwa 2,2 Prozent der von Frauen geführten deutschen Blogs Strickblogs, sie bilden ein eigenes, dichtes Netzwerk innerhalb der Blogosphäre. Das Strickbloggen ist aber kein deutsches, sondern ein internationales Phänomen, das in den USA ähnlich verbreitet ist wie hierzulande. Und es hat sich weiterentwickelt: Neben den braven Stubenstrickerinnen entwickelte sich die wilde Form des Yarn Bombing, man könnte sagen: Guerilla-Stricken, das die häusliche Sphäre verläßt und sich widerrechtlich den Stadtraum erobert. Yarn Bomber umstricken Zäune und umhäkeln Laternenmasten, bislang gab es noch keine Festnahmen, Ordnungsämter sind ratlos. 

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Sämtliche Stricktrends gehen leider kilometerweit an mir vorbei. Um weitere häusliche Konflikte hinsichtlich meiner Handarbeitskompetenz zu umgehen, beschloß ich in der Oberstufe, einmal etwas sehr Kompliziertes zu stricken, nur damit endlich Ruhe ist, und dann nie wieder. Ich klaubte Wollreste zusammen und begab mich an das einzige Strickobjekt, das ich je vollendet habe: Ein Paar Fingerhandschuhe. Ich strickte in besonders langweiligen Unterrichtsstunden, wogegen erstaunlicherweise kein Lehrer etwas einzuwenden hatte außer der Religionslehrerin, die mich aber noch nie leiden konnte (ich sie auch nicht).

So, das muß reichen, dachte ich, als ich die letzten Fäden vernähte. Jetzt weiß jeder, daß ich es kann, meine Mutter und die vielen Augenzeugen. Und ich rührte fürderhin keine Nadel und kein Wollknäuel mehr an, kaufte meine Socken im Kaufhaus und schaute lieber Filme, die man ohne hinzusehen nicht versteht.

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63 Lesermeinungen

  1. Stricken, das war stets ein...
    Stricken, das war stets ein Mysterium für mich. Selber hätte ich das ohnehin nie ausprobiert, aber auch strickende weibliche Wesen, gleich welcher Altersklasse, fand und finde ich befremdlich. Seltsame Beschäftigung, denn: Will das wirklich jemand tragen?

  2. Oh! Bei "Ding und...
    Oh! Bei „Ding und Dinglichkeit“ hätt ich jetzt eher was über die gestrickten Dinge, deren Moden und vielleicht politische Ikonographie, erwartet als über die Tätigkeit des Strickens. Na, auch schön, besonders die Sache mit der Prominenz der Strickblogs und die Tricoteusen. Die würden heute bestimmt Tricoteurinnen heißen, jedenfalls in Deutschland.

  3. Ach, das ist ja grandios! Bei...
    Ach, das ist ja grandios! Bei uns an der Schule war es genauso: Werkunterricht für die Jungs, Handarbeit für die Mädchen. Mir tun im nachhinein noch meine Eltern leid, die dann zu den üblichen Festtagen mit diversen selbstgemachten Scheußlichkeiten beglückt wurden. Gibt es so etwas heutzutage eigentlich noch? Als Kind durfte ich dann diverse selbstgestrickte, faschistoide Pullover anziehen, Ach wie habe ich das gehaßt! Hoffentlich wird so etwas nie wieder modern. Ein wunderbarer Film (bei dem man keinesfalls stricken kann) ist übrigens „Die Perlenstickerinnen“ von Eleonore Faucher. Sie setzt die Handarbeitsplackerei wunderbar in Szene.

  4. Stricken in der Schule war mir...
    Stricken in der Schule war mir ein Greuel. Ich hatte schon mit den Anschlagsmaschen meine Probleme. Einfache rechte und linke Maschen gingen gerade noch. Wenn es denn Handarbeiten sein mussten, dann lieber noch Häkeln.
    Als dann in den 80er Jahren die Mode des Strickens aufkam, meinte ich auch unbedingt mir eigene Pullover stricken zu müssen. Es war richtig harte Arbeit für mich, von Entspannung keine Spur. Nach mehreren Versuchen habe ich festgestellt, dass mir gekaufte Pullover doch besser gefallen und es dann für alle Zeiten gelassen. An fünf Nadeln habe ich mich nie herangewagt.
    Zur Entspannung halte ich es lieber wie Don Alphonso – backe Zwetschgendatschi oder etwas anderes leckeres.

  5. Anderl, man kann auch schöne...
    Anderl, man kann auch schöne Dinge stricken. Ich bin überzeugt, daß das möglich ist. Aber die richtig schönen Sachen mit Zopfmuster und so sind auch wahnsinnig kompliziert, die kann man nicht so nebenbei stricken, weil man Maschen zählen muß. Sagt zumindest meine Mutter, und die muß es wissen.
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    Beethoven, da gibt es ganz verschiedene Moden: Die einfachen Sachen in Naturfarben waren bisher politisch eher links, die komplizierten Sachen in bunt eher nicht. So als Faustregel. Inzwischen tendiert die jüngere do-it-yourself-Szene zu den eher einfachen Sachen in bunt.

  6. Savall, selbstgemachte...
    Savall, selbstgemachte Scheußlichkeiten aus Kinderhand werden vermutlich nie aussterben. Auch nicht selbstgemachte Scheußlichkeiten aus Erwachsenenhand. Ich meine: Fimoschmuck! Moosgummiaccessoires! Serviettendruck! Es gibt ja auch in der Bastelszene Trends, was ich jedes Mal bemerke, wenn ich am Bastelladen vorbeikomme. Nachdem ja mittlerweile jeder Haushalt, der sich nicht rechtzeitig gewehrt hat, über eine Makrameeblumenampel mit eingewebten Holzperlen verfügt, sind nun handgefilzte Eierwärmer dran.
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    (Aber was faschistoide Pullover sind, das müssen Sie mir erklären.)

  7. sabineffm, häkeln geht. Ich...
    sabineffm, häkeln geht. Ich habe meinem iPod damals ein kleines Säckchen gehäkelt, das funktionierte qualfrei und kostete mich nicht mehr als zwei Stunden und eigentlich auch kaum Nerven. Aber das ist das fiese beim Stricken: Man muß schon sehr gut sein, um besser zu sein als das gekaufte. Das ist beim Zwetschgendatschi anders, den muß man nicht besonders gut können, da ist der Anfangserfolg schon enorm. Und in nahezu jedem Fall besser als vom Bäcker.

  8. Mal zurück zur Gegenwart -...
    Mal zurück zur Gegenwart – wenn ich stören darf 😉
    Meine Tochter (12) ist in der Tat ein typisches Mädchen: Zickig, hat morgens nix anzuziehen und verpasst daher immer den Bus, weshalb „Mutti“ sie dann in die Schule bringen muss. Töchterchen liebt alles, was rosa und – ja – einfach feminin ist. Und dann gibt es doch in dieser Kleinstadt hier in Bayern ein Ferienprogramm (grosse Klasse!), wo es einen Elektronik-Kurs für Mädchen gibt. Mit Transistoren löten und so…. Ich hätte es nicht für möglich gehalten: Sie findet das – Zitat: GEIL!
    So – reden wir also mal über unser Schulsystem! Wo Mädchen immer noch häkeln und Jungs basteln…. Ist das nur in Bayern so????

  9. <p>Ritter, Transistoren löten...
    Ritter, Transistoren löten hätte ich auch geil gefunden 🙂
    Aber, Entschuldigung: Die Geschlechtertrennung beim Basteln gibt es an den Schulen wirklich noch? Ich habe das eigentlich für ein Relikt aus den Sechzigern gehalten, das aus seltsamen Gründen noch Anfang der Achtziger an unserer Schule Anwendung fand, nun aber endgültig ausgestorben ist.

  10. Also Frau Diener,

    mir ist...
    Also Frau Diener,
    mir ist jetzt nur bekannt, dass Jungs hier auch Stricken lernen! Von Transistoren löten für Mädchen habe ich noch nichts gehört. Da ich einen schulpflichtigen Jungen (fast 16) und eben eine ebenso schulpflichtige Tochter habe, dürfte ich es nicht überhört haben, wenn dem anders wäre….? Daher frage ich ja in die Runde!

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